Musikalisches Tohuwabohu (IX): Gregor McEwan, Blaudzun, Glass Museum, the innocence mission

Und wieder habe ich mir feine Klänge aus dem Kladderadatsch erhaltener Mails, Newsletter und Social-Media-Feeds herausgesucht. Mögen Sie auf gespitzte Ohren stoßen!

Gregor McEwan

Einen „der begabtesten hiesigen Singer/Songwriter“ nennt der wunderbare Linus Volkmann den werten Gregor McEwan im Pressetext zu dessen neuen Album From A To Beginning. Nun könnte man dies als ein zweifelhaftes Kompliment abtun, denn eben viele auf Englisch wirkende deutsche Singer-Songwriter haben sich in den letzten Jahren nicht hervorgetan. Doch ist Gregor McEwan tatsächlich von einem besonderen Schlag, wie auch seine neue Single You And I belegt. Dieser eingängige Singer-Songwriter-Pop tönt voll Pfiff und Rumms, im konkreten Fall wird folkiger Pop-Rock mir ein wenig Disco-Feeling aufgemotzt. Dazu gesellt sich ein Text, der aus einem Zustand der Verunsicherung und Irritation heraus ein Happy End erhofft. Diese „Masche“ hat bereits bei den bisherigen beiden Singles << Rewind, Retrack, Rename, Restore und Home wunderbar funktioniert, sie wirkt auch bei You And I. Schelmisch formuliert erzählt McEwan Selbstfindungsgeschichten, an deren Ende nicht die Krise oder gar der Strick stehen. Das ist tröstlich und optimistisch und überaus sympathisch. Auf das in wenigen Tagen erscheinende Album dieses Singer-Songwriters darf man sich ohne Zweifel freuen!

From A To Beginning erscheint am 12.01.2018 auf Stargazer Records/Midsummer Records.

 

Blaudzun

Wer hat denn da dem Britpop seine hymnische Qualitäten keck geklaut? Anklänge an Doves, James oder sogar Coldplay sind beim Track _hey now des niederländischen Singer-Songwriters Blaudzun unüberhörbar. „This ultimate indie anthem wil[l] be the cure for your 2017 hangover.“ verspricht die Plattenfirma gar rotzfrech. Und was soll man sagen, sie hat recht! Die Qualitäten des Songs sind aber auch sehr offensichtlich. _hey now ist erhebender, ganz in den Moment verliebter Pop, der melodische Ekstase pflegt. Es ist eine für die große Bühne gedachte Hymne, an deren Ende der Musiker mit offenem Hemd und ausgebreiteten Armen vor einer großen Menschenmasse steht und deren Begeisterung aufsaugt. Mich würde wirklich der Teufel reiten, wenn Blaudzun nicht im Verlauf des Komponierens genau dieses Bild als Sehnsuchtsvorstellung irgendwann in den Sinn gekommen wäre. Wie gut Blaudzun im Posing ist, entzieht sich meiner Kenntnis. Dass dieser Song jedoch genau danach schreit, hört jeder Blinde mit Krückstock. Eine tolle Nummer, die große Lust auf das für das Frühjahr 2018 angekündigte neue Album macht!

_hey now ist am 01.01.2018 auf V2 Records erschienen.

 

Glass Museum

Mutig! Instrumentale Klänge mit Synthies und Piano anzubieten und dabei im Projektnamen das Wort Glass zu verwenden, das nenne ich Chuzpe. Dann noch den ersten Track der für Mai 2018 avisierten EP schlicht Opening zu benennen, verstärkt erst recht das Gefühl, dass die unter dem Namen Glass Museum wirkenden Antoine Flipo und Martin Grégoire zumindest schon einmal das Album Glassworks von Philip Glass in der Hand gehabt haben. Natürlich muss man zur Ehrenrettung von Glass Museum betonen, dass hier dem großen Glass keinesfalls plump nachgeeifert wird. Ein Faible für Minimalismus lässt sich bei Opening aber sehr wohl erkennen. Laut der werten Kollegin Eva-Maria von Plan My Escape wird hier „filmmusikaffinen Klaviersoundtracks“ gefrönt, „smoothe Electronika in klassische Klavierromantik“ eingeflossen. „Anklänge an Ambient-Sounds“ runden den Track ab. Ich kann mich nur wiederholen, eine kühle Pianofantasie mit elektronischen Elemente zu verquicken, Musik zwischen Unruhe und kristallklarer Struktur anzusiedeln, das weckt Assoziationen. Wie gut nur, dass das Stück Opening diesen standhält! Ich zumindest bin davon sehr angetan und harre voll Erwartung der EP Deux. Die beiden jungen Belgier haben mein Interesse geweckt!

Die EP Deux erscheint im Mai 2018 auf Jaune Orange.

 

the innocence mission

Der Bandname the innocence mission ist mehr als der Name einer Musikformation. Er verkörpert exakt das, was man im Business-Sprech wohl ein Mission Statement nennen würde. Die Kunst des Folk-Pop-Lullabys hat das Ehepaar Karen und Don Peris zusammen mit dem Bassisten Mike Bitts geradezu perfektioniert. Was ich bereits bei ihrem vergangenen Album hello i feel the same betont habe, gilt natürlich immer noch: all ihren Alben und EPs ist eine schlichte Seligkeit gemein, eine große Entschleunigung, eine Kontemplation und Friedlichkeit. Es sind Wiegenlieder für Menschen, die das Leben als ein poetisch bebildertes Bilderbuch wahrnehmen wollen. In einer Welt voll Hektik, Zynismus und Schreierei fehlt oft der Balsam für die Seele. Die Versonnenheit der Band ist einzigartig, wie auch die jüngste EP the snow on pi day belegt. Der kindlichen Entrücktheit in Karen Peris‘ Stimme haben all die Jahrzehnte, in denen the innocence mission nun schon wirken, nichts anhaben können. Und auch an den Betrachtungen aus reinstem Herzen hat sich nichts geändert. Wer ob der Schwere des Seins untröstlich ist, wird bei Liedern wie from the trains, snow oder dem Titeltrack the snow on pi day tatsächlich so etwas wie Entlastung verspüren. In diesen Lullabys liegt eine sachte Nachdenklichkeit, ein zärtlicher Segen, ein kleines Glück. Wie schön!

the snow on pi day ist am 14.11.2017 erschienen.

SomeVapourTrails

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