Archiv der Kategorie: Clips & Streams

Die Weisheit der Straße – Michael Brinkworth

All die Castingshows und Talentschauen haben eine ehrenwerte Profession mittlerweile in Verruf gebracht. Der durch die Gegend ziehende Straßenmusiker, der in Fußgängerzonen ohne viel Tamtam sein Talent unter Beweis stellt, ist auch nicht mehr das, was er mal war. Früher lag in dem landstreicherischen Abenteuertum ein Hauch von Romantik, heute hat es mehr etwas von einer mit Kalkül ausgestalteten Legende, mit der sich mal treuherzig blickend Kasse machen lässt. Dabei ist die Kunst des Straßenmusikanten sehr ehrenwert, sie ist unmittelbar und direkt, setzt auf die Zufälligkeit des Moments. Doch bevor wir nun darüber jammern, dass einst alles besser war, hören wir lieber einem Singer-Songwriter zu, der laut Pressetext bereits 40 Länder bereist, die eigenen Lieder auf der Straße und in Bars dargeboten hat. Der Australier Michael Brinkworth hat also eine echte Ochsentour unternommen, um seinen Sound zu finden. Und siehe da, das Album Somewhere To Run From steht für einnehmenden, freilich nie weichgespülten Country-Folk mit oft rockiger Note.

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Schatzkästchen 96: Tocotronic – Hey Du

Gestern ist die neue Single von Tocotronic erschienen. Das bedeutet, dass Menschen mit gehobenem Musikgeschmack den Track Hey Du selbstverständlich längst für sich entdeckt haben. Falls man die gestrige Veröffentlichung doch tatsächlich verpennt hat, sollte eine etwaige Ausrede mindestens das Wort Koma oder besser noch eine Entführung durch Außerirdische beinhalten. Denn Tocotronic sind zurück! Gerade einmal anderthalb Jahre nach Veröffentlichung ihres roten Albums dürfen bereits wieder neue Klänge bestaunt werden. Und Hey Du hat es wirklich in sich. Schon nach dem ersten Hördurchlauf reiht es sich nahtlos in die vorderste Reihe der allerbesten Songs der Band. Über zwei Aspekte des Tracks muss ich kurz ein paar Wörter verlieren. Da wäre zunächst der frische Sound zu nennen. Entgegen der landläufigen Meinung ist Rock alles andere als ein Jungbrunnen. Bands, die in ihren Zwanzigern oder frühen Dreißigern erfolgreich sind, tönen einige Jahre später oft furchtbar dröge und schlaff. Aller Elan ist Biederkeit gewichen, jedwede Aufmüpfigkeit wirkt aufgesetzt. Menschen mittleren Alter sind zu oft viel zu uninspiriert.

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Begierde, Abhängigkeit & Waffenstillstand – Hope

Emotionen können so verdammt ambivalent sein. Es mag schwerfallen, widersprüchliche Gefühle an sich selbst zu entdecken. Denn eigentlich schätzt man das Gemüt aufgeräumt und fokussiert, selbst die Ecken und Kanten möchte man klar definiert. Eine Achterbahn der Gefühle mag man in Film und Literatur faszinierend finden, doch will man tatsächlich die eigene Seele auf wilder Fahrt wissen? Das Empfinden des Selbst zu ergründen, gehört zu den größeren Herausforderungen. Wer will schon nach Gründen forschen, weswegen man den Partner oder die Partnerin in einem Moment verteufelt, im nächsten Augenblick dagegen mit endloser Zärtlichkeit begegnet. Die Platte, die heute hier Thema sein soll, traut sich an ambivalente, abgründige Sentimente heran, arbeitet vor allem die enge Verknüpfung von Begierde und Abhängigkeit heraus. Die Berliner Band Hope beschreibt beim gleichnamigen Debüt die rohe, entfesselte Dynamik einer Beziehung jenseits billiger Romantik oder aufgehübschter Erotik. Solch Traute zu existentieller Düsternis muss man erst mal haben, aber wäre der Mut wenig wert, wenn nicht auch die Umsetzung ganz stark ausfallen würde.

Photo Credit: Riccardo Bernardi

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Ein somnambuler Munch – Matias Aguayo & The Desdemonas

Heute habe ich die Ehre eine durch und durch exzellente Platte zu sprechen, die es leider verabsäumt, ein gänzliche neues Genres zu begründen. Denn zumindest nach meinem Kenntnisstand existiert kein Musical, dessen Sound und Inhalt eine Brücke zur Clubkultur unserer Zeit schlägt. Wenn Trance und Dance mit szenischer Darstellung einhergehen würden, hätte das meiner Meinung nach großen Reiz. Eine gegenwartsgemäße Oper oder eben ein subversives Musical, zu denen es sich in Tanztempel wie dem Berghain abhotten ließe, das wäre überaus reizvoll. Doch womöglich liege ich mit dieser Ansatz völlig falsch, vielleicht existiert all dies bereits. Sollte es das nicht tun, kommt das Album Sofarnopolis dem Sound eines solchen Experiments verdammt nah. Matias Aguayo & The Desdemonas haben ein Underground-Grusel-Varieté voll Achtziger-Synthie-Charme in Szene gesetzt, ein famoses Stück Musik erschaffen. Tauchen wir nun gemeinsam in das Werk hinein!

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Schlaglicht 81: Mammút

Vor zweieinhalb Jahren habe ich eine Formation empfohlen, die sich damals anschickte, Muttersprache Muttersprache sein zu lassen und mit englischsprachigen Songs über die bereits ausgeloteten heimischen Gefilde hinaus Aufmerksamkeit zu erhaschen. Wer 2015 die EP River’s End übersehen hatte, mag 2017 womöglich große Augen gemacht haben, als diesen Sommer das Album Kinder Versions veröffentlicht wurde. Wem die Band, von der ich spreche, noch rein gar nichts sagt, hat jetzt die Gelegenheit, eine Wissenslücke zu schließen. Mammút stammen aus Island und haben mit Katrína Mogensen eine herrlich charismatische Stimme aufzubieten! Und selbstverständlich besitzt auch Mammút jene gewisse Verschrobenheit des Songwritings, die längst schon Markenzeichen isländischer Klänge geworden ist. Beste Voraussetzungen somit zu den herausragenden Vertretern der Generation nach Björk und Sigur Rós zu werden. Doch haben gerade diese beiden Acts unser Bild von Island nachhaltige geprägt. Jeder Gesang, der nur entfernt dem einer exaltierten Elfe gleicht, wird natürlich sogleich mit Björk assoziiert. Der Segen des auf Island gerichteten Scheinwerferlichts gerät zum Fluch. Denn die Überfigur Björk stets und ständig als Referenz heranzuziehen, ist so richtig wie fantasielos.

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Schatzkästchen 95: Gregor McEwan – << Rewind, Retrack, Rename, Restore

Ein intensiv vorgetragener, melodisch eingängiger Singer-Songwriter-Sound voll Klasse ist nichts, was hierzulande im Überfluss vorhanden wäre. Eben deshalb kann man den Song << Rewind, Retrack, Rename, Restore gar nicht genug hervorzuheben. Gregor McEwan füllt somit eine echte Lücke. Der werte Herr hat bereits zwei Alben auf dem Buckel, geht es nach der ersten Single, könnte das für Anfang 2018 angekündigte From A To Beginning sein bisheriges Schaffen nochmals in den Schatten stellen. Vor wenigen Jahren noch hätte ich die Radiotauglichkeit des Tracks gelobt. Einem freudig-folkigen Beginn folgt eine sehr kraftvolle, rockige zweite Hälfte, deren Lyrics „So take me as I am/ I take you as you are“ wunderbar verfangen. << Rewind, Retrack, Rename, Restore zelebriert ein noch junges Beziehungsglück voll aufrichtiger Gefühligkeit und sobald Gregor McEwan die Liebe aus vollster Kehle besingt, ist man endgültig hin und weg. Schatzkästchen 95: Gregor McEwan – < < Rewind, Retrack, Rename, Restore weiterlesen

Musikalisches Tohuwabohu (VI): The Burning Hell, May Roosevelt, Locas In Love

Und wieder habe ich mir feine Klänge aus dem Kladderadatsch erhaltener Mails, Newsletter und Social-Media-Feeds herausgesucht. Mögen Sie auf gespitzte Ohren stoßen!

The Burning Hell

Es gibt Bands, die ich über all die Jahre nur aus den Augenwinkeln wahrgenommen habe, obwohl ich dabei stets das Gefühl gehabt hatte, durch diesen Mangel an Aufmerksamkeit etwas zu versäumen. Dazu gehören fraglos The Burning Hell, die ich auf die Schnelle als kanadische Version von The Mountain Goats – noch so eine Formation, der ich lang schon zu wenig Aufmerksamkeit angedeihen lasse – bezeichnen würde. Das neue Album Revival Beach jedenfalls hat mein Aufmerksamkeitsdefizit beseitigt, mich nun endgültig zum Fan von The Burning Hell gemacht. Es gäbe sehr viel Lob, mit dem man das Werk überhäufen könnte. Ich will zwei Songs herausgreifen, die dieses Musikjahr absolut bereichern. Da wäre zum einen der Opener Friend Army, dessen Riffs man garantiert nicht so schnell aus dem Ohr bekommt. Lyrics wie „I dreamt of a policeman on a unicorn/ And the unicorn wore a police unicorn uniform/ They ran me down until I stumbled and I was stabbed by its magic horn/ Just before waking I remembered I was warned:/ If you like band,/ You’ll love festival./ If you like festival,/ You’ll love experience./ If you like experience,/ you’ll love job./ If you like job,/ You’ll love army.“ sind in ihrem absurden Gedankenstrom einfach saukomisch. Über diesen Track muss man bei anderer Gelegenheit ganz in Ruhe sprechen. Nicht minder genial, an die Zeiten eines sophisticated College-Rock anknüpfend fällt The River (Never Freezes Anymore), das als launige Hommage an an wilde, schöne Jugendtage wirklich begeistert. Dieses Album ist stilistisch keinesfalls auf diese beiden Tracks zu reduzieren, es hat wirklich so einige Perlen zu bieten. Für heute soll es jedoch mit folgendem Fazit getan sein: Würde ich es mir anmaßen, Bands Noten zu geben, hätten sich The Burning Hell mit dieser Platte zu Musterschülern gemausert!

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Zurück ins Jahr 1969 – Is This Really Me

Flower Power hat einst die Welt verändert, auch wenn Hippies damals wie heute gern als zum Scheitern verurteilte Wirrköpfe dargestellt werden. Doch haben ihre vermeintlichen Flausen tatsächlich zu einem Zeitenwechsel geführt. Retrospektiv gesehen ist speziell der Umstand bemerkenswert, dass lange, lange vor der weltweiten Vernetzung durch das Internet bereits eine nationale Grenzen überwindende Bewegung entstanden ist. So naiv wie oftmals dargestellt, waren Hippies nie. Viele Errungenschaft modernen Denkens hat erst die Blumenkindergeneration angestoßen. Weshalb ich gerade heute eine Lanze für die Hippies breche? Weil mich das Album The Iron Door an diese Epoche erinnert! Und zwar nicht nur aus nostalgischen Anwandlungen heraus. Der finnischen Formation Is This Really Me ist mit dem Werk eine Zeitreise ins Jahr 1969 geglückt. Diesem Folk-Pop mit psychedelischer Prägung gelingt nicht nur ein warmer, einnehmender Sound, auch in den Lyrics schlägt sich viel des damaligen Lebensgefühls nieder. Schauen wir uns die Platte doch ein wenig genauer an!

Photo Credit: Sakari Luhtala

Nehmen wir doch nun den Opener Sun, der nach den Fleet Foxes voll lichtem Spät-Sixties-Charme anmutet. Panu Artemjeff, Mastermind der Band, nennt den Sonnengesang von Franz von Assisi als Inspiration für das Lied. Zeilen wie „In the end we all will find it out/ Sun means love/ And love means life“ greifen das Lebensgefühl der Hippies auf. Spiritualität wird ohne die Beschränkungen durch Religion erfahren, das Hin-zur-Natur bildet die Ursprünge der Öko-Bewegung ab. Zurück ins Jahr 1969 – Is This Really Me weiterlesen

Die weiten Kreise eines Endes – Ane Brun

Ane Brun als Grande Dame der skandinavischen Singer-Songwriter zu titulieren, wird ihr zwar gerecht, ist angesichts ihres noch jugendlichen Alters vielleicht kein Kompliment. Aber wie sonst soll man sie, die in Schweden und Norwegen stets die vordersten Plätze in den Charts belegt und im Rest der Welt eine ebenfalls beträchtliche Fanschar aufweist, denn bezeichnen? Brun ist eine Selfmade-Diva, deren Erfolg nicht durch einflussreiche Strippenzieher und Plattenlabels gemacht wurde. Sie beschäftigt auch kein Heer von Songwritern, die ihr Hits auf den Leib schneidern. Kurzum, Brun ist ein selbstbestimmter Star, wie es ihn viel zu selten gibt. Und gerade aus diesem Selbstverständnis heraus hat die Norwegerin auch keinerlei Berührungsängste, Lieder zu covern. Vor bald zehn Jahren etwa ist ihr eine wirklich wunderschöne Pianoversion von True Colors geglückt. Auch Big In Japan hat sie damals von den Synthies der Achtziger befreit, zu einer nachdenklichen Folknummer transformiert. Und so durfte man also frohlocken, als Brun vor wenigen Monaten ein komplettes Album voller Coverversionen versprach. Und als wäre das noch nicht Anreiz genug, lockte es auch noch mit jeder Menge Romantik. Eine Brun, die mit ihrem Edel-Timbre von Liebe singt. Was kann das schon schiefgehen? Das Album Leave Me Breathless gibt eine überzeugende Antwort: Rein gar nichts!

Die Zusammenstellung ihrer Interpretationen belegt, dass ihr hier wirklich niemand in die Suppe gespuckt hat. Welcher Plattenheini bei klarem Verstand und mit gewieftem Auge für Verkaufszahlen würde eine Auswahl gutheißen, die Hits von Mariah Carey und Joni Mitchell, Klassiker von den Righteous Brothers bis hin zu Nick Cave beinhaltet, sich dazu noch sowohl zu Foreigner als auch Radiohead bekennt. Ob es auf Erden eine weitere Musikerin gibt, die sowohl Sade als auch Bob Dylan im Repertoire führt, wage ich zu bezweifeln. Die Wahl der Stücke verrät darüber hinaus, dass die Dame in den Neunzigern sozialisiert wurde. Dieser Umstand erklärt vermutlich auch jene Lieder, die beim Lesen der Tracklist im ersten Moment ein Naserümpfen auslösen könnten. Das Album vermittelt ohnehin den Eindruck, dass es nicht von Kalkül getragen, sondern aus Stimmungen und Begebenheiten heraus entstanden ist. Die weiten Kreise eines Endes – Ane Brun weiterlesen

Schatzkästchen 94: Noel Gallagher’s High Flying Birds – Holy Mountain

„Sergio, ich weiß ja, dass ich der größte Songwriter aller Zeiten bin. Natürlich bist du auch fucking brilliant, aber du bist halt nicht ich! Weißt du eigentlich, dass ich gerade an meiner neuen Scheibe bastle. Da möchte ich all den Grünschnäbel-Pussys wieder mal zeigen, wo der Hammer hängt. Hättest du vielleicht einen Tipp für einen absoluten Megahit? So von angehender Legende zu Ikone?“ könnte ein sichtlich gut aufgelegter Noel Gallagher in kleinem Kreise einem ebenso heiteren Sergio Pizzorno, seines Zeichens Mastermind von Kasabian, zugeraunt haben. Und dem werten Herren könnte dabei tatsächlich ein Funkeln in die Augen gefahren sein. Womöglich hat er sich sofort zu Noel hinübergebeut und ihm eine Idee gleich einem Floh ins Ohr gesetzt. Man weiß es nicht! Vorstellen mag man sich diese Szene jedoch gern, wenn man Holy Mountain ein ums andere Mal anhört.

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