Dolcefarniente im Wiener Schick – Wanda

Ein Doppelschlag hat Wanda innerhalb eines Jahres im gesamten deutschsprachigen Raum berühmt gemacht, ja mehr noch dem Austropop eine eher unerwartete Renaissance beschert. Gerade einmal drei Jahre ist es her, dass allerorts Amore herrschte und Bologna zur überraschenden Sehnsuchtsstadt mutierte. 2015 dann war plötzlich alles Bussi und die Wiener Band endgültig Kult. Das Erfolgsrezept der ersten beiden Platten war so einfach wie simpel. Dem Motto „Verschwende deine Jugend“ folgender Rock gepaart mit sehr schlawinerhaftem Austropop, dazu noch das Augenzwinkern als Verbeugung vor dem Zeitgeist und moribunder Wiener Schmäh als Herkunftsgütesiegel. Diese Masche trug Amore und Bussi, doch gab es vermutlich nicht wenige Zeitgenossen, die vom dritten Album irgendeine Art von Transformation erwartet haben. Wohin also würde Wandas Reise gehen? Niente gibt nun die Antwort. Man düst wieder gen Italien!

Photo Credit: Wolfgang Seehofer/Universal Music

Während viele neue Bands einen gewissen intellektuellen Chic pflegen, die Sozialisation im studentischen Milieu erkennen lassen, bei aller Ironie einem Thomas Bernhard weit mehr verbunden scheinen als einem Mundl Sackbauer, bedienen Wanda eher profane, proletarische Sehnsüchte. Wanda saufen und streiten sich nicht durch die Lieder, um diffusen Weltschmerz, verkrachte Revolutionen zu vergessen oder als Jeunesse dorée aufzutrumpfen, die Hemdsärmeligkeit der Wiener ist eine für die Feierabende, wenn der Grind des Alltags abfällt und die Lebenslust erwacht. Selbst der Italien-Fetisch der Jungs entspricht der über Dekaden kultivierten Lust auf das kleinstbürgerliche Urlaubsparadies Italien. Was den Deutschen ihr Mallorca, ist den Wienern Jesolo, Rimini oder Grado. Die Coolness von Wanda besteht insgesamt in jener Street Credibility, die man sich in Bezirken wie Favoriten oder Ottakring und nicht in Neubau oder dem Alsergrund erwirbt. Dieses Image muss man bedenken, ehe man sich Niente nähert – oder vielleicht gar darüber die Nase rümpft. Obwohl dazu wirklich kein Anlass besteht. Die neue Platte knüpft nahtlos an das Lebensgefühl der Vorgängerwerke an. Zugegeben, man fährt den Rock ein bisschen zurück, spielt mit Schlagerpop-Anleihen, wagt sich an ein Wienerlied-meets-Tom-Waits. Aber im Grunde sind dies alles nur Nuancen, die dem Gesamtkunstwerk Wanda sogar neuen Glanz verleihen.

Wenn es an diesem Album etwas zu bekritteln gibt, dann am ehesten den Umstand, dass Niente vielleicht den einen Gassenhauer zu wenig aufweist. Dabei wird schon mit Weiter, weiter gleich zu Beginn ein Ausrufezeichen gesetzt. In seinem larmoyanten Vorwärtsdrang ist der Track wunderbar stimmig. Genau so tönt ein Lied, das man Jahre später im Radio aufschnappt und dabei sofort von Erinnerungen überwältigt wird. Nostalgische Gefühle über eine Zeit des Überschwangs, Reminiszenzen an jugendliche Zweifel und Sehnsüchte. Dass bei Columbo der tolpatschig-smarte Inspektor als Beziehungskitt herhalten muss, hätte sich Peter Falk auf seiner Wolke wohl auch nicht träumen lassen. Der Refrain „Am Ende fällt Columbo etwas ein. Lass es unsre Rettung sein! Es wird eine schöne Lösung sein, doch wir beide passen nicht hinein.“ zählt zu den eingängigsten Passagen der Platte. Mit ihrem poppigen, keyboardlastigen Sound ist diese Nummer ein Highlight Nientes. Das nachfolgende 0043, hinter dessen Zahlen sich die internationale Vorwahl Österreichs verbirgt, entpuppt sich als bittersüße Ballade, die definitiv eine neue Facette Wandas präsentiert. Es mag Geschmackssache sein, ob man diese Entwicklung goutiert, doch unterstreicht sie, dass Wanda mehr als nur lässige Vorstadtcasanovas oder ihren Freund Andi verspottende Saufkumpane sind. Die beseelte Nachdenklichkeit von 0043 tut gut. Die Zeile „Traurig schöne Kindheit in 0043“ hallt im Song Wenn du schläfst nochmals nach, dieses Mal freilich im bekannten Wanda-Stil. Mit Lieb sein wiederum belegen die Wiener, dass man sie durchaus als die österreichischen Oasis bezeichnen darf. Melodisch griffig, sehr gefällig, wie geschaffen für die Konzerte auf großen Bühnen der Festivals, mit solch Attitüde machen Wanda nichts verkehrt. Auch in der Folge steht Niente voll im Saft. Lascia mi fare ist ebenso für tausende Kehlen ersonnen, der Italo-Flair sticht! Warum zum Teufel wurde der Track nicht als erste Single ausgekoppelt? Der Sommerhit wäre fast garantiert gewesen. „Einmal fällt dir was und danach fällt mir was ganz Besondres ein. Wir werden die besten einsamen Menschen aller Zeiten sein.“ sind Zeilen, deren obskure wie frohlockende Bedeutungsschwere zur Hymne taugt. Spätestens mit dem Song werden alle Erwartungen, mit welchen man Niente begegnet, zur vollsten Zufriedenheit erfüllt. Wie gut das Album ist, lässt sich aber auch an den Lückenfüllern ablesen. Das Ende der Kindheit tönt zwar routiniert, aber wie sich Marco Michael Wanda im deftig-lärmigen Refrain die Seele aus dem Leib krakeelt, liefert ein überzeugendes Argument, die Band ins Herz zu schließen. Zum Ende der Platte hin wird es noch herrlich schräg. Einfacher Bua präsentiert sich mit dem bereits erwähnten proletarischen Zungenschlag, ist eine Coming-of-Age-Geschichte auf Wienerisch. Und wow, das Finale des Lieds fährt Harmonien auf, die so richtig mit der Zunge schnalzen lassen! Ein letztes Wienerlied erweist sich als Mischung aus Tom Waits aus seiner verzechten Barpianozeit und der jammerigen Tradition des Wienerlieds. Dem Stoßseufzer „Gott, wie deppert seid’s es  Weaner, Coney Island ist viel wärmer“ ist außer Applaus wenig hinzuzufügen. Zum Ende kommt es dann ganz dick. Ich sterbe klingt so, als hätte man Nana Mouskouri ans Keyboard gelassen. Auch sonst hat der Gesang etwas von einer Sirtaki-Apotheose live aus dem Gemeindebau.

Zwischen touristischen Küss-die-Hand-Klischees und den tatsächlichen Realitäten des Wiener Gemeindebaus liegen Welten. Wanda stehen mit ihrem Wirken in der Tradition eines unverfälschten Austropop, der sich immer auch gegen Klischees gestemmt oder gar mit ihnen gespielt hat. Wo Deutschpop oftmals an spießbürgerlichen Biederkeit erstickt, liegen die Meriten des Austropop in seinem durch und durch proletarisch-aufmüpfigen Wesen. Bei Wanda, die das Dolcefarniente im Wiener Schick anpreisen, gesellt sich noch eine Rockattitüde ohne falschen Glamour hinzu. Mit Niente stellt die Band ein für alle Mal sicher, dass die Wiedergeburt eines typisch österreichischen Genres kein Fehlalarm war. Angesichts der reaktionären Kleinkariertheit, die derzeit durch ganz Österreich weht, ist zumindest das als kleiner Hoffnungsschimmer zu bewerten!

Niente erscheint am 06.10.2017 auf Vertigo Berlin.

Konzerttermine:

12.03.2018 Würzburg – Posthalle
13.03.2018 Wiesbaden – Schlachthof
15.03.2018 Hannover – Capitol
16.03.2018 Köln – Palladium
17.03.2018 Berlin – Max-Schmeling-Halle
20.03.2018 München – Zenith
21.03.2018 Dortmund – Phoenixhalle
23.03.2018 Lingen – Emsland Arena
24.03.2018 Hamburg – Sporthalle
01.04.2018 Zürich (CH) – Halle 622
03.04.2018 Fürth – Stadthalle
04.04.2018 Stuttgart – Beethoven Saal
07.04.2018 Wien (AT) – Stadthalle
11.04.2018 Ravensburg – Oberschwabenklub
13.04.2018 Leipzig – Haus Auensee
14.04.2018 Innsbruck (AT) – Dogana
18.05.2018 Graz (AT) – Kasematten
19.05.2018 Graz (AT) – Kasematten

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