Schlaglicht 81: Mammút

Vor zweieinhalb Jahren habe ich eine Formation empfohlen, die sich damals anschickte, Muttersprache Muttersprache sein zu lassen und mit englischsprachigen Songs über die bereits ausgeloteten heimischen Gefilde hinaus Aufmerksamkeit zu erhaschen. Wer 2015 die EP River’s End übersehen hatte, mag 2017 womöglich große Augen gemacht haben, als diesen Sommer das Album Kinder Versions veröffentlicht wurde. Wem die Band, von der ich spreche, noch rein gar nichts sagt, hat jetzt die Gelegenheit, eine Wissenslücke zu schließen. Mammút stammen aus Island und haben mit Katrína Mogensen eine herrlich charismatische Stimme aufzubieten! Und selbstverständlich besitzt auch Mammút jene gewisse Verschrobenheit des Songwritings, die längst schon Markenzeichen isländischer Klänge geworden ist. Beste Voraussetzungen somit zu den herausragenden Vertretern der Generation nach Björk und Sigur Rós zu werden. Doch haben gerade diese beiden Acts unser Bild von Island nachhaltige geprägt. Jeder Gesang, der nur entfernt dem einer exaltierten Elfe gleicht, wird natürlich sogleich mit Björk assoziiert. Der Segen des auf Island gerichteten Scheinwerferlichts gerät zum Fluch. Denn die Überfigur Björk stets und ständig als Referenz heranzuziehen, ist so richtig wie fantasielos.

Mammút wird man eher gerecht, wenn man sich weniger auf das Idiom als vielmehr auf die Musik fokussiert. Dann wiederum findet man schnell raus, dass die Band stark dem female-fronted Alternative der Neunziger in all seinen Ausprägungen verbunden ist. Das ist das Fundament, auf dem die Platte fußt. Und dabei große stilistische Vielfalt zeigt. Zu den Highlights des Albums zählt unter anderem We Tried Love, das zu Beginn sehr an die frühe Björk erinnert, ehe es im Verlauf ganz und gar in melodischer Süße samt Glitter aufgeht. Der Titeltrack Kinder Versions wiederum beginnt als geheimnisvoller Folk, der allmählich zu einem Alternative mit Americana-Touch transzendiert, um schließlich ganz in einem unbarmherzigen Electro-Pop zu schwenken. Eine starke Nummer! Breathe Into Me zelebriert postkoitale Hingebung mit Lyrics wie „Come closer/ Kiss me now while I’m still aroused/ Cover my breasts with both your hands/ And breathe into me“ . Wenn im Refrain der schaumgebremste Sound in frohlockendem Pop mündet, verfängt der Track endgültig. Und noch ein Song geht durch die Decke, nämlich Pray For Air, dessen angespannte Emotion mich an PJ Harvey zur Mitte der Neunziger erinnert.

Falls angesichts dieser wenigen Zeilen nun die Neugier geweckt wurde, sollten die Beine in die Hand genommen werden. Mammút bereisen derzeit Deutschland, Österreich und die Schweiz. Und werden dabei live die volle Kraft und Zärtlichkeit von Kinder Versions auf die Bühne bringen. Zum Beispiel heute schon in Berlin. Hingehen lohnt. Dann wird man rasch feststellen, dass die Erben Björks keinesfalls ein epigonenhafter Verschnitt sind!

Kinder Versions ist am 14.07.2017 auf Bella Union erschienen.

Konzerttermine:

23.10.2017 Berlin – Musik & Frieden
25.10.2017 Wien (AT) – Fluc
26.10.2017 München – Milla
27.10.2017 Düdingen (CH) – Bad Bonn
28.10.2017 Nyon (CH) – La Parenthèse
31.10.2017 Zürich (CH) – Rote Fabrik, Ziegel Oh Lac

Links:

Offizielle Webseite

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SomeVapourTrails

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