Musikblogger haben die AfD verbrochen!

Liebe Kollegen, die ihr euch Musikblogger schimpft, ihr seid richtige Schweinehunde, zumindest aber Dilettanten, die lange schon großen Schaden angerichtet haben! Und bitte schaut jetzt nicht so unschuldig aus der Wäsche! Ihr habt erst den Nährboden für AfD bereitet! Ja, so schaut es aus. Diese auf den ersten Blick völlig hirnrissige Verknüpfung ist keineswegs ein Griff ins Absurditätenfach der satirischen Mottenkiste, sie stammt von Till Krause, seines Zeichens Journalist. Tätig für Süddeutsche Zeitung Magazin, manchmal auch für ARTE oder Bayern 2 aktiv. Im jüngsten Heft der Neuen Rundschau hat er den Aufsatz „Ihr könnt nichts, weil ihr etwas könnt. (Und außerdem seid ihr an allem schuld.) Dilettantismus als Form gesellschaftlicher Distanzierung in social media und ihren Vorläufern“ verfasst. Nun gehöre ich zu der fraglos geringen Zahl an Banausen, die den im S. Fischer Verlag erschienen Heften der Neuen Rundschau noch nie Beachtung geschenkt hat. Und so wäre auch jetzt kein Blitz der Erkenntnis in mich gefahren, wenn nicht Gregor Dotzauer vom Tagesspiegel unter dem Titel „Grillt den Profi!“ die großen Spannungen zwischen Dilettantismus und Expertentum aufgegriffen und Krauses Text rezipiert hätte. Auf eben diesen Text beziehe ich mich nun. Dem Vernehmen nach sind es „Punks aus den 1980er Jahren, Musikblogger der Gegenwart, Biologen in Underground-Forschungslaboren, rechte Verschwörungstheoretiker aus dem Umfeld von Pegida als auch Politiker so diverser Parteien wie der mittlerweile in Deutschland abgewählten Piraten oder eben Donald Trump“, die allesamt die Abneigung gegen einen von Korruption verdorbenen Mainstream antreibe. Denn dessen Expertise erscheine prinzipiell verdächtig, Nachweise zur Begründung der Zweifel würden in diesen Milieus selten erbracht beziehungsweise gefordert werden. Krauses Spurensuche führt ihn laut Dotzauer zu den „Fanzines der 80er und 90er Jahre, die sowohl an der Vormachtstellung des etablierten Musikjournalismus rütteln wollten, als auch dessen professionelles Selbstverständnis infrage stellten“ . So weit ein Abriss der These!

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Blogger für Flüchtlinge – Menschen für Menschen

Photo Credit: David De Groot

Photo Credit: David De Groot

Was wäre Hollywood ohne Flüchtlinge?

Die Antwort ist verblüffend einfach, für manche der Filmgeschichte-Unkundige vielleicht auch nur verblüffend. Hollywood wäre ein Ortsname wie viele abertausende anderer Ortsnamen. Vielleicht stünden da auch ein paar Filmstudios in der Gegend rum, nur eines wäre Hollywood ohne Flüchtlinge nie geworden: Der Mythos schlechthin, die weltdominierende Traumfabrik. Zu Beginn des vergangenen Jahrhunderts war Babelsberg das Epizentrum der Filmwelt. Grandios und innovativ. Hier entstanden Meilensteine wie Fritz Langs Metropolis, hier wurden von Ernst Lubitsch und Billy Wilder Komödien gedreht, die noch heute wegweisend sind und innovativer und lustiger als 99 % der heutigen deutschen Film- und Fernsehunterhaltung. Alle drei flüchteten zusammen mit anderen Stars wie Marlene Dietrich und Josef von Sternberg. Das NS-Regime vertrieb sie aus Deutschland. Ohne diesen Exodus wäre Hollywood nie zu dem geworden, was es heute ist. In meiner Schulzeit  wurden das Dritte Reich und die Judenverfolgung in zahlreichen Schulfächern behandelt, jedoch wurde zu keiner Zeit daraufhin gewiesen, welchen Schaden die Nazis unserer eigenen Kultur zugefügt haben, indem die kulturelle Elite ermordet und vertriebe wurde. Flüchtlinge sind immer auch ein Gewinn, zumindest für das Land, welches sie aufzunehmen und zu schätzen weiß.

 

Living like a refugee

Wie wichtig das Asyl für das Überleben von Kultur ist, zeigt auch die Geschichte der Sierra Leone’s Refugee All Stars. Wie viele andere Menschen flüchteten die Musiker in den  Neunzigern aus Sierra Leone vor dem Bürgerkrieg nach Guinea. In einem der Flüchtlingscamps dort lernten sich kennen und formierten die Sierra Leone’s Refugee All Stars, die nach Ende des Bürgerkriegs wieder in die Hauptstadt Freetown zurückkehrten. Das 2004 erschienene Debütalbum Living Like A Refugee fand international bei Liebhabern der Worldmusic großen Anklang. Mein Liebster und Co-Blogger hat die Band und ihr neuestes Album Libation schon im vergangenen Jahr auf Lie In The Sound vorgestellt. Wichtig ist dem Künstlerkollektiv, dass sie ebenso wie alle anderen Flüchtlinge nicht nur als arme Opfer und Hilfempfänger gesehen werden. Raus aus der Stigmatisierung ist das Motto des neuesten Projekts The Long Road. Zusammen mit anderen Musikern und dem Roten Kreuz Großbritanniens arbeiten die Sierra Leone’s Refugee All Stars an einem Konzeptalbum, welches die Geschichten von Flüchtlingen in den UK erzählt und Licht auf die Bereicherung der Gesellschaft durch die Einwanderer wirft.  Weiterlesen

Ein Blick zurück nach vorn

Der Jahreswechsel ist immer auch die Zeit der Vorsätze und Absichtserklärungen. Im Idealfall erfolgt zuvor eine nüchterne Analyse des zur Neige gehenden Jahres. Denn Wandel funktioniert am besten über die Erkenntnis. Das gibt mir somit die Möglichkeit ins Innenleben dieses Musikblogs zu blicken, der sich im siebten Jahr seines Bestehens mit allgemeinen Veränderungen abmüht. Das Internet von 2014 ist nämlich nicht mit dem Netz anno 2008 zu vergleichen. Selbstverständlichkeiten von heute haben zu Beginn unseres Blogabenteuers noch in den Kinderschuhen gesteckt. 2008 waren Facebook oder Twitter noch Start-ups unter vielen und der rasante Siegeszug von Tablet und Smartphone keineswegs absehbar. Im Bereich der Musik war ein Streaming à la Spotify gerade erst angedacht. Die Nutzung des Internets hat sich also verändert – und damit das Internet an sich. All die Umbrüche machen auch vor Lie In The Sound nicht Halt. Wenn ich also jetzt 2014 vor dem geistigen Auge Revue passieren lasse, schielt der Blick immer auch zu den bloggenden Anfangstagen zurück.

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Die unendliche Bandbreitenbeeinträchtigungsgeschichte (Kabel Deutschland Remix)

Als Musikblog, der schon ein paar Jahre auf dem Buckel hat, sind wir in der glücklichen Lage tagtäglich mehr als 100 Mails mit allerlei Newslettern, Musiktipps und digitalen Albenbemusterungen zu erhalten. Vielfach wunderbare Musik, an der man sich einfach nur erfreuen möchte. Und da wir in Berlin im Jahre 2014 leben, ist so manch großartige Entdeckung nur einen Mausklick entfernt. Denn wo – wenn nicht in der trendigsten Hauptstadt der Welt – hat man sonst die nötige Bandbreite, um sich voll Frohlocken durch Streams und Clips zu wühlen? Sollte man annehmen.

Heute muss ich von einer Leidensgeschichte berichten, die kein musikalisches Happy End vorzuweisen hat. Sie ist im biblischen Milieu angesiedelt, handelt von David und Goliath. Der Part des Davids fällt meiner besseren Hälfte und mir zu, als knurriger Goliath stellt sich dankenswerterweise Kabel Deutschland zur Verfügung. In den vergangenen Jahren haben wir Kabel Deutschland in seiner Rolle als Internet-Provider unseres Vertrauens bereits das eine oder andere Geldstück in die Pranke gelegt, im Gegenzug dafür ein Internet-Paket mit 32 Mbit/s Download und 2 Mbit/s Upload versprochen bekommen. Vertrag nennt sich das, glaube ich. Als alter Lateinheini kann ich sogar ein schallendes Pacta sunt servanda aus voller Kehle anstimmen. Nun haben Verträge eine ganz kuriose Eigenschaft. Sie sind ganz schön relativ. Ihre Wirksamkeit richtet sich nach der Heerschar der Rechtsanwälte, die mit ihnen befasst sind.Wenn die Rechtsabteilungen großer Unternehmen AGBs ausformuliert, wird es immer Klauseln geben, die die Verpflichtungen eines Unternehmens mit einem schwammigen Pffft! zusammenfassen. Für den im Auftrag eines verärgerten Kunden agierenden Juristen scheinen die Pflicht seines Mandanten dagegen in Stein gemeißelt.

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Initiative gegen Lizenzgebühren für Embedded Content

Die österreichische AKM und ihr deutsches Pendant GEMA wünschen sich eine Vergütung für urheberrechtlich geschützte Inhalte, die auf Webseiten eingebettet werden. Dies haben sie im Zuge von Konsultation zum EU-Urheberrecht geäußert. Sollten AKM und GEMA mit dieser Forderung auf offene Ohren stoßen, dieser Wunsch von der EU-Kommission im Rahmen der Modernisierung und Harmonisierung des europäischen Urheberrechts berücksichtigt werden, hätte das gravierende Auswirkungen. Für jeden auf Musikblogs oder Musikmagazinen eingebetteten YouTube-Clip oder SoundCloud-Stream würden Lizenzgebühren anfallen. Da die Mehrheit der Blogs und kleinen Magazine keine kommerziellen Interessen verfolgt, etwaige Werbeeinnahmen oft nur zum Bestreiten von Server-Kosten verwendet, würden Lizenzgebühren das Bloggen zu einer kostspieligen Angelegenheit machen.

Die Konsequenzen wären auch für den normalen Internet-NutzerInnen spürbar. Für viele BloggerInnen wäre diese Angelegenheit der finale Paukenschlag, der ihnen ihr Hobby endgültig vergällt. Bis auf Online-Angebote finanzkräftiger Verlage und Medienhäuser könnte sich wohl kaum jemand Lizenzgebühren leisten. Die Anzahl der Informationsquellen für Musik wäre wieder auf Internet-Vorzeit zusammengestaucht. Denn natürlich würden BloggerInnen hoffnungslos ins Hintertreffen geraten, wenn ihnen die Möglichkeit des Einbindens von Clips und Streams genommen würde. Sie wären in der Steinzeit des Internets angekommen, während den wenigen großen Magazine alle Optionen des digitalen Zeitalter zur Verfügung stünden. Denn es wäre für BloggerInnen schlichtweg nicht praktikabel, in jedem Einzelfall zu recherchieren, ob MusikerInnen in ihrer Eigenschaft als KomponistInnen oder TexterInnen etwa von der GEMA vertreten werden. Jeder vermeintlich verwendbare Clip könnte zu einer Abmahnung führen, selbst wenn ein GEMA-Mitglied wie Lieschen Müller auch nur eine einzige Textzeile dazubeigetragen hat.

Eine somit abhandengekommene Vielfalt hätte aber auch Konsequenzen für MusikerInnen. Wo bislang vom einarmigen, guatemaltekischen Countertenor bis hin zur kasachischen Backpfeifen-Punkband jede Spielart von Musik ihre Würdigung fand, täten sich unbekanntere Acts und kleinere Label mit der Wahrnehmung deutlich schwerer. All die Veröffentlichungen würden in ihrer Fülle nicht länger abgebildet werden.

Aus all den angeführten Gründen wären Lizenzgebühren für eingebettete Inhalte letztlich ein Pyrrhussieg für GEMA und AKM. Als BloggerInnen, denen Musik am Herzen liegt, sprechen wir uns daher gegen den Vorstoß der Musikverwertungsgesellschaften aus. Wir ersuchen MusikerInnen, die VertreterInnen von Plattenfirmen und Promotionfirmen um Unterstützung. Das kann man beispielsweise dadurch tun, indem man diese Petition auf Change.org unterschreibt. Wir würden uns darüber hinaus freuen, wenn unser Anliegen weiterverbreitet wird. Es geht uns wohlgemerkt nicht um die Abschaffung von GEMA und AKM. Lizenzgebühren für Embedded Content sind jedoch eine Schnapsidee, die wir entschieden zurückweisen!

SomeVapourTrails & DifferentStars

Ich würde ja auch lieber süße Katzenbilder posten! – Gedanken zu Lauren Mayberrys Brandbrief

Ich würde ja auch lieber süße Katzenbilder posten! Oder über nerdige Gadgets und C-Promi-Eskapaden quasseln. Ich würde zumindest das Augenmerk auf Songs legen wollen, die Herz und Hirn erfreuen. Uns träumen machen. Aber Musik als elementarer Baustein unserer Kultur spiegelt jedoch auch Realitäten wider, die sauer aufstoßen müssen. Darüber gilt es zu reflektieren und Schlüsse zu ziehen. Und das möglichst unaufgeregt und schon gar nicht im Stile unbedarfter Schulaufsätze. Gedanken also, die man nicht dem Focus oder Spiegel überlassen sollte. Was Anfang der Woche im britischen Guardian erschienen ist, hat vielleicht auf den ersten Blick an die mittlerweile eingeschlafene Aufschrei-Debatte erinnert. Aber Hashtags sind halt ein unzureichender Motor für einen notwendigen Diskurs.

Vergangenen Montag jedenfalls hat Lauren Mayberry, Mitglied der britischen Synthie-Pop-Band Chvrches, im Guardian ihre Erfahrung zur Frauenfeindlichkeit im Internet dargelegt. Mayberry konzentriert sich dabei vor allem auf herabwürdigende Kommentare in sozialen Netzwerken. Begonnen hat alles mit einem Post auf Facebook, in welchem sie den Tenor tagtäglich erhaltener E-Mails zusammenfasste („I’d fuck the accent right out of her and she’d love it„). Die Reaktionen darauf fielen natürlich großteil empathisch aus, doch fanden sich freilich auch Sätze wie „I have your address and I will come round to your house and give u anal and you will love it you twat lol“ darunter. Das führte zu besagtem Beitrag im Guardian, in dem sie berechtigterweise die Frage stellt, warum sie sich solch Beschimpfungen und Drohungen bieten lassen sollte. Die Sängerin führt weiter aus, dass sie sich bislang selbst um die Interaktion mit den Fans gekümmert und deren Nachrichten gelesen hat. Sie wolle trotz des Erfolges eine gewisse Nähe zu den Fans beibehalten („[I]t is important to me that our fans know we value their interest in us by giving things a personal touch.„). Aber wer bei allem Zuspruch eben stets auch mit extremem Sexismus, Frauenfeindlichkeit und sogar Vergewaltigungsfantasien konfrontiert wird, braucht ein wirklich dickes Fell.

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Lauren Mayberry ist mit ihrer Band Chvrches einer der Shooting-Stars des Jahres.(Photo Credit: Eliot Lee Hazel)

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5 Jahre Lie In The Sound (Teil 2)

Dieser Tage durchzuckt mich Wehmut. Denn so schön die letzten 5 gebloggten Jahre auch waren, ist Bloggen bei realistischer Betrachtung doch auch vergebliche Liebesmüh. Es ist ein recht harmloses Freizeitvergnügen, das sich in den Weiten des Internets verliert. Irgendwo am Wegesrand des Netzes gabelt man Musik auf, verfällt ihr, schreibt darüber – und vergisst auch wieder. Man fühlt sich wie ein Casanova, der es mit derart vielen Frauen schon getrieben hat, dass kaum besondere Erinnerungen wirklich dauerhaft im Gedächtnis bleiben. Das ist doch der eigentliche Fluch von Musik, dass auf jede Entdeckung mindestens ein Vergessen kommt. Wenn ich mir meine Lieblinge der vergangenen Jahre so ansehe, mir viele Bands wieder vergegenwärtige, dann sind Geheimtipps nahezu immer Geheimtipps geblieben, kleine Fische nur sehr selten auf Karpfengröße angewachsen. 5 Blogjahre haben mich auch untröstlich gemacht, weil ich die Flüchtigkeit eines Werks begriffen habe. Ein Lied ist nur ein Lied, ein Album nur ein Album, heute präsent, morgen schon vergessen, oder gar aus dem Netz verschwunden. Es bedröppelt mich, wenn viele der auf dem Blog einmal eingebetteten Clips und Streams nicht mehr funktionieren, weil es das Service nicht mehr gibt oder die Band zu neuen Ufern aufgebrochen oder gänzlich im Nirvana aufgegangen scheint. Wo CDs und Vinyl noch eine gewisse Dauerhaftigkeit suggerierten, ist Musik im Netz immer unter einem temporären Aspekt zu sehen. Dienste wie Last.fm oder Spotify kommen und gehen, vor fünf Jahren war MySpace noch die erste Adresse für Musik in sozialen Netzwerken, nun ist es Facebook, in absehbarer Zukunft werden neue Plattformen entstehen. Das Netz ist in steter Bewegung, damit auch die Musik, welche tagtäglich hindurchplätschert. Die Vergänglichkeit ist natürlich nicht auf Musik beschränkt. In den letzten Jahren habe ich immer wieder viele nette, ambitionierte Blogs entdeckt, von denen inzwischen schon viele in die ewigen Jagdgründe abgetaucht sind oder öffentlich dahinmodern. Sie wollten irgendwann mal Gedanken zu Musik mitteilen, geschmackliche Vorlieben offerieren, vielleicht auch nur unterhalten.

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Dem Laien erklärt: Die Psyche des Bloggers

Ich habe auf diesem Blog in der Vergangenheit oftmals die Metaebene des Bloggens beleuchtet. Mich über das Was, Wie und Warum ausgelassen. Ich wage somit zu behaupten, dass diese Selbstreflexionen und generellen Beobachtungen speziell einem frischgebackenen Blogger den einen oder anderen Erkenntniswert liefern könnten. Aber vermutlich gilt auch für das Bloggen der umunstößliche Grundsatz, dass man nur aus den eigenen Fehlern lernt. Nichtsdestotrotz sei einmal mehr über das Wohl und Wehe des Bloggens nachgedacht. Und die Psyche des Bloggers seziert, dem Laien erklärt.

Das Betreiben eines Blogs, ja das Schreiben im Allgemeinen, wird aus 2 Motiven gespeist. Zunächst kann ein Blog ein Tagebuchersatz sein. Durch die Verschriftlichung von Gedanken will der Schreiber Klarheit gewinnen, Überlegungen durch ein Drehen und Wenden komprimieren. In dem Fall ist die Veröffentlichung solcher Zeilen zunächst weniger auf Kommunikation als auf die Introspektion gerichtet. In der überwiegenden Zahl freilich möchte ein Blog Ideen, Ansichten, Leidenschaften transportieren. Das kann in gewerblichem Rahmen oder als Hobby erfolgen, manchmal verschwimmen dabei auch die Grenzen. In den unendlichen Weiten des Internets vergessen wir oft, dass jede Webseite, jeder Blog, jedes Forum einen Zweck verfolgt. Ob nun aus dem offensichtlichsten Grund, nämlich damit Geld zu lukrieren, oder aber aus dem Bedürfnis der Selbstdarstellung heraus, ob zur Kontaktanbahnung oder dem Teilen von Interessen, nichts geschieht ohne Vorsatz. Der Blogger buhlt somit – mehr oder weniger offensiv – um Aufmerksamkeit. Das ist zweifellos ein legitimes Ansinnen.

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Der Musikblog im Jahre 2013 – Eine Selbstreflexion

Manch kritischer Stammleser dieses Blogs mag konstatieren, dass hier zwar viele Worte verloren werden, es mit dem Erkenntnisgewinn nicht immer weit her ist. Aber differenzierte Ansichten beinhalten oft keine klaren Antworten, werfen im Idealfall neue Fragen auf, vermeiden es zumindest in allzu offensichtliche Fallen zu tappen. Daher seien heute ein paar lose Gedanken zum Bloggen über Musik angeboten, keine Patentrezepte, vielmehr Beobachtungen ohne jedwede Lösungsansätze.

Nach mittlerweile über 4 Jahren des Bloggens sticht mir ein Trend immer stärker ins Auge. Aus Blogs werden vermehrt Magazine, aus den Interessen und Launen von ein paar Enthusiasten wächst ein journalistisches Angebot. Der Blogger tranzendiert zum Redakteur. Ein schlichtes Layout weicht Headlines und Rubriken, die Plötzlichkeit eines Post wird von einer klaren Taktung der Beiträge abgelöst. Man kooperiert ausgiebig mit Labels, präsentiert Touren, versucht sich an Interviews, bietet eigene Musiksessions an, setzt auf exklusiven Content. Diese Ansätze sind jeder für sich keineswegs problematisch, gewisse Dinge wurden auch auf diesem Blog ausprobiert, in der Fülle jedoch gaukeln sie etwas vor. Wer mit den Großen mitspielen möchte, sollte stets bedenken, dass professionelle Magazine ein Geschäftsmodell darstellen, eben mehr als Hobby sind. Da wird Geld in die Hand genommen, bevor selbiges dann auch mehr oder weniger in der Kasse klimpert. Passion und zeitliche Opfer können den Faktor Geld nie und nimmer aufwiegen. Und da es ja genügend Musikmagazine gibt, kann der Schuster ruhig bei seinem Leisten bleiben. Der Sinn des Bloggens besteht nicht in der Metamorphose zum Journalismus. Ein passionierter Radsportler tritt ja auch nicht bei der Tour de France an. Dazu mangelt es ihm an der High-Tech-Ausrüstung, Serviceteam, logistischem Know-How, Finanzkraft. Vom Zugang zu leistungssteigernden Substanz mal ganz abgesehen. Ein etwaiges Talent allein besagt gar nichts.

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Sex, Drugs & Scripted Reality – Zum Jugendmedienschutz-Staatsvertrag

Ein alltägliches Szenario im Jahre 2011. Das sechs Jahre alte Mäxchen surft wie immer fröhlich im Internet. Was Mami und Papi noch immer nicht gänzlich verinnerlicht haben, das beherrscht der Junge bereits aus dem Effeff. Er sucht nach Musik, „die so klingt wie Joanna Newsom, aber weniger angestrengt und mit mehr Lieblichkeit in der Stimme“. Prompt landet Mäxlein auf unserem Blog und traut seinen Augen kaum. Wie verdorben die Musikwelt doch ist, was wüste Musikclips belegen. Warum zum Teufel müssen Musiker immer diesem Motto Sex, Drugs and Rock ’n’ Roll huldigen, wenn Plüschbären, Schokoplätzchen und Gutenachtgeschichten ebenfalls prima Themen darstellen? Und sogar die Macher des Blogs haben ab und an anzügliche Gedanken, diese doofen Erwachsenen! Skandal, denkt sich Max, da könnte ich mir meine Zeit doch gleich auf Neuköllner Spielplätzen vertreiben. Unverzüglich greift er zum Telefon, um sich mit seinem Anwalt über die nötigen Schritte zu beraten.

Vergegenwärtigen wir uns einen weiteren Vorfall. Fröhlich wie drei Tage Sonnenschein spazieren 2 Junkies hurtigen Schrittes in die Berliner Hasenheide, hier hatten schon ihre Väter lecker Cannabis erstanden, die Onkel Dirk und Jochen ebenso. In die Fußstapfen der Vorfahren zu treten, aller Ehren wert. Am Eingang des Parks stehen die Jugendlichen jedoch vor einem Problem in der Gestalt von Sicherheitsbeamten, die dahergelaufene Drogensüchtige erst dann ins gelobte Land einlassen, wenn Formular F25 und U23 samt Stempel und Lichtbildausweis vorgezeigt werden können. „Scheiße“, sagt Junkie Kevin zu Kumpel Dennis. Und so hampeln die Suchenden zum nächstgelegenen Park, wo Zugangskontrollen noch immer ein Fremdwort sind. Lediglich die Dealer sprechen schlechter Deutsch, der Stoff hingegen bleibt allererste Sahne.

Ein drittes Fallbeispiel. Mäxchens Schwester Lena findet das Internet nicht so dufte. Sie zählt 5 Lenze und hockt lieber vor der Glotze, bevorzugt fixieren die Kulleraugen des Wonnenproppens den Bildschirm, wenn die den Nachmittag auf RTL bevölkernde Scripted Reality das Prekariat als Eiterbeule der Gesellschaft bloßstellt. Soviel Zynismus dürfte es wohl öfter geben, meint Lena. Angeblich leistet Florian Silbereisen Samstag abends in der ARD ähnliches, indem er ein Gruselkabinett so lange zur Schau stellt, bis die ersten Leichenteile endgültig abfallen und Gunther von Hagens auf den Plan rufen. Aber das kennt das Mädchen nur vom Hörensagen, um diese Uhrzeit liegt sie nämlich schon im Bettchen und träumt von den verwackelten Handy-Bildern, die der Rabauke Justin ihr im Kindergarten so unter die Nase hält. Dieser hat nämlich eine ältere Schwester und jene wiederum übt oft  Griechisch und Französisch. Lenchen jedoch hält RTL die Treue, noch findet sie hysterisches Herumgegröle spannender als Sex.

Momentan wirkt der neue Jugendmedienschutz-Staatsvertrag wie ein in Schwaden gehülltes Damoklesschwert. Aber man darf bereits Entwarnung geben, an der alltäglichen Realität der lieben Kinderlein wird sich rein gar nichts ändern. Die Gesellschaft verdirbt sie weiterhin, im Internet müssen ab nun eben nicht in Deutschland gehostete Webseiten diese Mammutaufgabe stemmen.  Und wer den Nachwuchs weiterhin betüddeln will, darf auch wie bisher 25 Stunden am Tag wachsam sein. Doch geht mir persönlich der Jugendmedienschutz-Staatsvertrag nicht weit genug. Es kann einfach nicht sein, dass Lady Gaga auch in Zukunft Werbung für Glücksspiel machen darf. Ich plädiere für eine Neufassung von Pokerface: Polkaface.

Links:

Einschätzung der Auswirkungen des neuen JMStV auf law blog

SomeVapourTrails