Zurück ins Jahr 1969 – Is This Really Me

Flower Power hat einst die Welt verändert, auch wenn Hippies damals wie heute gern als zum Scheitern verurteilte Wirrköpfe dargestellt werden. Doch haben ihre vermeintlichen Flausen tatsächlich zu einem Zeitenwechsel geführt. Retrospektiv gesehen ist speziell der Umstand bemerkenswert, dass lange, lange vor der weltweiten Vernetzung durch das Internet bereits eine nationale Grenzen überwindende Bewegung entstanden ist. So naiv wie oftmals dargestellt, waren Hippies nie. Viele Errungenschaft modernen Denkens hat erst die Blumenkindergeneration angestoßen. Weshalb ich gerade heute eine Lanze für die Hippies breche? Weil mich das Album The Iron Door an diese Epoche erinnert! Und zwar nicht nur aus nostalgischen Anwandlungen heraus. Der finnischen Formation Is This Really Me ist mit dem Werk eine Zeitreise ins Jahr 1969 geglückt. Diesem Folk-Pop mit psychedelischer Prägung gelingt nicht nur ein warmer, einnehmender Sound, auch in den Lyrics schlägt sich viel des damaligen Lebensgefühls nieder. Schauen wir uns die Platte doch ein wenig genauer an!

Photo Credit: Sakari Luhtala

Nehmen wir doch nun den Opener Sun, der nach den Fleet Foxes voll lichtem Spät-Sixties-Charme anmutet. Panu Artemjeff, Mastermind der Band, nennt den Sonnengesang von Franz von Assisi als Inspiration für das Lied. Zeilen wie „In the end we all will find it out/ Sun means love/ And love means life“ greifen das Lebensgefühl der Hippies auf. Spiritualität wird ohne die Beschränkungen durch Religion erfahren, das Hin-zur-Natur bildet die Ursprünge der Öko-Bewegung ab. Forty Acres dagegegen greift die gesellschaftspolitische Wucht jener Epoche auf. „Forty acres and a mule“ – also Land und ein Maultier – wurde befreiten Sklaven nach Ende des Sezessionskrieg in Aussicht gestellt. Doch sollte es noch mehr als hundert Jahre dauern, bis afroamerikanische Menschen nicht mehr mit falschen Versprechungen abgespeist wurden. Der Song tönt in bester Protest-Folk-Manier, wobei die Melodik des Refrains großen Charme besitzt. Als Prunkstück des Albums offenbart sich Freedom Riders, das wunderbar psychedelische Alien-Sci-Fi mit der Menschheitsdystopie von Zager and Evans verknüpft. Die Zeilen „In the year of 2025/ Just few seconds before the nazis would have taken it over again/ Two alien spaceships landed on the earth/ Out of nowhere, out of nowhere/ Charismatic alien leader/ Gave a speech on the wall of China/ And said We are/ Freedom riders, Freedom riders/ Of soon united, of soon united universe“ fangen viel vom damaligen Space Age ein, ersehnen die Befreiung einer unversöhnten Welt durch außerirdische Intelligenz. Dass die Aliens von irdischen Verbänden vertrieben werden, darf also durchaus mit Bedauern aufgefasst werden. Von ziellosen Umwegen, die in ein mit Freiheit lockendes Nichts führen, berichtet wiederum Roundabout Way. Freiheit ist noch so ein Wort, das mit Flower Power oft verknüpft wird und auf dieser Platte mehrfach auftaucht! Ich meine, dass all die bereits skizzierten Themen einen recht klaren Eindruck vermitteln, weshalb man The Iron Door nicht einfach so als pfiffigen Folk-Pop des Jahres 2017 abtun sollte. Artemjeff und Kollegen gelingt eine unverkitschte, von Belesenheit zeugende Zeitreise, die dem Hippie-Geist nicht nur nachspürt, sondern sogar einfängt. Sogar wenn der Sound modern anmutet. Promises ist leichtfüßiger Indie-Folk-Rock, der das Herz erwärmt. Es ist die Sorte Song, für die eine App wie Shazam erfunden wurden. Wer dieses Lied einmal im Ohr hat, wird es nicht so schnell wieder los. Im passenden Werbeclip platziert, ginge Promises in puncto Bekanntheit durch die Decke. Auch Cave fällt von der Instrumentierung aus der Rolle. Poetische Wehmut vom Schlage eines Cohen trifft auf Indie-Pop-Flair das mit Streichern, Trompeten und einem Saxofon aufgepeppt wird. Aber neben diesen stilistischen Ausreißern gibt es eben auch gedrückte Songs wie Safe No More, das gerade bei einigen weiblichen Sängerinnen von damals durchaus ins Repertoire gepasst hätte. Auch Oblivion tönt, als wären etwa Simon & Garfunkel esoterisch-kammermusikalischem Chic erlegen. Unendlichen Sixites-Charme vermittelt auch Black Feathers, das so klingt, wie wenn eine Folk-Kapelle den Surf-Rock für sich entdeckt. Herrlich!

Die zärtliche Versonnenheit des Gesangs, die geschmeidigen Harmonien, die mit der einen oder anderen Überraschung punktende Instrumentierung, all das macht The Iron Door zu einem wirklich besonderen Album. Was auch immer Is This Really Me geritten hat, der Band ist jedenfalls eine wunderbare Zeitreise in die ausklingenden Sechziger gelungen. In eine Zeit also, deren Wünsche und Sehnsüchte an Aktualität nichts eingebüßt haben. Und womöglich ist die Hinwendung zu den Hippies die Form reaktionären Denkens, die es heute wirklich bräuchte. Vielleicht wäre es Zeit für eine Wiederkehr der Hippies, sonst übernehmen 2025 am Ende wirklich noch Nazis die Weltherrschaft. Auch darum gilt die Losung: Flower Power jetzt! Wie das musikalisch vonstattengehen könnte, exerzieren Is This Really Me schon mal auf brillante Weise vor.

The Iron Door ist am 08.09.2017 auf Ice Will Melt Records erschienen.

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