Archiv der Kategorie: Clips & Streams

Schlaglicht 81: Mammút

Vor zweieinhalb Jahren habe ich eine Formation empfohlen, die sich damals anschickte, Muttersprache Muttersprache sein zu lassen und mit englischsprachigen Songs über die bereits ausgeloteten heimischen Gefilde hinaus Aufmerksamkeit zu erhaschen. Wer 2015 die EP River’s End übersehen hatte, mag 2017 womöglich große Augen gemacht haben, als diesen Sommer das Album Kinder Versions veröffentlicht wurde. Wem die Band, von der ich spreche, noch rein gar nichts sagt, hat jetzt die Gelegenheit, eine Wissenslücke zu schließen. Mammút stammen aus Island und haben mit Katrína Mogensen eine herrlich charismatische Stimme aufzubieten! Und selbstverständlich besitzt auch Mammút jene gewisse Verschrobenheit des Songwritings, die längst schon Markenzeichen isländischer Klänge geworden ist. Beste Voraussetzungen somit zu den herausragenden Vertretern der Generation nach Björk und Sigur Rós zu werden. Doch haben gerade diese beiden Acts unser Bild von Island nachhaltige geprägt. Jeder Gesang, der nur entfernt dem einer exaltierten Elfe gleicht, wird natürlich sogleich mit Björk assoziiert. Der Segen des auf Island gerichteten Scheinwerferlichts gerät zum Fluch. Denn die Überfigur Björk stets und ständig als Referenz heranzuziehen, ist so richtig wie fantasielos.

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Schatzkästchen 95: Gregor McEwan – << Rewind, Retrack, Rename, Restore

Ein intensiv vorgetragener, melodisch eingängiger Singer-Songwriter-Sound voll Klasse ist nichts, was hierzulande im Überfluss vorhanden wäre. Eben deshalb kann man den Song << Rewind, Retrack, Rename, Restore gar nicht genug hervorzuheben. Gregor McEwan füllt somit eine echte Lücke. Der werte Herr hat bereits zwei Alben auf dem Buckel, geht es nach der ersten Single, könnte das für Anfang 2018 angekündigte From A To Beginning sein bisheriges Schaffen nochmals in den Schatten stellen. Vor wenigen Jahren noch hätte ich die Radiotauglichkeit des Tracks gelobt. Einem freudig-folkigen Beginn folgt eine sehr kraftvolle, rockige zweite Hälfte, deren Lyrics „So take me as I am/ I take you as you are“ wunderbar verfangen. << Rewind, Retrack, Rename, Restore zelebriert ein noch junges Beziehungsglück voll aufrichtiger Gefühligkeit und sobald Gregor McEwan die Liebe aus vollster Kehle besingt, ist man endgültig hin und weg. Schatzkästchen 95: Gregor McEwan – < < Rewind, Retrack, Rename, Restore weiterlesen

Musikalisches Tohuwabohu (VI): The Burning Hell, May Roosevelt, Locas In Love

Und wieder habe ich mir feine Klänge aus dem Kladderadatsch erhaltener Mails, Newsletter und Social-Media-Feeds herausgesucht. Mögen Sie auf gespitzte Ohren stoßen!

The Burning Hell

Es gibt Bands, die ich über all die Jahre nur aus den Augenwinkeln wahrgenommen habe, obwohl ich dabei stets das Gefühl gehabt hatte, durch diesen Mangel an Aufmerksamkeit etwas zu versäumen. Dazu gehören fraglos The Burning Hell, die ich auf die Schnelle als kanadische Version von The Mountain Goats – noch so eine Formation, der ich lang schon zu wenig Aufmerksamkeit angedeihen lasse – bezeichnen würde. Das neue Album Revival Beach jedenfalls hat mein Aufmerksamkeitsdefizit beseitigt, mich nun endgültig zum Fan von The Burning Hell gemacht. Es gäbe sehr viel Lob, mit dem man das Werk überhäufen könnte. Ich will zwei Songs herausgreifen, die dieses Musikjahr absolut bereichern. Da wäre zum einen der Opener Friend Army, dessen Riffs man garantiert nicht so schnell aus dem Ohr bekommt. Lyrics wie „I dreamt of a policeman on a unicorn/ And the unicorn wore a police unicorn uniform/ They ran me down until I stumbled and I was stabbed by its magic horn/ Just before waking I remembered I was warned:/ If you like band,/ You’ll love festival./ If you like festival,/ You’ll love experience./ If you like experience,/ you’ll love job./ If you like job,/ You’ll love army.“ sind in ihrem absurden Gedankenstrom einfach saukomisch. Über diesen Track muss man bei anderer Gelegenheit ganz in Ruhe sprechen. Nicht minder genial, an die Zeiten eines sophisticated College-Rock anknüpfend fällt The River (Never Freezes Anymore), das als launige Hommage an an wilde, schöne Jugendtage wirklich begeistert. Dieses Album ist stilistisch keinesfalls auf diese beiden Tracks zu reduzieren, es hat wirklich so einige Perlen zu bieten. Für heute soll es jedoch mit folgendem Fazit getan sein: Würde ich es mir anmaßen, Bands Noten zu geben, hätten sich The Burning Hell mit dieser Platte zu Musterschülern gemausert!

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Zurück ins Jahr 1969 – Is This Really Me

Flower Power hat einst die Welt verändert, auch wenn Hippies damals wie heute gern als zum Scheitern verurteilte Wirrköpfe dargestellt werden. Doch haben ihre vermeintlichen Flausen tatsächlich zu einem Zeitenwechsel geführt. Retrospektiv gesehen ist speziell der Umstand bemerkenswert, dass lange, lange vor der weltweiten Vernetzung durch das Internet bereits eine nationale Grenzen überwindende Bewegung entstanden ist. So naiv wie oftmals dargestellt, waren Hippies nie. Viele Errungenschaft modernen Denkens hat erst die Blumenkindergeneration angestoßen. Weshalb ich gerade heute eine Lanze für die Hippies breche? Weil mich das Album The Iron Door an diese Epoche erinnert! Und zwar nicht nur aus nostalgischen Anwandlungen heraus. Der finnischen Formation Is This Really Me ist mit dem Werk eine Zeitreise ins Jahr 1969 geglückt. Diesem Folk-Pop mit psychedelischer Prägung gelingt nicht nur ein warmer, einnehmender Sound, auch in den Lyrics schlägt sich viel des damaligen Lebensgefühls nieder. Schauen wir uns die Platte doch ein wenig genauer an!

Photo Credit: Sakari Luhtala

Nehmen wir doch nun den Opener Sun, der nach den Fleet Foxes voll lichtem Spät-Sixties-Charme anmutet. Panu Artemjeff, Mastermind der Band, nennt den Sonnengesang von Franz von Assisi als Inspiration für das Lied. Zeilen wie „In the end we all will find it out/ Sun means love/ And love means life“ greifen das Lebensgefühl der Hippies auf. Spiritualität wird ohne die Beschränkungen durch Religion erfahren, das Hin-zur-Natur bildet die Ursprünge der Öko-Bewegung ab. Zurück ins Jahr 1969 – Is This Really Me weiterlesen

Die weiten Kreise eines Endes – Ane Brun

Ane Brun als Grande Dame der skandinavischen Singer-Songwriter zu titulieren, wird ihr zwar gerecht, ist angesichts ihres noch jugendlichen Alters vielleicht kein Kompliment. Aber wie sonst soll man sie, die in Schweden und Norwegen stets die vordersten Plätze in den Charts belegt und im Rest der Welt eine ebenfalls beträchtliche Fanschar aufweist, denn bezeichnen? Brun ist eine Selfmade-Diva, deren Erfolg nicht durch einflussreiche Strippenzieher und Plattenlabels gemacht wurde. Sie beschäftigt auch kein Heer von Songwritern, die ihr Hits auf den Leib schneidern. Kurzum, Brun ist ein selbstbestimmter Star, wie es ihn viel zu selten gibt. Und gerade aus diesem Selbstverständnis heraus hat die Norwegerin auch keinerlei Berührungsängste, Lieder zu covern. Vor bald zehn Jahren etwa ist ihr eine wirklich wunderschöne Pianoversion von True Colors geglückt. Auch Big In Japan hat sie damals von den Synthies der Achtziger befreit, zu einer nachdenklichen Folknummer transformiert. Und so durfte man also frohlocken, als Brun vor wenigen Monaten ein komplettes Album voller Coverversionen versprach. Und als wäre das noch nicht Anreiz genug, lockte es auch noch mit jeder Menge Romantik. Eine Brun, die mit ihrem Edel-Timbre von Liebe singt. Was kann das schon schiefgehen? Das Album Leave Me Breathless gibt eine überzeugende Antwort: Rein gar nichts!

Die Zusammenstellung ihrer Interpretationen belegt, dass ihr hier wirklich niemand in die Suppe gespuckt hat. Welcher Plattenheini bei klarem Verstand und mit gewieftem Auge für Verkaufszahlen würde eine Auswahl gutheißen, die Hits von Mariah Carey und Joni Mitchell, Klassiker von den Righteous Brothers bis hin zu Nick Cave beinhaltet, sich dazu noch sowohl zu Foreigner als auch Radiohead bekennt. Ob es auf Erden eine weitere Musikerin gibt, die sowohl Sade als auch Bob Dylan im Repertoire führt, wage ich zu bezweifeln. Die Wahl der Stücke verrät darüber hinaus, dass die Dame in den Neunzigern sozialisiert wurde. Dieser Umstand erklärt vermutlich auch jene Lieder, die beim Lesen der Tracklist im ersten Moment ein Naserümpfen auslösen könnten. Das Album vermittelt ohnehin den Eindruck, dass es nicht von Kalkül getragen, sondern aus Stimmungen und Begebenheiten heraus entstanden ist. Die weiten Kreise eines Endes – Ane Brun weiterlesen

Schatzkästchen 94: Noel Gallagher’s High Flying Birds – Holy Mountain

„Sergio, ich weiß ja, dass ich der größte Songwriter aller Zeiten bin. Natürlich bist du auch fucking brilliant, aber du bist halt nicht ich! Weißt du eigentlich, dass ich gerade an meiner neuen Scheibe bastle. Da möchte ich all den Grünschnäbel-Pussys wieder mal zeigen, wo der Hammer hängt. Hättest du vielleicht einen Tipp für einen absoluten Megahit? So von angehender Legende zu Ikone?“ könnte ein sichtlich gut aufgelegter Noel Gallagher in kleinem Kreise einem ebenso heiteren Sergio Pizzorno, seines Zeichens Mastermind von Kasabian, zugeraunt haben. Und dem werten Herren könnte dabei tatsächlich ein Funkeln in die Augen gefahren sein. Womöglich hat er sich sofort zu Noel hinübergebeut und ihm eine Idee gleich einem Floh ins Ohr gesetzt. Man weiß es nicht! Vorstellen mag man sich diese Szene jedoch gern, wenn man Holy Mountain ein ums andere Mal anhört.

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Fleisch an den Knochen – Cold Specks

Ein nächtliches Zimmer, das von einer einzigen Lichtquelle erhellt wird, zum Beispiel einer gedimmten Tischlampe, kann sehr behaglich wirken. Ein Raum, gegen dessen Dunkel nur die Flamme einer einzelnen Kerze anbrennt, kann dagegen Beklemmung hervorrufen. Mit Fool’s Paradise, dem mittlerweile dritten Album der Kanadierin Cold Specks, verhält es sich ähnlich. Manchmal wirkt es wie eine mitternächtliche Beichte in intimem Rahmen, zumindest aber sind es Reflexionen in einem heimeligen Ambiente. Ab und an freilich entwickelt das Album eine Düsterkeit, durch die Ängste und Zweifel schemenhaft geistern. Ladan Hussein beschert uns smoothen Soul-Pop, der Gefühle eher analysiert als sie in Herz-Schmerz-Manier auszuleben. Es ist Musik aus dem stillen Kämmerlein, mit all jenen existentiellen Sehnsüchten, Zweifeln und Fragen, die in der Einsamkeit so auftauchen.

Wie man es mit dem Album hält, entscheidet bereits die erste Minute des Albums. Die gedämpfte Grundstimmung des Titeltracks Fool’s Paradise wird von Lyrics wie „All the love flowed feverishly/ Until it was as dry as dust“ eingefangen. Aus diesem Moment der Resignation heraus, erwächst der Wunsch sich selbst Mut zuzusprechen, die Lage schonungslos zu beurteilen. Was bei oberflächlicher Betrachtung womöglich als fragiles Seelenleben abgetan werden könnte, entpuppt sich bei genauerem Hinhören als ein Ringen um die eigene Stärke. Fleisch an den Knochen – Cold Specks weiterlesen

Dolcefarniente im Wiener Schick – Wanda

Ein Doppelschlag hat Wanda innerhalb eines Jahres im gesamten deutschsprachigen Raum berühmt gemacht, ja mehr noch dem Austropop eine eher unerwartete Renaissance beschert. Gerade einmal drei Jahre ist es her, dass allerorts Amore herrschte und Bologna zur überraschenden Sehnsuchtsstadt mutierte. 2015 dann war plötzlich alles Bussi und die Wiener Band endgültig Kult. Das Erfolgsrezept der ersten beiden Platten war so einfach wie simpel. Dem Motto „Verschwende deine Jugend“ folgender Rock gepaart mit sehr schlawinerhaftem Austropop, dazu noch das Augenzwinkern als Verbeugung vor dem Zeitgeist und moribunder Wiener Schmäh als Herkunftsgütesiegel. Diese Masche trug Amore und Bussi, doch gab es vermutlich nicht wenige Zeitgenossen, die vom dritten Album irgendeine Art von Transformation erwartet haben. Wohin also würde Wandas Reise gehen? Niente gibt nun die Antwort. Man düst wieder gen Italien!

Photo Credit: Wolfgang Seehofer/Universal Music

Während viele neue Bands einen gewissen intellektuellen Chic pflegen, die Sozialisation im studentischen Milieu erkennen lassen, bei aller Ironie einem Thomas Bernhard weit mehr verbunden scheinen als einem Mundl Sackbauer, bedienen Wanda eher profane, proletarische Sehnsüchte. Wanda saufen und streiten sich nicht durch die Lieder, um diffusen Weltschmerz, verkrachte Revolutionen zu vergessen oder als Jeunesse dorée aufzutrumpfen, die Hemdsärmeligkeit der Wiener ist eine für die Feierabende, wenn der Grind des Alltags abfällt und die Lebenslust erwacht. Dolcefarniente im Wiener Schick – Wanda weiterlesen

Schatzkästchen 93: Is This Really Me – Sun (+Videopremiere)

Photo Credit: Sakari Luhtala

Reinsten Balsam für die Ohren möchte ich den geschätzten Lesern heute anbieten. Der finnischen Formation Is This Really Me ist mit Sun eine fröhliche, beschwingte Folk-Pop-Nummer geglückt. Wer sich die Fleet Foxes voll lichtem Spät-Sixties-Charme vorstellen mag, bekommt eine ungefähre Ahnung von der Schönheit des Songs. Die zarte Magie von Sun stützt sich vor allem auf eine Akustikgitarre, ein heiter klimperndes und erhebenden Harmoniegesang. Der zunächst andächtige Anfang geht bald in hymnische, Wohlgefühl versprühende Rhythmen über. Sun ist ein kleiner Moment der Glückseligkeit, geradezu ein Lichtschimmer, der die Seele streichelt. Panu Artemjeff, Mastermind von Is This Really Me, nennt den Sonnengesang von Franz von Assisi als Inspiration für das Lied. „The sun has been the god for the people during the most of human history. Worshipping the Sun means worshipping the existence of ones‘ mind, the place where everything is valorized. Music, dance and noises of the partying people are old ways to summon the light to our lives. This song was written to this very old purpose. It is a rock bottom riser, a celebration of beauty of life in this lonely planet we occupy.“ fügt er weiter an.

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Welcher Vogel hat denn diese Tracklist verbrochen? – Angus & Julia Stone

Ich meine mich zu erinnern, dass ich auf das australischen Geschwisterpaar Angus & Julia Stone bislang keine Zeile verschwendet habe. Was ich im Lauf der Zeit so aufgeschnappt habe, war zwar stets nett, aber zugleich nichts, was mich aus den Socken gehauen hätte. Eine ähnliche Einschätzung wäre auch dem neuen Album Snow zuteilgeworden, wenn ich mich während der ersten Lieder in der Nähe meines Computers befunden hätte. Denn dann wäre die Chance groß gewesen, dass ich mich in der vorgefassten Meinung bestätigt gesehen und mich dem nächsten Album zugewandt hätte. So jedoch schaffte es die Platte bis zum siebten Track und ab dann hat sie mich tatsächlich um den Finger gewickelt. Auf meinem Schreibtisch türmen sich Alben voll künstlerischem Anspruch, gesellschaftlicher Relevanz und kreativem Potential, Snow ächzt nicht unter solch Erwartungshaltungen und entpuppt sich vermutlich gerade deshalb als echtes Hörvergnügen.

Photo Credit: Jennifer Stenglein/UniversalMusic

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