Lauschrausch XLIX: Plumes

Die aus dem kanadischen Montreal stammende Formation Plumes stellt den nicht mit allen Wassern gewaschenen Hörer vor eine gewisse Herausforderung. Einerseits stehen die Plumes für luftigen, duftigen Indie-Pop, andererseits schrecken sie nicht davor zurück, diesen Indie-Pop mit dem Flair klassischer Musik zu versehen. Auf dem gleichnamigen Debüt von 2012 wähnt man sich mehr als einmal in einem festlichen Konzertsaal, wo Orchester und Dirigent ihr Unwesen treiben. Solch Crossover ist zunächst gewöhnungsbedürftig, auf die im Indie-Pop weit verbreiteten lieblichen Melodien wird man vergeblich warten. Stattdessen bahnt sich immer wieder eine wunderhafte Ernsthaftigkeit, ein orchestrales Erzählen den Weg. Über allem freilich schwebt die temperamentvolle Zärtlichkeit der Sängerin Veronica Charnley, die sich als der Kitt dieses Experiments erweist. Das Album und seine Attitüde ist vielleicht mit einem englischen Ausdruck am besten beschrieben. Es ist sehr sophisticated, also irgendwie clever, kultiviert und elegant. Es besitzt ästhetisches Gewicht und bleibt dennoch leichtfüßig, es scheut nie die exzentrische Komplexität und dennoch wirken manch Lieder fragmentarisch, unfertig.  Weiterlesen

Bis in die innersten Eingeweide – Tante Doktor

Tante Doktor ist eine Band aus Gießen, die sich laut Eigenbeschreibung dem medizinischen Songwriting verschrieben hat. Was zunächst für einen Hypochonder wie meine Wenigkeit als Drohung anmutet, entpuppt sich bereits während des ersten Höreindrucks als erstklassig. Die EP Unsteril zeigt ein sichere Hand für smarte und elegante Songs in deutscher und englischer Sprache. Bereits der erste Track Mr Anaesthesia erinnert an so manches, was die notorisch unterschätzte Formation Mardi Gras.bb im Laufe ihres Schaffens fabriziert hat. Beschwingt und zugleich inbrünstig absurd gibt sich der Song im besten Sinne altmodisch, so als entstamme er einem in jeder Hinsicht schrägen Varieté. Im nachfolgenden Schwester vermag das direkt aus einer Intensivstation entsprungene Gefiepe den Hörer ordentlich einzuschüchtern. Diese Ballade steht durchaus in der grüblerischen, lakonischen Tradition von Element of Crime („Im Schichtdienst des Lebens/ Am Ende wird verreckt/ Kalte Zigaretten und eisiges Gemüt/ Vorwärts, immer weiter/ Nur keinen Schritt zurück/ Hat’s was gebracht/ Tut, was sie kann/ Und legt dann den Kittel der Verdrängung an„). Das Dasein einer Krankenschwester ist selten derart knallhart an der Front der Menschlichkeit geschildert worden. Das tönt edel, zugleich auch schwer verdaulich. Diesen Umstand ahnt wohl auch Tante Doktor, denn mit Death Tango wird die kühle Atmosphäre wieder orchestral aufgelockert, mit der Essenz des Siechens ein Tänzchen gewagt. Unsteril wagt sich an die Tristesse des Endes. Wo die Texte einen Kloß in den Hals zaubern, vermag die Musik mit viel Seele und Stil für ansprechende Erträglichkeit zu sorgen. Nach dem etwas harmloseren Duett Injection of Wealth wird es bei Des Teufels größter Haufen wieder hoffnungslos makaber („Die Sepsis macht die Tore auf„). Solch gesanglich stark dargebotene Medizinerpoesie ist Schlag in die Magengrube, dabei freilich skurril genug, um den Hörer mit einem gewissen Maß an Faszination in den Bann zu ziehen. Just als man weiteren Scheußlichkeiten harrt, sieht man sich mit dem letzten Song der Platte konfrontiert, dem souligen, wunderfeinen Track Waltz of Loss. Spätenstens jetzt sollte man sich mit Unsteril trotz der zugegeben nicht eben fröhlichen Prämisse anfreunden können. Wer einen kultivierten, keineswegs vordergründigen, eher schon tiefsinnigen Grusel bis in die innersten Eingeweide sucht, muss dieser EP das Ohr leihen. Tante Doktor haben ein wunderbar spezielles Kleinod geschaffen, dem selbst hartgesottene Hypochonder eher früher als später auf den Leim gehen. Und ich weiß, wovon ich spreche.

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Lauschrausch XX: theTRIF

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Ich habe zwar für nahezu alle Genres ein offenes Ohr, aber die vielen Spielarten des Jazz werden mir wohl stets ein Buch mit sieben Siegeln bleiben. Gut, ich mag ein Jean-Pierre von Miles Davis, aber dieses Stück muss man einfach lieben. Somit bin ich also völliger Laie, wenn es etwa um Fusion geht. Dennoch will ich den werten Lesern heute eine Empfehlung in den Kopfhörer raunen, nämlich das in Essen angesiedelte Trio theTRIF. Dessen letzten Herbst erschienenes Album To Remain a Fragment wirkt locker vom Hocker drauflosgespielt, eine nie langweilige, keinesfalls anstrengende Jam-Session mit E-Gitarre, Bass und Drums. Die Band nennt ihr Werk eine „verspielte Liebeserklärung an Jazz, Funk, Hip-Hop und modernen R&B“. Ich für meinen Teil habe vor allem das dreiteilige Bebabop ins Herz geschlossen. Das tönt pfiffig, abwechslungsreich, mit ordentlich Zunder und mancherlei Ideen im Gepäck. Gegen Ende des dritten Abschnitts wird gar ein wunderbar flirrendes Sperrfeuer abgefeuert. An solch derart effektvollem Sound kann ich mich sehr und überaus erfreuen, auch wenn mir diese Art von Klängen nie ganz in Fleisch und Blut übergehen wird. Nichtsdestotrotz absolut empfehlenswert!

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Lauschrausch XVI: Jenn Grant

Die Kanadierin Jenn Grant ist sowohl stimmlich als auch in Sachen Songwriting eine Offenbarung. Bereits ihr 2009 erschienenes Echoes vermochte mich zu begeistern, das mittlerweile vierte Studioalbum The Beautiful Wild ist nochmals eine gewaltige Weiterentwicklung. Das letzten Herbst auf Six Shooter Records veröffentlichte Werk hat es Anfang dieses Jahres nun auch in deutsche Gefilde geschafft. Dieses großartige Popalbum mit folkiger Note spielt in einer Liga mit einer Leslie Feist oder Natalie Merchant. Es fällt mir schwer, einen einzelnen Song hervorzuheben. Zu den famosesten Tracks dieser rundum feinen Platte zählt etwa The Fighter, I Want You Back oder auch Gone Baby Gone. Grants Charme wickelt den Hörer um den Finger, neben aller Gefühligkeit kokettieren die Lieder mit einer ordentlichen Portion Verspieltheit. Wunderbare Melodien, feine Arrangements und ein höchst souveräner Vortrag machen The Beautiful Wild zu einem absoluten Gaumenschmaus.

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Polaroids vor dem Sturm – ear

Auch nach all der Zeit des Bloggens über Musik ertappe ich mich dabei, dass ich Künstler gewisser Label automatisch mit regem Interesse begegne, während ich Musik im Eigenvertrieb mit einem Quäntchen Skepsis betrachte. Das ist ohne Zweifel auf die vom Kulturbetrieb angestrengte Indoktrinierung zurückzuführen. In der Literatur und natürlich auch bei der Musik haben sich Verlage und Plattenfirmen als Filter installiert. Die Mehrheit der Konsumenten meint noch immer, dass diese zwischengestaltete Instanz nach Qualitätskriterien aussiebt, ferner Kreativität auf ein solides Fundament der Wirtschaftlichkeit stellt. Das ist mitunter ein Irrglaube. Dennoch meldet sich ein wenig Argwohn, wenn eine Band stolz verkündet, dass sie in völliger Unabhängigkeit ohne jegliches Label arbeitet. Im Falle des deutschen Duos ear möchte ich jedoch durchaus attestieren, dass die Unabhängigkeit wohl eine selbstgewählte, nicht auf Verschmähungen von Plattenfirmen zurückzuführende ist. Das unlängst ins Postfach geflatterte Album Out In The Open erfreut als angenehm unaufgeregter, fein ausgestalteter Singer-Songwriter-Pop.

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Stippvisite 04/02/2013 (Live aus dem Trappistenkloster)

Dieser Tage hält sich mein Mitteilungsbedürfnis in Grenzen. Schweigen ist bekanntlich Gold. Allerdings befolgen nur noch zwei Berufsgruppen dieses kluge Sprichwort, Mafiosi und Trappistenmönche nämlich. Und mögen Trappisten wie alles Kirchliche gesellschaftlich noch so geächtet sein, zumindest im Bezug auf das Schweigen könnte sich jeder eine Scheibe abschneiden. Ich für meinen Teil sage nun auch kaum einen Mucks mehr, lasse die Musik für sich sprechen.

Duetttipp:

Unter dem Namen The Weather Station wirkt die kanadische Singer-Songwriterin Tamara Lindeman seit bereits zwei Alben. Ihr jüngstes Projekt nennt sich nun The Weather Station Duets Series und besteht aus Singles, die sie mit Liedermacherkollegen eingespielt hat. Der Titel First Letter, zusammen mit Marine Dreams fabriziert, ist voll kultivierter Zartheit und verträumter Entschleunigung. Großartig! Dieses Juwel ist noch dazu als Gratis-Mp3 auf SoundCloud verfügbar. (gefunden bei Nicorola)

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Lauschrausch VIII: Die Eternias

Schwer greifbar erweist sich für mich das Ende November letzten Jahres erschienene Album Sould Out der Wiener Formation Die Eternias. Mal beschwingt, mal grotesk, dann wieder sympathisch verrückt, die Band zeigt quasi mit jedem Song ein anderes Gesicht. Beim Track To The Monkey möchte man sie ohne Wimpernzucken als zugegeben gelungenen Babyshambles-Verschnitt einstufen. Aber das ist eben nur ein Song, insgesamt vermengt die Band Zirkusmusik, Indie-Rock und Ska-Einflüsse zu einem kunterbunten Etwas, welches sich eine unangepasste, skurrile Attitüde auf die Fahne schreibt. Die Die Eternias sind um keine Originalität verlegen, und sei es, dass sie mit besagtem To The Monkey so gut klingen, wie man sich die neue Platte der Babyshambles nur wünschen könnte. Solch Klänge versetzen mich in einen Lauschrausch!

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Lauschrausch V: Broken Twin

Es gibt viele irdische, nüchtern formulierte Begründungen, weshalb man all den dahergelaufenen Göttern abschwören sollte. Wenn man denn dennoch glaubt, dann weil man sich ab und an einer Schönheit gegenübersieht, die man in all ihrer Pracht nicht mit dem profanen Sein in Einklang bringen mag. Falls die Schöpfung also kein chaotischer Selbstläufer ist, dann möchte man schon in Anbetung verfallen. Beispielsweise bei Broken Twin. Unter diesem Namen werkt die Dänin Majke Voss Romme, die mit ihrer 2012 veröffentlichten Debüt-EP Hold on to Nothing Magie neu dekliniert. Das Lied Beaches etwa zaubert mit gesanglicher Schlichtheit eine Ballade, die für all das Hehre steht, was eben nur Musik leisten kann. Viele Menschen sehnen sich nach Erlösung. Diese freilich liegt nicht allein im Irgendwo des Jenseits, man findet sie im Glück des Augenblicks. Etwa wenn man Broken Twin tief ins Herz schließen darf, sich in einen Lauschrausch entschweben lässt.

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Release Gestöber 36 (Cayucas, Palpitation, Hjaltalín, Golden, Ping Ping)

Und wieder einmal eine Handvoll Empfehlungen…

Cayucas

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Photo Credit: Ericka Clevenger

Beginnen wir unser Durchforsten des Veröffentlichungsdschungels mit einem kalifornischen Beach-Sound, der garantiert jedweder Winterdepression mit Legionen von Sonnenstrahlen begegnet. Die von Zach Yudin angeführte Formation Cayucas ist mit dem Song Cayucos [sic!] ein poppiger Sixties-Track samt einer gnadenlos charmanten Portion Surf-Flair gelungen. Das klingt saugut und weckt Vorfreude auf das vom Label Secretly Canandian für 26.04.2013 avisierte Album Like Wildfire.

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Wenn der Anspruch aus allen Poren schwitzt – Supermutant

Manchmal fühle ich mich wie ein krampfhaft junggebliebener Vater, der sich mit der Mucke seiner pubertierenden Tochter konfrontiert sieht. Vor allem dann, wenn ich versehentlich deutschem Nachwuchs-Indie-Rock lausche. Das ist in aller Regel nichts für den fest in seinen Dreißigern verankerten Zeitgenossen. Musik bildet vor allem Lebenswirklichkeiten ab. Und ungestümes Fühlen, hymnisches Erleben, ungelenke Impulsivität sind nun eher Attribute pausbäckiger Jugendlichkeit. Als mir unlängst das Album FRVR ins Haus flatterte, spürte ich förmlich, wie sich kleine Fältchen zu durchfurchten Kratenlandschaften vertieften. Was mir die aus NRW stammende Formation Supermutant hier serviert, ist so intensiv wie gelungen. Und doch gibt es Platten, die auf einen gewissen Lebensabschnitt zugeschnitten scheinen. Ich erachte mich schlichtweg als zu alt, um durch die Gefühlswelten von Supermutant zu hopsen.

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