Alle Beiträge von lieinthesound

Deezers Heilversprechen

Flow weiß, was du hören willst. Er kennt alle Songs, die du liebst, geliebt hast und bald lieben wirst. Flow ist dein persönlicher Soundtrack, der niemals endet. Mit jedem Track, den du hörst, lernt er dich und deinen Musikgeschmack noch besser kennen. Und du? Drückst einfach nur auf Play.

Was Deezer dieser Tage als wahrgewordene Utopie verkauft, nämlich den Algorithmus als eierlegende Wollmilchsau, ist bei genauerer Betrachtung viel mehr als nur Werbesprech. Es ist ein weiterer Mosaikstein eines gegenwärtigen Paradigmenwechsels. Längst schon wird uns eingetrichtert, dass man Computern und Robotern mehr vertrauen kann als Menschen. Ob autonomes Fahren oder Echtzeitüberwachung aus der Cloud, künstliche Intelligenz scheint alles besser zu beherrschen. Tagtäglich wird die Liste vermeintlich totgesagter Berufe länger. Vielfach wird gar im Brustton der Überzeugung behauptet, Facebook wisse mehr über einen als die eigene Familie. Deezers Flow reiht sich nahtlos in dieses Weltbild ein. Geraume Zeit schon unterbreiten Algorithmen Vorschläge, Amazon wäre nicht da, wo es heute ist, wenn Kaufempfehlungen keine ordentliche Trefferquote hätten. Dennoch überrascht die Gewissheit, die Deezer an den Tag legt. Der Dienst Flow will ja weitaus mehr als nur Orakel sein, er meint felsenfest zu wissen, was gefallen wird.

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Schatzkästchen 87: Blanche – City Lights

Der Eurovision Song Contest erfüllt Erwartungshaltungen. Der breiten Masse führt er vor Augen, wie weitläuftig und exotisch Europa doch ist. Der begeisterten LGBT-Community bietet er sympathisch-deftigen Trash. Gesetztere Traditionalisten dagegen dürfen sich an Schlager oder kitschiger Folklore erfreuen und über allerlei neumodisches Zeugs wie Rap schimpfen. Zwergstaaten sind dankbar für die Möglichkeit, einmal im Jahr den Nachweis zu erbringen, dass es sie nach wie vor gibt. Selbst wenn sie es nicht leicht haben, weil sie von einem gewissen Ralph Siegel in Geiselhaft genommen werden. Hallo, San Marino! Auch Autokraten – man denke etwa an Aserbaidschan – versprechen sich vom ESC viel, dürfen sie doch ihr Land als heiter bis weltoffen präsentieren. Und nicht zuletzt begeistert die Veranstaltung die Funktionäre der teilnehmenden Rundfunkanstalten, Büffets und Empfänge sind ganz nach ihrem Geschmack. Wer jedoch beim Song Contest ganz selten auf seine Kosten kommt, ist ein Indie-Klängen gewogenes und somit geschmackssicheres Publikum. Das Jahr 2017 beschert in dieser Hinsicht einen unverhofften Lichtblick.

Belgien, bereits seit ein paar Jahren musikalisch im Aufwind, schickt die junge Sängerin Blanche ins Rennen. Ihr Titel City Lights ist das Highlight des Wettbewerbs. Eingebettet in einen geheimnisumwitterten, mit nervösen Synthies behafteten Sound ruht Blanches tiefe Stimme. Ihr unaufgeregter Vortrag trägt balladeske Züge, strotzt vor unterkühlter Eleganz. Schatzkästchen 87: Blanche – City Lights weiterlesen

Die Brückenbauerin – Yasmine Hamdan

Ethno-Pop panscht oft das Schlechteste aus Folkore und Pop zu einem unsagbar sülzigen Brei zusammen. Das muss man gerade in der Woche des Eurovision Song Contests mit Schaudern feststellen, selbst wenn folkloristische Elemente 2017 nicht ganz so in Mode scheinen. Dabei kann Ethno-Pop auch ganz anders, sehr wunderbar tönen, wie Yasmine Hamdan auf ihrem neuesten Werk Al Jamilat beweist. Hamdan gelingt ein wunderbar luftiger, in Gedanken verlorener Pop mit feinen elektronischen Akzenten, der frei von dem in arabischen Breiten häufig anzutreffenden Pathos ist. Die Bandbreite dieses Albums reicht von chansonesque-eleganten Lieder wie Douss über auf Rhythmus und Tanzbarkeit fokussierte Stücke wie Balad bis hin zum Electro-Pop-meets-Opera von Ta3ala.

Für die Weltenbürgerin Yasmine Hamdan ist das orientalische Erbe stets viel mehr als Staffage, ihre Musik bekennt sich zu den kulturellen Wurzeln, spürt diesen intensiv nach, kultiviert die Tradition, indem sie sie mit westlichen Stilen verknüpft. Die Brückenbauerin – Yasmine Hamdan weiterlesen

Versonnenheit und Zivilisationskritik, live! – Xavier Rudd

Weltverbesserer sind oft hoffnungslos verkniffen, meist sogar miesepetrig. Verfechter des Friede-Freude-Eierkuchen-Prinzips dagegen kommen mit einem waffenscheinpflichtigen Grinsen daher. Beides nicht auszuhalten! Zum Glück gibt es einen Xavier Rudd, der sich Versonnenheit bewahrt hat, obwohl er harsche Zivilisationskritik übt. Der Australier zählt zu den angenehmen Gestalten unter den Singer-Songwritern mit gesellschaftspolitischem Anspruch. Rudd verbindet Umweltbewusstsein mit universeller Spiritualität, lässt seinen globalen Humanismus nie zur Worthülse verkommen, macht den Kampf für Gerechtigkeit exemplarisch am Eintreten für die Rechte der Aborigines fest. Er wirkt wie der leibhaftige Gegenentwurf zum von steter Gier getriebenem Konsum und unbedingtem Verlangen nach Individualität. Rudd gerät zum modernen Hippie, der so sehr in sich ruht, dass er die eigene Haltung mit größtmöglicher Entspanntheit vorträgt. Alles Engagement wird von einer Art Urvertrauen in die starken Kräfte des Guten getragen. Er propagiert dabei ein Miteinander von Tradition und Moderne, sucht nach Gemeinsamkeiten zwischen Völkern. Der gemeinsame Nenner ist für ihn diese eine Erde, die alle Menschen miteinander teilen. Was auf den ersten Blick naiv klingt, ist natürlich völlig vernünftig. Die einzelnen Bewohner eines großen Wohnkomplexes haben schließlich ja allesamt ein berechtigtes Interesse daran, dass die Aktionen einzelner Mieter nicht zum Einsturz des gesamten Gebäudes führen. Dass der werte Herr Rudd noch immer nicht müde wird, sich für eine bessere Welt einzusetzen, belegt die vor wenigen Wochen erschienen Platte Live in the Netherlands.

Gerade eine Botschaft voll positiver Vibes schreit förmlich danach, im Rahmen eines Konzertes festgehalten zu werden. Die Art, wie Rudd seine Auftritte gestaltet, vermag jedoch zu überraschen. Wer meint, dass er womöglich darauf abzielt, tausenden Kehlen abgedroschene Weltverbesserungsparolen abzutrotzen, wird staunen. Rudd nimmt die Musik viel zu ernst, um einen Gig zum Happening verkommen zu lassen. Versonnenheit und Zivilisationskritik, live! – Xavier Rudd weiterlesen

Schlaglicht 74: Kevin Morby

Photo Credit: Adarsha Benjamin

Was macht diese Welt eigentlich, wenn ein Herr Dylan mal auf seiner achtlos auf dem Parkett herumliegenden Nobelpreismedaille ausrutscht und sich das Genick bricht? Spätestens dann wäre das Geschrei nach Reserve-Dylans groß. Doch in diese zugegeben nicht kleinen kompositorischen Fußstapfen zu treten, ist kein leichtes Unterfangen. Seit Jahrzehnten schon haben unzählige Singer-Songwriter zaghafte Schritte in die Richtung unternommen. Kaum einer hat freilich die Siebenmeilenstiefel geschnürt. Kevin Morby ist mit eben jenen an vielen Hoffnungsträgern längst vorbeigewieselt. Bereits vergangenes Jahr hatte ich anlässlich des Albums Singing Saw folgendes konstatiert: „Was sehnen wir doch einen neuen Dylan herbei, zumindest aber einen Singer-Songwriter, der unseren Blick auf die Welt verändert! Wir gestehen vielen Liedermachern zu, dass sie in der Tradition eines Dylan stehen. Dass es nicht zu mehr reicht, liegt aber vielleicht eher an unserer Wahrnehmung, nicht am Talent vermeintlicher Epigonen. Auf Morby haftet der Fluch der späten Geburt, das Leben in einer Zeit, die sich zwar stets und immer aufregt, zugleich jedoch zu bequem zur Revolution ist.“

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Schlaglicht 73: Vil

Entschleunigung und Entspannung. In fordernden, geradezu auslaugenden Zeiten sehnt man sich nach ein wenig Ruhe. Viele Bücher überbieten sich mit Tipps, wie es denn mit der Work-Life-Balance endlich klappt. An Ratgeberei mangelt es nicht. Aber allen Vorsätzen steht das Funktionieren entgegen, auf das man zu lange schon getrimmt wurde. Auch Rückzugsorte sind schwer zu finden, speziell im Zustand permanenter Erreichbarkeit. Wo alles Motivations – und Meditationsgequatsche ins Leere läuft, kann vielleicht Kunst – und ganz speziell Musik – in die Bresche springen. Dabei habe ich freilich keinerlei esoterisches Gedudel im Sinn, vielmehr das dänisch-isländische Duo Vil, dessen Album Mens vi falder stille skandinavische Kargheit mit chansonesker Leichtigkeit verbindet. Folk und Ambient prägen die Platte, manche Stücke sind durchaus melodisch gehalten, andere wiederum fragmentarisch und zerbrechlich, verhalten und intim.

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Schlaglicht 72: Carpet

Entspannten, geradezu sonnigen psychedelischen Rock, der oftmals wie eine an satten Farbe reiche Fotografie aus den guten alten Siebzigern anmutet, hat die Band Carpet auf ihrem neuen Album Secret Box anzubieten. Solch herrlich originärer Sound mag einige Assoziationen bezüglich seines Ursprungs wecken. Zumindest mir käme dabei Augsburg nun wirklich nicht in den Sinn. An dem heimeligen, angespacten, mitunter fusionhaften Album baumelt zumindest nach meinem Begriff das Etikett Kalifornien. Müsste ich den Wesenszustand dieser Klänge mit einem knackigen Slogan beschreiben, dann wäre das Motto „Utopia meets Comfort Zone“ nicht so verkehrt. Nostalgie umweht das Werk, es wirkt wie in einer Zeit entstanden, als die Zukunft noch voller romantischer Verheißungen und Träume war. Ersonnen in einem inspirierten Moment der Muße.

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Mammut Merritt – The Magnetic Fields

Photo Credit: Marcelo_Krasilcic

Große Projekte verdienen eine ausgiebigere Betrachtung als herkömmliche Unterfangen. Darum höre ich seit Wochen schon 50 Song Memoir, das nicht eben läppische 5 CDs umfassende Box-Set von The Magnetic Fields. Mastermind Stephin Merritt wühlt hier in seinen Erinnerungen, lässt die ersten 50 Jahre seines Lebens Revue passieren. Die Idee zu diesem Vorhaben kam vom Boss seines Plattenlabels Nonesuch Records, entwickelte sich aber keineswegs aus einer Bierlaune heraus. 1999 bedeuteten die aus 3 CDs bestehenden 69 Love Songs ja Merritts Durchbruch. Seit damals ist Merritt ein Darling der Musikkritik und mehr noch eine Ikone der großstädtisch-liberalen Musikfans. Es war also durchaus nicht bloß künstlerische Bewunderung, die Robert Hurwitz von Nonesuch zu jener Anregung trieb. Ein Opus magnum vom Schlage der 69 Love Songs können nicht viele Songwriter stemmen, für Merritt dagegen scheint der Umfang eines Box-Sets geradezu prädestiniert, wie auch 50 Song Memoir einmal mehr belegt.

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Musikvideo: Kasabian – You’re In Love With A Psycho

Dank sozialer Netzwerke kann man heutzutage Launen und Gemütslagen jederzeit mit der ganzen Welt teilen. Daran ist nichts weiter auszusetzen. Problematisch jedoch wird es, wenn die eigene Befindlichkeit zur alleinigen Argumentationsgrundlage wird. Wenn man also etwas furchtbar findet, weil man sich beleidigt sieht. Es wird in diesem Fall nicht nach der Intention des Tuns geforscht, es zählt ausschließlich die Wirkung am eigenen Leib. Das zeugt schon von Empathielosigkeit. Dass viele Menschen sich daraus einen Sport machen, die Weiten des Internets nach vermeintlich anstößigen Dingen zu durchforsten, die sie zusammen mit Gleichgesinnten als verletzend wahrnehmen können, schlägt dem Fass den Boden aus. Einen solchen Shitstorm hat vergangene Woche auch die britische Formation Kasabian erlebt, als sie das Video zum Song You’re In Love With A Psycho präsentierte. Ein britischer Interessenverband namens Time to Change stieß sich nicht nur an der Verwendung des Wortes Psycho, darüber hinaus fand man auch den Inhalt des Clips äußerst unpassend. Time to Change möchte der Diskriminierung von Menschen mit psychischen Erkrankungen den Kampf ansagen, versucht die öffentliche Wahrnehmung zu verändern. Prinzipiell löblich, aber nicht wirklich zielführend, wenn man vor lauter Verbissenheit jeglichen Sinn für Humor verliert. Denn Kasabians Parodie auf den Alltag in einer Irrenanstalt steht fraglos in der Tradition von Einer flog übers Kuckucksnest. Die Albernheit, die dem Schaffen der Jungs aus Leicester oft innewohnt, ist selbstironisch zu verstehen. Kasabian persiflieren gekonnt ihr Rockstar-Image. Ihr Faible für sehr schräge Inszenierung macht sie zu absoluten Sympathieträgern.

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Schatzkästchen 86: Saint Etienne – Heather

Irgendwann wenn die Erholungsphasen zwischen Exzessen länger und länger dauern, hat man die Jugend mit der ihr eigenen selbstzerstörischen Rücksichtslosigkeit hinter sich. Ab dann trachtet man nur noch danach, möglichst gut zu altern. Was aufs Leben zutrifft, gilt freilich auch für das künstlerische Schaffen. Heute möchte ich mich kurz mit einer Band beschäftigen, von der zwar keinerlei Ausschweifungen aus den Glanzzeiten überliefert sind, die sich aber wirklich gut darauf versteht, mit Stil, Charme und Witz zu reifen. Wo andere Bands nach 25 Jahren im Musikgeschäft schon verdammt alt aussehen, machen Saint Etienne noch immer ausgezeichnete Figur. Angeführt von der unwiderstehlichen Sarah Cracknell hat das Trio über all die Jahre Disco-Glam-Pop von zeitloser Frische perfektioniert. Ein Dahinsiechen in puncto Kreativität ist nicht abzusehen, wie auch der neue Track Heather belegt. Heather kündigt das für Juni avisierte neue Album Home Counties an und offeriert eine Sarah Cracknell, die Hörer nach wie vor – ja vielleicht sogar mehr denn je – um den Finger zu wickeln versteht. Schatzkästchen 86: Saint Etienne – Heather weiterlesen