Temperament fürs Absurde – Erin K

Ich bin ein großer Fan von Songwriting, dessen Lyrics auch mal tatsächlich Geschichten erzählen und nicht nur über emotionaler Verfasstheit brüten. Von großer Liebe oder tiefster Einsamkeit zu singen, zählt zu den leichteren Übungen, eine Episode des Alltags mit Humor aus der Belanglosigkeit zu heben, halte ich da schon für schwieriger. Erin K ist eine Singer-Songwriterin, die mit viel Esprit und herbem Charme zu glänzen weiß, Songtexte verfasst, die über die Bekenntnispoesie eines Tagebuchs hinausgehen. Ihr letzten Herbst veröffentlichtes Album Little Torch besticht durch lieblichen Pop und kuriosen Folk, Erin K kredenzt die pfiffige Chose mit grandioser Beiläufigkeit. Beispiele gefällig?

Da wäre etwa Off to Bologna Saving Centipedes, das von der Trübsal erzählt, die Erin Ks lyrisches Ich empfindet, wenn der Partner mit seiner berühmten Band in Bologna spielt, während sie selbst sowohl an Kleinigkeiten als auch am Sinn des Seins verzweifelt. Strophen wie „I started today with some words from a monk/ A book my dad gave me but I’m in a funk/ This tootchache has lasted well over a month/ If it doesn’t stop I’ll jump out the window I swear it!“ vermitteln den Eindruck eines langsam aus dem Ruder laufenden Alltagstrotts. Irgendwo zwischen Einsamkeit und dem Grübeln über den Fortgang der Beziehung ist dieses in Nebensätzchen mit Heiterkeit gespickte Liedchen angesiedelt. Noch zugespitzter am Leben verzweifelt freilich Assholio, das sich ganz herrlich an einem gebrauchten Tag abmüht. Vom Lärm von Bauarbeitern am Morgen unsanft geweckt und darum Zuflucht im nächsten Café suchend, läuft Erin K dort einer unfreundlichen Kellnerin über den Weg. Als ihr dann noch ein faules Frühstücksei serviert wird, kommt es zur endgültigen Zuspitzung. Die Zeilen „But the egg inside is rotten, ew gross. I don’t mean to be rude. I go up to the counter and say „excuse me miss“ but she’s a dude and slaps me right across the face. This waitress thinks that I’m debased and I leave, thinking this day’s insane. Then it starts to rain.“ stecken voller Situationskomik. Assholio ist groteskes Singer-Songwritertum, an dem man sich nicht satt hören kann! Doch wer glaubt, dass dies alles nicht zu toppen ist, sollte dem Song I Just Ate Shit lauschen. Und wieder ist der Besuch einer Gaststätte, diesmal eines Restaurants, der Anfang allen Unbills. Was als entspannter Abend geplant war, wird zum regelrechten Fiasco, sobald sich die gewählten japanischen Edamamebohnen als nicht eben lecker entpuppen. Doch wie dem Ekel Luft machen? Zum Tresen gehen und ein wenig verlegen den Satz „Um, excuse me but I think this edamame bean has been covered in shit“ zu äußern, scheint beim Personal der Reaktion „Well I can get you some more“ nach zu schließen, nicht unbedingt auf Verständnis zu stoßen. Und so wird sich mit einem irritierten „Ok“ dem Schicksal gefügt und im Geiste schon mit einer musikalischen Yelp-Rezension begonnen. Die obskure Instrumentierung (Gitarre, Percussion, irrlichternde Flöte) rundet den Track endgültig ab. I Just Ate Shit entzückt als überzogen ernsthaft gehaltene, im Erzählton wie aus dem Stegreif wirkende Episode aus dem Leben einer Großstadtneurotikerin, die mit ihrer Umwelt nicht wirklich klarkommt.! Erin K besitzt ein Temperament für das Absurde, versprüht zudem lässigen Charme. Dum Da Dum Song etwa erzählt mit großer Leichtfüßigkeit von einer Liebe, die tatsächlich auf Wolke 7 schwebt. Solch ganz seliger Indie-Pop kommt mit einer Unbeschwertheit um die Ecke, dass einem das Herz aufgeht. No Control wiederum hat den nötigen Pfiff und die Eingängigkeit, um es sogar auf Playlisten oder ins Formatradio zu schaffen. Dazu ist es fein ausgestaltet, Streicher und Bläser inklusive. Der Sound klingt weitaus üppiger als das, was Assholio mit Gitarre, Percussion und Kontrabass so zu bieten hat.

Fast scheint es, als überlege dieses Debüt noch, in welche Richtung der weitere musikalische Weg führen soll. Dürfen es spleenige bis idiosynkratische Singer-Songwriter-Klänge voll Witz sein? Oder etabliert sich doch ein so smarter wie reizender Pop, der sich die Tagträume aus den Augenwinkeln wischt? Erin K stehen alle Türen offen. Wer es tatsächlich schafft, sich mit Liedern über schlagende Transvestiten im Café und ekelerregende japanische Bohnen ins Gedächtnis zu hieven, darf darauf stolz sein. Little Torch ist eine jener besonderen Scheiben, die sich vom Wust der Veröffentlichung zu unterscheiden wissen. So tönt Musik, der gern mal der Schalk im Nacken sitzt. Was für ein Album!

Little Torch ist 06.10.2017 auf T3 Records erschienen.

Links:

Offizielle Webseite

Erin K auf Facebook

Erin K auf Instagram

SomeVapourTrails

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.