Archiv der Kategorie: Alben 2017

Schatzkästchen 81: Circa Waves – Fire That Burns

Eigentlich hätte ich vor mehr als drei Jahren schwören mögen, dass die Liverpooler Band Circa Waves 2017 sogar noch ein Stückchen weiter wäre. Womöglich sieht die Sache in ein paar Monaten auch schon anders aus. Vielleicht gelingt mit dem zweiten Album Different Creatures der ganz große Durchbruch. Das Rüstzeug, die britische Indie-Rock-Band des Jahres zu werden, bringen Circa Waves auf alle Fälle mit. Die Qualitäten hatten sich bereits Ende 2013 mehr als nur angedeutet, weshalb ich sie schon damals zum Hype freigegeben hatte. Nun sollte es endgültig klappen. Auch dank des famosen Tracks Fire That Burns. Ein zunächst treibender, dann bombastisch explodierender Refrain wird von melodischen Strophen samt fast zärtlichem Gesang umrahmt. Ein wunderbarer Song, den man nicht aus dem Ohr bekommt. Dass die Single auch ein starkes Musikvideo spendiert bekommen hat, sollte zum Erfolg beitragen. Ein wenig packt mich der Clip sogar bei der Ehre. Schatzkästchen 81: Circa Waves – Fire That Burns weiterlesen

Schlaglicht 69: Son Volt

Es ist das ewige McCartney-Lennon-Dilemma! Wenn eine aus mehreren Masterminds bestehende Band ein nicht gerade amikales Ende findet, stellt sich für Fans unwillkürlich die Frage der Loyalität. Wessen Werdegang möchte man auch weiterhin enthusiastisch begleiten? Im Falle von Uncle Tupelo hat sich die Mehrheit für Jeff Tweedy und seine daran anknüpfenden Band Wilco entschieden. Über die Jahre wurde es sogar richtiggehend zeitgeistig, Wilco ganz toll zu finden. Auch wenn ich die Einschätzung der Co-Bloggerin nicht teile, die Wilco als Hipsterscheiße abtut, so erstaunt es mich dennoch, dass ein Jay Farrar nach dem Ende von Uncle Tupelo weitaus weniger Anklang gefunden hat. Seit über 20 Jahren nimmt er mit Son Volt absolut hervorragende Alben auf, denen jedoch die Anerkennung verwehrt bleibt. Hoffentlich ändert sich das endlich mit dem demnächst erscheinenden Werk Notes of Blue. Farrar hat nach einer die letzte Platte prägenden Hinwendung zum Honky Tonky einen neuen Sound gefunden. Notes of Blue glänzt mit Blues-Rock und großartigen Americana-Klängen, einige davon besitzen überraschend viel Verve. Sinking Down bietet neben deftig-lärmigem Blues-Rock auch Passagen voll Country-Seligkeit, die Verlierersehnsüchte wunderbar einfangen. Back Against The Wall ist Folk-Rock, der ein Lied davon singt, sich nicht unterkriegen zu lassen. Das Songwriting fällt authentisch und hemdsärmelig aus, ohne Klischees und ohne existentialistische Hirnwichserei. Lost Souls entpuppt sich sogar als veritabler Ohrwurm, rhythmisch kernig, mit mächtiger E-Gitarre und einem fein lamentierenden Gesang Farrars. Großartig!

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ITEOTWAWKI (I): Depeche Mode – Where’s the Revolution

©AntonCorbijn/ColumbiaRecords/SonyMusic

Zeit für eine neue Kategorie. Ab nun werden hier gesellschaftlich und politisch relevante Klänge unter dem Motto „It’s the end of the world as we know it“ beleuchtet. Und kaum ein Song wäre zum Start besser geeignet als Where’s the Revolution. Die neue Single von Depeche Mode, erster Vorgeschmack auf das im März erscheinende Album Spirit, taugt zu mehr als dumpfer Zeitgeistklage. Abgesehen von ein bisschen Feel-the-Bern-Stimmung, die im amerikanischen Vorwahlkampf von Bernie Sanders entfacht wurde, besteht dieser Tage speziell im linken Spektrum wenig handfeste Lust auf Revolution. Und die Mitte der Gesellschaft wirkt entweder zu satt oder zu angestrengt, um Impulse zu setzen. So sind die größten umstürzlerischen Tendenzen fraglos rechts angesiedelt. Siehe Trump, Le Pen, UKIP oder AfD. Doch markiert der Drang zur Abkehr von gegenwärtigen Verhältnissen nur die Rückbesinnung auf Nationalismus und Protektionismus. Genau diese Strategien taugen nicht dazu, die Probleme eines Kapitalismus ohne Sinn für soziale Verantwortung zu lösen. Die Revolution, nach der Depeche Mode Ausschau halten, ist ohnehin anders gestrickt. Die Zeilen „They manipulate and threaten/ With terror as a weapon/ Scare you till you’re stupefied/ Wear you down until you’re on their side“ richten sich vor allem an jenen Menschenschlag, der sich nicht von aufgeblähten Bedrohungen ins Bockshorn jagen lässt. Where’s the Revolution hat die Schnauze voll von „patriotic junkies“ und von Menschen, die Religionen oder Regierungen nicht kritisch hinterfragen. ITEOTWAWKI (I): Depeche Mode – Where’s the Revolution weiterlesen

Schlaglicht 68: Blondie

Photo Credit: Alexander Thompson

Im Sport ist die Gefahr ziemlich gering, dass man als Mitglied der Ü-60-Fraktion noch große Erfolge erzielt. Abgesehen von Senioren-Turnieren natürlich. Und auch in der Popmusik beschränkt sich die Daseinsberechtigung musizierender Rentner meist auf die Einweihung neuer Baumärkte oder auf Auftritte bei Stadtfesten in der tiefsten Provinz. Wenn sich ein Sexsymbol früherer Tage dann sogar noch mit 71 Jahren zu einem neuen Werk aufschwingt, stellt sich fast zwangsläufig die Frage, wer der Chose eigentlich das Ohr leihen soll. Weil, da müssen wir nüchtern sein, natürlich auch die Optik eine andere ist. Denn sogar eine Debbie Harry altert! Sie und ihre Mitstreiter von Blondie wollen es aber tatsächlich nochmals wissen. Für Mai wurde soeben das Album Pollinator angekündigt. Die erste Single Fun, von Dave Sitek (TV On The Radio) mitverfasst, präsentiert sich als flippiger Wohlfühl-Disco-Pop. Schlaglicht 68: Blondie weiterlesen

Das Wunder Leben – Rebekka Karijord

Ich bewundere Menschen, die mit sich völlig im Reinen scheinen. Die mit klarem Blick und aufrichtiger Emotion auf das blicken, was ihnen wichtig ist. Die sich mit der Umwelt im Einklang befinden, alle Ärgernisse und Nebensächlichkeiten abzuschütteln vermögen. Den Sinn der eigenen Existenz zu begreifen, ohne dabei in ein Hadern zu verfallen, ist eine große Kunst. Das Album Mother Tongue der Norwegerin Rebekka Karijord vermittelt genau jene Gemütsruhe. Im Falle von Karijord war es die dramatische Frühgeburt ihres ersten Kindes, die solch beneidenswerten Seelenfrieden hervorbrachte. Das Resultat ist eine innehaltende, umwerfend schöne Platte, die edelstes skandinavisches Songwriting verkörpert. Schauen wir uns das Werk doch kurz näher an!

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Aus dem Club um die Ecke – Bängks

Einer meiner musikalischen Vorsätze für 2017 ist vielleicht gar nicht so unproblematisch. Ich will dieses Jahr mehr deutschen Indie-Klängen lauschen. Nun könnte man natürlich argumentieren, dass es in die nationalistische Stimmung dieser Trump-Tage passt, dass alles nur noch aus dem eigenen Land stammen soll. Doch das ist nicht meine Intention. Vielmehr geht es darum, dass man sich nicht immer nur mit den Acts beschäftigt, die an der Spitze der Erfolgspyramide stehen. Und das Fundament, um bei diesem Bild zu bleiben, bilden eben die lokalen Bands und Musiker, die tagtäglich in den kleinen und großen Städten des Landes auftreten. Musik definiert sich längst nicht nur über das, was gerade international durch alle Magazine oder Radiostationen geistert, Musik wirkt eben auch durch die Acts, die im Club um die Ecke live auftreten. Die Solinger Gruppe Bängks verkörpert genau das, was eine gute heimische Indie-Formation ausmacht. Ihr Indie-Rock klingt keine Sekunde lang provinziell, zugleich könnte man sich gut vorstellen, die Jungs an einem netten Abend im benachbarten Konzertschuppen zu bestaunen. Ein Trumpf regionaler Bands eben!

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Der klingende Adventskalender 2016: Türchen 24

Natürlich könnten wir zum Abschluss unseres klingenden Adventskalenders noch einen Indie-Act aufmaschieren lassen, der sich redlich mit Weihnachtsklassikern beschäftigt. Und freilich könnten wir Kleinode präsentieren, die den Geist der Weihnacht einzufangen trachten. Aber gerade in diesem Advent in dieser Stadt Berlin auf diesem aus den Fugen geratenen Planeten braucht es eine Hoffnung, die die Illusion nährt, dass es irgendwann mal schönere Weihnachten gibt. Ein Fest, an dem es keinen Terror, keinen Hass und keine Ungerechtigkeit gibt. Ein Fest eben, an dem sich vernunftbegabte und empathiefähige Erwachsene die Hand reichen. Und weil man sich gerade zu Weihnachten Dinge wünschen darf, wollen wir diesen Adventskalender mit Andra Day und Stevie Wonder beschließen. Das 2015 aufgenommene Duett Someday at Christmas ist auf Days heuer veröffentlichten EP Merry Christmas from Andra Day zu finden. Day steht ganz in der Tradition großer schwarzer Soul- und R&B-Stimmen. Und einen Stevie Wonder muss man ohnehin nicht mehr vorstellen. Das Duett ist stimmlich intensiv, von exakt der Sehnsucht beseelt, die ich bereits angesprochen habe. Zeilen wie „Someday at Christmas we’ll see a land/ With no hungry children, no empty hand/ One happy morning people will share/ A world where people care“ präsentieren die Vision einer gerechteren Welt, sind nie einfach nur naives Heile-Welt-Gedöns. Der klingende Adventskalender 2016: Türchen 24 weiterlesen

Schlaglicht 66: The Magnetic Fields

Es gibt wohl selten jene Einhelligkeit der Meinungen, wie man sie von der Musikkritik zu den 69 Love Songs vernommen hat. Dieses drei CDs umfassende Werk aus dem Jahre 1999 ist das Opus magnum von The Magnetic Fields. Mastermind Stephin Merritt zählt fraglos zu markanten Köpfe der amerikanischen Indie-Szene, verkörpert all das, was in den USA dieser Tage unter Beschuss steht, nämlich das großstädtisch-liberale Milieu. Merritts trockener Humor, der den lakonischen Intellektuellen verrät, scheint fast aus der Zeit gefallen. Er will so gar nicht zum reaktionären Eifer der Gegenwart passen, hat auch nichts mit der dauerposenden Ironie der Hipster gemein. Kurzum, Merritt ist eine interessante Erscheinung, selbst wenn nicht jedes seiner Alben an die absolut famosen 69 Love Songs heranreicht. 2017 strebt er mit den The Magnetic Fields allerdings wieder ein Meisterwerk an. 50 Song Memoir ist ein 5 CDs beinhaltendes Boxset, dass auf 50 Liedern Merritts 50 Lebensjahre Revue passieren lässt. Laut Pressetext sind die nicht-fiktionalen Texte eine Mischung aus Autobiographie, festgemacht an 3 B’s (Bedbugs, Buddhism, Buggery), und Dokumentation, repräsentiert durch 3 H’s (Hippies, Hollywood, Hyperacusis). Der werte Merritt begann mit dem Aufnahmen zu diesem Werk am 09.02.2015, seinem fünfzigsten Geburtstag. Die dieser Tage nun veröffentlichten ersten Kostproben zeigen den Künstler in Bestform. All das, was seit über 25 Jahren bereits sein Songwriting auszeichnet, sticht auch hier ins Auge. So beschreibt das verdammt eingängige ’93 Me and Fred and Dave and Ted die wilde Zeit als Endzwanziger in einer nicht eben alltäglichen WG. Schlaglicht 66: The Magnetic Fields weiterlesen

Schatzkästchen 78: Tinariwen – Ténéré Tàqqàl

Wenn es um afrikanische Traditionspflege geht, zählen Tinariwen seit vielen Jahren schon zu den Besten ihrer Zunft. Nur zur Erinnerung: Tinariwen sind ein Kollektiv aus Mali stammender Tuareg-Musiker, die als Kinder in algerischen Flüchtlingslagern aufwuchsen, da das Volk der Tuareg seit den Sechzigern in Mali verfolgt wurde. Sie gehören somit einer Generation an, die im Exil als Krieger erzogen wurde. Ende der Siebzigerjahre entstand eine lose Formation musikalisch Gleichgesinnter, die die traditionelle Kultur ihres Volkes sacht modernisierten. Die Inhalte der Musik fokussierten sich natürlich stark auf das Thema Revolution und bereiteten somit auch den geistigen Nährboden für die 1990 begonnene Rebellion der Tuareg, welche schließlich in einem Friedensvertrag mit der malischen Regierung mündete. In den letzten fünfzehn Jahren geriet die Band durch zahlreiche Auftritte in Europa zu bejubelten World-Music-Vertretern, deren weise Folklore von einem bewegten Leben erzählt. Dies wird fraglos auch auf dem für Februar 2017 angekündigten Album Elwan deutlich werden. Ein Kulturpessimismus, der der Moderne mit all ihren  Veränderungen voll Ratlosigkeit begegnet, trifft bei Tinariwen auf poetische Schönheit, die auf wunderbare Art und Weise ein Ringen um Heimat zu vermitteln vermag. Die Musiker von Tinariwen erzählen die Geschichte von Entwurzelung, verbunden mit der bitteren Erkenntnis, dass die Rückkehr zu den eigenen Wurzeln letztlich vielleicht gar nicht gelingen kann. Der Track Ténéré Tàqqàl etwa beklagt die Bitterkeit in den Gesichtern der Unschuldigen, die in schweren und schmerzlichen Zeiten keine Solidarität mehr erfahren. Die Stärksten würden ihren Willen durchsetzen, die Schwächsten zurücklassen. Viele wären gestorben, sämtliche Freude wäre gewichen. Man sei von all der Falschheit erschöpft.

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