Archiv der Kategorie: Alben 2014

Schlaglicht 26: Mark Rogers & Mary Byrne

Das Duo, das ich heute vorstellen möchte, will ich auch zum Anlass nehmen, um dem Genre Folk einmal mehr meine Hochachtung auszusprechen. Weil Folk in seiner knorrigen Schlichtheit große und zugleich gänzlich unaufgeregte Wahrhaftigkeit ausstrahlt, weil unbehagliche Zwischentöne das Genre prägen. Folk ist so verdammt nah an den Gefühlen des einfachen Mannes, huldigt den alltäglichen Gedanken der kleinen Frau. Folk kann im Moment sinnieren – oder aber in historischen Dimension schwelgen. Die reduzierte, von Intimität erfüllte Folkmusik des Duos Mark Rogers & Mary Byrne lässt alle Vorzüge des Genre erstrahlen. Das 2014 veröffentlichte Album I Line My Days Along Your Weight fällt wunderbar aus. Wie es die Nichtigkeit des Lebens und die Tragik des Seins schildert, wie sich das Storytelling kleinen Freuden und Hoffnungen widmet, wie Irritationen durch die Seele geistern, all das verfehlt die Wirkung nicht.

Schlaglicht 26: Mark Rogers & Mary Byrne weiterlesen

Blogger für Flüchtlinge – Menschen für Menschen

Photo Credit: David De Groot
Photo Credit: David De Groot

Was wäre Hollywood ohne Flüchtlinge?

Die Antwort ist verblüffend einfach, für manche der Filmgeschichte-Unkundige vielleicht auch nur verblüffend. Hollywood wäre ein Ortsname wie viele abertausende anderer Ortsnamen. Vielleicht stünden da auch ein paar Filmstudios in der Gegend rum, nur eines wäre Hollywood ohne Flüchtlinge nie geworden: Der Mythos schlechthin, die weltdominierende Traumfabrik. Zu Beginn des vergangenen Jahrhunderts war Babelsberg das Epizentrum der Filmwelt. Grandios und innovativ. Hier entstanden Meilensteine wie Fritz Langs Metropolis, hier wurden von Ernst Lubitsch und Billy Wilder Komödien gedreht, die noch heute wegweisend sind und innovativer und lustiger als 99 % der heutigen deutschen Film- und Fernsehunterhaltung. Alle drei flüchteten zusammen mit anderen Stars wie Marlene Dietrich und Josef von Sternberg. Das NS-Regime vertrieb sie aus Deutschland. Ohne diesen Exodus wäre Hollywood nie zu dem geworden, was es heute ist. In meiner Schulzeit  wurden das Dritte Reich und die Judenverfolgung in zahlreichen Schulfächern behandelt, jedoch wurde zu keiner Zeit daraufhin gewiesen, welchen Schaden die Nazis unserer eigenen Kultur zugefügt haben, indem die kulturelle Elite ermordet und vertriebe wurde. Flüchtlinge sind immer auch ein Gewinn, zumindest für das Land, welches sie aufzunehmen und zu schätzen weiß.

 

Living like a refugee

Wie wichtig das Asyl für das Überleben von Kultur ist, zeigt auch die Geschichte der Sierra Leone’s Refugee All Stars. Wie viele andere Menschen flüchteten die Musiker in den  Neunzigern aus Sierra Leone vor dem Bürgerkrieg nach Guinea. In einem der Flüchtlingscamps dort lernten sich kennen und formierten die Sierra Leone’s Refugee All Stars, die nach Ende des Bürgerkriegs wieder in die Hauptstadt Freetown zurückkehrten. Das 2004 erschienene Debütalbum Living Like A Refugee fand international bei Liebhabern der Worldmusic großen Anklang. Mein Liebster und Co-Blogger hat die Band und ihr neuestes Album Libation schon im vergangenen Jahr auf Lie In The Sound vorgestellt. Wichtig ist dem Künstlerkollektiv, dass sie ebenso wie alle anderen Flüchtlinge nicht nur als arme Opfer und Hilfempfänger gesehen werden. Raus aus der Stigmatisierung ist das Motto des neuesten Projekts The Long Road. Zusammen mit anderen Musikern und dem Roten Kreuz Großbritanniens arbeiten die Sierra Leone’s Refugee All Stars an einem Konzeptalbum, welches die Geschichten von Flüchtlingen in den UK erzählt und Licht auf die Bereicherung der Gesellschaft durch die Einwanderer wirft. Blogger für Flüchtlinge – Menschen für Menschen weiterlesen

Sonnenbrillenpflichtig – Superfjord

Jetzt schiebe ich es schon ein paar Wochen auf, heute will ich aber den Lesern ein wirklich tolles Album ans Herz legen, das zwar schon ein Jahr auf dem Buckel hat, aber meines Erachtens ein veritables Meisterwerk darstellt. Darauf gestoßen bin ich bei Eva-Marias Polarblog, einer Instanz in Sachen skandinavischer Klänge. Die Formation, von der ich erzählen will, kommt aus Finnland und nennt sich Superfjord. Laut Eigendefinition huldigen sie psychedelischer Musik und Jazzrock, kreieren „Music to hear colours to“. Oh ja, ihr Album It Is Dark, But I Have This Jewel ist tatsächlich sonnenbrillenpflichtig. Gegen diesen Farbrausch wirkt LSD geradezu sepiafarben. Superfjord sind eine Combo, die im fröhlichen Jam brilliert und großartigen Fusion fabriziert (The Great Vehicle), die auch ihre Reverenz gegenüber einem Genie erweist (A Love Supreme) und quasi als Draufgabe ein Talent zu atmosphärischer Versenkung, zu nachgerade augenzwinkernder Entrückung besitzt (I Seem To Have Forgotten What We Were Talking About).

Sonnenbrillenpflichtig – Superfjord weiterlesen

Schlaglicht 12: She Keeps Bees

Das Dasein des interessierten Musikenthusiasten entpuppt sich als durchaus mühsam. Speziell bei einer Vorliebe für nicht dezidiert dem Mainstream huldigende Musik wird man von der Fülle überwältigt. Es ist wie auf einer Fete mit lauter feschen Menschen, wo man nicht weiß, mit wem man zuerst anbandeln soll. Und das netteste Lächeln, die schönsten Augen, die sich in einer Ecke des Zimmers verstecken, übersieht man vielleicht sogar ganz. Ein Stück weit ist es mir so mit dem Album Eight Houses von She Keeps Bees ergangen. Ich hatte es vor Veröffentlichung zwar auf dem Radar, aber irgendwie habe ich es dann in der Masse aus den Augen verloren. Mein Verlust. Denn Eight Houses entpuppt sich im Nachhinein als Platte zum Verlieben, getragen von der überwältigenden Stimme Jessica Larrabees. Ihre Intensität erinnert an eine Juliette Lewis oder PJ Harvey, sie wirkt so bluesig und hemdsärmelig einerseits und zart und nuanciert anderseits. Sie steht somit ganz in der Tradition mächtiger, selbstbestimmter, charismatischer Frauenstimmen, die ihre Weiblichkeit auch über Dynamik und Stärke definieren und eben nicht die eigene Fragilität bis zum Exzess überbetonen.

Schlaglicht 12: She Keeps Bees weiterlesen

Schlaglicht 10: Manon meurt

Feiner Shoegaze mit einer weiblichen Stimme, irgendwo zwischen Schwanengesang und Nachtigall angesiedelt, dringt aus Tschechien an mein Ohr. Ich kann mich auf die Schnelle nicht entsinnen, in all den Jahres des Bestehens von Lie In The Sound schon einmal Musik aus Tschechien vorgestellt zu haben. Ich schiele schlicht selten gen Osten, aber eventuell ist diese eklatante Vernachlässigung ja doch auch einer Musikszene geschuldet, die nicht recht aus den Puschen kommt. Umso größer fällt mein Erstaunen darüber aus, dass die Formation Manon meurt einen derart verträumten, geradezu archetypischen Shoegaze an den Tag legt. Auf der im Februar letzten Jahres veröffentlichten, gleichnamigen EP sticht speziell der Song To Forget hervor: Melodische Gitarrenwände, entrückter Gesang, dazu das übliche Spiel mit Verzerrungen und Hall. Was will das Shoegaze-Herz mehr? Der Rest der EP kann sich ebenfalls sehen lassen, etwa die sachte Euphorie von Glowing Cityscape oder die zunächst ätherische, später gewittrige Dream-Pop-Melancholie von Blue Bird. Schlaglicht 10: Manon meurt weiterlesen

Regional ist besser 2: Woods Of Birnam

Ich lamentiere ja öfter mal, dass so manche Band, wenn man sie auch nur für eine Sekunde aus den Augen verliert, sich sogleich auf Nimmerwiedersehen auflöst. Jedenfalls habe ich vor einigen Monaten mit Erstaunen festgestellt, dass die Mitglieder von  Polarkreis 18 schon seit 2012 getrennte Wege gehen. So ganz habe ich nicht durchschaut, was nach dem großartigen Hit Allein Allein schief gegangen ist. Damals schien für die Dresdner eine internationale Karriere eigentlich durchaus realistisch. Ein paar Mitglieder von Polarkreis 18 machen mittlerweile zusammen mit dem Schauspieler Christian Friedel als Woods Of Birnam Musik. Das selbstbetitelte Debüt erschien vergangenen Herbst und hinterließ einen hochsoliden Eindruck und ab und an war auch jener hingebungsvoll-ekstatische Moment vorzufinden, der bereits Polarkreis 18 sehr gut zu Gesicht stand. Nicht umsonst hat es der Song I’ll Call Thee Hamlet auf den Soundtrack des Schweiger-Films Honig im Kopf geschafft. Wie sich dieser Titel von einer in Shakespeare’schem Grübeln verhafteten Strophe zum theatralischen Refrain aufschwingt, zählte im letzten Jahr sicher zu den gelungensten musikalischen Augenblicken deutscher Provenienz. Woods Of Birnam zeigen nämlich ein Beifall verdienendes Kunststück: Sie verstehen Songs auf kultivierten wie eingängigen Pathos hinzutrimmen, all das vermittelt die Leichtigkeit von Pop und zugleich eine tiefgängige Reife. Ein Song vom Schlage von Closer muss man geradezu mögen. Auch weil Friedels Gesang eine feine Empfindsamkeit bereithält. Sogar eher missratene Tracks, die vielleicht einen Tick zu sehr nach Song Contest tönen, vermag Friedel noch zu drehen, mit aufrichtig-unschuldiger Gefühligkeit auszustatten (Falling). Manchmal ringen sich Woods Of Birnam sogar zu Synthie-Pop durch (Dance) und auch derart machen sie eine gute Figur. Letztlich erweist sich aber die Band dann am besten, wenn sie sich ohne Wenn und Aber zur bedeutungsschwangeren Geste bekennt, so geschehen beim textlich mächtigen Titeltrack Woods Of Birnam („Life is but a tale/ Full of sound and fury and exuberance/ Told us by an idiot/ Who stands upon the stage and then/ Then is heard no more„). Spätestens hier hört mein Bedauern über das Ende von Polarkreis 18 auf, stellt sich uneingeschränkte Freude über dieses neue Projekt ein!

Regional ist besser 2: Woods Of Birnam weiterlesen

Alle Dogmen über Bord – Igorrr & Ruby My Dear

Ich vergesse oftmals zu erwähnen, wie sehr ich Experiment und Grenzerfahrung zu schätzen weiß. Gerade im elektronischen Bereich existieren Kräfte, die nicht einfach nur die Beats per minute hochtreiben und in einen Rausch verfallen, sondern neben allem Tempo eine akademische Neugier und ein damit verbundenes Ausloten von Gegensätzlichkeiten pflegen. Musik immer auch ein Stück weit voranzutreiben, sie in Einzelteile zu zerlegen und neu zusammenzufügen, diesen Anspruch setzen Igorrr & Ruby My Dear mit der jüngst erschienenen EP Maigre vorbildlich um. Diese EP ergeht sich in Extremen, vermengt Breakcore mit Chanson, sampelt sich eine Schneise durch Hardcore und Groteske.

Alle Dogmen über Bord – Igorrr & Ruby My Dear weiterlesen

Die Normalität der Grenzerfahrung – Tante Doktor

Vor einigen Tagen hatte ich hier auf dem Blog die Frage gestellt, weshalb Liedtexte eigentlich oft so nichtssagend sein müssen. Vielleicht liegt es schlicht daran, dass die hauptberufliche Singer-Songwriter-Existenz den Erlebnishorizont einschränkt. Möglicherweise sind all die vage gehaltenen Lyrics, die sich hochgradig ungefähr mit Liebe und Leid, Scheitern und Tod beschäftigen, auch dem Umstand geschuldet, dass es einer konkreten Erfahrungswelt mangelt, aus der man Geschichten schöpfen könnte. Die Gießener Formation Tante Doktor, deren EP Unsteril ich bereits 2013 erwähnt habe, tut sich da leichter. Hans Voigtmann, der Songwriter der Band, arbeitet als Anästhesist und viel von diesem medizinischen Alltag sickert in die Texte ein. Schon der Titel des im November 2014 veröffentlichten Albums Bipolar belegt dies. Die lakonische, bisweilen nüchterne Poesie der Platte erinnert an das Schaffen von Element of Crime. Ein besseres, ambitionierteres Vorbild kann man in deutschen Gefilden kaum finden. Und die medizinische Komponente von Tante Doktor sorgt für einen sehr eigenen Zungenschlag. Für eine spezielle Atmosphäre, die in ihrer nachdenklichen Besonderheit aus dem eingangs vermuteten schalen Textbrei hervorsticht.

Die Normalität der Grenzerfahrung – Tante Doktor weiterlesen

Konzerttipp + Verlosung: Orenda Fink (15.01.2015 im Privatclub/Berlin)

Dieser Tage beehrt Orenda Fink deutschsprachige Gefilde. Der Name der US-Singer-Songwriterin mag vielleicht nicht jedermann ein Begriff sein, als – wörtlich zu nehmen – bessere Hälfte von Azure Ray hat sie in der Vergangenheit jedoch einige starke Platten veröffentlicht – und auch ihr 2014 erschienenes Solowerk Blue Dream bot traumleichten Dream-Pop mit hell schimmerndem Gesang. Es forscht behutsam nach dem Göttlichen, bietet eine sehr ehrliche und aufrichtige Sinnsuche, gleitet nie in Esoterik-Klimbim oder in religiösen Eifer ab. Ich habe bei meiner Besprechung der Platte selbige als „ein Gedanken und Empfindungen nachhängendes, wohltuend erwachsenes Dream-Pop-Album“ gelobt. Wer Fink bislang nur durch ihr Wirken bei Azure Ray kennt, sollte Blue Dream auf alle Fälle eine Chance geben. Und vielleicht auch bei einem ihrer anstehenden Konzerte vorbeischauen.

Konzerttipp + Verlosung: Orenda Fink (15.01.2015 im Privatclub/Berlin) weiterlesen

Schatzkästchen 2: Ormonde – Paintings

Viele Songs verlieren sich im Kuddelmuddel der Posts, die auf einem Blog im Laufe eines Jahres so zusammenkommen. Das soll 2015 jedoch ganz anders werden. Tolle Tracks stecken wir fortan ins Schatzkästchen!

Ich könnte eigentlich nur von wenigen weiblichen Stimmen behaupten, in diese geradezu vernarrt zu sein. Neben einer Hope Sandoval oder einer Vashti Bunyan müsste ich sicher auch Margo Timmins (Cowboy Junkies) und Nina Simone nennen. Und natürlich Anna-Lynne Williams, die einst Frontfrau der famosen Trespassers William war, danach solo unter dem Namen Lotte Kestner musizierte und nun beim Duo Ormonde für den Gesang zuständig ist. Anna-Lynne Williams vermag die Last der Welt auf ihren Stimmbändern zu schultern, dabei traumgleich-sehnsuchtsvoll zu trällern. Schatzkästchen 2: Ormonde – Paintings weiterlesen