Schlaglicht 65: Bryde

Im Frühjahr schon habe ich der Britin Bryde attestiert, dass sie sich darauf versteht, eine fiebrige Seele in einen kräftigen Gitarrensound zu packen. Der Track Help Yourself mit seinem ächzenden, sehnenden Alternative-Flair hat mir durchaus imponiert. Auf die im Frühjahr erschienene EP1 folgt nun schon EP2. Am Ton hat sich wenig geändert. Wouldn’t That Make You Feel Good kommt verbittert daher, über weite Strecken haben wir es mit einer angespannten, fast desperaten Ruhe zu tun, bloß kurz branden eine verzweifelte Gitarre und ein unerbittliches Schlagzeug auf. Brydes knappe Beschreibung auf Facebook fasst ihr musikalisches Tun und ihre Vorbilder perfekt zusammen: „Bryde is a girl & an electric guitar singing fierce & fragile songs. Influenced by the likes of Scout Nibblet, PJ Harvey, Ben Howard and Sharon Van Etten.“


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Frauenpower voll trockenem Humor – Half Girl

Eine angeblich unheimliche All-Girl-Super-Group, die sich als Rasselbande geriert, kann entweder verdammt keck oder unglaublich langweilig klingen. Auch Sixties-Garage und Singalong-Punkrock made in Berlin besitzen sowohl Potential für vergessenswerten Lärm als auch für eine kleine, feine Lo-Fi-Rebellion. Im konkreten Fall lohnt es sich freilich, die Ohren aufmerksam zu spitzen. Denn als Referenzen können die Mitglieder des Quartetts Half Girl unter anderem die Mitgliedschaft bei Formationen wie Britta, Die Heiterkeit oder Luise Pop vorweisen. Grund genug also, dem Album All Tomorrow’s Monsters sogar mit einer gewissen Erwartungshaltung zu begegnen. Bei beinahe allen Nummern der Platte wird diese mehr als nur erfüllt! Das Augenzwinkern der Texte und der oft parodistische Vortrag zählen zu den Stärken der Platte. Das Lied Narzissten mit Zeilen wie „Narzissten lieben mich. Soll das so sein? Ich glaube nicht. Ich glaub‘ an nichts.“ offenbart einen Humor, dessen Wurzeln man unschwer zur Hamburger Schule und zur NDW zurückverfolgen kann. Half Girl sind von der Attitüde her eher mit der Generation der Lassie Singers zu vergleichen als mit auf Krawall gebürsteten Hipster-Girl-Groups gegenwärtiger Prägung. Solch vermeintlich altmodischer Ansatz tritt auch bei fast naiven, herrlich harmlosen Melodien hervor, die von den vier Frauen jedoch gern genüsslich persifliert werden. Auf derart liebenswerte Weise jedoch, dass als Resultat eine launige Single wie Girl In A Band als Power-Pop zum Niederknien begeistert!

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Der Beginn von etwas Großem – IRAH

Dieses Album muss man angehört haben! Mir fällt beim besten Willen kein Makel ein, der dieser Platte anzukreiden wäre. Into Dimensions ist von derart überwältigender Qualität, dass man sich gut vorstellen kann, in vielen Jahren dann höchst ehrfürchtig vom Beginn einer bestaunenswerten Karriere zu schwärmen. Selbstverständlich ist mir geradezu schmerzhaft bewusst, dass die Talente dieser Tage nicht weniger werden. Und da die Zahl kultivierter Hörer nicht rapide zunimmt, werden viele großartige musikalische Projekt nie die kritische Masse an Fans erreichen, um die künstlerische Relevanz zu erreichen, die sich eigentlich verdienen. Dem dänischen Trio IRAH würde ich die Verankerung im Kanon der künstlerischen Etablierten besonders gönnen. Denn dieses Debüt entfaltet eine eigene, faszinierende Magie, von der man in ihren aufregendsten Momenten ungefähr mit jener Ehrfurcht überwältigt wird, die einem als kleiner Knirps vor dem erleuchtenden und von Geschenken umsäumten Weihnachtsbaum widerfährt.

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Denn sie ließen Hollywood Hollywood sein! – DTCV

Als klassischen French-Pop mit 60s-Garage und Post-Punk preist der Pressetext das Album Confusion Moderne des französisch-amerikanischen Duos DTCV an. Keine Sorge, DTCV ist keine Gehirnzellen strapazierende Abkürzung, sondern soll vielmehr Detective ausgesprochen werden. Über DTCV hatten wir schon vor 2 Jahren im Zuge unseres jährlichen Weihnachtsspecials geschrieben. Und wenn ich mir Confusion Moderne so anhöre, ist es wirklich höchste Zeit, die Band auch abseits weihnachtlicher Klänge auf dem Blog zu würdigen. Denn jenen so verlockend-charmanten Stilmix, den der Pressetext verspricht, hält die Platte tatsächlich ein!

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Riot Grrrls im Millenial-Blues – Deap Vally

And I am not ashamed of my mental state/ And I am not ashamed of my body weight/ And I am not ashamed of my rage/ And I am not ashamed of my age/ And I am not ashamed of my sex life/ Although I wish it were better.“ nenne ich mal eine klare Ansage! Das Duo Deap Vally geizt nicht mit der Art Selbstbewusstsein, der man besser nicht in die Suppe spuckt. Zugleich verkörpern Lindsey Troy und Julie Edwards auch den Millenial-Blues, der trotz all der vermeintlichen Freiheiten nicht recht glücklich wird. Das Album Femejism besticht mit unverschämt herbem bluesigem Indie-Rock, der ab und an herrlich angepisst dargeboten wird. Der ausgestreckte Mittelfinger ist dabei nie bloß punkiges Accessoire, sondern wird mit substanziellen Texten und strammen Melodien unterfüttert.

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Ein herausfordernder Seelenblues – Emma Ruth Rundle

Death, God, Heaven, Angel, Sky. Wer solch Schlüsselwörter in Liedtitel packt, möchte die existenzielle, nach Transzendenz lechzende Schwere einer Platte unterstreichen. Wobei nicht alles, was existentiell sein will, tatsächlich auch die Essenz menschlicher Sehnsüchte und Emotionen einfängt. Der Singer-Songwriterin Emma Ruth Rundle jedoch gelingt ein Werk des Verlangens und der Kasteiung, ein Album des Schmerzes und der Erinnerung. Marked For Death imponiert als folkiges Alternative-Album, das in gesanglicher Hinsicht den rauen, düsteren Momente einer PJ Harvey fraglos das Wasser reichen kann.

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Gut gemeint? Sehr gut gemacht! – Moddi

Gut gemeint, so unkt man gern, sei das Gegenteil von gut gemacht. Wenn sich also ein Singer-Songwriter verbotenen, zumindest aber verpönten Liedern aus allen Teilen der Welt annimmt, darauf aufmerksam machen möchte, dass sich Musik immer auch gegen Tyrannei, Krieg und Unrecht gewandt hat, will man der Idee applaudieren. Mit der Intention allein gewinnt man freilich keinen Blumentopf.  Auch die konkrete Umsetzung muss überzeugen. Lieder des Protests haben über die Zeit deshalb ihre Wirkung entfaltet, weil sie oftmals von Menschen in Bedrängnis für unterdrückte Menschen geschrieben wurden. Kann also ein junger norwegischer Singer-Songwriter namens Moddi mit seinem Album Unsongs tatsächlich jenen Ärger, allen Zorn und die bisweilen große Verzweiflung reproduzieren, die den ursprünglichen Werken innewohnt? Und ist der Indie-Musikfan die Zielgruppe, die mit solch Attitüde etwas anzufangen weiß? Ich meine ja, ich hoffe ja.

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Photo Credit: Jørgen Nordby

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Ein Inselrundgang – Yann Tiersen

Als elegantes, melancholiches Klavierkonzert mit minimalistischen Untertönen, stets untermalt von beschaulichen Klängen aus der Natur, derart angenehm kontemplativ präsentiert sich EUSA. Der französische Komponist Yann Tiersen hat nicht zufällig wegen seiner Filmscores Berühmtheit erlangt. Und viel von der Herangehensweise an einen Soundtrack, etwa das beiläufige Untermalen von Bildern,  findet sich auf EUSA wieder. Die 18 Stücke des Werks entpuppen sich als musikalische Vermessung der bretonischen Insel Ouessant. Tiersen lässt Szenerien auf sich wirken, wandelt dabei von Ort zu Ort. EUSA gleicht einem Inselrundgang, bei dem die pittoreske Schönheit der einzelnen Schauplätze mindestens so ansprechend ist wie die in allerlei Gedanken schweifenden Spaziergänge dazwischen.

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Fast zu viel des Guten – Hannah Epperson

An Plattenveröffentlichungen herrscht wirklich kein Mangel. An überzeugenden Ideen jedoch, wie man zehn oder mehr Lieder zu einer Geschichte zusammenschmiedet, eher schon. Das Album als Drehbuch ist ein Konzept, das nur selten ganz große Begeisterung hervorruft. Speziell im Pop. Hannah Epperson will auf ihrem Album Upsweep ein sehr abgründiges Psychodrama beschreiben. Ein junger Mann namens Skyler weist hierin eine bipolare Störung auf, wird von den fiktiven Charakteren Amelia und Iris heimgesucht. Immer tiefer driftet er in eine Manie hinab, begünstigt durch das Spannungsverhältnis, welches zwischen Amelia und Iris besteht. Soweit die vom Pressetext geschilderte Ausgangslage, die sowohl zum Arthouse-Film als auch zum Hollywood-Thriller taugen würde.

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Schatzkästchen 77: Peter Doherty – I Don’t Love Anyone (But You’re Not Just Anyone)

Dieser Tage prasseln erfreuliche Neuigkeiten auf den Musikfan ein. Was gegen Ende des Jahres noch an Platten veröffentlicht wird, bringt all die Magazine in die Bredouille, die bereits gefühlt Anfang Oktober mit dem Musikjahr abschließen und halbgare Bestenlisten veröffentlichen. Wenn ein gewisser Herr Peter Doherty für Dezember ein neues Soloalbum ankündigt, dann müssen sämtliche Jahresbestenliste halt erst im Januar erscheinen! Hamburg Demonstrations nennt sich die neue Platte. Und sie ist in mehrfacher Hinsicht erfreulich. Zunächst ist es toll, dass Herr Doherty alle Krisen überstanden hat. Wer hätte vor 10 Jahren denn wirklich voll Optimismus darauf wetten wollen, dass Doherty 2016 noch immer am Leben und am Musizieren sein würde? Es grenzt fast an ein Wunder. Und wenn ein Song wie I Don’t Love Anyone (But You’re Not Just Anyone) als erste Single aus den Boxen schallt, dann darf man wirklich Glücksgefühle verspüren. Dass dieser Titel, den das ewige Enfant terrible bei Konzerten bereits oft gespielt hat, nun endlich in voller Pracht erhältlich ist, war überfällig! Doherty ist ein musikalischer Exzentriker, wie es ihn in jeder Generation nur einmal gibt. Das ist kein Geheimnis. Was bei dem über Jahre kultivierten Rabaukentum freilich gern übersehen wird, sind die famosen, fast balladesken Liebeslieder, die mit zunehmenden Alter immer besser ausfallen.  Weiterlesen