Archiv der Kategorie: Alben 2017

Zeitlosigkeit statt Nostalgie – Orchestra Baobab

Mitteleuropäer werden wohl nicht gerade mit großen Kenntnissen glänzen, wenn die Sprache auf den Senegal kommt. Vermutlich können sich hier Sportfans besonders hervortun, Motorsportfreunde kennen die Hauptstadt Dakar von der gleichnamigen Rallye, auch wenn diese mittlerweile aus Sicherheitsgründen in Südamerika gefahren wird. Das Nationalteam Senegals wiederum überraschte bei der Fußball-WM 2002. Durchschnittseuropäer werden zumindest die französische Kolonialvergangenheit anführen können. Für Schlagzeilen taugt das westafrikanische Land kaum. All seine Probleme wurden in den Jahrzehnten seit der Unabhängigkeit 1960 von gravierenderen Krisenherden am afrikanischen Kontinent in den Schatten gestellt. Doch wieder einmal taugt eine afrikanischen Band dazu, ein bisschen in die Höhen und Tiefen eines Landes einzutauchen. Dieses Mal wollen wir uns das Orchestra Baobab ein wenig näher ansehen. Und natürlich auch das jüngst erschienen Album Tribute To Ndiouga Dieng nicht unerwähnt lassen.

Photo Credit: Youri Lenquette

Zeitlosigkeit statt Nostalgie – Orchestra Baobab weiterlesen

Schatzkästchen 89: Kacy & Clayton – The Light of Day

2013 hatte ich auf das exzellente kanadische Duo Kacy & Clayton hingewiesen, mich an dem puristischen Folkalbum The Day Is Past & Gone ergötzt. Irgendwie sind mir die Beiden jedoch aus der Wahrnehmung entfleucht. Deshalb war ich dieser Tage umso erstaunter, welchen Weg das Duo mittlerweile eingeschlagen hat. Die neue Single The Light of Day kündigt das im August erscheinende Album The Siren’s Song an. Produziert wurde das Werk von keinem Geringeren als Jeff Tweedy. Und ja, das hört man! The Light of Day zumindest tönt in bester Roots-Rock-Tradition. Eine psychedelische Note und eine charmante Pedal-Steel-Gitarre verleihen dieser pfiffigen Nummer den Charakter eines Klassikers. Nur zu gut kann man sich ausmalen, dass der Song auch zu Zeiten der Hippies für Furore gesorgt hätte. Und wenn man sich das Cover der Platte so besieht, ist dieser Eindruck auch gewünscht.

Schatzkästchen 89: Kacy & Clayton – The Light of Day weiterlesen

Liebe auf den ersten Blick – Postcards

Aus welchem pittoresken US-College-Städtchen ist im Twee und Dream-Pop angesiedelte Musik der Band Postcards ausgebüxt? Wenn ich es nicht besser wüsste, würde ich das Quartett im Mittleren Westen oder irgendwo in New England lokalisieren. Weit gefehlt! Sehr weit. Die Postcards kommen aus dem Libanon. Genauer gesagt aus Beirut, einer der spannendsten Metropolen des Nahen Ostens. Songwriting und Vortrag lassen das jedoch in keinster Weise erkennen. Vielleicht unterschätze ich ja, wie sehr die Generation der Millennials – nicht zuletzt durch das Aufwachsen mit dem Internet – bereits jedwede bemühte Nachahmung abgelegt hat. Musikalische Genres haben längst schon nationale Grenzen, Kulturräume oder Stereotype wie den Begriff der westlichen Welt überwunden, sprießen überall. Mal mit lokalen Einflüssen gespickt, mal völlig ohne geographische Verortung.

Liebe auf den ersten Blick – Postcards weiterlesen

Schlaglicht 76: JOSIN

Motivationscoaches und Lebenshilfegurus werden selten müde zu betonen, dass jeder Mensch ein einzigartiges Wesen mit speziellen Talenten ist. Fürs eigene Selbstwertgefühl ist das natürlich Musik in den Ohren, aber zu oft ruht man sich auf solch Komplimenten aus und zu selten bemüht man sich, die individuelle Unverwechselbarkeit tatsächlich unter Beweis zu stellen. Die Künstlerin, die ich heute hier kurz erwähnen möchte, sticht jedoch in mancherlei Hinsicht hervor. Da wäre zunächst einmal ihre Herkunft. Sie ist als Tochter einer Koreanerin und eines Deutschen in Köln geboren, ihre Eltern sind beide Opernsänger. Solch Abstammung ist fraglos besonders, allerdings kein Verdienst von JOSIN selbst. Ihre Besonderheit tritt vielmehr in einer ureigenen musikalischen Vision zutage, die sie auf der diese Woche erscheinenden EP Epilogue darlegt.

Schlaglicht 76: JOSIN weiterlesen

Letztlich optimistisch – Erasure

Man könnte ja meinen, der Weltuntergang stünde bevor. Alle jammern! Die einen über aufgezwungene Political Correctness, die alle Münder mit Euphemismen zu stopfen droht. Andere wieder über die Wiederkehr reaktionären Denkens, das viele hart erkämpfte und mittlerweile fast als selbstverständlich wahrgenommene Errungenschaften einkassieren möchte. Wie geht man in Zeiten von Trump, Brexit und Terror mit all dem um? Steckt man den Kopf in den Sand, macht auf Party bis zum Sonnenaufgang? Oder übt man sich in eher gedämpfter Stimmung, freilich nicht ohne alle Hoffnung fahren zu lassen? Die britischen Veteranen Erasure haben sich für letztere Variante entschieden. World Be Gone setzt über weite Strecken auf verhaltenen Synthie-Pop, der kaum Glitter oder Fetenlaune versprüht. Dieser nicht erwartbare Umstand macht das Album keineswegs weniger interessant.

Photo Credit: Doron Gild

Letztlich optimistisch – Erasure weiterlesen

Wie im Kino: Pathos, Drama, Leidenschaft! – Principe Valiente

Melodischer Indie-Rock gepaart mit New-Wave-Charakter und Shoegaze-Herrlichkeit, was in dieser Kurzbeschreibung nach einem Album klingt, dass man besser gleich als gestern auf den Plattenteller legen möchte, ist tatsächlich sogar viel überwältigender, als man sich dies je auszumalen wagt. Oceans zählt für mich bereits jetzt zu den drei besten Alben des Jahres 2017. Sogar wenn morgen alle musikalischen Heiligen vom Himmel herabsteigen und sogleich ins Aufnahmestudio eilen würden, das famose Oceans könnte schwerlich zu toppen sein. Meine Begeisterung liegt keineswegs im Reiz des Neuen begründet, denn die schwedische Formation Principe Valiente ist diesem Blog schon länger vertraut. Der Track She Never Returned des 2013 veröffentlichten Choirs Of Blessed Youth schallt nach wie vor regelmäßig aus meinen Boxen. Mit Oceans ist mir Principe Valiente nun endgültig ans Herz gewachsen, in die Riege ehrfürchtig genannter Lieblingsbands aufgenommen! Schauen wir uns die Gründe dafür doch näher an.

Wie im Kino: Pathos, Drama, Leidenschaft! – Principe Valiente weiterlesen

Schatzkästchen 88: Basement Revolver – Johnny Pt.2

Photo Credit: Yoshi Cooper

Vor nicht einmal einem Jahr habe ich über die Debüt-EP der kanadischen Formation Basement Revolver geschwärmt. Mit ein wenig zeitlichem Abstand betrachtet war diese EP mit das Beste, was mir 2016 zu Ohren gekommen ist. Doch ich bin immer auch ein klein bisschen vorsichtig, mich in Newcomer allzu innig zu verlieben. Denn so eine Band ist auch schnell aufgelöst, wenn sich nicht gleich der erwartete Erfolg einstellt. Und dann steht man als Fan recht verdattert da. Basement Revolver allerdings scheinen keineswegs zu jenen Eintagsfliegen zu gehören, für die Schmetterlinge im Bauch doch nicht lohnen. Denn dieser Tage wurde eine neue EP names Agatha angekündigt und dazu ein neuer Song vorgestellt. Johnny Pt. 2 knüpft an den Track Johnny an, der mich letztes Jahr ganz und gar zu begeistern wusste. Indie-Pop mit kräftigen Drums aufgefettet und mit ein wenig Twee-Süße veredelt, so hatte ich die famose Nummer damals charakterisiert. Und auch das so bittersüße Johnny Pt. 2 bekommt man nicht so rasch aus dem Kopf. Es tönt shoegazig, der Gesang erinnert mich an die junge Dolores O’Riordan. Der kraftvolle Song ist das großes Indie-Kino, wie gemacht für einen erinnerungswürdigen Moment. Wer nun neugierig geworden ist, sollte nicht achtlos auf Play drücken, Johnny Pt. 2 vielmehr im Hinterkopf behalten, für einen nachdenklich-magischen Augenblick aufsparen. Dann nämlich schlägt der Track so richtig ein!

Schatzkästchen 88: Basement Revolver – Johnny Pt.2 weiterlesen

Schlaglicht 75: Cigarettes After Sex

Photo Credit: Ebru Yildiz

Cigarettes After Sex – der perfekte Bandname für eine female-fronted Post-Punk-Band. Und doch ist alles ganz anders! Der Sound der 2008 im texanischen El Paso gegründeten Band entpuppt sich als vielfältiger Dream-Pop, dessen unüberhörbare Einflüsse einem beinahe den Atem rauben. Vieles an Cigarettes After Sex ist erstaunlich. Da wäre speziell die Stimme des Masterminds Greg Gonzalez, die in der Musikpresse unisono als androgyn beschrieben wird. Ebenso auffällig ist die Tatsache, dass die Band im Juni ihr Debütalbum veröffentlichen wird, es aber bereits auf über 280000 Facebook-Likes und viel Kritikerlob gebracht hat. Das alles geschieht nicht zufällig, ist auch keinem clever kalkuliertem Hype geschuldet. Die Formation besitzt das gewisse, unverwechselbare Etwas, das verfängt.

Schlaglicht 75: Cigarettes After Sex weiterlesen

Die Brückenbauerin – Yasmine Hamdan

Ethno-Pop panscht oft das Schlechteste aus Folkore und Pop zu einem unsagbar sülzigen Brei zusammen. Das muss man gerade in der Woche des Eurovision Song Contests mit Schaudern feststellen, selbst wenn folkloristische Elemente 2017 nicht ganz so in Mode scheinen. Dabei kann Ethno-Pop auch ganz anders, sehr wunderbar tönen, wie Yasmine Hamdan auf ihrem neuesten Werk Al Jamilat beweist. Hamdan gelingt ein wunderbar luftiger, in Gedanken verlorener Pop mit feinen elektronischen Akzenten, der frei von dem in arabischen Breiten häufig anzutreffenden Pathos ist. Die Bandbreite dieses Albums reicht von chansonesque-eleganten Lieder wie Douss über auf Rhythmus und Tanzbarkeit fokussierte Stücke wie Balad bis hin zum Electro-Pop-meets-Opera von Ta3ala.

Für die Weltenbürgerin Yasmine Hamdan ist das orientalische Erbe stets viel mehr als Staffage, ihre Musik bekennt sich zu den kulturellen Wurzeln, spürt diesen intensiv nach, kultiviert die Tradition, indem sie sie mit westlichen Stilen verknüpft. Die Brückenbauerin – Yasmine Hamdan weiterlesen

Versonnenheit und Zivilisationskritik, live! – Xavier Rudd

Weltverbesserer sind oft hoffnungslos verkniffen, meist sogar miesepetrig. Verfechter des Friede-Freude-Eierkuchen-Prinzips dagegen kommen mit einem waffenscheinpflichtigen Grinsen daher. Beides nicht auszuhalten! Zum Glück gibt es einen Xavier Rudd, der sich Versonnenheit bewahrt hat, obwohl er harsche Zivilisationskritik übt. Der Australier zählt zu den angenehmen Gestalten unter den Singer-Songwritern mit gesellschaftspolitischem Anspruch. Rudd verbindet Umweltbewusstsein mit universeller Spiritualität, lässt seinen globalen Humanismus nie zur Worthülse verkommen, macht den Kampf für Gerechtigkeit exemplarisch am Eintreten für die Rechte der Aborigines fest. Er wirkt wie der leibhaftige Gegenentwurf zum von steter Gier getriebenem Konsum und unbedingtem Verlangen nach Individualität. Rudd gerät zum modernen Hippie, der so sehr in sich ruht, dass er die eigene Haltung mit größtmöglicher Entspanntheit vorträgt. Alles Engagement wird von einer Art Urvertrauen in die starken Kräfte des Guten getragen. Er propagiert dabei ein Miteinander von Tradition und Moderne, sucht nach Gemeinsamkeiten zwischen Völkern. Der gemeinsame Nenner ist für ihn diese eine Erde, die alle Menschen miteinander teilen. Was auf den ersten Blick naiv klingt, ist natürlich völlig vernünftig. Die einzelnen Bewohner eines großen Wohnkomplexes haben schließlich ja allesamt ein berechtigtes Interesse daran, dass die Aktionen einzelner Mieter nicht zum Einsturz des gesamten Gebäudes führen. Dass der werte Herr Rudd noch immer nicht müde wird, sich für eine bessere Welt einzusetzen, belegt die vor wenigen Wochen erschienen Platte Live in the Netherlands.

Gerade eine Botschaft voll positiver Vibes schreit förmlich danach, im Rahmen eines Konzertes festgehalten zu werden. Die Art, wie Rudd seine Auftritte gestaltet, vermag jedoch zu überraschen. Wer meint, dass er womöglich darauf abzielt, tausenden Kehlen abgedroschene Weltverbesserungsparolen abzutrotzen, wird staunen. Rudd nimmt die Musik viel zu ernst, um einen Gig zum Happening verkommen zu lassen. Versonnenheit und Zivilisationskritik, live! – Xavier Rudd weiterlesen