Musikalisches Tohuwabohu (VI): The Burning Hell, May Roosevelt, Locas In Love

Und wieder habe ich mir feine Klänge aus dem Kladderadatsch erhaltener Mails, Newsletter und Social-Media-Feeds herausgesucht. Mögen Sie auf gespitzte Ohren stoßen!

The Burning Hell

Es gibt Bands, die ich über all die Jahre nur aus den Augenwinkeln wahrgenommen habe, obwohl ich dabei stets das Gefühl gehabt hatte, durch diesen Mangel an Aufmerksamkeit etwas zu versäumen. Dazu gehören fraglos The Burning Hell, die ich auf die Schnelle als kanadische Version von The Mountain Goats – noch so eine Formation, der ich lang schon zu wenig Aufmerksamkeit angedeihen lasse – bezeichnen würde. Das neue Album Revival Beach jedenfalls hat mein Aufmerksamkeitsdefizit beseitigt, mich nun endgültig zum Fan von The Burning Hell gemacht. Es gäbe sehr viel Lob, mit dem man das Werk überhäufen könnte. Ich will zwei Songs herausgreifen, die dieses Musikjahr absolut bereichern. Da wäre zum einen der Opener Friend Army, dessen Riffs man garantiert nicht so schnell aus dem Ohr bekommt. Lyrics wie „I dreamt of a policeman on a unicorn/ And the unicorn wore a police unicorn uniform/ They ran me down until I stumbled and I was stabbed by its magic horn/ Just before waking I remembered I was warned:/ If you like band,/ You’ll love festival./ If you like festival,/ You’ll love experience./ If you like experience,/ you’ll love job./ If you like job,/ You’ll love army.“ sind in ihrem absurden Gedankenstrom einfach saukomisch. Über diesen Track muss man bei anderer Gelegenheit ganz in Ruhe sprechen. Nicht minder genial, an die Zeiten eines sophisticated College-Rock anknüpfend fällt The River (Never Freezes Anymore), das als launige Hommage an an wilde, schöne Jugendtage wirklich begeistert. Dieses Album ist stilistisch keinesfalls auf diese beiden Tracks zu reduzieren, es hat wirklich so einige Perlen zu bieten. Für heute soll es jedoch mit folgendem Fazit getan sein: Würde ich es mir anmaßen, Bands Noten zu geben, hätten sich The Burning Hell mit dieser Platte zu Musterschülern gemausert!

Wer sich von den Live-Qualitäten der Kanadier selbst ein Bild machen möchte, kann das in den folgenden Wochen gerne tun. Hier die anstehenden Konzerttermine:

24.10.2017 Wien (AT) – Rhiz
25.10.2017 Crailsheim – 7180
26.10.2017 Frankfurt/Main – No. 2 Records
27.10.2017 Köln – Gebäude 9
28.10.2017 Hannover – Oberdeck
29.10.2017 Bremen – Spedition
30.10.2017 Leipzig – Handstand & Moral
31.10.2017 Dresden – Ostpol
02.11.2017 Berlin – Marie Antoinette
03.11.2017 Hamburg – Molotow
04.11.2017 Pellworm – Schipperhus
05.11.2017 Kiel – Hansa 48

Revival Beach ist am 29.09.2017 auf BB*Island erschienen.

May Roosevelt

Photo Credit: Aris Rammos

Kommen wir nun zu einer Electronica-Oper, die mich zum Staunen gebracht hat. Junea nennt sich dieses futuristisch-mythologische Werk der griechischen Produzentin May Roosevelt. Überaus klar konturierte Synthesizer treffen hier auf einen sirenesken bis wispernden Gesang. Eine kryptische Eleganz voll archaischer Aura durchdringt das Album. Die Künstlerin hat ein geheimnisvolles, von Gothic und Darkwave beeinflusstes Album im Sinn gehabt – und hat dies formvollendet umgesetzt! Falls nun – wie ich hoffe – die Neugier geweckt ist, möchte ich zwei Track empfehlen, die stellvertretend für die Schönheit dieses Werks stehen. Da wäre etwa der Opener Air, der gleich alles aufbietet, was May Roosevelt so im Köcher hat. Ein Industrial-Flair liegt über der Nummer, ein luftiges Schweben trifft auf pulsierende Beats und fast heiter wiechernde Synthies. Wenn das geschätzte Magazin Earmilk den Sound grob als Crystal Castles mit Twin Peaks Vibe einstuft, dann ist der Reiz von Junea prägnant eingefangen. Bei Pa könnte man bei der kinderliedhaften Sequenz durchaus auch an die frühen múm denken. So sehr auch Vergleiche reizen, dabei helfen, einen gewissen Eindruck zu vermitteln, so unfair sind sie zugleich. Weil Junea eine durch und durch originäre Platte ist, die mit opernhafter Ausdruckskraft in eine virtuelle Realität eintaucht. Solch futuristische Klassik voller Symbolkraft bekommt man nicht alle Tage zu hören. Sie tönt besonders, ungemein tiefgängig, verfügt dabei jedoch über jede Menge Reize von orgiastischer Qualität. Kurzum, dies ist eine hochgradig intensive Platte, die man so schnell nicht beiseite legt!

Junea erscheint am 23.10.2017 via Inner Ear Records.

Locas In Love

Eigentlich wird auf diesem Blog nur ganz, ganz selten über Wiederveröffentlichungen gesprochen. Natürlich haben diese oftmals ihre Berechtigung, freilich sind sie manchmal sogar dazu angetan, die Sektkorken knallen zu lassen. Aber es gibt eigentlich genug neue Alben, in die man sich verlieben kann. Heute mache ich jedoch eine Ausnahme. Denn die Platte, die dieser Tage ein Reissue spendiert bekommt, ist damals komplett an mir vorbei gegangen. Ich spreche von Saurus der Kölner Formation Locas In Love. Zehn Jahre später feiert die Platte nun als Saurus X auch in meiner Stube eine späte, aber völlig verdiente Premiere. So prima das Album in meine Lebenswirklichkeit des Jahres 2007 gepasst hätte, bin ich allem Anschein nach jung genug, um den Texten auch 2017 etwas abgewinnen zu können. Trotzdem lässt mich Saurus X auch ein wenig ratlos zurück. Wie nur kann es sein, dass ein derart sympathisches Album keine größeren Spuren in der jüngeren deutschen Musikgeschichte hinterlassen hat? Ich halte mich nicht eben für den größten Experten der hiesigen Indie-Szene, aber zumindest mir hat noch nie jemand auf die Schulter geklopft und den Bandnamen Locas In Love ins Ohr gehaucht. Klar, der Name der Band ist  schon ein Begriff. Mehr jedoch auch nicht. Dabei ergehen sich die Texte nie in der so verbreiteten deutschen Pseudo-Poesie, besitzen stattdessen einen Sinn für humorvolle Überspitzung, zeichnen sich durch eine berührende, unprätentiöse Betrachtung des Seins aus. Als gutes Beispiel für die Qualitäten sei das Lied Sachen genannt. Wer kennt ihn  nicht, jenen Small-Talk mit Bekannten oder ehemaligen Freunden? Wenn man die eigene Umtriebigkeit als Beweis für ein erfülltes Leben anführt. Zugleich dient sie auch als Ausrede dafür, dass die Zusammentreffen oft nur der Zufälligkeit geschuldet sind. Praktischerweise gibt es stets gemeinsame Bekannte, deren Schicksal man vermeintlich teilnahmsvoll bequatschen kann. Wenn das Gegenüber gerade eine langjährige Beziehung hinter sich hat, hält man natürlich die eine oder andere nichtssagende Aufmunterung bereit. Sachen ist viel mehr als nur knackiger Wumms, es entlarvt auf humorige Weise Plattitüden. Als ebenfalls feine Nummern des Albums habe ich Mabuse oder Zum Beispiel ein Unfall identifiziert, beide scheinen mir in der Tradition der Lassie Singers zu stehen. Aber auch nachdenklichere Stücke, etwa Egal wie weit oder Honeymoon Is Over (If You Want), imponieren sehr. Ich kann mich wirklich nicht daran erinnern, wann mir ein deutschsprachiges Album zuletzt derart viel Freude beschert hat. Womöglich bin ich ja nicht der einzige Musikfan, der Saurus damals völlig übersehen hat. Jetzt ist die Gelegenheit, dieses Versäumnis endlich aus der Welt zu schaffen. Übrigens, im November spielen Locas In Love die komplette Platte landauf, landab im Rahmen ihrer unter dem Motto Tourannosaurus X stehenden Konzertreise. Hingehen!

Saurus X erscheint am 27.10.2017 auf staatsakt.

Konzerttermine:

02.11.2017 Essen – Zeche Carl
03.11.2017 Stuttgart – Merlin
04.11.2017 Hannover – Faust
17.11.2017 Berlin – Badehaus
18.11.2017 Hamburg – Molotow
19.11.2017 Köln – BRITNEY
14.02.2018 Nürnberg – MUZ
15.02.2018 Frankfurt – Das Bett
16.02.2018 Karlsruhe – Jubez
17.02.2018 Freiburg – White Rabbit
21.02.2018 Fulda – Kreuz
22.02.2018 München – Milla
23.02.2018 Wien (AT) – Flex
24.02.2018 Augsburg – Brechtnacht

SomeVapourTrails

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