Begierde, Abhängigkeit & Waffenstillstand – Hope

Emotionen können so verdammt ambivalent sein. Es mag schwerfallen, widersprüchliche Gefühle an sich selbst zu entdecken. Denn eigentlich schätzt man das Gemüt aufgeräumt und fokussiert, selbst die Ecken und Kanten möchte man klar definiert. Eine Achterbahn der Gefühle mag man in Film und Literatur faszinierend finden, doch will man tatsächlich die eigene Seele auf wilder Fahrt wissen? Das Empfinden des Selbst zu ergründen, gehört zu den größeren Herausforderungen. Wer will schon nach Gründen forschen, weswegen man den Partner oder die Partnerin in einem Moment verteufelt, im nächsten Augenblick dagegen mit endloser Zärtlichkeit begegnet. Die Platte, die heute hier Thema sein soll, traut sich an ambivalente, abgründige Sentimente heran, arbeitet vor allem die enge Verknüpfung von Begierde und Abhängigkeit heraus. Die Berliner Band Hope beschreibt beim gleichnamigen Debüt die rohe, entfesselte Dynamik einer Beziehung jenseits billiger Romantik oder aufgehübschter Erotik. Solch Traute zu existentieller Düsternis muss man erst mal haben, aber wäre der Mut wenig wert, wenn nicht auch die Umsetzung ganz stark ausfallen würde.

Photo Credit: Riccardo Bernardi

Kompromisslosigkeit ist ein gern verwendetes Wort, um Alben einzuschätzen, die voll robustem Selbstbewusstsein tönen. Im Falle von Hope scheint diese Wortwahl sehr wohl angebracht. Das Werk ist atmosphärisch dicht, mehrfach tritt der Post-Punk-Sound hinter die Aura der Sängerin Christine Börsch-Supan zurück. Wenn die Psyche offen liegt, jedwede Verletzbarkeit und manch Aggression ans Licht treten, wirkt die Platte in ihren sämtlichen Widersprüchen echt, frei von artifiziellem Pathos. Diese Einschätzung ist nicht einfach aus der Luft gegriffen, gleich zu Beginn gibt Kingdom die Stimmung vor. Die Zeilen „This is all that I believe in/ This is all that I hold on to/ As I burn my mouth/ This is all that I perceived/ I can easily reign my space/ And I can easily succeed“ enthüllen einen starken Charakter, der den Kampf gegen drohenden Kontrollverlust aufnimmt. Ein Schlagzeug voller Unruhe, eine Gitarre im shoegazigen Delirium, dumpf brummende Synthies und dazu ein Gesang, der oftmals in ein trotziges Sprechen übergeht, all diese Komponenten ergeben einen beklemmenden Sound, der eine Seele in Aufruhr abbildet. Abhängigkeit ist es auch, die den Track Cell prägt. Während der Sound zunächst dumpf und beengt anmutet, entsteht daraus im Verlauf eine Klangwoge, die über den Gesang geradezu hereinbricht. Auch die Lyrics lecken anfangs noch Wunden, ehe sie in einer Hilflosigkeit gipfeln, die in Zeilen wie „And your silence leave me bare/ And unprepared/ I will not sleep alone/ My body tired and broken/ But my pride won’t let me go/ To your knees and tilt my head/ Redeem my secret on your lap/ Kneel with you beseech you“ ihre Zuspitzung findet. Die geschundene Emotion wandelt zwischen dem Erhalt der eigenen Würde und bettelnder Erniedrigung des Selbst. Diese Lieder schreien förmlich danach, Unbehagen hervorzurufen. Die feurige Kühle von Raw beraubt den Sex jedweder verspielter Ästhetik. Körperliche Anziehung wird so aller Leichtigkeit beraubt und in ein Dunkel gehüllt. Wollte man Abhängigkeit in drastischer Anschaulichkeit erklären, man käme auch an Skin nicht vorbei. „You stick to my skin/ I breathe like you/ My roots were planted/ Deep inside of you“ ist im gesamten Kontext eben nicht als Hingabe zu verstehen, sondern versprüht vielmehr Selbstaufgabe und Hörigkeit. Längst ist man als Hörer von der Radikalität des Schauspiels überwältigt. Und noch ist kein Verschnaufen angesagt. Glass wird von einem gehetzten Rhythmus dominiert, die Wucht der konventionelle Songstrukturen überwindenden Nummer lässt bezüglich Genre sogar an Post-Rock denken. Mächtig, von Börsch-Supan mit nicht wenig Inbrunst vorgetragen, gerät Drop Your Knives zu einem Highlight des Albums. Der Track bringt Augenhöhe in die Beziehungsstudie, fordert einen Waffenstillstand. Und spätestens jetzt ertappt man sich dabei, einem dramatischen Vexierspiel beizuwohnen. Ist diese Beziehung nicht eigentlich ein Machtkampf, bei dem es nicht klar ist, ob das angesprochene Gegenüber tatsächlich den verletzenden Part gibt? Ist das Schlüpfen in die Opferrolle vielleicht gar reine Manipulation? Längst erreicht das Werk die Auswüchse eines Psychothrillers. Das von chansonesquer Schwere erfüllte Moths And Birds sorgt sogleich für den kalkulierten Spannungsabfall, mutet als Abgesang an. Alles läuft auf die Erkenntnis raus, dass jede Suche vergebens ist und das, was man als Schatz erachtet hat, bei näherer Betrachtung nicht des Behaltens wert erscheint. Klingt so das Ende einer Amour fou? Man möchte dies glatt meinen, wenn Here Lies Love nicht noch einen weiteren Twist im Köcher hätte. Denn hier springt plötzlich eine Zärtlichkeit ins Auge, ein Gefühl der Überwältigung, das die Unermesslichkeit von Liebe andeutet. Führt aller Kampf doch zu einem Happy End?

Dieses Debüt gleich an vielen Stellen der Röntgenaufnahme einer Beziehung. In kargem Schwarz-Weiß tritt alles hervor, was die Oberfläche verbirgt. Die so geröngten Gefühle wirken fremd, Abhängigkeit und Begierde sind in ihrem vollen Umfang nichts, was man gern zu Gesicht bekommt. Die packende Eindringlichkeit dieser Platte erweist sich als so faszinierend wie ungemütlich. Hope gelingt ein anspruchsvolles Album, das hervorkehrt, was an Emotionen vielfach unter der Decke gehalten wird. Wer sich dem Werk nähert, sollte das von gefestigter Position aus tun. Denn solch Gefühlsabgründe stecken in uns allen. Wir sollten uns nur trauen, sie zu auszuloten.

Hope ist am 20.10.2017 auf Haldern Pop Recordings erschienen.

Konzerttermine:

26.11.2017 Münster – Gleis 22 (w/ Idles)
27.11.2017 Hamburg – Molotow (w/ Idles)
28.11.2017 Köln – Gebäude 9 (w/ Idles)
20.01.2018 Hamburg – Hafenklang
23.03.2018 Augsburg – Soho Stage
24.03.2018 Karlsruhe – Kohi
05.04.2018 Dresden – Ostpol
06.04.2018 Chemnitz – Atomino
13.04.2018 Freiburg – Swamp

Links:

Offizielle Webseite

Hope auf Facebook

Hope auf Instagram

SomeVapourTrails

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.