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Schlaglicht 74: Kevin Morby

Photo Credit: Adarsha Benjamin

Was macht diese Welt eigentlich, wenn ein Herr Dylan mal auf seiner achtlos auf dem Parkett herumliegenden Nobelpreismedaille ausrutscht und sich das Genick bricht? Spätestens dann wäre das Geschrei nach Reserve-Dylans groß. Doch in diese zugegeben nicht kleinen kompositorischen Fußstapfen zu treten, ist kein leichtes Unterfangen. Seit Jahrzehnten schon haben unzählige Singer-Songwriter zaghafte Schritte in die Richtung unternommen. Kaum einer hat freilich die Siebenmeilenstiefel geschnürt. Kevin Morby ist mit eben jenen an vielen Hoffnungsträgern längst vorbeigewieselt. Bereits vergangenes Jahr hatte ich anlässlich des Albums Singing Saw folgendes konstatiert: „Was sehnen wir doch einen neuen Dylan herbei, zumindest aber einen Singer-Songwriter, der unseren Blick auf die Welt verändert! Wir gestehen vielen Liedermachern zu, dass sie in der Tradition eines Dylan stehen. Dass es nicht zu mehr reicht, liegt aber vielleicht eher an unserer Wahrnehmung, nicht am Talent vermeintlicher Epigonen. Auf Morby haftet der Fluch der späten Geburt, das Leben in einer Zeit, die sich zwar stets und immer aufregt, zugleich jedoch zu bequem zur Revolution ist.“

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Schlaglicht 73: Vil

Entschleunigung und Entspannung. In fordernden, geradezu auslaugenden Zeiten sehnt man sich nach ein wenig Ruhe. Viele Bücher überbieten sich mit Tipps, wie es denn mit der Work-Life-Balance endlich klappt. An Ratgeberei mangelt es nicht. Aber allen Vorsätzen steht das Funktionieren entgegen, auf das man zu lange schon getrimmt wurde. Auch Rückzugsorte sind schwer zu finden, speziell im Zustand permanenter Erreichbarkeit. Wo alles Motivations – und Meditationsgequatsche ins Leere läuft, kann vielleicht Kunst – und ganz speziell Musik – in die Bresche springen. Dabei habe ich freilich keinerlei esoterisches Gedudel im Sinn, vielmehr das dänisch-isländische Duo Vil, dessen Album Mens vi falder stille skandinavische Kargheit mit chansonesker Leichtigkeit verbindet. Folk und Ambient prägen die Platte, manche Stücke sind durchaus melodisch gehalten, andere wiederum fragmentarisch und zerbrechlich, verhalten und intim.

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Schlaglicht 72: Carpet

Entspannten, geradezu sonnigen psychedelischen Rock, der oftmals wie eine an satten Farbe reiche Fotografie aus den guten alten Siebzigern anmutet, hat die Band Carpet auf ihrem neuen Album Secret Box anzubieten. Solch herrlich originärer Sound mag einige Assoziationen bezüglich seines Ursprungs wecken. Zumindest mir käme dabei Augsburg nun wirklich nicht in den Sinn. An dem heimeligen, angespacten, mitunter fusionhaften Album baumelt zumindest nach meinem Begriff das Etikett Kalifornien. Müsste ich den Wesenszustand dieser Klänge mit einem knackigen Slogan beschreiben, dann wäre das Motto „Utopia meets Comfort Zone“ nicht so verkehrt. Nostalgie umweht das Werk, es wirkt wie in einer Zeit entstanden, als die Zukunft noch voller romantischer Verheißungen und Träume war. Ersonnen in einem inspirierten Moment der Muße.

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Mammut Merritt – The Magnetic Fields

Photo Credit: Marcelo_Krasilcic

Große Projekte verdienen eine ausgiebigere Betrachtung als herkömmliche Unterfangen. Darum höre ich seit Wochen schon 50 Song Memoir, das nicht eben läppische 5 CDs umfassende Box-Set von The Magnetic Fields. Mastermind Stephin Merritt wühlt hier in seinen Erinnerungen, lässt die ersten 50 Jahre seines Lebens Revue passieren. Die Idee zu diesem Vorhaben kam vom Boss seines Plattenlabels Nonesuch Records, entwickelte sich aber keineswegs aus einer Bierlaune heraus. 1999 bedeuteten die aus 3 CDs bestehenden 69 Love Songs ja Merritts Durchbruch. Seit damals ist Merritt ein Darling der Musikkritik und mehr noch eine Ikone der großstädtisch-liberalen Musikfans. Es war also durchaus nicht bloß künstlerische Bewunderung, die Robert Hurwitz von Nonesuch zu jener Anregung trieb. Ein Opus magnum vom Schlage der 69 Love Songs können nicht viele Songwriter stemmen, für Merritt dagegen scheint der Umfang eines Box-Sets geradezu prädestiniert, wie auch 50 Song Memoir einmal mehr belegt.

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Musikvideo: Kasabian – You’re In Love With A Psycho

Dank sozialer Netzwerke kann man heutzutage Launen und Gemütslagen jederzeit mit der ganzen Welt teilen. Daran ist nichts weiter auszusetzen. Problematisch jedoch wird es, wenn die eigene Befindlichkeit zur alleinigen Argumentationsgrundlage wird. Wenn man also etwas furchtbar findet, weil man sich beleidigt sieht. Es wird in diesem Fall nicht nach der Intention des Tuns geforscht, es zählt ausschließlich die Wirkung am eigenen Leib. Das zeugt schon von Empathielosigkeit. Dass viele Menschen sich daraus einen Sport machen, die Weiten des Internets nach vermeintlich anstößigen Dingen zu durchforsten, die sie zusammen mit Gleichgesinnten als verletzend wahrnehmen können, schlägt dem Fass den Boden aus. Einen solchen Shitstorm hat vergangene Woche auch die britische Formation Kasabian erlebt, als sie das Video zum Song You’re In Love With A Psycho präsentierte. Ein britischer Interessenverband namens Time to Change stieß sich nicht nur an der Verwendung des Wortes Psycho, darüber hinaus fand man auch den Inhalt des Clips äußerst unpassend. Time to Change möchte der Diskriminierung von Menschen mit psychischen Erkrankungen den Kampf ansagen, versucht die öffentliche Wahrnehmung zu verändern. Prinzipiell löblich, aber nicht wirklich zielführend, wenn man vor lauter Verbissenheit jeglichen Sinn für Humor verliert. Denn Kasabians Parodie auf den Alltag in einer Irrenanstalt steht fraglos in der Tradition von Einer flog übers Kuckucksnest. Die Albernheit, die dem Schaffen der Jungs aus Leicester oft innewohnt, ist selbstironisch zu verstehen. Kasabian persiflieren gekonnt ihr Rockstar-Image. Ihr Faible für sehr schräge Inszenierung macht sie zu absoluten Sympathieträgern.

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Schatzkästchen 86: Saint Etienne – Heather

Irgendwann wenn die Erholungsphasen zwischen Exzessen länger und länger dauern, hat man die Jugend mit der ihr eigenen selbstzerstörischen Rücksichtslosigkeit hinter sich. Ab dann trachtet man nur noch danach, möglichst gut zu altern. Was aufs Leben zutrifft, gilt freilich auch für das künstlerische Schaffen. Heute möchte ich mich kurz mit einer Band beschäftigen, von der zwar keinerlei Ausschweifungen aus den Glanzzeiten überliefert sind, die sich aber wirklich gut darauf versteht, mit Stil, Charme und Witz zu reifen. Wo andere Bands nach 25 Jahren im Musikgeschäft schon verdammt alt aussehen, machen Saint Etienne noch immer ausgezeichnete Figur. Angeführt von der unwiderstehlichen Sarah Cracknell hat das Trio über all die Jahre Disco-Glam-Pop von zeitloser Frische perfektioniert. Ein Dahinsiechen in puncto Kreativität ist nicht abzusehen, wie auch der neue Track Heather belegt. Heather kündigt das für Juni avisierte neue Album Home Counties an und offeriert eine Sarah Cracknell, die Hörer nach wie vor – ja vielleicht sogar mehr denn je – um den Finger zu wickeln versteht. Schatzkästchen 86: Saint Etienne – Heather weiterlesen

Konzerttipp: 12.04.2017 – Ja Ja Ja mit IRAH und Mikko Joensuu

Ich bin ein großer Bewunderer skandinavischer Klänge. Doch neben all den musikalischen Qualitäten muss man auch den Vermarktungsfertigkeiten der Nordlichter applaudieren. Frei von jeglichen Eitelkeiten arbeiten Förderprogramme aus Dänemark, Finnland, Island, Schweden und Norwegen zusammen, um Skandinavien als musikalisches Schwergewicht weiter zu etablieren. Von so viel Kooperationswillen könnten sich andere europäische Regionen ruhig eine Scheibe davon abschneiden. Ein Beispiel dafür ist die Reihe Ja Ja Ja, die aufstrebende Acts nach London und Berlin schickt, sie im Rahmen von Club-Nächten auch außerhalb der Herkunftsländer bekannt macht. Und speziell die nächste Ausgabe von Ja Ja Ja könnte großartiger nicht ausfallen, kommen doch das dänische Trio IRAH, der finnische Singer-Songwriter Mikko Joensuu nach Berlin. Was habe ich mir doch in den letzten Jahren die Finger wund geschrieben, um diese Ausnahmeerscheinungen anzupreisen! Grund genug also, nicht nur auf dieses einmalige Konzert zu verweisen, sondern nochmals das Tun der genannten Acts kurz hervorheben.

Photo Credit: Nick_Hune

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Musikvideo: Michael Kiwanuka – Cold Little Heart

Ohne Umschweife möchte ich den Song Cold Little Heart zu einem der Meisterwerke des letzten Jahres erklären. Spät, aber doch ist er mir schließlich vor wenigen Wochen in den Schoß gefallen. Seitdem konnte ich mich an dem zehnminütigen Geniestreich kaum satt hören. Der Brite Michael Kiwanuka ist in den letzten Jahren ja zu einem echten Liebling der Musikkritik aufgestiegen und hat es auch die vorderen Regionen der europäischen Charts geschafft. Diesen Spagat bekommt man mit musikalischer Größe allein nicht hin, dafür muss man durchaus Opfer bringen. So habe ich mit Entsetzen festgestellt, dass im Februar dieses Jahres ein Radio Edit von Cold Little Heart veröffentlicht wurde, der den Song auf ein Drittel der ursprünglichen Länge eindampft, das lange, famose Intro zur Gänze unter den Tisch fallen lässt. Eine Schande, Asche auf das Haupt des Plattenlabels! Aber muss man sich als Künstler der Gegenwart wirklich noch den Zwängen des konstant an Bedeutung verlierenden Formatradios unterwerfen? Ich meine nicht.

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100 Prozent Herzenswärme – When Nalda Became Punk

Wenn man über Menschen sagt, sie seien unkompliziert, dann meint man dies immer als Kompliment. Nennt man hingegen Musik unkompliziert, ist das fast ausnahmslos kaum wohlwollend gemeint. Dabei gibt es legere, eingängige Klänge, die schlicht schmissig und ansprechend sein wollen. Unkompliziert, so zumindest würde ich das Minialbum Those Words Broke Our Hearts der Formation When Nalda Became Punk beschreiben. Der lärmige, pfiffige Twee der im spanischen Vigo beheimateten Formation hat es mir schon 2013 angetan. Er wummert ins Ohr, ohne irgendwelche Sperenzchen. Gerade im tristen Jetzt, in denen man dem Wahnsinn der Welt kaum entkommen kann, braucht es solch quirlige Lieder. Guten (Indie-)Pop erkennt man nicht zuletzt daran, dass er lebendig tönt, sogar wenn die Lyrics bittersüß ausfallen.

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Ein langer Weg – Nadine Khouri

Sinnlich, sublim, samten. Mit den drei Adjektiven wird man dem Gesang Nadine Khouris meiner Meinung nach am ehesten gerecht. Bereits 2010 war ich von ihrer EP A Song to the City überaus angetan, hatte die stimmliche Versiertheit hervorgehoben. Und tatsächlich sind gerade einmal sechseinhalb Jahre vergangen, bis man Khouri jetzt endlich zum sehr feinen Debütalbum The Salted Air beglückwünschen darf. Es scheint also nichts gewesen zu sein, was sich einfach so aus dem Handgelenk schütteln ließ. Glücklicherweise ist auf The Salted Air davon gar nichts zu spüren. Souveräne Leichtigkeit und Eleganz durchweht dieses Werk der im Libanon geborenen und nach der Flucht in England aufgewachsenen Singer-Songerwriterin. Khouri gelingt eine nie vordergründige, vielmehr in Gedanken versunkene Platte mit durchaus versonnenen Anwandlungen. Chic und Tiefgang scheinen perfekt ausbalanciert.

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