Geschmeidig & unerschütterlich – Thom And The Wolves

Einer meiner Vorsätze für das Musikjahr 2018 bestand eigentlich darin, möglichst vielfältige Musik anzuhören, nicht immer nur die gleichen Genres und auf ewig Indie zu lauschen. Diesen Vorsatz habe ich jedoch bald dahingehend modifiziert, dem Folk fast völlig zu entsagen. Eigentlich sollte ich also keine einzige Zeile zum Album The Gold In Everything schreiben. Denn es verkörpert genau das, dessen ich mich überdrüssig wähnte. Folk mit Akustikgitarrre, der dem Leben ohne Mätzchen, dafür mit sachtem Grübeln auf den Grund geht. Noch dazu stammt das Werk von einem in Berlin lebenden Straßenmusiker, der unter dem Namen Thom And The Wolves musiziert. Mit solch Pseudo-Aussteigertum kann man mich mittlerweile jagen. Im Grunde will doch jeder nur der nächste Passenger werden. Doch liegt in der andächtigen Schlichtheit von The Gold In Everything tatsächlich eine versonnene Güte.

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Ein Hippie-Western – The Limiñanas

Warum existiert eigentlich der Spaghetti-Western, nicht aber der Croissant-Western? Auf musikalische Weise hat das französische Duo The Limiñanas einen eben solchen, ein lecker Croissant mit Hanffüllung sogar, ersonnen. Das mittlerweile fünftes Studioalbum trägt den Namen Shadow People, verbindet psychedelischen Garage mit ganz viel Western-Flair. Fast könnte man meinen, eine Hippie-Kommune auf LSD hätte sich irgendwo in den Pyrenäen verabredet, um einen auf Winnetou zu machen. Bei dieser Chose funktioniert schlicht alles, die Atmosphäre ist luftig, der Rhythmus ansteckend, Sechziger-Chic trifft auf den Geist eines Gainsbourg.

Photo Credit: Emmanuel Fontanesi

Das herrlich stimmige Retro-Flair ist ein Pfund der Platte. Die Vielfalt der Ideen mindestens ein ebenso großes. Sortieren wir die Einfälle zunächst ein wenig. Drei instrumentale Stücke, namentlich der Opener Ouverture, das im Verlauf wunderbare Motorizatti Marie sowie zu guter Letzt De la part des copains bescheren dem Werk den Charakter eines Soundtracks. Ersterer Track rockt mit psychedelischer Sohle übers Parkett, pfiffig wird ein kleines Westernmotiv reingeschummelt. Bei Motorizatti Marie mag man sich einen niedlichen Citroën 2CV über Gebirgsserpentinen sausend ausmalen, den Abschluss des Albums bildet dagegen ein wohliger Ritt in einen goldenen Sonnenuntergang. So viel zu den Tracks, die die Fantasie einladen, Purzelbäume zu schlagen. Wenden wir uns nun den Liedern mit Sprechgesang zu. Le Premier Jour strotzt vor beschwörerisch-sinnlicher Tiefentspannung, hier wird das Andenken an Serge Gainsbourg fraglos gepflegt. Noch besser fällt Trois Bancs aus, das ein wenig nach Charles Bukowski in einem werwolfhaften Albtraum klingt. Das Resultat ist ein Stück voll hypnotischer Eleganz, bei dem sich eine mit ordentlich Fuzz belegte Gitarre in einen verqueren Rausch spielt. Dimanche (feat. Bertrand Belin) schießt endgültig den Vogel ab. Der bewusst dröge gehaltene, fast befehlstonhafte Sprechgesang kommt gerade so daher, als wäre er einem jener Fernsehsprachkurse früherer Zeiten entsprungen. Musikalisch wird diese Wirkung sogar durch einen monotonen, psychedelischen Westernsound noch verstärkt. Vielleicht zündet der Track gerade deshalb. Die illustre Gästeschar sorgt für weitere Knaller. Bei The Gift holt man Urgestein Peter Hook, seines Zeichens Bassist bei Joy Division und New Order, dazu. Zumindest auf mich wirken The Limiñanas und Hook ein bisschen wie die französische Inkarnation von The Cure zu Zeiten von Kiss me Kiss me Kiss me. Getoppt wird dies nur noch vom Titeltrack Shadow People mit der unvergleichlichen Emmanuelle Seigner. Bereits Ende 2017 wurde das Lied hier schon gewürdigt. Seitdem ist kaum ein Tag vergangen, an dem die Ode an Schattenmenschen nicht durch meine Boxen erschallt ist. Der lakonisch-schöne Vortrag Seigners entzückt ungemein! Eine für dieses Album geradezu überraschungsarme Nummer ist Istanbul Is Sleepy (feat. Anton Newcombe). Der Frontmann von The Brian Jonestown Massacre kann der Nummer vielleicht nicht so sehr seinen Stempel aufdrücken, wie dies die anderen Gäste tun, zugleich glänzt der bereits letzten Herbst erschienene Song als angenehm eingängiger Garage-Pop. Last, but not least sei das bislang einzig unerwähnten Stück Pink Flamingo angepriesen. Wer bei diesem luftigen Pop genau hinhört, sieht relaxte Hippies süßester Entrücktheit frönen und ringelreihend schunkeln.

Wenn man beim Album Shadow People von einem Hippie-Western sprechen will, dann stellt sich natürlich die Frage, ob die Ideale des Hippietums und das Wesen des Western irgendwie in Einklang zu bringen sind. Können drogeninduzierte Tragträumerei und mit allen Wassern gewaschene Coolness überhaupt zusammen funktionieren? In musikalischer Hinsicht aber so was von garantiert! The Limiñanas versehen den Retro-Liebreiz mit ein wenig herber Nonchalance. Dem Duo gelingt ein mit scheinbar leichter Hand und ohne abgestandene Nostalgie ersonnenes Meisterwerk, das ungemein zu unterhalten weiß und die Imagination des Hörers beflügelt. Mehr kann man sich als Hörer nun wirklich nicht wünschen!

Shadow People ist am 19.01.2018 auf Because Music erschienen.

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SomeVapourTrails

Musikalisches Tohuwabohu (XI): Kevin Morby & Waxahatchee, Fishbach, Kacy & Clayton, Great News

Und wieder habe ich feine Klänge aus dem Kladderadatsch erhaltener Mails, Newsletter und Social-Media-Feeds herausgesucht. Mögen Sie auf gespitzte Ohren stoßen!

Kevin Morby & Waxahatchee

So hoffentlich verschwenderisch ich mit Lob um mich werfe, so versuche ich dennoch zwischen toller Musik und Klängen für die Ewigkeit zu trennen. Manch feine Platte des Jahres 2018 wird in 50 Jahren vergessen sein. Machen wir uns nichts vor. Dann freilich lehrt uns ein Blick in die Geschichte, dass manche Musiker erst von späteren Generation so richtig geschätzt werden. Ich würde einiges darauf verwetten, dass das im Falle von Jason Molina so sein wird. Molina ist ein Paradebeispiel dafür, wie man am Leben scheitert. All seine poetische und musikalische Kraft konnten ihn nicht erlösen, vielleicht hat diese Tragik seine Lieder und Alben auch erst groß gemacht. Im nächsten Monat jährt sich Molinas Todestag zum fünften Mal. Keine 40 Jahre ist er alt geworden, es ist eigentlich immer noch zum Heulen. Mein liebstes Lied von Molina ist The Dark Don’t Hide It, speziell die Strophe „Now death is going to hold us up in the mirror/ And say we’re so much alike we must be brothers/ See I’ve had a job to do but people like you/ Have been doing it for me to one another“ schnürt mir stets die Kehle zu, weil sie die Abgründe des Menschseins, allen Zank und Krieg, so wunderbar in Worte fasst. Dieser Tage nun haben sich die wundervollen Kevin Morby & Waxahatchee zusammengetan und zwei Lieder Molinas gecovert. Besagtes The Dark Don’t Hide It und Farewell Transmission. Die Einnahmen dieses Tributs gehen an MusiCares, das Musiker in gesundheitlicher und damit verbundener finanzieller Not hilft. So unterstützenswert dieses Projekt ohnehin scheint, so positiv ist freilich der Umstand hervorzuheben, dass Kevin Morby und Waxahatchee bei diesen beiden Songs eine ausgesprochen gute Figur machen. Ein Grund mehr, sich die Single schleunigst zuzulegen!

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Viel gewollt & mehr erreicht – Kat Frankie

Es gibt eiserne Regeln im Musikgeschäft. Gegen biedere Ausstrahlung helfen nur anzügliche Songtexte. Oder: Bankrotterklärungen künstlerischer Kreativität müssen mit Bombast übertüncht werden. Ersteres hat Britney Spears zum Erfolg geführt. Letzteres einen Michael Jackson in den Neunzigern über Wasser gehalten. Mit diesem Wissen muss man fast zwangsläufig eine große Harmlosigkeit hinter einem Albumtitel wie Bad Behaviour wittern. Nun könnte man der in Berlin lebenden Australierin Kat Frankie zugutehalten, dass sie schlicht den Titel des ihrer Einschätzung nach griffigsten Tracks zum Albumtitel erwählt hat. So recht will er zum mit Finesse ersonnenen Singer-Songwriter-Pop mit ein wenig R&B-Charme nicht passen. Bad Behaviour suggeriert eine penetrante Aufmüpfigkeit, vielleicht sogar Frivolität. Das gibt die Platte meiner Ansicht nicht her. Und das ist verdammt gut so.

Photo Credit: Sabrina Theissen/GroenlandRecords

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Motto des Tages (III): Moby – Mere Anarchy

Alles antreten zur gepflegten Apokalypse! Nicht weniger hat die zarte Electronica-Hymne Mere Anarchy zu bieten. Dem Altmeister Moby gelingt mit diesem schicksalshaften Abgesang einmal mehr der große Wurf. In seinen stärksten Momenten hat Moby nämlich lange schon eine urbane Melancholie des 21. Jahrhunderts definiert. So manche seiner Tracks erzählen von großstädtischer Einsamkeit, gern zu vorgerückter Stunde. Elementare menschliche Gefühlsregungen wirken dabei in einer hochtechnologisierten, in die Zukunft gerichteten Szenerie klein und oft verloren. In einer besseren Welt würde Richard Melville Hall – und nicht das Silicon Valley – Robotern das Träumen und Sehnen beibringen. Im offiziellen Video zu Mere Anarchy wird die düstere Vision einer menschenleeren Welt erzählt, in der monströse Bauten als Hinterlassenschaften fungieren, während der ewige Kreislauf der Natur weiter seinen gewohnten Gang geht.  Weiterlesen

Schlaglicht 85: Naiivi

Kann man anhand zweier Singles bereits ein Urteil über das Potential einer aufstrebenden Singer-Songwriterin fällen? Eigentlich nicht. Natürlich schon! Denn wir alle entscheiden doch täglich bereits nach wenigen Sekunden, ob eine Band oder ein Musiker auf Gefallen stößt. Falls dem nicht so ist, drückt man rasch die Skip-Taste der Playliste. Und als Musikblogger wird man ohnehin ständig mit neuen Klängen bombardiert, da hat man keine Zeit für zögerliches Abwägen. Im Falle der Schwedin Naiivi musste ich allerdings auch gar nicht erst lange überlegen. Schon die ersten Takte der zwei Tracks haben mich von den Qualitäten sofort überzeugt, in meinen Ohren hat sie sogar das Zeug zur nächsten skandinavischen Indie-Queen zu werden. Die letzten Herbst veröffentlichte Debütsingle I’m Leaving gefällt als waviger Pop.  Weiterlesen

Der kleine, große Klacks – Postcards

Nein, früher war nicht alles besser. Ein bisschen vermisse ich jedoch die Zeiten, als man eine neue musikalische Entdeckung mit fast zitternder Stimme jenen Freunde weitererzählte, die man auch für würdig hielt, solch Klänge schätzen zu können. Als man Musik zunächst auf Kassetten überspielte und später auf CDs brannte, um sie Gleichgesinnten stolz zu überreichen und mit lässiger Beiläufigkeit den Satz „Hör dir das mal an. Ist echt dufte!“ zu äußern. 2018 ist alles anders, will man Musik empfehlen, postet man einfach einen Link in sozialen Netzwerken. Dabei steckt gerade hinter dem mit gewissem Aufwand verbundenen Entdeckerstolz die zutiefst soziale Geste des Teilens. Dieser Tage stellt meiner Meinung nach das Bloggen über Musik die größte Entsprechung zu all den beschriebenen Anstrengungen dar. Deshalb wünsche ich mir auch, dass die Band, die ich heute empfehlen möchte, auf zunächst gespitzte und im weiteren Verlauf gebannte Ohren trifft. Und ich hoffe, dass meinen Worten etwas vom Frohlocken von einst innewohnt. Die Formation Postcards habe ich in den vergangenen Monaten mehrfach mit Lob bedacht, heute darf nun endlich die Veröffentlichung des Albumdebüts I’ll be here in the morning bejubelt werden. Dream-Pop war für mich schon immer eine schicksalshafte Herzensangelegenheit. Seit ich letzten Frühsommer zum ersten Mal Klänge der Postcards vernommen habe, war mir sofort klar, dass für diese Musik fortan ein Winkel in meinem Herzen reserviert sein würde. Das mag arg gefühlig klingen, aber Dream-Pop in all seiner Sehnsucht, Entrücktheit und Weltflüchtigkeit verlangt eben danach.

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Die Ü-40-Bibel – Tocotronic

Es kommt die Zeit im Leben, da man mehr in der Erinnerung schwelgt, als erwartungsvoll nach vorn zu blicken. Nun hat diese Unausweichlichkeit auch Tocotronic ereilt. Ein bitterer Beigeschmack bleibt vielleicht zurück, wenn die Helden der eigenen Jugend nun quasi als Zwischenresümee Rückschau halten, während man selbst eventuell noch voller Erwartung all der Dinge harrt, die noch kommen mögen, ja müssen. Um bei der Beschäftigung mit dem neuen Album Die Unendlichkeit auf einen grünen Zweig zu kommen, sollte man sich nochmals kurz K.O.O.K. aus dem Jahre 1999 ins Gedächtnis rufen. Tocotronic gelang damit die große Deutung und Ausgestaltung von Jugend, nicht weniger als das Porträt einer Generation. Es erzählte von Unangepasstheit und Erkundung der eigenen Identität inmitten der piefigen Szenerie deutscher Vorstädte. Bald 20 Jahre später lässt sich nun anhand von Die Unendlichkeit überprüfen, inwieweit Dirk von Lowtzow, Jan Müller und Arne Zank den Verlockungen der Spießbürgerlichkeit erlegen sind. Wie viel K.O.O.K. steckt noch in Tocotronic? Oder sind sie heute nur gut situierte Pseudo-Revoluzzer, die eine Vergangenheit verklären, weil sie mit dem Heute wenig anzufangen wissen? Die neue Platte gibt eine souveräne Antwort!

Photo Credit: Michael Petersohn/UniversalMusic

 

 

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Musikalisches Tohuwabohu (X): Twin Oaks, Balto, Anna Burch

Und wieder habe ich feine Klänge aus dem Kladderadatsch erhaltener Mails, Newsletter und Social-Media-Feeds herausgesucht. Mögen Sie auf gespitzte Ohren stoßen!

Twin Oaks

Genre-Fetischisten, denen bei Dream-Pop und Dream-Folk oft wohlige Gedanken ins Hirn flattern, sollten sich unbedingt die EP Living Rooms der kalifornischen Formation Twin Oaks zu Gemüte führen – und besser warm anziehen. Denn Lauren Brown kommt mit einem Vortrag um die Ecke, der ein Chaos der Gefühle wunderbar auffächert. Der Song Distance Alone versucht die selbst gewählte Abgeschiedenheit, die sich in Zeilen wie „I’ve come to find that dreamers often dream alone/ Trying to get it right/ Trying to get it right/ Build an island where I can live my life / In this head of mine“ manifestiert, mit eher unsicheren Schritten zu überwinden. Rumors wiederum will aus dem Leben, das einem längst fremd geworden ist, ausbrechen, die bisherige Umgebung und all die damit verbundenen Menschen hinter sich lassen. Es ist eine Aufbruchsstimmung ohne Optimismus, von Leidensdruck geprägt. Felt Like Dying, dessen Musik endgültig in sphärischem Schweben aufgeht, ist halb Seufzer, halb Durchschnaufen. Der Abgesang „And losing you felt like dying./ All the air had left my lungs./ Your love was so suffocating and it stole my soul./ I was trying to find the words, I tried, but I had to watch you go./ I never wanted it to end like this.“ könnte kaum beklemmender ausfallen. Wie die gewählten Beispiel zeigen, ist Brown und ihrem Kollegen Aaron Domingo mit Living Rooms ein Werk ätherischer Klänge und von emotionalen Wunden erzählender Lyrics geglückt. Die Seele kann oft ein sehr einsamer Ort sein und das Herz von einem Zwiespalt in den nächsten tappen. Wenn diese Erkenntnis dann noch in solch musikalische Schönheit gebettet ist, kann man nur noch staunen.  Weiterlesen

Liebe ist kein lästig Ding – Gregor McEwan

Aalglatt geschniegelter Bubis mit ihren schmeichelnden Stimmen überdrüssig? Zugleich von Songs angetan, die von Selbstfindung und Liebe erzählen? Dann kann das Album der Stunde eigentlich nur From A To Beginning des in Berlin ansässigen Singer-Songwriters Gregor McEwan sein. McEwan vermag treuzherzig und dankbar aus der Wäsche zu gucken, so wie es jemand tut, der sein Glück nicht völlig fassen kann. Der werte Mann schaut auch gern versonnen in die Gegend, wenn er von der Stärke singt, sich Unzulänglichkeiten einzugestehen oder sich nach Verirrungen wieder aufzurappeln.  Ein positives, nie oberflächliches Lebensgefühl und ein zärtlicher, dankbarer Blick auf die Liebe durchzieht das Album. Schmusebardiges in der Tradition von James Blunt oder James Morrison trifft auf eine erdige, kräftige Songwriter-Seele mit einem Herz für perfekte Harmonien. From A To Beginning verschönert und bereichert den Moment, bietet stets genügend Pfiff und Rumms auf, um über jeden Verdacht erhaben zu sein. Schauen wir uns das Album doch kurz ein bisschen genauer an.

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