Schatzkästchen 96: Tocotronic – Hey Du

Gestern ist die neue Single von Tocotronic erschienen. Das bedeutet, dass Menschen mit gehobenem Musikgeschmack den Track Hey Du selbstverständlich längst für sich entdeckt haben. Falls man die gestrige Veröffentlichung doch tatsächlich verpennt hat, sollte eine etwaige Ausrede mindestens das Wort Koma oder besser noch eine Entführung durch Außerirdische beinhalten. Denn Tocotronic sind zurück! Gerade einmal anderthalb Jahre nach Veröffentlichung ihres roten Albums dürfen bereits wieder neue Klänge bestaunt werden. Und Hey Du hat es wirklich in sich. Schon nach dem ersten Hördurchlauf reiht es sich nahtlos in die vorderste Reihe der allerbesten Songs der Band. Über zwei Aspekte des Tracks muss ich kurz ein paar Wörter verlieren. Da wäre zunächst der frische Sound zu nennen. Entgegen der landläufigen Meinung ist Rock alles andere als ein Jungbrunnen. Bands, die in ihren Zwanzigern oder frühen Dreißigern erfolgreich sind, tönen einige Jahre später oft furchtbar dröge und schlaff. Aller Elan ist Biederkeit gewichen, jedwede Aufmüpfigkeit wirkt aufgesetzt. Menschen mittleren Alter sind zu oft viel zu uninspiriert.

Photo Credit: Michael Petersohn/UniversalMusic

Genau das jedoch kann man Tocotronic nicht vorwerfen. Nach einer durchwachsenen Phase vor knapp zehn Jahren steht die Formation wieder voll im Saft, strahlt genuine Jugendlichkeit aus. Hey Du beschäftigt sich zudem mit Außenseitertum. Ein Thema, das gut situierte Mittvierziger auch nicht immer auf der Agenda haben. Die Beschreibung der Andersartigkeit eines Teenagers im Mief einer Kleinstadt könnte prägnanter kaum ausfallen. Zeilen wie „Bin ich was, das du nicht kennst, dass du mich Schwuchtel nennst. Ist mein Stil zu ungewohnt für den Kleinstadthorizont?“ werden Mitglieder von Subkulturen so manchen Seufzer der Erinnerung entlocken. Apropos Erinnerung! Tocotronic wagen auf dem Anfang nächsten Jahres erscheinenden Album Die Unendlichkeit tatsächlich den biografischen Rückblick. Da von Lowtzow, Müller, Zank und McPhail der Sentimentalität unverdächtig scheinen, darf man der Platte mit Spannung begegnen. In einer deutschen Musiklandschaft, in der Allgemeinplätze und Kalendersprüche längst zur Poesie verklärt werden, sind Tocotronic mit die letzten Hüter der Seriosität und des Anspruchs. Sie müssen es weiter richten, weil es den ganz Jungen an Genieblitzen mangelt. Und Hey Du belegt, dass sie diese Aufgabe so bravourös meistern wie am ersten Tag!

Die Unendlichkeit erscheint am 26.01.2017 auf Vertigo/Universal.

Konzerttermine:

06.03.2018 Bremen – Schlachthof
07.03.2018 Münster – Sputnikhalle
08.03.2018 Heidelberg – Halle 02
09.03.2018 Erlangen – E-Werk
11.03.2018 Erfurt – Stadtgarten
12.03.2018 Köln – E-Werk
13.03.2018 Wiesbaden – Schlachthof
14.03.2018 Hannover – Capitol
17.03.2018 Hamburg – Große Freiheit 36
06.04.2018 Leipzig – Werk II
07.04.2018 Essen – Weststadthalle
08.04.2018 Stuttgart – Theaterhaus
11.04.2018 Freiburg – E-Werk
12.04.2018 München – Tonhalle
14.04.2018 Dresden – Alter Schlachthof
16.04.2018 Berlin – Columbiahalle

Links:

Offizielle Homepage

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