Ein somnambuler Munch – Matias Aguayo & The Desdemonas

Heute habe ich die Ehre eine durch und durch exzellente Platte zu sprechen, die es leider verabsäumt, ein gänzliche neues Genres zu begründen. Denn zumindest nach meinem Kenntnisstand existiert kein Musical, dessen Sound und Inhalt eine Brücke zur Clubkultur unserer Zeit schlägt. Wenn Trance und Dance mit szenischer Darstellung einhergehen würden, hätte das meiner Meinung nach großen Reiz. Eine gegenwartsgemäße Oper oder eben ein subversives Musical, zu denen es sich in Tanztempel wie dem Berghain abhotten ließe, das wäre überaus reizvoll. Doch womöglich liege ich mit dieser Ansatz völlig falsch, vielleicht existiert all dies bereits. Sollte es das nicht tun, kommt das Album Sofarnopolis dem Sound eines solchen Experiments verdammt nah. Matias Aguayo & The Desdemonas haben ein Underground-Grusel-Varieté voll Achtziger-Synthie-Charme in Szene gesetzt, ein famoses Stück Musik erschaffen. Tauchen wir nun gemeinsam in das Werk hinein!

Was dem nächtlichen Treiben fast gänzlich fehlt, ist ein erzählendes Element. In den beschallten Kaschemmen und dunklen Clubs dominieren kahle Wände und Rhythmus. Inmitten einer Menschenmasse ist man doch auf gewisse Weise mit der Musik allein. Ja, das Bewusstsein scheint erweitert, doch fehlen die sättigenden, den Geist inspirierenden Reize. Hier könnte Sofarnopolis tatsächlich Abhilfe schaffen. Ein trügerisches Paradies für Nachtschwärmer malen, ein Traumwandeln durch kunstvolle gestaltete Scheinwelten erlauben. Fin de Siècle hält in eine Post-Punk-Szenerie Einzug, märchenhafte Fantasie ins Zwielicht des Untergrunds. Matias Aguayo erinnert mitunter an einen verwirrten Peter Pan, der somnambul durch surreale Gefilde geistert. Die Chose gerät zum Abenteuer und Mysterium, zu bedrohlichem Sinneskitzel und Rausch. All das verdichtet sich in Nervous, einer krautig-wavigen Groteske. Fast acht Minuten dauert der Geniestreich, es sind mit die besten acht Minuten dieses Musikjahres. Trotz aller theatralischen Überspitzung des Vortrags sollte übrigens die rhythmische Intensität von hypnotischer Qualität nicht außer Acht gelassen werden. So fühlt sich großes Kino an! Cold Fever wiederum lässt sireneske Schwüle auf Industrial-Flair und Sprechgesang prallen, auch diese Nummer erweist sich als Füllhorn an Bildern und Assoziationen. Supreme glänzt als ausgezeichnet tanzbarer Synthie-Pop, auf den charmant John Coltranes A Love Supreme aufgesetzt wurde. Was sich großartig angelassen hat, wird auch in der Folge nicht müde. Vocal Arranger mutet so an, als hätte im Lauf der Entstehung irgendwann ein gewisser Sergio Pizzorno Hand angelegt. Wer speziell die abgründigen Momente von Kasabian liebt, wird diesem Track mit Begeisterung begegnen. Boogie Drums verrät schon im Titel das hervorstechende Merkmal der Nummer, tribalhafte Drums bringen ein in Gedanken verlorenes Stück Mal für Mal in Wallung. Wem die bisher aufgezählten Nummern nicht undurchschaubar genug sind, wird bei After Love endgültig aufhorchen. Dessen sinistre Eleganz entwickelt einen ganz eigenen Horror, fast könnte man meinen, dass die Bläsereinsätze Munchs Schrei vor Augen haben. Diese zwischen Traum und Wahn wandelnde Musik scheint wie für große bildliche Wucht gemacht. Zumal das Album durchziehende Ambient-Einschübe wie The Rabbithole oder Dream Sequence die Charakteristika eines Soundtracks aufweisen. Das finale Antidoto ist wie zuvor After Love durchaus anders gestrickt als die tanzbaren Post-Punk-Stücke, die sonst den Kern dieses Album ausmachen. Es klingt wie das gestöhnte Lamento nach dem Showdown, mutet ein bisschen wie die einem wilden Rausch folgende Verkaterung an.

Wie genau könnte Sofarnopolis als Club-Oper funktionieren? Beschränkt man es auf ein Konzert mit großflächigen Projektionen, die eine Graphic Novel erzählen, während die Aguayo und Band in Masken und Kostümen die Bühne in Beschlag nehmen? Oder macht man ein Schauspiel mit Aguayo als Hauptfigur daraus, bei dem der Rest Band in die Rolle des Orchesters schlüpft und somit in den Hintergrund tritt? Beide Zugänge hätten ihren Reiz, beide Ansätze verdeutlichen das Potential, das Sofarnopolis über seine Existenz als Album hinaus besitzt. Der Clubkultur neues Leben einzuhauchen, diese Chance sollte jedenfalls unbedingt genutzt werden. Dessen ungeachtet muss jedoch folgendes ein letztes Mal betont werden: Matias Aguayo & The Desdemonas haben ein visionäres Album voll facettenreichem Post-Punk fabriziert. Solch fantasievoller Kunst kann man nie genug applaudieren!

Sofarnopolist ist am 13.10.2017 auf Crammed Discs erschienen.

Konzerttermin:

06.11.2017 Berlin – Gretchen

Links:

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