Archiv der Kategorie: Alben 2009

Reviews aktueller Releases.

Free Download: Pursesnatchers – To Feet Of Snow

Heute möchte ich eine vor über 4 Jahren erschienene Platte empfehlen. Nun ist mir klar, dass das Internet ein Medium ist, welches nach Aktualität giert. Wenn ich da mit einem Album aus dem Jahre Schnee angedackelt komme, lockt das keinen Hund hinter dem Ofen hervor. Aber ich möchte trotzdem auf das Werk To Feet Of Snow [sic!] verweisen, das die Indie-Rock-Formation Pursesnatchers 2009 veröffentlicht hat. Wir hatten aus weihnachtlichem Anlass bereits in unserem Adventskalender 2009 von dem Song Christmas Lights geschwärmt. Auch ein paar Weihnachtsfeste und gefühlt 1000 ausbaldowerte Weihnachtslieder später ist jenes Christmas Lights für mich ein herausragendes Beispiel für ein modernes, der Festlichkeit huldigendes Songwriting, das jenseits aller Klischees erzählt. Es spricht nichts gegen traditionelles Liedgut, es spricht nichts gegen angekitschte Herzerwärmung, aber man kann sich Weihnachten durchaus auch mit einer gewissen Sehnsucht, mit einer zärtlichen Ehrfurcht annähern. Und genau dies tun die Pursesnatchers, wenn sie die Geschichte eines Pärchens schildern, welches zu Weihnachten mit dem Auto über die verschneite Autobahn fährt, dorthin nämlich, wo allerlei schöne neue Häuser in den Himmel wachsen. Diese Häuser, die nun über und über mit Weihnachtsbeleuchtung geschmückt sind, funkeln und glitzern. Und jener Anblick übertrumpft alle Sorgen, weckt die Hoffnung, selbst einmal gemeinsam in einem festlich beleuchteten Haus zu leben. Wie das Lied den überwältigenden Moment ins Auge fasst, mit wenigen Worten eine Sehnsucht festpinnt, das steht durchaus in der Tradition großer amerikanischer Erzählkunst. Mit dem Auto einer kleinstädtischen oder dörflichen Enge zu entfliehen, an einen Ort zu fahren, wo Träume greifbar und erfahrbar werden, ist eines dieser großen amerikanischen Motive, die mich immer wieder beeindrucken. Wohl auch deshalb bin ich von Christmas Lights so angetan.

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Mal kurz um die Ecke getanzt – The Kabeedies

Es soll ja Wunderheiler geben, die mittels Kraft der Suggestion einem Gehbehinderten meist kurzzeitig wieder auf die Füße helfen – und sich den faulen Zauber gar versilbern lassen. Ich denke mir, dies kann man auch günstiger haben. Sollte die Kraft der Musik tatsächlich soviel Freude und Übermut produzieren, dass sogar körperliche Defizite überwunden werden können, dann stammt diese Musik ziemlich wahrscheinlich von The Kabeedies. In den besten Momenten nämlich zaubert die Band Lieder aus dem Köcher, die selbst einen begnadeten Nichttänzer zum Steppen verleiten, schlicht und ergreifend die pure Wonne an körperlichen Verrenkungen aktivieren. Das nun auch außerhalb Großbritanniens erscheinende Album Rumpus wuselt launig unkonventionell, hält im besten Sinne Wohlfühlmusik bereit, welche den Moment gnadenlos verschönert.

Ein durchschnittlicher Song der Kabeedies dauert knapp über 2 Minuten, hat also ziemlich genau die Länge, welche es braucht, ehe man dank unkontrolliert wilder Bewegungen irgendeinen Tisch umwirft, mit einem Mittänzer kollidiert oder vom Schwindel ermattet auf einen Sessel sinkt. Die Band setzt auf zackigen Indie-Pop, verfeinert diesen mit Ska- und Rockabilly-Elementen, fetzt mit augenzwinkernd turbo-punkiger Attitüde und einer attraktiven Frauenstimme. Soviel Engagement fordert Tribut und deshalb gönnt sich Rumpus auch die eine oder andere Verschnaufpause. Die sei sowohl der Band als auch dem Hörer durchaus gegönnt. Glanzpunkte des Album sind Lovers Ought To mit rasant-jodeligem Refrain, bei welchem kein Bein still stehen kann, das nicht minder knuffige Jitterbug und Petits Filous, welches sich im Zwiegespräch britisch humorig gibt und im Refrain eine famose, selbstredend rasante Hookline vom Stapel lässt. We Make Our Own Adventures geizt ebenso nicht mit Selbstbewusstsein, das sich die jungen Springinsfelde freilich absolut zurecht ans Revers haften. Man könnte guten Gewissens noch eine Handvoll weitere Songs anführen, denen es zwar nicht an Dynamik mangelt, die jedoch ein klein bisschen unpfiffiger ausfallen, Little Brains oder King Canute zum Beispiel. Wenn The Kabeedies allerdings mehrstimmige Balladen (Petroleum Jelly) in Angriff nehmen, erahnt der Hörer, dass die Formation besonders von ihrem Elan lebt, davon die eigenständige Note bezieht.

Hierzulande beschert die Export Edition von Rumpus zusätzliche sieben Bonustracks, merheitlich akustische Versionen, welche unter Beweis stellen, dass die Band ihr Handwerk versteht, nicht lediglich als verkrachte Existenz funktioniert, sowie weitere Songs, die es wohl zurecht nicht auf die bereits 2009 auf der Insel erschienene Originalversion von Rumpus geschafft haben. Trotz kleiner Schönheitsfehler will ich die Scheibe nichtsdestotrotz als gelungen bezeichnen. Soviel überwältigende Spielfreude, welche selbst den griesgrämigsten Zeitgenossen zum Tanz animiert, sollte man zu schätzen wissen. The Kabeedies bewerkstelligen einen rockig-flockige Fröhlichkeit, die clever genug scheint, das Offensichtliche zu vermeiden, um die Ecke denkt wie tanzt.

Wer Frontfrau Katie und die Herren Evan, Fab und Roary live erleben möchte, darf dies derzeit tun. Die Gruppe tourt gerade durch Deutschland.

Rumpus (Export Edition) ist am 17.09. auf NRONE Records erschienen.

Konzerttermine:

16.10.10 Stuttgart – Zwölfzehn
17.10.10 Dornbirn (A) – KIK
18.10.10 Riedlingen – Lichtspielhaus
19.10.10 München – Atomic Cafe
20.10.10 Kassel – A.R.M.
22.10.10 Krefeld – Kulturrampe
26.10.10 Würzburg – Cairo
27.10.10 Potsdam – Waschhaus
29.10.10 Fulda – Kreuz
(Da es widersprüchliche Angaben zu den Terminen gibt, habe es ich nur die angeführt, die auch auf den Webauftritten der jeweiligen Locations bestätigt sind.)

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Mikroboy, nicht einfach nur der x-te Indie-Act

Deutscher Indie-Pop mit Gitarre und Electro-Schnickschnack – das sind kurz und knackig formuliert Mikroboy, die sich beim Bundesvision Song Contest 2010 für das Saarland den Arsch aufreißen wollen. Warum diese deftige Ausdrucksweise? Einfach deshalb, weil sie sich mehr abstrampeln werden müssen als jeder Radfahrer bei der Tour de France. Der Grund liegt in einem für solch einen Bewerb suboptimalen Lied. Nichts ist umsonst ist kein übler Track, aber wahrlich kein Titel, welches dem Hörer beim ersten Erlauschen die Knie schlottern lässt. Dazu fehlt ein Refrain, den man auch eine Stunde später noch aus dem Stegreif nachsingen kann.

Foto Credit: Mikroboy/wikimedia commons/cc by-sa

Auf dem bereits 2009 veröffentlichten Album Nennt es, wie Ihr wollt. finden sich einige wirklich gute Songs, die selbst einem abseits der Charts unbedarftem Fernsehpublikum Vergnügen bereiten können. Pre oder Prost wäre als Beispiel zu nennen – oder auch Du, nicht wir!, das textlich geradezu prädestiniert für solch ein Ereignis scheint. Beides tolle Lieder, die verdeutlichen, warum Mastermind Michi Ludes mit Mikroboy nicht einfach nur den x-ten Indie-Act darstellt, der dem großen Erfolg hinterherlechzt.

Aber kommen wir zurück zu Nichts ist umsonst. Musikalisch bietet es einen angenehmen Gitarrensound mit den charakteristischen Electro-Elementen, aber da es an einem erkennbaren Refrain mangelt, die Worte Nichts ist umsonst im gesamten Lied kein einziges Mal auftauchen – ein bei einem Contest nicht zu unterschätzender Nachteil,  erwarte ich keine vordere Platzierung.  Schade den Lyrics wie „Und je größer unsre Herzen, desto größer auch die Schmerzen. Doch es war jede Träne wert.“ sind so kompakt wie schön. Sogar wenn dieser Titel wohl nur die hartgesottenen Fans der Band zur Teilnahme am Voting animieren wird, sei musikalischen Feingeister das ohne Frage gelungene Album ins Gedächtnis gerufen. Wer eine sympathische, gute Band, die außerdem noch ihr Handwerk versteht, unterstützen will, dem liefert Nennt es, wie Ihr wollt. ausreichend Gründe, dennoch zielstrebig zum Hörer zu greifen. Alternativ dazu könnte man sich auch einfach die CD kaufen und beim Bundesvision Song Contest für irgendein anderes Bundesland stimmen. Damit würden Mikroboy sicher ebenfalls gut leben können…

Die Single Nichts ist umsonst (inklusive Poster) erscheint am 24.09. auf Ministry of Sound.

Konzerttermine:

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SomeVapourTrails

Psychohygiene statt Gurkenglasaroma – mob

Vor einigen Wochen führte die Charme-Offensive einer österreichischen Band dazu, dass zahlreiche deutschsprachige Musikblogs allerlei Lobesworte in die Tasten klopften. Nicht ohne Grund, möchte ich vorausschicken. Ob dies nun zu warmsemmeligen Plattenverkäufen geführt oder gar ein Abdriften ins Schlaraffenland enormer Bekanntheit ermöglicht hat, darf bezweifelt werden. Das ist eine Schande, denn die Wiener Formation mob zählt zu den wenigen deutschsprachig agierenden Bands, die in Sachen Textlichkeit weder peinlich noch prätentiös agieren. Deutsche Texte müssen nicht immer das Gurkenglasaroma abgestandener Sperrigkeit atmen, die exaltierte Bedeutungsschwere der letzten Scheibe von Element of Crime kann nicht der Weisheit letzter Schluss sein.

Foto: Christian Franke

Die Wurzeln der Band liegen im Austropop, denn obwohl mob nicht dem Dialektgesang huldigen, knüpfen Sie doch an eine Poetik an, welche in den 70ern angenehm unangepasst und authentisch hervorstach. Dass das balladeske Element nie säuselnd vorgetragen wird und auch schwungvollere Nummern oft in der Tradition des Chansons stehen, die Musik also geradezu perfekt um textliche Aussagen kreist, macht den speziellen Sound einer Gruppe aus, der sowohl mit Piano als auch durch Gitarre glänzt, sich nie in den ewig gleich Riffs von Klampfen-Pop verfängt. Dass Sänger Raphael Sas Emotionen wie Irritationen in feinen Nuancen auszudrücken weiß, erhebt das Album Mich kriegt ihr nicht endgültig in den Adelsstand.

Was es war gehört zu den vorzüglichsten Nummern der Scheibe, gerät zu einer kraftstrotzend melancholischen Fantasie, voll melodischer Verträumtheit. Doch haben die Herren Sas (Gitarre/Gesang), Christian Franke (Bass), Manuel Prenner (Schlagzeug), Stefan Franke (Klavier) einige Pfeile im Köcher. In eine ähnliche Kerbe schlägt nämlich auch Was mit uns passiert, ebenfalls ein betörend schönes Lied, dass eine existentialistisch Suche „Heute ist noch zu früh, morgen ist schon zu spät, jetzt stehn wir mittendrin und sehn zu wie die Zeit verrinnt und wissen nicht wohin.“ im Hier münden lässt, das Jetzt propagiert. Das gleichfalls sprachlich gewaltige Nur Worte entkommt allen Klischees, gerät dabei zu einer gedankenschweren Liebesbekundung, die die Welt eben nicht in eitle Wonne taucht. Auch Abschiede werden angemessen zelebriert, wie bei  Du bist gegangen in erinnernden Schmerz gehüllt. Die introspektiven Einblicke sind Erkenntnisse jenseits des Blablas des Offensichtlichen und klingen durchaus mal verzweifelt (Der Augenblick), Liebe wird nicht mit einem abgetakelten Schubidu zelebriert, vielmehr gleich in höhere Sphären gehievt (Sterne). All die Lieder vereinen Emotionen mit Fragen, zeugen von einem auf Psychohygiene ausgelegten Gefühlshaushalt, der Zweifel und Suche nicht wegdrückt, Verlangen mit gehobener Romantik bündelt – wie bei Fast jeden Tag.

<a href="http://mobcamp.bandcamp.com/album/mich-kriegt-ihr-nicht">Mich kriegt ihr nicht by mob</a>

Letztlich werden genau diese Sentimente mob zum Verhängnis. Oberflächliche Hörer werden von dem aufgeräumten Tiefgang wohl abgeschreckt. Beseelte Denker freilich sollten die Wiener Band in Herz und Hirn aufnehmen. Mich kriegt ihr nicht gehört zu der Sorte Alben, die es im deutschsprachigen Raum viel zu selten gibt – und in österreichischen Landen seit Ewigkeiten nicht mehr gab.

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Vielfältige Lichtgestalten – Waxolutionists

Manch Album ist auch Monate nach der Veröffentlichung weit davon entfernt durchrezensiert und -konsumiert zu sein. Heutzutage werden viele Platten zum Release-Datum mit viel Tamtam hofiert, sind in aller Ohren, um dann schnell dem nächsten extraordinären Gehörerlebnis zu weichen. Doch selbst der heiße Scheiß scheint schnell aus dem Sinn, wenn nicht permanente Promotion und ausgiebige Touren der Veröffentlichung folgen. Was noch vor wenigen Wochen angesagt war, wird bald zum kalten Kaffee. Schlimmer noch trifft es die Acts, deren Werk bereits bei Erscheinen weitgehend stiefmütterliche Ignoranz erfahren musste. In diese Kategorie gehört We Paint Colors von den Waxolutionists.

Nun wird der Kenner diese natürlich sofort als österreichische Hip-Hop-Formation identifizieren, denn gar so unbekannt sind Waxolutionists nun ja nicht. Und dennoch wird viel zu wenig Aufhebens um den Umstand gemacht, dass es keine – zumindest mir bekannte – deutsche oder österreichische Vertreter dieser Zunft gibt, die auch nur annähernd so international klingen, Trends folglich nicht aufgreifen, vielmehr selbst neue Maßstäbe zu setzen suchen. Die Art und Weise, mit der DJ Buzz, The Bionic Kid und DJ Zuzee klassischen Rap mit schicken Beats und Samples, Turntablism und allerlei Ideen zu einem das Genre sprengenden Sound stylen und jede Menge MCs vor das Mikrofon bitten, diese Manier hat Stil. Ob soulige Elemente (Flashlight) oder ein jazziger, dank Flöte sommerlich warmer Flair, wie bei Fields Of Wonders zu hören, das Trio bietet viel mehr als herkömmliche Kost. Und auch zahlreich vertretene Gäste täuschen nicht darüber hinweg, dass die Waxolutionists einfach ein Händchen für instrumentale Kompositionen haben, die sprechgesanglichen Passagen bestenfalls das Sahnehäubchen bedeuten. Besonders gelungen ist Zusammenarbeit mit Dave Ghetto, Mystic und Hezekiah. Feet Don’t Fail Me gerät zu einem starken Ohrwurm, der zumindest in den USA absolutes Chartspotential haben müsste. Auch Manuva, der mit dem Titel Nachtschattengewächs bereits vor Jahren einen virtuosen(!) Track zusammen mit den Waxolutionists fabriziert hat, findet sich auf Showbiz wieder. On!!! mit Frank Nitty gehört mit seiner augenzwinkernden Persiflage auf Genre-Stereotypen ebenfalls zu den Highlights. Und auf Kill Kill Kill findet sich sogar französischer Rap (dank Big Red) in Highspeed-Drum’n’Bass. Diese Vielfalt beeindruckt so sehr wie sie letztlich auch unterhält.

Die Waxolutionists haben bei We Paint Colors wiederum kräftige Pinselstriche gesetzt und sind ihrem Ruf als Lichtgestalten einer meist drögen österreichischen Musikszene mehr als nur gerecht geworden. Und genau dies hätten letztes Jahr ruhig wesentlich mehr Hörer wie Rezensenten attestieren dürfen.

Auftritte:

12.03.10 Mayrhofen (A) – Wängl Tängl
19.03.10 Bern (CH) – Dachstock

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Label-Seite

Interview in der Wiener Zeitung

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Nahezu al dente – Ich und mein Tiger

Denk ich an Gitarren-Pop der akustischen Sorte mit deutschen Texten versehen, dann schweben vor meinem geistigen Auge die Schemen von Pädagogik-Studenten herum, die Weltverbesserung noch als bierernstes Ideal erachten und Musik als Mittel der Belehrung verinnerlicht haben. Aus diesem Vorurteil heraus zwirbelten sich meine Augenbrauen, als mir vor einigen Wochen die CD einer Bremer Band samt Presseinfo ins Haus flatterte. Wer sich im Brustton der Überzeugung zur Sprache Goethes und Klampfensound bekennt, dem schwappt meine Skepsis entgegen. Doch Ich und mein Tiger gehören zu den rühmlichen Ausnahmen. Das Ende Oktober erschienene Erstlingswerk Und all die anderen Leben erfüllt über weite Strecken sämtliche Anforderungen eines durchdachten, nie zu bedeutungsschweren, handwerklich sehr soliden Albums.

Und obgleich ich das Album nach mehreren Hördurchläufen voller Wohlwollen betrachte, will ich doch zunächst die Schwachstellen ein wenig beleuchten. Die Herren Sebastian Herde (Gesang, Gitarre), Niklas Keil (Gitarre, Gesang) und Richard Welschhoff (Kontrabass) singen und spielen über alltägliche Fremdheit, Verlorenheit und Hoffnungen – und dies vom Scheitel bis zur Sohle durch und durch authentisch. Aber neben wirklich tollen Vergleichen wie „Deine Augen leuchten bunt, als wenn in deinem Kopf Silvester wär“ – was für ein Bild! – und knackigen Zeilen („Du hast die Liebenden gesehn, wie sie sich umdrehen und voneinander gehen„), sind manche Passagen dann doch einen Deut zu übertrieben, wird mit „Stell dir vor es ist Krieg und du der einzige Soldat“ oder „Auf Knien holt dich nur der Tod“ ein wenig viel textlicher Pathos eingestreut. Mitunter verstecken sich die Instrumente, hinken dem präsenten Gesang zu sehr hinterher, sind lediglich auf Begleitgeklimper reduziert, entwickeln nur selten eigene Wirkung. Das insgesamt positive Erscheinungsbild soll dadurch jedoch nicht in Zweifel gezogen werden.

So will ich das Lied Cassiopeia nicht unter den Tisch fallen lassen, wo die von der Band gewählte Herangehensweise Wirkung zeitigt, der Refrain im Ohr haften bleibt und die Poesie, zu der Ich und mein Tiger befähigt sind, wunderbar funktioniert. Auch die einfühlsame Ballade Steine überzeugt mich völlig, könnte mit peppigerer Instrumentierung sogar Mainstream-Gemüter einnehmen. Frühling bedient sich zwar altbekannter Akkorde, gelingt jedoch dank der beschwingten Unbeschwertheit sehr gut.

Insgesamt kann ich der Formation guten Gewissens ein positives Zeugnis ausstellen, wenngleich ich fast darauf wetten möchte, dass eine breitere Instrumentierung vor allem Lieder wie Fahrstuhlmusik noch mitreißender gestalten würde. So oft begegnet man Bands, die man in den Arm nehmen will, um die bittere Wahrheit trostspendend mitzuteilen, dass ihre Musik zu dilettantisch, beliebig oder schlichtweg mittelmäßig ist. Dies trifft auf Ich und mein Tiger keinesfalls zu. Den Herren bescheinige ich die besten Anlagen, so empfinde ich zum Beispiel die Stimme von Sebastian Herde als markant und warm. Ich für meinen Teil werde von nun an kräftig die Daumen halten, denn die jetzige Umsetzung der Lieder wird für den großen Durchbruch wohl leider noch nicht reichen, wenngleich die Qualitäten von Und all die anderen Leben unübersehbar sind. Noch fehlt der allerletzte Biss, ist die Musik noch nicht völlig al dente, aber viel bekömmlicher als das meiste, was man sonst so vorgesetzt bekommt.

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Ach du heiliger Bimbam! – railcars

Ich bin ein Fan der Würze in der Kürze. Es gibt kaum ein Buch, dass berechtigterweise mehr als 300 Seiten zählen darf – von der Bibel abgesehen. Und Filme, die über 2 Stunden dauern, vermögen mich eher abzuschrecken. Auch in der Musik präferiere ich eine Prägnanz, erlaube höchstens Post-Rock-Göttern und den größten Songwritern mich über 5 Minuten lang mit ein und derselben Komposition zu behelligen. Unter diesem Aspekt kann ich mit dem Album Cathedral With No Eyes sehr gut leben. Sechs Tracks erstrecken sich auf knapp über 18 Minuten und erstrahlen in konzentrierter Intensität. Hinter dem Projekt railcars verbirgt sich der Aria Jalali, der dichten Lärm in den besten Phasen mit Schnellstampfrthythmen kombiniert und somit eine headbangerische Trance kreiert. Die Platte beschäftigt sich mit dem Leben und Märtyrertod des Heiligen Edmunds, eines im 9. Jahrhundert auf der britischen Insel herrschenden Königs. Allein dies musikalisch zu verwursten, erweckt bereits mein Wohlwollen. Das famose Plattencover stärkt das Zutrauen weiter.

Die im Oktober 2009 erschienene Scheibe präsentiert poppigen Noise in einem wirklich aufregenden Gewand. Bereits der Track Castles wuselt wundervoll durch die Boxen, klingt so als hätte eine zünftige Dorfkirmes Techno für sich entdeckt und rustikal-urtümlich interpretiert. Passion of Saint Edmund (Miracles) knüpft an das muntere Treiben an, in verzerrtem Lo-Fi-Donnerwetter entwickelt sich tatsächlich lärmigste Leidenschaft, die im Titelsong Cathedral With No Eyes schreihalsig und von vorwärts marschierenden Beats getragen gipfelt. Ein unaufhörliches Sperrfeuer durchfiebert den Track, kernig wie deftig, derart eingängig, dass man sich nicht losreißen möchte. Den Rest des Albums zieren experimentelle Soundcollagen, die Einstimmung, Innehalten und Endvergärung sind.

railcars ist derzeit fast am Ende einer ausgedehnten Europa-Tour angekommen, wer noch die Möglichkeit hat, dies elektronisch aufgeladene Musikgewimmer live zu erleben und der Ekstase zugetan scheint, sollte dies auch dringendst tun. Ich für meinen Teil habe ein derart kettenrasselndes  Feuerwerk gespickt mit Klängen, welche angenehm wuchtig wirken, schon lange nicht mehr gehört. Ach du heiliger Bimbam, so und nicht anders soll Lärm klingen!

Tour-Termine:

13.02.10 Nürnberg – Zentralcafé K4
15.02.10 Hamburg – Hafenklang

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Mädchenherzensangelegenheiten – erving

Manch Album lagert in unseren Regalen und reift mehr oder minder beachtet vor sich hin. Was meine werte Co-Bloggerin oftmals nach dem ersten Hördurchlauf noch mit wohlwollendem Enthusiasmus bedenkt, erfreut sich dann im Laufe der Zeit der Habhaftwerdung durch Spinnweben. Und dies sagt weniger über die Qualität dieser CDs aus, vielmehr treibt die Fülle an Wunderwerken manch Kleinod in einen hinteren Winkel. Wenn sich die Nebel lichten, ein spontaner Anfall von Ordnungswut die Musiksammlung heimsucht, findet meine Blog-Chefin immer auch Scheiben, die eine Erwähnung auf unserer kleinen, feinen Seite verdienen. Selbstredend werden diese Relikte dann mir zum Anhören verordnet. Und so darf ich heute über ein Album sprechen, dass sich die eine oder andere Penetration der Gehörgänge von Musikliebhabern sehr verdient hat. Die Rede ist von Lonely Girl At Heart von der amerikanisch-deutschen Band erving.

Welcher audiophile Enthusiast kennt dies nicht: Man hört eine CD, erfreut sich an dem Sound und kratzt sich dennoch ohne Unterlass am Kopf, weil irgendeine entscheidende Winzigkeit das Gesamtbild irritiert. Und plötzlich erkennt man das Problem! So zumindest geht es mir mit Lonely Girl At Heart. Die Stimme der Sängerin Carrie Erving hat ein feines Timbre und ist bei aller Lieblichkeit kräftig genug, um auch in kräftiger Instrumentierung nicht unterzugehen. Das Songwriting überzeugt auf der textlichen Ebene, ein Lied wie Airport mit den Worten „You said you’d be my airport, you don’t know how good that sounds. Well baby, I hope you meant it cause I’m flying low to the ground.“ erweckt ein starkes Bild. Oder wenn sich flattery auf imagery reimt, dann genügt mir dies, um den Standpunkt zu entwickeln, dass hier nicht einfach belangloses Rumgesülze stattfindet. Auch musikalisch vermögen mich Songs wie Traveler’s Lullaby als Midtempo-Ballade oder das dichte Little Bird einzunehmen. Was mich jedoch nicht gänzlich zu fesseln vermag, ist die Mischung aus gestandenen Country-Klängen, wie sie den titelgebenden Track Lonely Girl At Heart kräftig ummalen, und stark in Richtung Electro-Pop tendierende Stücke wie Don’t Put Your Crazy On Me. Dies klingt dann doch wie Kraut und Rüben, scheint mir zu kunterbunt durchmixt. Das Problem tritt bei Prozac Paradise besonders deutlich zu Tage, einem Song, der ohne elektronische Sperenzchen besser funktionieren würde. Ob Carrie Erving oder eines der beiden weiteren Bandmitgliedern, Uwe Effertz und Tom Krimi, diese Note zu verantworten haben, entzieht sich meiner Kenntnis. Denn wenngleich irgendwo zwischen Folk und Americana angesiedelte Musik durchaus moderne Twists vertragen kann und damit aus der Masse hervorzustechen vermag, so wurde bei manchen Tracks ein wenig zu viel gewollt. Dies ging auf Kosten der Kohärenz.

Doch will ich mit dieser Einschätzung niemandem die Platte madig machen. Denn die positiven Aspekte überwiegen. Was sich als Herzensangelegenheiten eines einsamen Mädchens tarnt, ist angenehm tiefgründig, emotionsbeladen und nie eine hysterische Nabelschau. erving haben ganz leise Momente, die eine stimmige Atmosphäre kreieren – besonders wenn die Gitarren dominieren. Da vermag die Amerikanerin Erving mit ihren deutschen Kollegen klanglich die Prärie zu durchreiten, dazu noch ein Quäntchen Glockenspiel und die Chose gerät perfekt. Dem in Berlin ansässige Trio sollte man trotz kleiner Schwächen auf alle Fälle eine Chance geben, denn über Charme verfügt Lonely Girl At Heart allemal. Wer einen derart betörenden Track wie The Rains ersinnt, hat jede Menge Aufmerksamkeit anstelle von Spinnwebenumkränzung verdient.

Lonely Girl At Heart ist im November 2009 beim Label popup-records erschienen.

Tour-Daten:

11.02.10 Kiel – Prinz Willy
12.02.10 Rostock – Cafe Momo
13.02.10 Chemnitz – Exil
24.02.10 Berlin – Schokoladen

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Free Mp3: Editors – Papillion

Während sich auf den Schallgrenzen die super Indie-Musik-Snobs über die Bedeutung der 80er in musikalischer Sicht streiten, die Kämme schwellen und das Hähne und Hühnerpicken mit Kampfeslust den Reigen findet, hier nun ein Exemplar der geglückten Ver-80er-Synthpop-iesierung: Die Editors mit Papillion!

Auf betterpropaganda können und dürfen jetzt alle, die dieses Liedchen noch nicht ihr eigen nennen, die Mp3 legal und kostenlos downloaden.

Hier könnt ihrs nochmal sehen und hören:


Editors – Papillon

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Und hier auf den schallenden Wellen die Kritikerrunde zum Album In This Light & On This Evening nachlesen.

Viel Spass damit!

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Understatement für musikalische Feingeister – Firekites

Die Zeit verfliegt, Alben flattern über den Plattenteller und vermodern dann schnell in einer überbordenden Kiste. Nur die wenigste Musik schafft es, sich ein lauschiges Plätzchen auf der Festplatte des Gehirns zu sichern. Dies hat einerseits mit persönlichen Vorlieben zu tun, aber immer auch mit der Situation, in welcher man die Scheibe hört, und freilich stets mit der Beschaffenheit der Musik. Was nicht lostrompetet wie einst die Schofaren vor Jericho, überwindet nur selten den Wall der Skepsis, den die Flut an musikalischen Eindrücken auftürmt. Viel Musik und wenig Zeit, da versteigt sich die Ratio zu harscher Selektion, um den Fokus auf essentielle Klangfreuden nicht zu verlieren.

Doch manchmal lohnt das erneute Anlegen des Ohrs, um den sanften Pulsschlag einer Platte zu vernehmen. Ab und an wird dadurch zwingend, was vorher den Makel des Unspektakulären trug. Aus diesem Grund müssen in den nächsten Wochen trotz der anstehenden Veröffentlichungsorgie hochwertigster Alben einige feine Miniaturen aus 2009 Erwähnung finden. Zunächst ist das australische Kollektiv Firekites an der Reihe. Anfang Oktober erschien das Debüt The Bowery.

Der Reiz des Werk liegt im Understatement, mit dem durchaus opulent arrangierte Songs in einen intimen, folkigen Rahmen geflochten werden. Statt einer mit viel Tamtam geschwungenen Keule regiert ein fragil geführter Meißel, der gelungene Kleinode formt. Schwelgerische Tagträumereien dominieren und fassen denjenigen Hörer zärtlich an der Hand, der bereit für behagliches Dahindämmern scheint. Der fingerschnippende Gitarrensound von Last Ships umschwebt streicherunterstützt den Hörer, ebenso wie das kammermusikalisch elegante Autumn Story, das luftig mit den Worten We don’t want these days to ever end entfleucht. Another State wäre als weiteres Dream-Folk-Highlight zu nennen, eine monotone Gitarre, dazu verzerrte Synthies und eine geheimnisvolle Frauenstimme bescheren eine magische Atmosphäre. Diese wird bei Worn Weary dank des jazzig-chansonesquer Vortrags noch gesteigert. Verschrobene Beats und hingebungsvoller Gesang lassen dies Lied zu blanker Schönheit wachsen. Als finales Beispiel einer an charismatischen Melodien vielfältigen Scheibe sei auf das perfekt instrumental inszenierte Paris verwiesen.

Das Ensemble rund um die Gründer Tim McPhee und Rod Smith hat mit The Bowery eines der Indie-Fundstücke des vergangenen Jahres abgeliefert. Eine klug durchkomponierte Platte fabriziert, die sich nicht abnützt, vielmehr mit jedem Durchlauf weitere Feinheiten enthüllt. Die Firekites sprechen den reifen musikalischen Feingeist an. Und dieser wird in der Tat nuancenreich beschenkt. Grobschlächtige Gemüter hingegen mögen den zarten Hauch dieser CD wohl nicht registieren.

The Bowery erschien am 01. Oktober 2009 bei Own Records.

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Einschätzung des werten Kollegen Peter auf Schallgrenzen.de

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