Archiv der Kategorie: Alben 2017

Schatzkästchen 86: Saint Etienne – Heather

Irgendwann wenn die Erholungsphasen zwischen Exzessen länger und länger dauern, hat man die Jugend mit der ihr eigenen selbstzerstörischen Rücksichtslosigkeit hinter sich. Ab dann trachtet man nur noch danach, möglichst gut zu altern. Was aufs Leben zutrifft, gilt freilich auch für das künstlerische Schaffen. Heute möchte ich mich kurz mit einer Band beschäftigen, von der zwar keinerlei Ausschweifungen aus den Glanzzeiten überliefert sind, die sich aber wirklich gut darauf versteht, mit Stil, Charme und Witz zu reifen. Wo andere Bands nach 25 Jahren im Musikgeschäft schon verdammt alt aussehen, machen Saint Etienne noch immer ausgezeichnete Figur. Angeführt von der unwiderstehlichen Sarah Cracknell hat das Trio über all die Jahre Disco-Glam-Pop von zeitloser Frische perfektioniert. Ein Dahinsiechen in puncto Kreativität ist nicht abzusehen, wie auch der neue Track Heather belegt. Heather kündigt das für Juni avisierte neue Album Home Counties an und offeriert eine Sarah Cracknell, die Hörer nach wie vor – ja vielleicht sogar mehr denn je – um den Finger zu wickeln versteht. Schatzkästchen 86: Saint Etienne – Heather weiterlesen

100 Prozent Herzenswärme – When Nalda Became Punk

Wenn man über Menschen sagt, sie seien unkompliziert, dann meint man dies immer als Kompliment. Nennt man hingegen Musik unkompliziert, ist das fast ausnahmslos kaum wohlwollend gemeint. Dabei gibt es legere, eingängige Klänge, die schlicht schmissig und ansprechend sein wollen. Unkompliziert, so zumindest würde ich das Minialbum Those Words Broke Our Hearts der Formation When Nalda Became Punk beschreiben. Der lärmige, pfiffige Twee der im spanischen Vigo beheimateten Formation hat es mir schon 2013 angetan. Er wummert ins Ohr, ohne irgendwelche Sperenzchen. Gerade im tristen Jetzt, in denen man dem Wahnsinn der Welt kaum entkommen kann, braucht es solch quirlige Lieder. Guten (Indie-)Pop erkennt man nicht zuletzt daran, dass er lebendig tönt, sogar wenn die Lyrics bittersüß ausfallen.

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Ein langer Weg – Nadine Khouri

Sinnlich, sublim, samten. Mit den drei Adjektiven wird man dem Gesang Nadine Khouris meiner Meinung nach am ehesten gerecht. Bereits 2010 war ich von ihrer EP A Song to the City überaus angetan, hatte die stimmliche Versiertheit hervorgehoben. Und tatsächlich sind gerade einmal sechseinhalb Jahre vergangen, bis man Khouri jetzt endlich zum sehr feinen Debütalbum The Salted Air beglückwünschen darf. Es scheint also nichts gewesen zu sein, was sich einfach so aus dem Handgelenk schütteln ließ. Glücklicherweise ist auf The Salted Air davon gar nichts zu spüren. Souveräne Leichtigkeit und Eleganz durchweht dieses Werk der im Libanon geborenen und nach der Flucht in England aufgewachsenen Singer-Songerwriterin. Khouri gelingt eine nie vordergründige, vielmehr in Gedanken versunkene Platte mit durchaus versonnenen Anwandlungen. Chic und Tiefgang scheinen perfekt ausbalanciert.

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Schatzkästchen 85: Erasure – Love You To The Sky

Erasure sind ein echtes Phänomen. Ihr fröhlicher, eingängiger Synthie-Pop, der stets nach Party und Tanzboden anmutet, könnte geschmackssichere Gemüter zum Nasenrümpfen einladen. Und doch muss man schon ein ausgesprochener Miesepeter sein, um dem Tun der Herren Andy Bell und Vince Clarke ablehnend gegenüberzustehen. Womöglich liegt es daran, dass das Duo seinen Dancefloor-Stampfern Freude und Lebendigkeit einhaucht. Wo es in dem Genre rasch nach Plastik mieft, gelingt es Erasure, das Leben, die Liebe und eine weltumspannende Verbundenheit zu zelebrieren. Liebenswürdigkeit mag im Normalfall kein musikalisches Kriterium sein, in besagtem Fall erweist sie sich jedoch als Geheimnis des Erfolgs. Nicht minder imponiert, dass Bell nach wie vor mit viel stimmlicher Frische gesegnet ist, wie die neue Single Love You To The Sky imponierend verdeutlicht. Sie kündigt das bereits 17. Album des Duos an, das auf den Titel World Be Gone lauten und im Mai erscheinen wird. Wenn man das Vorgängeralbum The Violet Flame als Maßstab nehmen möchte, darf man davon ausgehen, dass Erasure einmal mehr ganz Erasure sind. An der positiven Lebenseinstellung gepaart mit fröhlichen Synthie-Pop-Hymnen wird sich garantiert nichts ändern. Schatzkästchen 85: Erasure – Love You To The Sky weiterlesen

Der alte und neue Kampf um Heimat – Tinariwen

Heimat ist nichts, dessen man beim achtlosen Blick durchs Küchenfenster ansichtig wird. Heimat offenbart sich bestenfalls in besonderen, erhebenden Momenten. Mehr noch aber in der Sehnsucht, wenn Heimat zum verlorenen Paradies erwächst. Tinariwen können das eine oder andere Lied darüber singen! Die Wurzeln der Formation liegen in algerischen Flüchlingslagern, in welchen die erste Generation der Musiker aufwuchs, da das Volk der Tuareg seit den Sechzigern in Mali verfolgt wurde. Was Ende der Siebzigerjahre als loses Kollektiv musikalisch Gleichgesinnter entstand, war zunächst Ausdruck des Widerstands und der Bitterkeit des Exils. Die Inhalte der Musik fokussierten sich natürlich stark auf das Thema Revolution und bereiteten somit den geistigen Nährboden für die 1990 begonnene Rebellion der Tuareg, die letztlich in einem Friedensvertrag mit der malischen Regierung mündete. Doch Geschichte wiederholt sich. Auch die nächste Generation, die nun neben der alten zu den Instrumenten greift, sieht sich abermals mit Vertreibung und dem Fehlen von Heimat konfrontiert. Sein ein paar Jahren treiben die islamistischen Extremisten von Ansar Dine in der Region ihr Unwesen. Solch Musik, die der Einklang mit Tradition und Lebensraum umtreibt, ist reaktionären, repressiven Eiferern selbstverständlich ein Dorn im Auge. Das neue Album Elwan erfährt seine Existenzberechtigung allein schon darin, dass es sich schlicht nicht unterkriegen lässt. Tinariwens zwischen Moderne und Folklore verorteten Wüstenblues weiter kultiviert.

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Gezündeter Turbo – Sofia Härdig

Sich ganz neu zu erfinden, die Lust darauf verspürt man ab und an sehr. Manchmal äußert sich der Wille zur Veränderung in Kleinigkeiten wie einem neuen Haarschnitt oder einem Klamottenwechsel, ab und an jedoch wird umgekrempelt, was sich alles umkrempeln lässt. Dann wird der Job gewechselt, ein brandneues Hobby gesucht, vielleicht sogar der Lebensabschnittspartner in die Wüste geschickt. Ob man nun Sport, Müßiggang oder Tinder für sich entdeckt, all die Korrekturen im Lebenswandel sind meist Ausdruck von aufgestauter Unzufriedenheit. Auch die schwedische Singer-Songwriter Sofia Härdig scheint diesbezüglich auf den Geschmack gekommen zu sein. Ihr Album And The Street Light Leads To The Sea wühlt sich durch das bisherige Schaffen und interpretiert Songs radikal neu. Sie hat den Schlüssel gefunden, der sie aus der dunklen Abgeschiedenheit ihres letzten Werks The Norm Of The Locked Room nun auf die illuminierte Bühne treten und zur Rampensau mutieren lässt. Bereits zuvor konnte man sich den Verweis auf eine PJ Harvey nicht verkneifen. Nun da sie aus dem verwunschenen Kämmerlein gekommen ist und in sattem Bandsound die Bühne rockt, scheint der Vergleich noch angebrachter.

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Schatzkästchen 83: Justin Townes Earle – Champagne Corolla

Eines der wiederkehrenden Themen amerikanischer Musik, egal ob Rock oder Country, ist ein ausgeprägter Fetisch rund ums Auto. In vielen, vielen Liedern ist das Auto so viel mehr als bloß reines Fortbewegungsmittel oder Statussymbol. Ein Heilsversprechen umweht die Karosserie, der Drang nach Freiheit drückt aufs Gaspedal, manch Freuden spielen sich auf den Rücksitzen ab. Es dient nicht nur als Mittel zum Zweck, es ist stahlgewordenes Glück samt einer gehörigen Portion Erotik. Der Song Champagne Corolla reiht sich also nahtlos in eine lange Tradition ein. Der US-Singer-Songwriter Justin Townes Earle hat sich mit so manchen seiner Alben in meinen Augen zu einem Springsteen des Alternative Country gemausert. As American as it gets – unter diesem Motto könnte man die oft im Kleineleutemilieu oder in der amerikanischen Mittelklasse angesiedelten Geschichten zusammenfassen. Unter dem Gesichtspunkt ist es keineswegs verwunderlich, dass Earle ein stinklangweiliges Vehikel, wie es der Toyota Corolla eben ist, besingt. Die Braut, der in dem Song schöne Augen gemacht werden, fährt einen champagnerfarbenen Corolla, obwohl ihr attestiert wird, dass ein eleganter, schwarzer Flitzer weitaus besser zu ihr passen würde. Aber vielleicht ist ja gerade der Fahrzeugtyp ein gutes Omen, wenn man den Lyrics „But you can’t trust a rich girl no farther than you can throw her/ Need a middle class queen riding by in a champagne Corolla“ Glauben schenken darf. Schatzkästchen 83: Justin Townes Earle – Champagne Corolla weiterlesen

Schlaglicht 71: Lindi Ortega

Die Unrast derer, die ständig unterwegs sind, sei es aus schnöden beruflichen Gründen oder aber wegen eines ruhelosen Gemüts, taugt bestens zum Sinnbild für einen unsteten Lebensweg, der keineswegs in kalkulierten Bahnen verläuft. Die kanadische Country-Musikerin Lindi Ortega erzählt in ihrem Lied Til The Goin‘ Gets Gone also vom Leben hinterm Steuer eines Autos, unterbrochen nur von Übernachtungen in billigen Motels. Gerade Nordamerika mit seinen endlosen Highways eignet sich gut als Gleichnis für die Reise des Lebens. Immer weiter dem Ziel entgegen, getrieben von Sehnsüchten und aufgehalten von Frustrationen. Davon berichtet auch diese akustische Ballade. Die Zeilen „All the rundown dirty motels/ All the cities and small towns/ Leave ‚em in the rear view mirror/ While the wheels keep spinning round/ ‚Cause I gotta keep goin‘, I gotta keep goin‘ on“ geben dem Song mit wenigen Worten viel Ambiente. Man vermag die Rastlosigkeit mit den Händen zu greifen. Und durchaus verstehen, warum bei manch Gemütern die Reise stets in die Ferne schweift, das eigentliche Zuhause keinen beständigen Reiz versprüht.

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Schatzkästchen 81: Circa Waves – Fire That Burns

Eigentlich hätte ich vor mehr als drei Jahren schwören mögen, dass die Liverpooler Band Circa Waves 2017 sogar noch ein Stückchen weiter wäre. Womöglich sieht die Sache in ein paar Monaten auch schon anders aus. Vielleicht gelingt mit dem zweiten Album Different Creatures der ganz große Durchbruch. Das Rüstzeug, die britische Indie-Rock-Band des Jahres zu werden, bringen Circa Waves auf alle Fälle mit. Die Qualitäten hatten sich bereits Ende 2013 mehr als nur angedeutet, weshalb ich sie schon damals zum Hype freigegeben hatte. Nun sollte es endgültig klappen. Auch dank des famosen Tracks Fire That Burns. Ein zunächst treibender, dann bombastisch explodierender Refrain wird von melodischen Strophen samt fast zärtlichem Gesang umrahmt. Ein wunderbarer Song, den man nicht aus dem Ohr bekommt. Dass die Single auch ein starkes Musikvideo spendiert bekommen hat, sollte zum Erfolg beitragen. Ein wenig packt mich der Clip sogar bei der Ehre. Schatzkästchen 81: Circa Waves – Fire That Burns weiterlesen

Schlaglicht 69: Son Volt

Es ist das ewige McCartney-Lennon-Dilemma! Wenn eine aus mehreren Masterminds bestehende Band ein nicht gerade amikales Ende findet, stellt sich für Fans unwillkürlich die Frage der Loyalität. Wessen Werdegang möchte man auch weiterhin enthusiastisch begleiten? Im Falle von Uncle Tupelo hat sich die Mehrheit für Jeff Tweedy und seine daran anknüpfenden Band Wilco entschieden. Über die Jahre wurde es sogar richtiggehend zeitgeistig, Wilco ganz toll zu finden. Auch wenn ich die Einschätzung der Co-Bloggerin nicht teile, die Wilco als Hipsterscheiße abtut, so erstaunt es mich dennoch, dass ein Jay Farrar nach dem Ende von Uncle Tupelo weitaus weniger Anklang gefunden hat. Seit über 20 Jahren nimmt er mit Son Volt absolut hervorragende Alben auf, denen jedoch die Anerkennung verwehrt bleibt. Hoffentlich ändert sich das endlich mit dem demnächst erscheinenden Werk Notes of Blue. Farrar hat nach einer die letzte Platte prägenden Hinwendung zum Honky Tonky einen neuen Sound gefunden. Notes of Blue glänzt mit Blues-Rock und großartigen Americana-Klängen, einige davon besitzen überraschend viel Verve. Sinking Down bietet neben deftig-lärmigem Blues-Rock auch Passagen voll Country-Seligkeit, die Verlierersehnsüchte wunderbar einfangen. Back Against The Wall ist Folk-Rock, der ein Lied davon singt, sich nicht unterkriegen zu lassen. Das Songwriting fällt authentisch und hemdsärmelig aus, ohne Klischees und ohne existentialistische Hirnwichserei. Lost Souls entpuppt sich sogar als veritabler Ohrwurm, rhythmisch kernig, mit mächtiger E-Gitarre und einem fein lamentierenden Gesang Farrars. Großartig!

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