Sofia Talvik – When Winter Comes – A Christmas Album

Alle Jahre wieder! Die schwedische Singer-Songwriterin Sofia Talvik hat es sich als Tradition auferlegt, jedes Jahr zur Weihnachtszeit ein selbstverfasstes Weihnachtslied zu veröffentlichen und via Bandcamp zu verschenken. In mehr als 10 Jahren sind ganz wunderbare Lieder entstanden, die es sich längst verdient haben, auf einem Weihnachtsalbum zusammengeführt zu werden. Dieses Jahr ist es nun so weit. Frau Talvik hat alle Stücke neu aufgenommen und daraus When Winter Comes – A Christmas Album gemacht! Wie kaum eine andere Platte kann das Werk für sich in Anspruch nehmen, dem Thema Weihnacht voll Herzblut verbunden zu sein. Besonderen Applaus verdient Talvik dafür, dass sie nie auf die Idee gekommen ist, es sich einfach zu machen und sich aus dem Pool der gut zwei bis drei Dutzend angelsächsischen Weihnachtsklassiker zu bedienen. Talviks Beziehung zur Weihnachtszeit ist keine, die auf abgedroschene Coverversionen zurückgreifen muss. Ihr Blick auf das Fest der Feste ist keiner, der behaglich vor dem Kaminfeuer döst oder gelöst rund um den Tannenbaum feiert. Im Schaffen der Schwedin gerät Weihnachten zu einem Ereignis, an dessen Erwartungshaltungen man sich oft verschluckt. Wie etwa soll man Glück verspüren, wenn man gerade verlassen wurde oder noch einen weiten Weg heimwärts vor sich hat oder gar nicht über die finanziellen Möglichkeiten verfügt, seine Liebsten zu beschenken? When Winter Comes erzählt berührende Geschichten, die rein gar nichts mit der verbreiteten Illusion gemein haben, wonach an Weihnachten für einen kurzen Moment allen Menschen guten Willens Glückseligkeit zuteil wird. Sofia Talvik, das soll nochmals nachdrücklich betont werden, ist dem Fest keinesfalls in Hassliebe verbunden. Sie macht aber das, was gestandene Singer-Songwriterinnen halt tun sollten, nämlich jene Geschichten erzählen, die in dieser Weise vielleicht nicht so oft erzählen werden.

Bei diesem stimmigen, im Folk-Pop und im Americana angesiedelten Album fällt es keineswegs leicht, Highlights herauszupicken. Nahezu alle Lieder hätten sich eine vertiefende Betrachtung verdient. Ein paar Titel wollen wir uns aber unbedingt näher ansehen. Zum Beispiel Cold Cold Feet aus dem Jahre 2015, das das Fest aus Sicht derer darstellt, die sich Pomp und Besinnlichkeit nicht leisten können. Die alleinerziehenden Mutter etwa, die zusätzliche Schichten einlegen muss, um ihren Kindern überhaupt ein Art von Weihnachten zu ermöglichen. Zeilen wie „Tomorrow’s Christmas morning/ She wishes she could be around/ To see their smiles as they are opening their presents/ That she got at lost and found“ oder „And though she takes those extra shifts/ There never seems to be enough to warm those/ Cold cold feet“ verdeutlichen, dass das angemessene Feiern des Fests auch ein Privileg ist, in dessen Genuss längst nicht alle kommen. Armut fühlt sich inmitten der Fülle von Weihnachten wohl noch deprimierender an. Ein ungemein einfühlsamer, herzzereißender Song! Wem dies zu viel Realismus zur Weihnachtszeit ist, wird vielleicht bei der märchenhaften Pianoballade Snowy White River von 2009 gut aufgehoben sein. „Chances are we get it wrong/ We never believe in anything or anyone/ We never find that special one/ Our lives keep going on and on/ Until we end up where we all belong/ End up where we all belong/ In that snowy white river“ beschwört ein Szenario, das Wirklichkeit wird, wenn man sich nicht dem Zauber der Weihnacht und den damit verbunden Träumen hingibt. Überaus nachdenklich, das Leben Revue passieren lassend präsentiert sich One Last Wish For Christmas aus dem Jahre 2012. In diesem Lied lässt Talvik ihren betagten Protagonisten bedauern, der Liebe seines Lebens nie seine Gefühle offenbart zu haben. So zufrieden er im Kreise seiner Familie sein müsste, so sehr peinigt ihn doch dieser Fehler. Die Zeilen „If you had one last wish for Christmas/ Would you wish for her now?/ And that you would have told her/ She was the love of your life“ werden nicht nur die Menschen berühren, die selbst manch Unterlassungen im Leben bereuen. Geradezu dramatisch ist die Geschichte, die A Long Way Home (2014) schildert. Es beginnt mit einer Autofahrt an Heiligabend, während Schneeflocken vor den Autoscheinwerfern tanzen. Mit dem Versprechen „And honey I will find a way/ To get home till Christmas day/ I’ll fight the snow/ If it’s the last thing that I do/ But it’s a long way home“ im Gepäck wird allen Widrigkeiten getrotzt, mag der Weg noch so beschwerlich sein. Was in einem Hollywood-Film nach einem Happy End schreien würde, endet bei Talvik in einem Unfall. Die Zeilen „And it feels like I am flying/ Tires slipping on the ice/ And those lights came out of nowhere/ I tried to shield my eyes“ machen alle Sehnsucht zunichte. Diese Weihnacht wird im Krankenhaus enden, der lange Weg heimwärts nicht fortgesetzt werden können. Talviks Folk-Pop wird bei diesem Lied mit sehnsüchtigen Trompeten herrlich ausgestaltet. Denn auch das ist ein Merkmal ihrer Weihnachtslieder, sie sind stets aufwändig produziert und stimmungsvoll instrumentiert. Lo-Fi-One-Take-Lieder, wie sie einem bei Weihnachtsklängen zu oft begegnen, sind nicht nach Talviks Geschmack. Als Berliner Musikblog ist uns selbstverständlich auch A Berlin Christmas Tale von 2013 im Gedächtnis geblieben. Die Worte „And Christmas might be cold/ Here in Berlin/ But it’s the most beautiful place/ You can spend it in/ And sure it is dark as sin/ But baby it’s Christmas/ In Berlin“ werden zu einer Hommage an eine Stadt, die sich das Motto ‚Arm, aber sexy‘ selbst auf die Fahne geschrieben hat. Dass ausgerechnet eine Schwedin mit ausgesprochenem Faible für die USA Berlin ein solch tolles Weihnachtslied spendiert, ist eine großen Dank wert!

Ebenfalls nicht unerwähnt bleiben darf A Carol For The Lonely, in dem Talvik bereits 2008 einen Blick hinter die weihnachtliche Fassade geworfen hat. „This is a carol for the homeless/ The man who’s sleeping in the stairs/ We pretend that he’s not there/ When we’re walking past/ With artificial smiles/ In Christmas time“ sollte uns durchaus dazu anregen, unser eigenes Verhalten in der Weihnachtszeit kritisch zu hinterfragen. Und wenn man so ins Grübeln kommt, mag sich vielleicht auch Traurigkeit einstellen. Über das Schicksal Benachteiligter, über den Unfrieden auf der Welt, über die eigene Lebenssituation. Doch auch hier kann die werte Sofia Talvik bei der Bewältigung helfen. Ihr letztjähriges When It Rains On Christmas Day suhlt sich zunächst in Traurigkeit, nur um im Verlauf eine trotzig-hoffnungsfrohe Attitüde zu entwickeln. „If only you could hear me now/ I’d tell you I’ll be alright/ I’ll make it snow, I’ll find a way/ And it will never rain again/ On Christmas Day“ verbreitet Aufbruchsstimmung, ein versonnenes Cello und gospeliger Backgroundgesang sorgen für einen geradezu sakralen, erhebenden Moment. Wer angesichts der thematischen Fülle der bisherigen Weihnachtslieder vermutet, dass Talvik die Ideen ausgehen könnten, wird vom aktuellen Song This Great Old Christmas Night eines Besseren belehrt. Das Stück mutet wie ein alter irischen Folksong, kommt ausgesprochen aufgeweckt daher. Es vom Sterben an Weihnacht, doch wer nun Rotz und Wasser vermutet, darf einmal mehr überrascht sein. Denn die Stimmung ist gelöst. Am Sterbebett wird der Wunsch „So please raise a cup for me/ In this great old Christmas night/ And I’ll meet ou where the stars/ Fade into morning light“ geäußert. Was nochmals verdeutlicht, welch großartige, sich stets abseits ausgetretener Pfade bewegende Singer-Songwriterin Talvik doch ist. Chapeau!

Seit 2009 schon begleiten wir Talviks alljährliche Veröffentlichungen auch auf diesem Blog und haben beim Lauschen der Lieder schon manch Tränchen vergossen. Weihnachten ohne ein neues Lied von Sofia Talvik scheint uns längst kaum vorstellbar. Und so bleibt abschließend nur noch die Hoffnung, dass When Winter Comes – A Christmas Album nicht den Schlusspunkt dieser Tradition darstellt, sondern ein 2018 hoffentlich anstehendes, neues Weihnachtslied den Auftakt für noch viele neue weihnachtliche Lieder bedeutet. Wenn es eine Tradition gibt, die unbedingt begründet werden sollte, dann wohl jene, dass die verehrte Schwedin alle 10 Jahre ihre ganz speziellen Weihnachtslieder auf einem schicken Album bündelt. Der Anfang ist nun gemacht. Bleibt als Fazit: Ein Pflichtkauf, ohne Wenn und Aber!

P.S.: Wer eine noch detailliertere Aufschlüsselung von Talviks weihnachtlichem Werdegang wünscht, informiert sich bitte bei unserem Bruder im Geiste Stubby’s House of Christmas. Der werte Stubby fällt leider in diesem Jahr kurzfristig krankheitsbedingt aus. Wir wünschen Ihm auf diesem Wege gute Besserung und hoffen, dass er 2018 wieder Weihnachtsklänge in Hülle und Fülle vorstellen wird. Hoffentlich dann auch wieder Talviks neuen Geniestreich!

 

When Winter Comes – A Christmas Album ist am 24.11.2017 auf Makaki Music erschienen.

Links:

Offizielle Webseite

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SomeVapourTrails

Ein Gedanke zu „Sofia Talvik – When Winter Comes – A Christmas Album

  1. Diese Beschreibung trifft genau zu. Wir hatten das riesen Glück Sofia Talvik schon zweimal live bei uns auf der „Live Stage“ zu haben und gerade eben erst vor ein paar Tagen mit diesem Winterspecial. Ich kann nur jedem raten, der die Möglichkeit hat, geht und erlebt sie live. Hier wird nicht Musik gemacht, hier gehen die Geschichten des Lebens direkt unter die Haut.

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