Archiv der Kategorie: Alben 2010

Reviews aktueller Releases

Mit müdem Augenaufschlag und teilnehmendem Kaffeehausblick – mob

Wer die Seele in melancholische Schwingungen versetzt, nachdenklich auf einem samtenen Sofa vor sich hin sinniert, dem könnten mit einem schlicht treffenden Gedankenblitz die Worte „Ich will nicht schlafen gehen, ich träume auch so.“ durchs Gehirn quillen. Schwermut muss nicht zwangsläufig grau in grau ausgepinselt verstumpfen, sondern kann auch – angestachelt von der Blauen Stunde – in sattem Kobaltblau ausschraffiert werden. Der östereichische Formation mob hatte ich bereits anlässlich ihres Erstlingswerks Mich kriegt ihr nicht einige Worte ins Weiß dieses Blogs gemeißelt. Auch das vor einem halben Jahr erschiene, selbstbetitelte Nachfolgewerk will ich mit nun einigen Zeilen würdigen, nicht zuletzt weil es Larmoyanz sowie Subtilitäten voll weichem Ausdruck skizziert. Das archetypisch alpenrepublikanische Wesen – von kernigen Tirolern einmal abgesehen – mit seinem poetischen Defätismus und einer bestrickenden Grummeligkeit unterscheidet sich nämlich so wohltuend wie ursprünglich von der knorrigen Direktheit oder dem gar barschen Blaffen, mit welchem viele Deutsche – Bayern ausgeklammert – oft einen Tick zu robust – auch musikalisch – auftreten.

mobs malerische Note zeugt von textlicher Finesse, besticht durch den traumtänzelnden, von Raphael Sas wundervoll dargebotenen sentimentalen Gesang. Bereits die ersten Zeilen des Albums geben den Grundton vor. „Während mich die Stunden zählen, lebt der Tag in mich hinein.“ taucht in lethargische Sphären ab. Ich bin leicht übertüncht sämtliche Realitäten, lotst den Hörer in einen anhaltenden Bann. Hinter den Mauern verfestigt die Stimmung, zeichnet einen passiven, grüblerisch desorientierten Helden („Eine Nacht ist unendlich lang, ohne ein Jetzt, nur ein Irgendwann.„), der sich sehnsuchtsvoll auf die Schwingen des Schicksals legt. mobs Lieder schauen oft tief ins Glas, wirken sentimental, geben Beobachtungen ohne schwere Zunge wieder. Brüten ausgiebig über Betrachtungen fremder Existenzen (Hundeleben), mit müdem Augenaufschlag und teilnehmendem Kaffeehausblick, so gefühlsduselig und dennoch nüchtern. Die ganze Güte der Band kulminiert im eingangs zitierten Ich träume auch so. Hier durchzechen mob schwermütig seelenvoll die grüblerischen Anwandlungen mitternächtlicher oder frühmorgendlicher Stunden. Davon weiß auch Schäbiges Lokal ein erinnerungstrunkenes Lied zu singen, als Abgesang auf die durchfeierten, wundersam verschwendeten Nächte der Jugend, von der verkaterter Erkenntnis berührt: „Und immer wenn wir fallen, fällt ein Teil von uns zu hart, und steht nicht wieder auf„.

Wie die Träumer Sas, Franke, Franke, Schwarz chansonesquen Pop mit der ach so ehrenwerten Wiener Liedermachertraditionen verbinden, dabei auf mit Dialekt verbrämten Manierismus verzichten, diese Melange beschert uns prägnante Gefühlskleckse voller Tiefgang. mob unterstreichen, dass die aufstrebende österreichische Musikszene feine deutschsprachige Texte, denen die ureigene Mentalität und Herkunft an der Nasenspitze abzulesen ist, durchaus wieder verträgt. Was über Jahrzehnte unter den Fittichen einiger weniger alternder Musiker vergammelte, findet sich mit mob in neuer Güte wieder, ein melancholisches porträtiertes Wiener Gemüt – ohne raubeinige Gemütlichkeit und vorgestriger Bürgerschrecklichkeit, aber mit einer ganz speziellen, Vergänglichkeiten betonenden Romantik.

mob ist am 26.11.2010 auf Problembär Records erschienen.

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Im Niemandsland zwischen aufgehübschten Trivialitäten und Momenten einer Tiefgründigkeit – Bosse

Der Alltagssprachlichkeit ein wenig Poesie heraus kitzelnd, so versucht das Gros der deutschen Liedermacher und Bands zu agieren. Nur wenigen gelingt die Gegenbewegung, die Lyrik des Lebens in schlichten Worten zu binden. Bosse verharrt mit dem neuen Album Wartesaal im Niemandsland zwischen aufgehübschten Trivialitäten und Momenten einer Tiefgründigkeit, die unter der eigenen Bedeutungsschwere ächzen. Einige Texte strahlen ungelenke Gedanken aus, wie Lieschen Müller sie auch nicht unbeholfener formulieren könnte. Wenn man die Qualität von Musik danach beurteilt, in welchem Maß sie den persönlichen Kosmos des Grübelns und Fühlens ausdehnt, schrammt Axel Bosse vereinzelt trotz Ambition an Plattheit kaum vorbei. Schade, meine ich, denn mancherorts tritt die Qualität seiner Schreibe deutlich hervor, ehe konventioneller deutscher Pop die Oberhand behält.

Das Kultivieren von Konventionen betrachte ich durchaus als zulässig, allein im vorliegenden Falle will mir dies als Triebfeder für Wartesaal nicht recht einleuchten. Mit dem Titellied Wartesaal beginnt das Album eigentlich überaus vielversprechend, schildert das altbekannte Warten auf ein besseres, schöneres Leben anschaulich und ohne Selbstmitleidsquark. Allerdings offenbart bereits die Single Weit weg das Dilemma der gesamten Platte. Bosse packt Indie-Rock-Attitüde in die Radiotauglichkeit von Ich + Ich. Heraus schält sich eine naive, weltflüchtige Nummer ohne Überzeugungskraft. Dem wirren, im Refrain allzu schmissig intendierten Metropole haften ebenso einige Makel an. Viel besser schon tönt das kräftige Die Nacht. Mit Zeilen wie „Deine Schatten sind an den Fassaden und peitschender Regen soll die Straßen fegen, auf denen wir mal getanzt und geliebt haben.“ wird ein handfestes Bild rau und ohne Schnörkel melancholisch visualisiert, was man sich öfter wünschen würde. Denn in den bestechenderen Passagen der Platte ähnelt Axel Bosse einem Jan Plewka, versteht sich auf kluges und dynamisches Songwriting. Zuweilen jedoch wird es mit der Cleverness übertrieben, die smart-vertrackte Textlichkeit von Du federst wandelt an der Grenze zu nervigem, allzu fröhlichem Nonsens. Irgendwo zwischen mäßigen Tracks ragt dann aber auch mal ein großartiges Roboterbeine hervor. „Der Tag ist ein Katapult, er zerschießt die Träume.“ sind Worte, die sich in das Gedächtnis einmassieren. Mit der sehnsüchtigen Ballade Nächster Sommer kratzt Bosse nochmals die Kurve, verdrängt die nichtssagende Pfiffigkeit von Frankfurt Oder, lässt einmal mehr eine Klasse aufblitzen.

Wartesaal will Bosse den absoluten Durchbruch bescheren. Gerade deshalb wird musikalische Gefälligkeit groß geschrieben. Den Texten merkt man an, dass Bosse mit viel Ehrgeiz zu Werke geht, sich freilich darin verzettelt oder banal-poetische Worthülsen deklamiert. Eine Handvoll Lieder können das Unglück abwenden, denjenigen Hörer mit dem Album versöhnen, der nicht gleich Lieschen Müller kleine Gedanken turmhoch aufbauscht. Unkonventionell konventionell zu tönen, solch Auftreten steht Bosse nicht gut zu Gesicht. Darüber täuschen auch einzelne starke Songs nicht hinweg.

Wartesaal ist am 25.02.11 auf Vertigo Berlin erschienen.

Konzerttermine:

24.03.11 Leipzig – Moritzbastei
25.03.11 Nürnberg – Hirsch
26.03.11 Kaiserslautern – Kammgarn
29.03.11 München – 59:1
30.03.11 Stuttgart – Röhre
31.03.11 Frankfurt/Main – Batschkapp
01.04.11 Erfurt – HsD
02.04.11 Dresden – Beatpol
06.04.11 Köln – Luxor
07.04.11 Bochum – Zeche
08.04.11 Osnabrück – Kleine Freiheit
09.04.11 Hamburg – Große Freiheit 36
13.04.11 Göttingen – Musa
14.04.11 Braunschweig – Meier Music Hall
15.04.11 Bremen – Schlachthof
16.04.11 Berlin – Postbahnhof
17.04.11 Berlin – Postbahnhof

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Nicht immer im Schmuddel des Pop-Rock-Durchschnitts – Timo Räisänen

Die werte Kollegin Eva-Maria vom lesenswerten Polarblog hielt dieser Tage meiner ungestümen Lobrede auf Joel Alme einen weiteren schwedischen Singer-Songwriter entgegen, Timo Räisänen nämlich. Tatsächlich gehen deren Parallelen über die Herkunft hinaus, veröffentlichten beide ihre jüngsten Werke auf Razzia Records, teilen das Faible für gestrigen Pop – ohne dabei gängige Retro-Trends zu bedienen. Doch während Alme sein Album tatsächlich in den Anfängen der sechziger Jahre verortet, durchstöbert Räisänen den musikalischen Bestand mehrerer Jahrzehnte, meist ohne nennenswertes Resultat. Manche der Lieder gemahnen an Song Contest-Tracks vergangener Zeiten, denen der heutige Trash-Faktor fehlte und die als As im Ärmel eine flotte, aber belanglose Melodie aufzubieten vermochten. The Anatomy of Timo Räisänen dringt selten tief, kratzt überwiegend an der Oberfläche, kramt vornehmlich Abgedroschenes hervor.

Photo Credit: Frans Fagerlund

Ehe meine Kritik nun die Eingeweide des werten Singer-Songwriters seziert, will ich mir Wohlwollen auf die Fahne heften. Zumindest drei Songs verraten das Potential Räisänens und verdeutlichen, dass die Erfolge in seiner Heimat nicht auf schiere Geschmacksbefreitheit schwedischer Musikfans zurückzuführen sind. Manch Lied der vorliegenden Platte jedoch offeriert allerfeinste schwelgerische Plattheit, die spätestens im Refrain selbst Mainstream-Gemütern sauer aufstoßen muss. Hollow Heart fällt in diese Kategorie. Diese Art von Harmonien hat man schon ungezählte Male serviert bekommen, der Zahn der Zeit hat an den letzten goutierbaren Resten genagt, nun wirkt das alles abgelutscht. Spätestens die Zeile „So leave, but save the innuendos.“ weckt meine Aversion. Innuendo zählt zu der Sorte von Wörtern, die man nur einer Formation wie Queen verzeiht.  In jedem anderen Kontext wirkt das Wort gestelzt, die Lyrics unter kräftiger Mithilfe eines Wörterbuchs zusammengepuzzlet. Sobald bei It’s Not New der Kehrreim „My love, though we’re not young/ I still feel like a seed born under the sun.“ losgeschmettert wird, sehe ich Räisänen im knallroten Zweireiher, bis in die Haarspitzen geschniegelt auf der Bühne des Eurovision Song Contests flanierend. Viel kantenbefreiter kann dieser samt und sonders auf die Hookline zugeschnittene Pop-Rock nicht mehr sein. Outcast wiederum vermittelt einen Hauch von Coldplay, wenngleich die Melodie ein wenig zu sehr mit Wohlfühl-Charakter ausgestattet scheint. Auch in dem Falle scheitert Räisänen, allerdings zugegeben auf höherem Niveau. One Day mit schlicht nervendem Gesang präsentiert ein rhythmisches Nichts Marke Einheitsbrei. Solch Tracks hatten vor ein paar Jahren ihre Blütezeit und zumeist hat sich die Gnade des Vergessens bereits über jene Lieder gebreitet. Ob der Fülle mäßiger Tracks möchte man fast schon das Handtuch werfen. Wäre da nicht der virtuose Opener Cocaine, der lediglich Gesang und Piano aufbietet. Diese reduzierte Ballade fährt satte Emotion auf. Wer möchte angesichts der Worte „I’ve got cocaine in my brain and it feels just fine. Almost the same, that’s the aim, as when I’m with you.“ nicht auf einen leise verlangenden Trip mitgenommen werden. Irgendwann zur Halbzeit der Platte erkämpft sich Bleeding Anerkennung. Ein komplexer Midtempo-Popsong, der speziell wegen des Refrains den Achtzigern gut zu Gesicht gestanden wäre. Auch das finale Lied We’re All Gonna Die setzt in seiner Folk-Pop-Manier ein Highlight. Als Prophet der Endzeit entfaltet Räisänen eine seltene, unaufgeregte Wahrhaftigkeit.

In der Gesamtschau versagt die Platte, wird die Fülle von Defiziten The Anatomy of Timo Räisänen zum Verhängnis, versinkt nahezu alles im Schmuddel des Pop-Rock-Durchschnitts. Wie er so den Kehrreim von Without You trällert, könnte er als Verschnitt eines wankenden Shakin‘ Stevens gelten. Letztlich sind drei sehr gute Titel eine allzu magere Ausbeute. So sehr ich dem Urteil von Nordische Musik in der Regel vertraue, kann ich im konkreten Fall die dort postulierten Qualitäten Herrn Räisänens nicht nachvollziehen. Zumindest das aktuelle Album geizt mit gehaltvollen Liedern. Die Finesse eines Joel Alme blitzt bei Räisänen selten auf. Abschreiben würde ich ihn dennoch nicht.

The Anatomy of Timo Räisänen ist am 24.09.10 auf Razzia Records erschienen.

Konzerttermine:

09.02.11 Münster – Amp
10.02.11 Hamburg – Molotow
11.02.11 Berlin – Rosi’s (Karrera Klub)
12.02.11 Dresden – Ostpol

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Am Etikettenschwindel vorbeischgeschrammt – New Idea Society

Wenn es um Vermarktung geht, sollte man die Wahrheit gnadenlos auf ihre Flexibilität testen. Dabei empfiehlt es sich mitunter, dass Gegenteil von dem zu suggerieren, was man denn eigentlich darstellt. Ein Unternehmen mit Hang zur Fantasielosigkeit kaschiert selbige mit einem Slogan, der möglichst das Wort Innovation beinhaltet. Eine Firma, deren Reichtum zu Lasten zukünftiger Generation lukriert wird, verschleiert dies Konzept, indem sie eine traditionelle, heile Welt in ihrer Werbebotschaft erstehen lässt. Grundsätzlich gilt oft, dass ein modernes Firmenlogo meist Althergebrachtes tarnt. Je breiter man die Zielgruppe fasst, desto wichtiger scheint es, sowohl konservative als auch heillos vorwärts gewandte Gemüter anzusprechen. Doch gilt dies auch in der Musikbranche? Oder darf man hier noch von Nomen est omen sprechen? Bei der Wahl eines Bandnamens wird meines Erachtens das Motto der Täuschung und Tarnung eher selten angewandt. Doch ehe ich in einem stillen Moment ausgiebiger darüber sinniere, möchte ich mich heute einer Formation zuwenden, die mit ihrem Namen das eigene Werk konterkariert. Die in dem kreativen Hotspot Brooklyn verortete Band New Idea Society liefert mit dem dritten Album Somehow Disappearing ein oftmals waviges, gern auch rockiges und shoegaziges Etwas samt herzhafter Indie-Attitüde ab. Die Platte schöpft aus dem Fundus der Musikgeschichte, maskiert die Einflüsse keine Sekunde lang, bietet viel, jedoch keine neuen Ideen.

Wie es zur Wahl dieses Namens kam, dies entzieht sich meiner Kenntnis. Ob man innovative Sounds vorgaukeln wollte, darüber mag ich nicht spekulieren.  Dass vorliegende retroeske Mischkulanz meist durchaus gelungen aus den Boxen schallt, daran besteht kein Zweifel. Ab und an freilich werden die Achtziger und ähnliche Geister zu sehr mit der Brechstange heraufbeschworen. Sobald die Band adretten Indie-Rock aus dem Hut zaubert, Songs wie Summer Lion kurz und bündig, eingängig wie hitverdächtig präsentiert, blüht das Album auf. Mit Thorns bietet New Idea Society einen weiteren Song mit ähnlichem Strickmuster auf. Eben diese Masche beherrschen die Herrschaften perfekt. Doch trüben düster-balladeske Lieder wie If You Slip Under das Bild, weil hier The Cure mit dem Zaunpfahl winkt. Solch Augenblicke lassen den Bandnamen zur Groteske verkommen. Sobald die Gruppe auf die Tube drückt (Sing It Right), sind dem Hörer ekstatische Zuckung keinesfalls fremd. Auch der nicht unschwülstige Opener All Alone bahnt sich den Weg, während banale Tracks wie Come Outside vor sich hin schwurbeln oder an Referenzen satt Langeweile versprühen (Disappearing). In jenen Fällen wendet sich die eigentlich helle, aber nie glatte  Stimme Mike Laws gegen den Sänger, verkommt er zum Imitator, dem es am richtigen Pathos fehlt.

Alles in allem muss man New Idea Society keinesfalls Ideenlosigkeit attestieren, die Interpretation des Gestern ist stets eine sinnvolle Option, sofern man den einen oder anderen Kniff bereithält und die Eleganz oder Stichhaltigkeit vergangener Epochen nachempfindet. Einer Handvoll Songs  gelingt dies überzeugend, der Rest verdient Schweigen. Dennoch rate ich zum Kauf von Somehow Disappearing, empfehle einen Konzertbesuch. Mag der Name der Formation auch nahe am Etikettenschwindel vorbeischrammen, lasse ich ihn unter dem Aspekt der künstlerischen Freiheit trotzdem gelten. Wem Summer Lion aus der Feder quillt, vor dem will ich getrost den Hut ziehen.

Somehow Disappearing ist am 28.12.10 auf Shiny Shoes erschienen.

Konzerttermine:

05.02.11 Hagenberg (A) – Eiskeller
10.02.11 Rorschach (CH) – Mariaberg
19.02.11 Offenbach – Hafen 2 Festival
21.02.11 Hamburg – Astra Stube

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Mehr Blitz und Donner für höhere Wellen – The Moyen Age

Ich zeige mich beeindruckt, wenn manch Blogger – oder generell Musikjournalisten – eine Platte so gekonnt besprechen, dass ich nur zwischen den Zeilen zu erahnen glaube, wie wenig Hördurchläufe sie dem Album gegönnt haben. Meine eigene Erfahrung mit Musik lehrt mich Bescheidenheit. Je öfter ich einem Werk lausche, desto mehr Schmackes hat auch meine Schreibe zu bieten. Vernünftige, zusammenhängende Sätze vermag ich nur zu stammeln, wenn sich die  Essenz der Platte bereits in meinen Hirnwindungen kondensiert hat. Ob ich diese danach sogleich ordentlich schrubben muss oder den Aufwasch auf den Sankt-Nimmerleins-Tag verschiebe, hängt von der Qualität des Gehörten ab. Im Falle von Patience And Trust, einer CD des Hamburger Duos The Moyen Age, brauchte es zwei Monate und vier Anläufe, ehe sich überhaupt etwas in meinen Gehörgängen manifestierte. Eigentlich wollte ich die CD ja bereits zu den Akten legen, als ein weiteres Album der Marke Promo, das mich nicht vom Hocker werfen wollte. Doch ein letzter, in milder Gestimmtheit unternommener Versuch brachte mir die die Platte näher, entlockte mir sogar ein liebevolles Ahoi.

Wer Matrose als Profession erwählt, wird allzu stürmische Gewässer gering schätzen.  Ein Musiker jedoch sollte Blitz und Donner nicht scheuen, um Beifallsorkane zu ernten. The Moyen Age haben sich nun aber für eine ruhige Herangehensweise entschieden, die oftmals ein wenig dröge, mitunter viel zu reduziert, den Hörer mit Folk-Pop einlullt. Dabei blubbern diejenigen Tracks fast unter, welche ein offenes Ohr verdienen, weil sie nicht nur auf sanften Wogen von Gesang und Akustikgitarre surfen. Wären alle so sehnsuchtsvoll dicht wie der der Opener Mainland, das Album würde weitaus höhere Wellen schlagen. Selbiges gilt für Steampipe, das das folkige Element am Meeresgrund versenkt, düster-leichten Indie-Pop die Segel setzen lässt, während Strange Love lässige Beschwingtheit widerfährt. Da haben die Herren Andi Künnecke und Dirk Simmig in ihrer Kombüse etwas Leckeres fabriziert. As We Are lässt mich auch textlich aufhorchen. „You dwell in the suburbs/ No words, catalogues, warehouse/ You barely got chances/ To find out Life’s romances“ wirkt kräftiger als der größte Teil der Lyrics.


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Patience And Trust fordert ein Überhören geradezu heraus, weil das Album nicht genug Seemannsgarn spinnt. Manch Liedern fehlt es auch an der nötigen Brise, um Kurs Richtung Gehörgänge zu nehmen. Die instrumentalen Intermezzi wirken überflüssig, andere Titel wären mit knackigerem Arrangement im sicheren Hafen. The Moyen Age haben aber zumindest bei vier Tracks die Segel gesetzt, somit den Schiffbruch völlig vermieden. Diese Lieder finden mein uneingeschränktes Gefallen. Überzeugen mich, dass ich auch in Zukunft jedwedes Album mehrfach ergründe, ehe ich es voreilig und fälschlicherweise als langweilig einstufe und im Geiste schon den nächsten musikalischen Dampfer ansteuere.


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Patience And Trust ist am 29.10.2010 auf Peacific erschienen.

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Lie In The Sound präsentiert: 30 Alben, die 2010 bereicherten

Endjahresbestenlisten verkörpern neben dem Geschmack des Erstellers vor allem eine blogpolitische Message: Sie möchten triftige Gründe liefern, warum der Leser auch im kommenden Jahr das eine oder andere Mal dem Blog oder Magazin seine Aufwartung machen soll. Nun kann die Strategie dahinter in der Platzierung bekannter Namen und Alben liegen, welche ins Auge springen und dem Besucher das Gefühl geben, sich auf vertrautem Terrain zu bewegen. Eine andere Verfahrensweise besteht in der Nennung des Obskuren und Außenseiterhaften, was wiederum den Entdeckerdrang des Lesers besonders anregt, zugleich eine Underdog-Romantik bedient. Oder aber der Lister packt die Last der Musikwelt auf seine Schultern, filetiert einen allumfassenden Querschnitt, der sämtliche Genres und Stile berücksichtigt, die nicht ausschließlich von moldawischen Entenzüchterchören betrieben werden. Einfach um seinen Kunden zu suggerieren, dass man musikalisch alles, schlichtweg alles geboten bekommt, was nur irgendwie ein Instrument in den Händen zu halten vermag.

All die aufgezählten Zugänge winken verheißungsvoll. Und würden mir dennoch ein Gähnen entlocken, da der unter die Oberfläche tauchende Leser bereits ohnehin erkannt hat, wie es um die Grundausrichtung des Blogs bestellt ist. Warum also nicht eine Auflistung, welche auch dem, der handverliest, einen Spannungsmoment beschert? Aus besagtem Grunde will ich die 30 Lieblingsalben unseres Blogs, davon wurden ja bereits 10 vor 2 Wochen genannt, nach Provenienz sortieren. Welche Aussagekraft lässt sich aus der Herkunft unserer Favoriten ableiten? Einerseits könnte man ihr Hotspots entnehmen, an den von uns verehrte Musik entsteht. Ein weiterer Zugang würde die Weite unseres Horizont determinieren. Und eine dritte – allgemein gültigere – Betrachtung könnte skizzieren, dass auch in Zeiten des ach so globalen Internets gewisse kulturelle und sprachliche Barrieren dazu führen, dass dem neugierigsten Zeitgenossen – nämlich mir – Musik von ganzen Kontinenten de facto verschlossen bleibt. Doch seien nun ohne längere Umschweife die 30 Platten des Jahres präsentiert:

England

Her Name is CallaThe Quiet Lamb

ScannersSubmarine

RPA & The United Nations of SoundUnited Nations of Sound

Grasscut1 Inch / ½ Mile

BonoboBlack Sands

The Strange Death of Liberal EnglandDrown Your Heart Again

Betty and the WerewolvesTeatime Favorites

Exit CalmExit Calm

Allo Darlin‘Allo Darlin‘

Wales

Tom JonesPraise & Blame

USA

Clem SnideThe Meat of Life

Damien JuradoSaint Bartlett

The PostmarksMemoirs At The End Of The World

Sharon Van EttenEpic


EelsEnd Times

BlockheadThe Music Scene

InterpolBroken Bells

Broken BellsBroken Bells

Island

Pascal PinonPascal Pinon

Schweden

SambassadeurEuropean

Nina KinertRed Leader Dream

JunipFields

Norwegen

Jaga JazzistOne-Armed Bandit

Deutschland

Mardi Gras.bbVon Humboldt Picnic

Get Well SoonVexations

Philipp PoiselBis nach Toulouse

HundredsHundreds

Österreich

Francis International AirportIn The Woods

Kanada

Thee Silver Mt. Zion Memorial OrchestraKollaps Tradixionales

Mali

Ali Farka Touré & Toumani DiabatéAli and Toumani

Welche Blöße gibt sich diese Liste? Außer dem bereits erwähnten Umstand, dass sie ganze Kontinente zu weißen Flecken erklärt, Asien, Australien und Südamerika mangels Angeboten negiert. Weiters enthüllt sie, dass nur eine Handvoll Alben nicht die englische Sprache als Mittel des Ausdrucks wählen. Als zusätzliche Information sei erwähnt, dass uns 11 der 30 Platten aktiv von Promotoren angepriesen wurden, während wir bei 19 selbst schon lange mit dem Fernrohr Ausschau haltend harrten oder Breschen durch den Veröffentlichungsdschungel schlugen, um sie zu entdecken. Von den 30 Interpreten waren 13 darunter, von denen wir zum ersten Male ein Platte erlauschten, 8 davon können sich ihres Albumdebüts rühmen. Die Bandbreite der vertretenen Stile reicht von Post-Rock über Twee, Indie-Rock, Downtempo und ähnlichen elektronischen Spielereien hin zu Pop, Folk und gar World Music.

Natürlich kann man nicht jedes 2010 publizierte Werk in Augenschein nehmen. So lebt die Auflistung auch von schmerzhaften Auslassungen. Die aktuelle Scheibe der Manic Street Preachers fehlt ebenso wie Gisbert zu Knyphausens jüngster Release. Auch Sun Kil Moon blieb noch ungehört oder sogar Fran Healys  Alleingang. Daher bedeutet eine etwaige Absenz keinesfalls, dass wir ein Album verdammen. Xiu Xiu fabrizierte einen der besten Track des Jahres und glänzt doch durch Abwesenheit, ähnliches gilt für Johnny Cashs posthume Auferstehung. Vielen davon wird bei unserer Reihung der besten Songs Gerechtigkeit widerfahren. Für heute jedoch gilt, mögen unsere Lieblinge des Jahres beim Leser auf fruchtbaren Boden fallen.

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Ohrenweide ohne Mäander – Lisbee Stainton

Aus der langen Reihe von CDs, die sich 2010 so angesammelt haben, ob nun freiwillig oder dank Zusendung durch Bands, Labels oder Promo-Agenturen, ziehe ich mitunter blind und mit strikt befolgter Willkürlichkeit ein Album heraus, um ihm ein paar meist positive Zeilen zu widmen, da die grauenhafte Machwerke ohnehin längst in die Quarantäne verbannt wurden. Nun bin ich ein Stimmungsmensch, welcher schon mal drei oder mehr Anläufe benötigt, ehe sich dann eine zur Tagesform passende CD in meinen feingliedrigen Fingern wieder findet. Heute soll es eine Singer-Sonwriterin sein, man glaube mir, es ist eine motorische Herausforderung, so lange in das Regal zu greifen, bis die angepeilte Platte auch wirklich zum Vorschein kommt.

Die britische Singer-Songwriterin Lisbee Stainton vermag mit ihrem Anfang Oktober erschienenen Girl on an Unmade Bed bereits 2 meiner 3 VIK-Kriterien für ein feines Elaborat zu erfüllen. Zu einem auf Mätzchen verzichtenden Vortrag gesellt sich eine Instrumentierung, die je nach Bedarf in den Hintergrund tritt, aber auch das Rampenlicht nicht scheut. Bleibt also die Kompositionskunst. Und hier mangelt es noch ab und zu an einem Refrain, der die Tür aus den Angeln hebt, sodass ihre Musik den Hörer erreicht. Manchmal plätschern die Lieder vor sich hin, ohne dass sich dieser zweifellos wohlklingende Fluss durch die eine oder andere Biegung mäandert. Dieser Einwurf soll freilich nicht das Album herabwürdigen.

Mit jazzigem Flair garnierter Pop wie zum Beispiel Rainbow steht Stainton prima zu Gesicht. Wenn Bass und Saxofon an einer (kurzen) Stelle Somewhere over the Rainbow paraphrasieren, dann zeugt das schon von Cleverness. Solch Tracks würde man sich vermehrt wünschen. Ebenso überzeugend gerät Practice Room, ein dank unaufdringlicher Percussion quirliges Stück. Es sind eher die hauptsächlich von einer Gitarre unterhaltenen Tracks wie Girl on an Unmade Bed oder Wait for Me, die sich weniger durchsetzen, während aufwändiger gestaltete Songs wie Harriet und Waiting Game unheimlich gut funktionieren. Ersteres besonders im Refrain spritzig und mit intelligenten Lyrics ausgestattet, letzteres eine Ballade mit Herz und ohne Schmalz. Noch haftet der Platte ein Kuddelmuddelcharakter an, fixiert sich Lisbee Stainton zu oft auf Folk-Pop, wo ihr doch Pop mit swingendem Touch auch gut zu Gesicht steht.


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Die Talentprobe der noch jungen britischen Singer-Songwriterin will ich trotz kleiner Schönheitsfehler dennoch reinsten Gewissens empfehlen. Schlichtweg weil ihr immer den guten Geschmack treffender Vortrag eine Ohrenweide darstellt. Mit der Gabe hochwertiger Gefälligkeit auch den Mainstream zu penetrieren, dieses Potential sehe ich bei Lisbee Stainton. Vielleicht klappt es schon mit dem nächsten kleinen Schritt in ihrer Entwicklung. Das nächste Album darf ruhig kommen.

Girl on an Unmade Bed ist am 01.10. erschienen.

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Lie In The Sound präsentiert: Die 10 besten Alben des Jahres

Heute wollen wir unser geschmackssicheres Füllhorn ausgießen und nach langem Grübeln die 10 besten Alben des Jahres kundtun. Wir haben das ganze Jahr über viele wirklich gute Platten erlauscht und manchmal auch besprochen, mit Sicherheit versteckten sich leider auch viele feine Werk im Gewimmel der Veröffentlichungstermine. Alben sind wie Menschen, die wirklich penetranten, aufdringlichen, anmaßend jovialen bekommen weit mehr Aufmerksamkeit, während die bescheidenen wie begabten Geister im Hintergrund bleiben. Unsere Taschenlampe jedoch leuchtet besonders die hintersten Winkel der Musikszene aus, überschweifen dabei jene, die sich allzu beharrlich Indie auf die Stirn tätowiert haben. Aber sogar manch Rabauke oder bärbeißige Zeitgenosse aus der ersten Reihe verdient Anerkennung, fährt gegenüber geschniegelten Mainstream-Fratzen die Ellbogen aus. Wir hören sie alle, erhören nur einige. Die Welt mag gaga sein, wir sind es jedoch nicht, so erklärt sich unsere Selektion.

1. Her Name is Calla – The Quiet Lamb

Und eben jene Vielschichtigkeit spottet jeder Beschreibung, macht mich ratlos, mit welchen Worten ich empfehlen soll, was doch für sich selbst spricht, wenn man nur das Wagnis eingeht, dieses Album anzuhören. Und ja, das sollte man um jeden Preis tun, wenn man die heiligen Momente der Musik zu ergründen wünscht. (Mehr hier)

2. Clem Snide – The Meat of Life

The Meat of Life erfüllt alle Anforderungen, um als wahres Kleinod den Liebhaber tief- wie eingängiger Musik zu erfreuen. Eine sanfte Melancholie paart sich mit Ironie, zeitlos warme, wunderbar altmodisch umgesetzte, niemals sterile Melodien bestechen. (Mehr hier)

3. Sambassadeur – European

Neben extrovertiertem Pop gibt’s natürlich auch ruhige Seelenschmeichler auf der Platte wie den Track Albatross. Eingängiges Songwriting paar sich hier mit dem charmanten Vortrag von Anna Persson. Zurecht im englischsprachigen Feuilleton gefeiert, zu Unrecht im deutschsprachigen Raum übersehen/unterschätzt, bleibt mir nur ein Fazit: Unbedingt hören, kaufen, lieben! (Mehr hier)

4. Jaga Jazzist – One-Armed Bandit

Eine Platte, die Jazzfunk mit dem hehren Wesen des Minimalismus durchmengt, eine CD, welche fast schon verschwenderisch mit der Verwendung von Instrumenten umgeht und dabei doch ein harmonisches Gesamtwerk kreiert, bei dem jeder Mosaikstein am richtigen Platz liegt, exakt so zeigt sich One-Armed Bandit. (Mehr hier)

5. Damien Jurado – Saint Bartlett

Nie war Damien Jurado zwingender, nie die Harmonie von Musik, Lyrics und Vortrag vollkommener als auf Saint Bartlett. Man vermag sich schwerlich eine Steigerungsmöglichkeit ausmalen. Die Grazie des Werks schwillt in all dem Sehnen, Trauern, Leiden, Suchen und Hoffen zu einer majestätischen Wucht an, welche das tiefste Innere des Hörers in schönste Aufruhr versetzt. (Mehr hier)

6. Scanners – Submarine

Nicht ganz so wütend wie Emily Haines, dafür aber mit der Laszivität der ravonetteschen Sharin Foo darf sich Sarah Daly mit den Scanners spätestens nach dem zweiten Album zur ersten Riege der “Female fronted”-Bands zählen. (Mehr hier)

7. Mardi Gras.bb – Von Humboldt Picnic

Was nun bekränzt Von Humboldt Picnic – abgesehen von der qualitativen Hochwertigkeit? Wohl auch der Umstand, dass Mardi Gras.bb aus Deutschland kommen, das gesamte Ensemble um Mastermind Doc Wenz aber mit der Finesse kosmopolitischer Musik-Koryphäen agiert. So darf diese Expedition in aller Herren und Frauen Länder als hochgradig gelungen erachtet werden. (Mehr hier)

8. The Postmarks – Memoirs At The End Of The World

So wie die Wunderwaffe der Postmarks in jedem Moment die Fähigkeit ihrer Sängerin ist, immer die Gratwanderung zu meistern, zwar lieblich und betörend, nie aber überzuckert zu klingen. Ein Balanceakt, der nur wenigen Interpretinnen gelingt. Ihre Bandkollegen Jonathan Wilkins und Christopher Moll verschaffen die perfekte musikalische Kulisse, vor deren Hintergrund Tim Yehezkely als Hauptdarstellerin zwischen Opfer, Heldin und Schurkin agiert. (Mehr hier)

9. RPA & The United Nations of Sound – United Nations of Sound

Das Schlechteste an dieser Platte ist der Bandname, welchen Richard Ashcroft für sein neues Vehikel gewählt hat. Denn sonst besticht United Nations of Sound als zutiefst schmissige Platte, die ordentlich Rabatz macht und sich zugleich eine vertraute erhabene Opulenz gönnt. (Mehr hier)

10. Get Well Soon – Vexations

Konstantin Gropper vermochte mit Vexations seinen Ruf als Wunderkind zu zementieren. Anspruchsvoller, more sophisticated kann Pop nicht klingen – und freilich auch kaum besser.

Und weil es mit diesen 10 Alben nicht getan ist, die Regeln von Top of the Blogs aber genau dies vorsehen, noch dazu eine Reihung verlangen,  werden wir demnächst weitere Werke nachreichen, die diese Ehre nur knapp verpasst haben.

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Mit Elfenschrittchen in die Startelf – Pascal Pinon

Gäbe es eine Musik-WM, ich würde mein Hab und Gut nicht etwa auf England setzen, auch nicht auf die USA, nein, nicht einmal auf das mit virtuosen Künstlern gesegnete Kanada, der Buchmacher dürfte all meine Taler den Isländern zugute halten. Dieses doch recht überschaubare Völkchen bringt praktisch wie am Fließband Ausnahmetalente hervor, angeführt von der überragenden Könnerin Björk und den kongenialen Sigur Rós. Island wäre zweifellos mein Favorit. Und da faktisch jeder erwachsene Isländer ohnehin irgendwie der Musik verbunden scheint, wundert es wenig, dass auch Jugendliche schon große Töne spucken. Pascal Pinon spielen sich mit ihrem selbstbetitelten Debüt in die Insulaner-Startelf, umso bemerkenswerter, weil die jungen Damen zur Zeit der Plattenaufnahme gerade einmal 14 Lenze auf dem Buckel hatten.

Foto Credit: Lilja Birgisdóttir

Am 03.12. veröffentlichte Morr Music, die zuvor im Selbstvertrieb erhältliche Scheibe, und das Label muss tatsächlich ein derartiges Hochgefühl empfinden, so wie ein Fußballverein frohlockt, der einen frühreifen Jahrhundertstürmer unter Vertrag nimmt. Pascal Pinon sind mitnichten irgendwelche Abziehbildteenies, die auf den Schwingen irgendeines Hypes zu Höhenflügen ansetzen wollen, eher schon bierernst zu nehmende Mozartinchen, denen in Bälde Weltruf zuteil werden wird. Wie sehr die Backfische Hirnschmalz investierten, zeigt sich nicht allein, aber auch am Namen der Band, der auf einen zweiköpfigen Mann referenziert, welcher Anfang des 20. Jahrhunderts als Monströsität in einem Zirkus auftrat. Nun hat Pascal Pinon Zwillingsschwestern als zwei Köpfe der Band vorzuweisen: Jófríður und Ásthildur.

Pascal Pinon: New Beginning by morrmusic

Nach so vielen Worten der Vorstellung und des Lobes möchte ich es jedoch auch nicht verabsäumen, die Lieder kurz aber innig zu beglubschäugen.  Dieser sich feenhaft verflüchtigende Folk kommt der dem Genre immanenten Verpflichtung zu Entrücktheit natürlich nach, schlurft glockenhell, ob nun auf Isländisch oder mit englischer Zunge beträllert. Das kennt der eingefleischte Liebhaber zur Genüge – und will die Grazie des Kleinods trotzdem nicht missen. Als erstes Highlight sei Árstíðir bezeugt, die zwei Schwestern zwitschern im Chor und ein Glockenspiel trippelt mit Elfenschrittchen dazwischen. So beiläufig wie stimmunsvoll, dass sich dieser Stil gleich als Patentrezept für die gesamte Scheibe offenbart. Geysireske Ausbrüche sucht man vergebens, stattdessen verfolgt Pascal Pinon die Kunst der Einlullung.  Und wie am Schnürchen funktioniert das Vorhaben, Ósonlagið darf ein Liedchen davon singen. New Beginning gehört zu den beschwingteren Titel, macht deutlich, dass die Fräulein auch schon mal in der elterlichen Plattenkiste gewühlt haben, da schimmern Simon & Garfunkel durch. Der stärkste Titel des Debüts, Moi, flittert sanft wie Vulkanasche auf den Hörer herab. Die Schüchternheit der Teenager, die ab und an durchklingende Unsicherheit, mit der sie zu Werke schreiten, der Fingerübungscharakter, welcher alles durchzieht, quasi als eine Art Entschuldigung, dass es noch an kompositorischer Finesse mangelt, all das sieht man ihnen nach, weil die Fähigkeit zur Vereinnahmung des Hörer jede Sekunde spürbar bleibt. Die mittlerweile 16 Jahre alten Zwillinge arbeiten bereits an einem Nachfolgealbum, gewiss schreiten sie hier schon selbstbewusster zur Tat.

Wäre ich Fußballtrainer, ich würde auf filigrane, pfiffige Talente setzen und robusten Eisenfüßen die Rote Karte zeigen. Pascal Pinon mögen zwar noch nicht mit jedem Versuch einnetzen, aber ihr Erstling hält den einen oder anderen Treffer bereit. Oh diese Isländer, wer um solch Nachwuchs in seinen Reihen weiß, darf sich durchaus als musikalische Großmacht fühlen.

Pascal Pinon ist am 03.12. auf Morr Music erschienen.

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MySpace-Auftritt

SomeVapourTrails

Nicht nur für Grey’s Lovers: Mackintosh Braun – Could It Be

Foto: Alicia J. Rose

Leser der ersten Stunde werden sich noch erinnern an Mackintosh Braun, eine der Super-Indie-Bands, die DifferentStars so liebt. Dies änderst sich nun mit rasanten Schritten, nicht die Liebe zur Band, das mit dem Super-Indie, Indie darf man sie zwar noch getrost nennen, aber wer weiß wie lange noch? Kennengelernt haben der werte Herr VapourTrails und ich die symphatischen Electro-Popper auf der längst untergegangenen Musik-Community Fuzz.com. Für ein paar Monate hatte ich die Herrn aus den Augen verloren, nur um sie in meiner Lieblings-Herzschmerz-Serie Grey’s Anatomy wiederzuentdecken. Der Sound ist noch ausgetüftelter geworden, nun weht nicht nur eine Airy Brise durch die Songs – auch Röyksopp lassen hier und da grüßen – was mitnichten heißen soll, dass sie auch nur annähernd nach Kopie klingen. Mackintosh Braun hatten schon beim Vorgängeralbum The Sound ihren eigenen Stil gefunden.

Music Supervision Guru Alexandra Patsavas, Mastermind der Grey’s Anatomy Soundtracks, haben die Portländer so gut gefallen, dass sie diese gleich für ihr Label Chop Shop unter Vertrag nahm. Im September ist der Longplayer Where We Are erschienen, zwei Songs (bisher) daraus haben es in die noch junge, siebte Staffel von Grey’s Anatomy geschafft.

Mackintosh Braun – Could It Be

Grey’s Anatomy – Staffel 7 – Folge 708: „Something’s Gotta Give“

Download Wav via Mackintosh Braun Soundcloud

Could It Be by Mackintosh Braun

Oder zip. runterladen via Mackintosh Braun Youtube.

Im Musikvideo gibt Scott Krinsky (O.C., California und Chuck.) sein Chameo:

Mackintosh Braun – Made For Us

Grey’s Anatomy – Staffel 7 – Folge 709: „Slow Night, So Long“

Link: mackintoshbraun.com

DifferentStars