Musikalisches Tohuwabohu (X): Twin Oaks, Balto, Anna Burch

Und wieder habe ich feine Klänge aus dem Kladderadatsch erhaltener Mails, Newsletter und Social-Media-Feeds herausgesucht. Mögen Sie auf gespitzte Ohren stoßen!

Twin Oaks

Genre-Fetischisten, denen bei Dream-Pop und Dream-Folk oft wohlige Gedanken ins Hirn flattern, sollten sich unbedingt die EP Living Rooms der kalifornischen Formation Twin Oaks zu Gemüte führen – und besser warm anziehen. Denn Lauren Brown kommt mit einem Vortrag um die Ecke, der ein Chaos der Gefühle wunderbar auffächert. Der Song Distance Alone versucht die selbst gewählte Abgeschiedenheit, die sich in Zeilen wie „I’ve come to find that dreamers often dream alone/ Trying to get it right/ Trying to get it right/ Build an island where I can live my life / In this head of mine“ manifestiert, mit eher unsicheren Schritten zu überwinden. Rumors wiederum will aus dem Leben, das einem längst fremd geworden ist, ausbrechen, die bisherige Umgebung und all die damit verbundenen Menschen hinter sich lassen. Es ist eine Aufbruchsstimmung ohne Optimismus, von Leidensdruck geprägt. Felt Like Dying, dessen Musik endgültig in sphärischem Schweben aufgeht, ist halb Seufzer, halb Durchschnaufen. Der Abgesang „And losing you felt like dying./ All the air had left my lungs./ Your love was so suffocating and it stole my soul./ I was trying to find the words, I tried, but I had to watch you go./ I never wanted it to end like this.“ könnte kaum beklemmender ausfallen. Wie die gewählten Beispiel zeigen, ist Brown und ihrem Kollegen Aaron Domingo mit Living Rooms ein Werk ätherischer Klänge und von emotionalen Wunden erzählender Lyrics geglückt. Die Seele kann oft ein sehr einsamer Ort sein und das Herz von einem Zwiespalt in den nächsten tappen. Wenn diese Erkenntnis dann noch in solch musikalische Schönheit gebettet ist, kann man nur noch staunen. Den Namen Twin Oaks sollte man sich unbedingt merken! (via Coast Is Clear)

Living Rooms ist am 05.01.2018 erschienen.

Balto

Photo Credit: Seth Mower

„Mit offenem Fenster durchs Amerika der frühen 70er, das gerade ernüchtert aus dem „Summer of Love“ erwacht.“ Mit diesen Worten aus einer Promo-Mail wird mir Balto aus Portland, Oregon schmackhaft gemacht. Laut Pressetext soll ein feuchtfröhlich schwadronierender Stil des amerikanischen Rock’n’Roll das Markenzeichen der Band um Mastermind Dan Sheron sein. Als mit allen Wassern gewaschener Musikblogger hab ich schon genug Versprechungen gelesen, um angesichts dieser Verheißungen nicht völlig aus dem Häuschen zu sein. Doch die Neugier war geweckt. Und wirklich ist das hierzulande im Februar erscheinende Album Strangers ganz und gar nach meinem Geschmack. Es klingt in der Tat nach einem Trip durch die südlichen Gefilde des ruralen Amerikas. Southern Rock trifft auf klassische Singer-Songwriter-Attitüde mit Anklängen an Randy Newman, Billy Joel oder den frühen Elton John. Balto gelingt freilich mehr als eine nostalgische Tour durch ein beseeltes Gestern. Zwei Strophen geben diesbezüglich Aufschluss. „Oh what a restless generation/Walks the wire across an endless sea/ You and I becoming strangers/And every moment going by/ Is just a lifetime left behind“ heißt es etwa im großartigen Song Restless Generation, „Like Everyone, guess I’m coming undone/ Getting colder as the years roll on/ Has my skin gotten thicker?/ Am I ready and willing to sell my days until my days are gone?“ fragt sich A Year Lasts A Lifetime. Das Album gibt somit eine wenig zeitgeistige Antwort auf den Carpe-diem-Vorsatz. Wo gegenwärtig Selbstoptimierung und miesepetrige Askese fröhlich Urständ feiern, umarmt Balto die Fülle des Moments. Rastlosigkeit und Neugier, ein unkalkulierter Hang zum Abenteuer, kurzum der Drang zum Leben prägen die Platte. Immer wieder erzählen die Lyrics davon, im positivsten aller Sinne die eigene Jugend zu verschwenden, sich in bester Manier der Beat-Generation ins Erleben zu stürzen. Die Zeilen von CA LUV fassen alle Irrungen und alle Lebensfreude womöglich am besten zusammen: „I like the way you’re slow to smile/ I like your eyes, I like you stoned and wild/ And if the night-time makes you lightning/ Well then I’m thunder in the distant sky/ But every morning is a different story/ Let me see you in the light/ Is this a dream, some other dark confusion/ Or someone else’s life?/ Oh it’s alright“ .

Irgendwann, so der Tenor des Albums, ist die Zeit für den Ausbruch, für den Aufbruch gekommen. Die vermeintlich geordneten Lebensverhältnissen, die doch nur die Lebenskraft zuschnüren, gilt es, hinter sich zu lassen. „If I could wake up as a child/ If I could wake up and begin/ I’d burn up every dollar bill I’d ever touched/ And throw the ashes in the wind“ mag zunächst als frommer Hippie-Wunsch erscheinen. Doch verbirgt sich hinter den Lyrics aus Celebration Smile eine tiefe Sehnsucht nach einem Leben abseits aller Sicherheiten. Für die skizzierte Botschaft bietet sich ein kräftiger, warmer Sound mit ordentlich Roots-Rock-Flair geradezu an. Strangers, das hat die kurze Zusammenfassung hoffentlich aufgezeigt, reist aus gutem Grund musikalisch zurück in der Zeit. Es wuchtet sich sich einen Optimismus in die Seele, will sich schlicht nicht damit abfinden, im Warten auf das Leben ganz allmählich zu versauern. Vieles an Balto mag wohlig gestrig klingen, die Kernaussage des Werks können wir uns im Hier und Heute aber ruhig hinter die Ohren schreiben!

Strangers erscheint am 16.02.2018 auf Total Reality Meltdown.

Konzerttermine (Dan Sheron Solotour):

22.02.2018 Innsbruck (AT) – Hard Rock Cafe
23.02.2018 Feldbach (AT) – Club Glam
24.02.2018 Timelkam (AT) – Bart
26.02.2018 Winterthur (CH) – Monomontag @ Portier
27.02.2018 München – The Lovelace | München (DE)
28.02.2018 Marburg – Q
01.03.2018 Mainz – Dorett
02.03.2018 Karlsruhe – Scruffys
03.03.2018 Kassel – K19
04.03.2018 Offenbach – Hafen 2
05.03.2018 Aachen – Domkeller
06.03.2018 Osterwiek – E-Werk
07.03.2018 Berlin – Ä
08.03.2018 Kiel – Prinz Willy
09.03.2018 Duisburg – Bolleke
10.03.2018 Saalfelden (AT) – Kunsthaus Nexus
11.03.2018 Augsburg – N8
13.03.2018 Lübeck – Tonfink
14.03.2018 Fürstenwalde – Parkclub
15.03.2018 Berlin – Farbfernseher
16.03.2018 Darmstadt – Zucker
17.03.2018 Wiesbaden – Cafe Klatsch
18.03.2018 Haag (AT) – Böllerbauer
19.03.2018 Wien (AT) – Haus der Musik
21.03.2018 St. Gallen (CH) – Folkcafe

Anna Burch

Als jemand, der in den Neunziger gern und oft Liz Phair gehört hat, hat mich der Track 2 Cool 2 Care sofort an gute, alte Zeiten erinnert. Anna Burch, ihres Zeichen Mitglied von Frontier Ruckus, veröffentlicht demnächst ihr Solodebüt Quit The Curse. Und 2 Cool 2 Care weist durchaus Ähnlichkeiten mit Liz Phair zu Zeiten von Whitechocolatespaceegg auf. Der Track ist poppig, hat trotz einer gewissen Girliehaftigkeit Ecken und Kanten. Die Lyrics „Did I freak you out? Oh what’s that about? Tell me./ From what I can see reciprocity is boring/ But I’m tired of unrequited love stories./ You scare me with your indifference./ I like you best when you’re a mess.“ sind auch nicht um eine klare Ansage verlegen. Auch der Track Asking 4 a Friend mit seinem slackerischem Indie-Rock funktioniert wunderbar. Das komplette Album ist nicht ohne Reiz und durchaus mit Überraschungen versehen. Stilistisch gänzlich aus der Reihe tanzt etwa der countryhaft angehauchte Retro-Pop von Belle Isle. Eine großartige Nummer! So sehr sich Burch auch auf Beziehungsbefindlichkeiten und Lebenskrisen fokussiert, setzt sie zugleich auf jede Menge augenzwinkernde Kontraste, um mehr als nur sattsam bekannte Larmoyanz aufzubieten. In dieser Platte steckt viel Gutes drin, sie weicht stets von den üblichen Schablonen ab. Ein echter Hörtipp!

Quit The Curse erscheint am 02.02.2018 auf Heavenly Recordings.

SomeVapourTrails

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