Die Weisheit der Straße – Michael Brinkworth

All die Castingshows und Talentschauen haben eine ehrenwerte Profession mittlerweile in Verruf gebracht. Der durch die Gegend ziehende Straßenmusiker, der in Fußgängerzonen ohne viel Tamtam sein Talent unter Beweis stellt, ist auch nicht mehr das, was er mal war. Früher lag in dem landstreicherischen Abenteuertum ein Hauch von Romantik, heute hat es mehr etwas von einer mit Kalkül ausgestalteten Legende, mit der sich mal treuherzig blickend Kasse machen lässt. Dabei ist die Kunst des Straßenmusikanten sehr ehrenwert, sie ist unmittelbar und direkt, setzt auf die Zufälligkeit des Moments. Doch bevor wir nun darüber jammern, dass einst alles besser war, hören wir lieber einem Singer-Songwriter zu, der laut Pressetext bereits 40 Länder bereist, die eigenen Lieder auf der Straße und in Bars dargeboten hat. Der Australier Michael Brinkworth hat also eine echte Ochsentour unternommen, um seinen Sound zu finden. Und siehe da, das Album Somewhere To Run From steht für einnehmenden, freilich nie weichgespülten Country-Folk mit oft rockiger Note.

Der Junge vom Land, der seine kleine Heimatstadt verlassen muss, um zu selbst sich zu finden, dabei freilich entdeckt, dass seine Herkunft immer ein Teil von ihm sein wird, diesen jungen Mann verkörpert Brinkworth sehr authentisch. Er gibt den bodenständigen Weltenbummler, der Familie und heimatliche Verbundenheit stets im Herzen trägt. Der Opener Country Town vermittelt all dies. Wem sich nun angesichts dieser Beschreibung die Nackenhaare aufstellen, weil man nicht noch einen gefühligen Träumer mit Klampfe im Anschlag ertragen kann, dem sei versichert, dass sich der Australier von zweitklassigen Folkheinis zu unterscheiden weiß. Die Instrumentierung kommt im Bandgewand daher, wobei natürlich E-Gitarre und Mundharmonika hervorstechen. Die Melodien zeichnen sich durch Eingängigkeit aus. Dass der Pressetext Neil Young und auch Wilco als Einflüsse nennt, ist mehr als nur einleuchtend. Brinkworth zelebriert ein so intensives wie zugleich unprätentiöses Fühlen, dass die kleinen Erkenntnisse des Lebens bestaunt und in einen schmissigen Sound packt. Grown etwa erzählt davon, dass der Sinn jeder längeren Reise letztlich darin besteht, gereifter zurückzukehren. Und das wird so inbrünstig vorgetragen, dass man Michael Brinkworth einen bestätigenden Klaps auf die Schulter geben möchte. Die Unrast, von der dieses Album berichtet, muss zwangsläufig auch von verflossenen Beziehungen handeln, natürlich verbunden mit dem Zweifel, ob man das, was man sich erträumt, nicht sogar schon hinter sich gelassen hat. Lucy ist aus dem Holz geschnitzt. „Lucy, Lucy/ Lord knows you made it hard for me. When forever in my dreams you will stay/ Still I wouldn’t have it any other way“ seufzt voll Erinnerung, ein bisschen Schmerz und eine gehörige Portion Dankbarkeit dürfen ebenfalls nicht fehlen. Fading Light entpuppt sich als launiger, radiotauglicher Folk-Rock-Track. Es braucht schon eine gehörige Portion Missmut, um dieser Nummer abweisend gegenüberzustehen. Ein soulig-schmachtender Vortrag prägt das balladeske Please Come Back Home Again, das als Ruf der Familie nach der Rückkehr des Vagabunden interpretiert werden darf. Wie anrührend! Aber auch die Weisheit der Straße, die diese Platte über weite Strecken prägt, schützt freilich nicht vor Anflügen von Einsamkeit oder Traurigkeit. Die Zeilen „Rock ’n‘ roll makes me feel whole/ But leaves a burning emptiness inside my soul“ deuten bereits an, dass das Glück nicht einfach auf der Straße liegt. How You Gonna Love? verlässt die eigene Komfortzone, klingt nach einem alkoholschwangeren Abend im Pub, in dessen Verlauf irgendwann der Blues der Nachdenklichkeit einsetzt. Plötzlich scheint jede zurückgelegte Meile nicht näher ans Ziel geführt zu haben.

Das Trampen durch die Welt hat viel von seiner läuternden Wirkung eingebüßt. Wer sollte heute noch in die Ferne ziehen, um Erkenntnis zu erlangen? Wie kann man in der Fremde zu sich finden, wenn man nicht zuletzt wegen digitaler Kommunikation immer auch mit einem Fuß bei den Menschen ist, denen man sich verbunden fühlt? Was gilt es noch zu erkunden, wenn selbst das kleinste Kuhdorf bereits im Lonely Planet erwähnt wird? Ist der reisende Straßenmusiker somit gänzlich unzeitgemäß? Natürlich! Michael Brinkworth hat die Reise trotzdem angetreten. Sie hat ihn mittlerweile in Berlin ankommen lassen. Doch das Wo spielt eigentlich keine Rolle, Somewhere To Run From berichtet von einer Reise und einer Entwicklung, die sich im Inneren abspielt. Manch einer muss keinen Schritt unternehmen, um erwachsen zu werden. Manch Künstler muss die halbe Welt bereisen, um seine Bestimmung zu verinnerlichen. Diese hat Brinkworth mit dem Album fraglos gefunden!

Somewhere To Run From ist am 20.10.2017 auf Greywood Records erschienen.

Konzerttermine:

17.11.2017 Berlin – IPA Bar
22.11.2017 Lübeck – Tonfink
28.11.2017 Berlin – Open Sofa Sessions, Kaffee Burger
02.12.2017 Berlin – Greywood Records Christmas Party, Barkett

Links:

Offizielle Webseite

Michael Brinkworth auf Facebook

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