Musikblogger haben die AfD verbrochen!

Liebe Kollegen, die ihr euch Musikblogger schimpft, ihr seid richtige Schweinehunde, zumindest aber Dilettanten, die lange schon großen Schaden angerichtet haben! Und bitte schaut jetzt nicht so unschuldig aus der Wäsche! Ihr habt erst den Nährboden für AfD bereitet! Ja, so schaut es aus. Diese auf den ersten Blick völlig hirnrissige Verknüpfung ist keineswegs ein Griff ins Absurditätenfach der satirischen Mottenkiste, sie stammt von Till Krause, seines Zeichens Journalist. Tätig für Süddeutsche Zeitung Magazin, manchmal auch für ARTE oder Bayern 2 aktiv. Im jüngsten Heft der Neuen Rundschau hat er den Aufsatz „Ihr könnt nichts, weil ihr etwas könnt. (Und außerdem seid ihr an allem schuld.) Dilettantismus als Form gesellschaftlicher Distanzierung in social media und ihren Vorläufern“ verfasst. Nun gehöre ich zu der fraglos geringen Zahl an Banausen, die den im S. Fischer Verlag erschienen Heften der Neuen Rundschau noch nie Beachtung geschenkt hat. Und so wäre auch jetzt kein Blitz der Erkenntnis in mich gefahren, wenn nicht Gregor Dotzauer vom Tagesspiegel unter dem Titel „Grillt den Profi!“ die großen Spannungen zwischen Dilettantismus und Expertentum aufgegriffen und Krauses Text rezipiert hätte. Auf eben diesen Text beziehe ich mich nun. Dem Vernehmen nach sind es „Punks aus den 1980er Jahren, Musikblogger der Gegenwart, Biologen in Underground-Forschungslaboren, rechte Verschwörungstheoretiker aus dem Umfeld von Pegida als auch Politiker so diverser Parteien wie der mittlerweile in Deutschland abgewählten Piraten oder eben Donald Trump“, die allesamt die Abneigung gegen einen von Korruption verdorbenen Mainstream antreibe. Denn dessen Expertise erscheine prinzipiell verdächtig, Nachweise zur Begründung der Zweifel würden in diesen Milieus selten erbracht beziehungsweise gefordert werden. Krauses Spurensuche führt ihn laut Dotzauer zu den „Fanzines der 80er und 90er Jahre, die sowohl an der Vormachtstellung des etablierten Musikjournalismus rütteln wollten, als auch dessen professionelles Selbstverständnis infrage stellten“ . So weit ein Abriss der These!

Doch lassen sich die Wurzeln von Lügenpresse-Rufen und Wissenschaftsskepsis wirklich in den linken Subkulturen aus dem Jahre Schnee finden? Oder haben wir es hier eher mit einer Schuldumkehr, die schlicht die qualitativen Mängel von Expertisen negiert, zu tun? Und haben es sich Musikblogger wirklich verdient, als Sündenböcke für gegenwärtige Missstände herhalten zu müssen? Fragen über Fragen, die ich in 5 Punkten abarbeiten möchte.

1.) Werfen wir zunächst einen Blick in die Geschichte. Es hat lange Tradition, dass Macht angezweifelt wurde. Und seit jeher hat Macht aus einem Rechtfertigungsdruck heraus danach getrachtet, auf das Know-how der jeweiligen Zeit zurückzugreifen. Wer Macht besitzt, verfügt über Geld, wer über Geld verfügt, kann Kunst, Forschung und dergleichen in Auftrag geben, die klügsten Köpfe engagieren. Auf diese Weise lief der Hase schon zu Zeiten absoluter Herrscher, so hoppelt er noch heute. Mit die größten Errungenschaften erwuchsen aus der Opposition gegenüber vorherrschenden Doktrinen. Vermeintlichen Wahrheiten mit Skepsis zu begegnen, sie auf ihren propagandistischen Nutzen hin zu überprüfen, ist nichts, was erst in den letzten Jahrzehnten in Mode gekommen wäre.

2.) Was zum Teufel macht eigentlich einen Experten aus? Ist es irgendein Diplom? Oder die Anerkennung durch andere Experten? Oder ist es der Erfolg? Die Frage lässt sich in der Medizin noch recht leicht beantworten. Einen waschechten Gehirnchirurgen von einem Dilettanten zu unterscheiden, bedarf nur weniger Augenblicke in einem OP-Saal. Im sehr weiten Feld der Geisteswissenschaften ist der Nachweis freilich schwieriger zu erbringen. Genau diese Merkmale wären jedoch exakt zu definieren, um Experten von unbeleckten Laien zu trennen. Spätestens beim Thema Musikkritik verdeutlicht sich das ganze Ausmaß des Problems. Was zeichnet etablierten Musikjournalismus denn aus? Das Wissen um musikhistorische Zusammenhänge, die auf der Journalistenschule verfeinerte Schreibe oder eigene kompositorische Kenntnisse? Oder entscheidet über die Existenz als Experte ausschließlich das Renommee des Medium? Ist also eine fundierte Einschätzung der neuen Platte von den Fleet Foxes hauptsächlich im Rolling Stone oder in der aktuellen Spex zu finden?

3.) Ist Krauses Prämisse nicht in ihrem Kern furchtbar reaktionär? Bedient sie nicht genau jene Wir-gegen-die-Rhetorik, die sie als Zeitgeist vernimmt? Das Bild des Laien, der eine Form der Majestätsbeleidigung begeht, wenn er am Sachverstand einer Branche zweifelt, zeichnet eine Hierarchie zwischen Wissenden und Unwissenden, wie sie überholter kaum sein kann. Dabei wird freilich eine zentrale Errungenschaft der letzten zwanzig Jahre völlig außer Acht gelassen. Durch die Segnungen des Internets ist die Exklusivität des Wissens flöten gegangen. Längst ist der demonstrativ zur Schau getragene Besitz von Fachliteratur nicht mehr Ausdruck der eigenen Kompetenz. Im digitalen Zeitalter ist die Verknüpfung von Wissen, die Darreichung in zeitgemäßer Form, die Diskursfähigkeit Ausdruck von Beschlagenheit. Das Internet ist die Chance, die eigene Fachblase zu verlassen und mit der Überzeugungskraft sauberer Argumentation zu punkten. Als Stümper entpuppt sich, wer dabei Logik und Kohärenz und Empathie vermissen lässt. Die Intention eines Albums zu begreifen und selbige Lesern zu vermitteln, ist nichts, was Visions, Musikexpress oder Spex für sich gepachtet haben.

4.) Ist der Aufschwung vermeintlicher Dilettanten nicht auch das Resultat mangelnder Sorgfalt der sogenannten Experten?  Wissenschaft fehlt es vielfach an der Fähigkeit zum Vorbehalt. Der momentane Kenntnisstand wird gern verabsolutiert. Man liest etwa immer wieder, dass die Sorge bezüglich Gentechnik auf schierer Hysterie beruht. Aber welche Garantien hinsichtlich eines irreversiblen Eingriffs in die Natur haben wir wirklich? Und was sind sie wert? Es gab auch lange genügend Wissenschaftler, die trotz der hinlänglich bekannten Auswirkungen von Hiroshima und Nagasaki noch Jahrzehnte später überirdische Kernwaffentests durchgeführt haben. In festem Glauben, dass das bisschen Strahlung an einem abgelegenen Ort keine besonderen Auswirkungen haben könne. Wie sehr also ist Experten generell zu trauen? Oder man denke, dass uns allen gerade bezüglich AI das Blaue vom Himmel versprochen wird. Künstliche Intelligenz werde unser aller Leben verändern, ganze Berufsgruppen werden aussterben, Fußball spielende Roboter werden in den nächsten Jahren jede brasilianische oder deutsche Mannschaft in Grund und Boden spielen. Experten malen eine ferne Zukunft in aufregenden Farben, ohne jedoch den Pfad dorthin plausibel zu beschildern. Wie seriös ist das? Experten und Profis sollten die Souveränität besitzen, intelligente Nachfragen bestmöglich zu beantworten und schwadronierenden Stuss zu ignorieren. Mimosenhaftes Gejammer über angezweifelte Autorität hilft nicht weiter.

5.) Vielleicht tue ich Herrn Krause ja völlig Unrecht, möglicherweise wurde er von Gregor Dotzauer komplett falsch zitiert, seine Aussagen aus dem Kontext gerissen. Eventuell zeigt aber genau diese Möglichkeit, die Spannung zwischen Experten und vermeintlichen Dilettanten auf. Während der Journalist Krause für seinen Text – so hoffe ich – Geld bekommen hat und besagter Aufsatz nicht frei verfügbar ist, schreibe ich diese Replik aus Jux und Tollerei, ohne einen Heller zu erhalten. Dieser Text ist für alle frei zugänglich. Als kleiner Musikblogger, der nicht einmal weiß, wie man eine Blockflöte richtig hält, maße ich es mir doch glatt an, dem Experten Krause zu widersprechen. Weil ich halt nicht einsehe, dass die Konstruktion irrwitziger Zusammenhänge Experten vorbehalten sein soll. So wie ich auch nicht einsehe, weshalb zur Einschätzung von Kunst ein Publizistikstudium hilfreich sein sollte. Wer die Motivation von Musikbloggern in einem Atemzug mit dem Hass und der Realitätsverweigerung von Pegida nennt, hat seiner Reputation ohnehin bereits irreparablen Schaden zugefügt. Liebe Kollegen, die ihr euch Musikblogger schimpft, solche „Experten“ sollten ihr dreckigen Amateure ruhig auch weiterhin kritisch beäugen. Die Wirkung dieses stechenden Blicks bleibt allem Anschein nach nicht aus.

Links:

Twitter-Profil von Till Krause

Tagesspiegel-Artikel Grill den Profi!

SomeVapourTrails

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.