Archiv der Kategorie: Lauschrausch

Lauschrausch LX: The Avener

Wenn es seit gefühlten 20 Tagen hier in Berlin fast ohne Unterlass nur eine Temperaturstufe kennt, die man ganz lapidar als „zu heiß“ bezeichnen kann, dann ist wohl Sommer, Baby! Und was gehört zum Sommer wie die Butter aufs Brot? Natürlich, ein Sommerhit. Ich persönlich konnte mich mit irgendwelchen Latino-Rhythmen sonnengestählter Grinsefressen nie wirklich anfreunden. Aber das mag uch darin begründet liegen, dass ich bei den Begriffen Hitze und Hitler sowie Sommer und Stalin mehr als nur einen anfangsbuchstabige Gemeinsamkeit sehe. Doch ich schweife ab. Wenn es also einen für die breite Masse tauglichen Sommerhit geben muss, würde ich einen schnieken, aparten bevorzugen, der sich zu einem eisgekühlten Drink in lauen Sommernächten genießen lässt und dessen Klänge laue Abende gleich geschmackvoll drapierten Lichterketten befunkeln. Wie zum Beispiel den Track Fade Out Lines des französischen Electro-Produzenten The Avener. Das hat Charme und Chic, erinnert ein wenig an den Flair von St Germain. Wer also noch einen stilsicheren Sommerhit sucht, sollte es unbedingt mit Fade Out Lines probieren. Da flutschen die Cocktails gleich doppelt so angenehm durch die Kehle!

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Lauschrausch LIX: Paris XY

Das im englischen Leeds beheimatete Duo Paris XY vermengt zünftig-waberndes Electro-Humptata mit einer kräftigen, ausdrucksstarken Frauenstimme. Derart entfaltet sich ein düsterer Chic, bei dem man die Ohren spitzen sollte. Ein Song wie The Return kreiert eine Aura gespenstischer Trance, entwickelt einen dunklen Sog aus dominanten, trippelnden Beats und flackernden, wuseligen Soundcollagen. Alice Smith und James Orvis verstehen sich auf einen dramatischen Ausdruck, auf eine Widersprüchlichkeit, die sich zwischen dem seelenvollen Gesang und der stylishen Electronica auftut. The Return ist dabei kein Einzelfall, Panic Attack bestätigt die Methode. In den stärksten Momenten erinnert Smiths Stimme mehr an die abgründige Diva eines Bond-Titellieds als an das, was man sonst so in diesem Genre gesanglich aufgetischt bekommt.

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Lauschrausch LVIII: „Weird Al“ Yankovic

Die Parodie ist eine Kunst- und Unterhaltungsform, an der sich zwar viele versuchen, doch nur wenigen großen Scherzkeksen ist diese Begabung wirklich in die Wiege gelegt. Zu eben jenen zählt seit Jahrzehnten Weird Al“ Yankovic, der schon in den Achtzigern mit großartigen Musikvideos wie Fat zu begeistern wusste. Die Parodie auf Michael Jacksons Bad nahm die im Original fast verherrlichte Gang-Kultur ordentlich auf die Schippe. In den Neunzigern vermochte Smells Like Nirvana den damaligen Grunge-Hype auf brilliante Weise zu sezieren, auch dieser Clip genießt zweifelsohne Kultstatus. Yankovic verstand es stets, popkulturelle Paradigmen herauszuarbeiten oder Lieder völlig aus dem Bedeutungskontext zu reißen. Aus Coolios Gangsta’s Paradise wurde so Amish Paradise, das die Vorzüge des fortschrittsverweigernden Lebens der Amischen berappte. Ebenfalls köstlich fällt seine Antwort auf Green Days American Idiot aus. Canadian Idiot suhlt sich in Unmengen an kanadischen Klischees: „Well maple syrup and snow’s what they export/ They treat curling just like it’s a real sport“ oder „Sure they got their national health care/ Cheaper meds, low crime rates and clean air/ Then again well they got Celine Dion„.

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Lauschrausch LV: Where Did Nora Go

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Anfang 2013 habe ich bereits auf Where Did Nora Go verwiesen. Hinter diesem Projekt steckt die in Kopenhagen ansässige Sängerin und Cellistin Astrid Nora. Das gleichnamige Album von Where Did Nora Go präsentierte sich vor über einem Jahr als stimmungsvoller, kammermusikalischer Pop voll Souligkeit und fein in Szene gesetztem Cello. Damals habe ich mich zu folgendem Vergleich hinreißen lassen: „Wer skandinavische Tiefe mit einem zarten Hauch Shirley Bassey verknüpft hören möchte, kann und soll sich dieser Platte nicht entziehen!“. Dieser Tage habe ich mit Freude vernommen, dass für September ein neues Werk namens Shimmer geplant ist. Vorab darf man sich schon an der Single Shelter erfreuen. Shelter erweist sich als ein in die Aura der Rätselhaftigkeit getauchtes Lied, das vor getragener Eleganz strotzt. All das spiegelt sich auch im Musikvideo zu Shelter wider. Kurzum, auch mir begegnet eine derart vollendetes musikalisches Talent nicht alle Tage. Ich freue mich bereits sehr auf das anstehende Album und rate den Lesern, sich der edlen Aura von Astrid Noras Stimme doch ebenfalls ganz und gar hinzugeben.

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Lauschrausch LIV: James

Es gibt in der Musikbranche solche und solche Urgesteine. Etwa jene, die sich nur noch durch Eskapaden bei ihren Ausflügen aus dem Rockolymp auszeichnen, oder aber Bands, die sich auch nach Jahrzehnten noch um Relevanz bemühen und sich nicht auf den Lorbeeren von einst ausruhen. In letztere Kategorie fällt James, eine vor allem in den Neunzigern erfolgreiche Band aus Manchester. Nach einer nahezu obligatorischen Auflösung 2001 fanden die Mannen rund um Sänger Tim Booth 2007 wieder zueinander. Und nach der Comeback-Platte Hey Ma und zwei Mini-Alben folgt mit La Petite Mort nun ein weiterer Beleg dafür, dass man das Comeback nicht aus Gründen der Altersversorgung unternommen hat.

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Lauschrausch LIII: Kasabian

Einer der lässigsten Hunde der musikalischen Gegenwart ist zweifelsohne Sergio Pizzorno. Dieser Name ist wohl nicht jedermann vertraut, als Gitarrist und kreativer Kopf der britischen Band Kasabian sorgt er jedoch mit dafür, dass Großbritannien von der musikalischen Landkarte nicht so schnell verschwinden wird. Kasabian haben die Coolness sowie eine kultivierte Unangepasstheit, zu der Bands aus Amerika einfach nicht befähigt scheinen. Velociraptor! war 2011 fraglos eines der verwegenen, deftigen Alben, die das Musikjahr erst rockig aufgewertet haben. Dieser Tage nun haben Kasabian ihre neue Platte namens 48:13 angekündigt. Es ist eine Scheibe, die man ohne zu überlegen, ohne reinzuhören kaufen sollte – ja muss. Der erste Track eez-eh reiht sich nahtlos in die Verrücktheit des Vorgängerwerks ein. Es besticht als launiger Party-Sound einer Band, die ganz dicke Cojones hat. Und an selbige fasst sich Mastermind Pizzorno wohl auch auf dieser Platte einmal mehr.

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Lauschrausch LII: Yppah

Wer – so wie meine Wenigkeit – auf in Traumhaftigkeit schwelgende Electronica abonniert ist, möchte den US-Amerikanier Yppah nicht missen. Anlässlich der letzten Platte Eighty One attestierte ich dem hinter Yppah steckenden Herrn Joe Corrales Jr. die virtuose Fähigkeit, Budenzauberszenerien zu entwerfen. Wird man dann eins mit seinem Werk, „winden sich Schauer kindlichster Erregung durch die Glieder, gerät man zum glückseligsten Teil des Spektakels.“ Was auf Eighty One gemünzt war, lässt sich generell über sein freudvoll-magische Œuvre sagen. Musik und Fröhlichkeit sind bei Yppah eine verschworene Einheit. Ein Titel seiner 2009 erschienen Platte They Know What Ghost Know hieß damals A Parking Lot Carnival – und auf gewisse Weise darf man sein gesamtes Schaffen unter diesem Motto verstanden wissen. Dieser Tage nun hat der Klangschmied völlig unvermutet einen neuen Track namens Bushmills vorgestellt. Ich werte selbigen als Vorboten eines hoffentlich baldigen neuen Albums. Und freue mich. Weil der Budenzauber auch bei Bushmills in jeder Sekunde blinkt und funkelt. Welch Lauschrausch!

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Lauschrausch LI: Tiny Fingers

Heute möchte ich ohne Umschweife einen deftigen Track empfehlen, der uns dieser Tage ins E-Mail-Postfach gerauscht ist. Nachdem wir in letzter Zeit viele Singer-Songwriter und auch die eine oder andere gehobene Pop-Kapelle auf dem Blog erwähnt haben, tut es auch mal gut, kernig jaulenden Rock um die Ohren gehauen zu bekommen. Die mir bislang unbekannte Formation Tiny Fingers stammt aus dem in musikalischer Hinsicht durchaus exotischen Israel, Ende April wird ihr Album Megafauna hierzulande veröffentlicht. Der Vorgeschmack Demands verspricht in seiner Wuchtigkeit so einiges. Laut Pressetext kombiniert die Band „die ungezügelte Intensität von Rockmusik mit dem Rausch von Electro-Raves“. Tja, wenn Raves tatsächlich dermaßen herb ablaufen, dann würde ich mich doch glatt noch auf selbige verirren. Doch mit welchen Genreetikett soll man nun Demands schmücken? Tiny Fingers nennen ihren Sound „Atomic Rock“. Verbirgt sich dahinter vielleicht Post-Rock? Trifft es psychedelischer Rock mit Verve besser? Lauschrausch LI: Tiny Fingers weiterlesen

Lauschrausch L: Mikko Joensuu

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Photo Credit: Jonathan Ben-Ami

Warum ich Musik voller Zuneigung begegne? Eben weil man sich immer wieder einmal ganz plötzlich verlieben darf. Auf zwischenmenschlicher Ebene ginge das nicht, da hätte wohl Freundin oder Ehepartner etwas dagegen. Und ein Buch ist letztlich nichts, was auch nach befriedigender Lektüre noch Leidenschaft weckt. Einen Film sieht man sich kaum unzählige Male hintereinander an. Ein Lied jedoch, von dem man ganz und gar eingenommen ist, wird auch nach dem 50. Hördurchlauf noch Ekstasen vermitteln. Ich habe in den ersten Wochen des neuen Jahres schon einige tolle Songs entdeckt, aber mein absoluter Favorit ist Land of Darkness des Finnen Mikko Joensuu. Und da ich momentan noch zu enthusiasmiert bin, überlasse ich die Einschätzung der werten Eva-Maria vom Polarblog, wo ich auch auf dieses wunderbare Lied gestoßen bin. Sie konstatiert: „Der Track ist ein feines, krautrockig ausuferndes Meditationsstück, dass den üpppigen 70er-Synthiewelten von Vangelis nahesteht. Lauschrausch L: Mikko Joensuu weiterlesen

Lauschrausch XLIX: Plumes

Die aus dem kanadischen Montreal stammende Formation Plumes stellt den nicht mit allen Wassern gewaschenen Hörer vor eine gewisse Herausforderung. Einerseits stehen die Plumes für luftigen, duftigen Indie-Pop, andererseits schrecken sie nicht davor zurück, diesen Indie-Pop mit dem Flair klassischer Musik zu versehen. Auf dem gleichnamigen Debüt von 2012 wähnt man sich mehr als einmal in einem festlichen Konzertsaal, wo Orchester und Dirigent ihr Unwesen treiben. Solch Crossover ist zunächst gewöhnungsbedürftig, auf die im Indie-Pop weit verbreiteten lieblichen Melodien wird man vergeblich warten. Stattdessen bahnt sich immer wieder eine wunderhafte Ernsthaftigkeit, ein orchestrales Erzählen den Weg. Über allem freilich schwebt die temperamentvolle Zärtlichkeit der Sängerin Veronica Charnley, die sich als der Kitt dieses Experiments erweist. Das Album und seine Attitüde ist vielleicht mit einem englischen Ausdruck am besten beschrieben. Es ist sehr sophisticated, also irgendwie clever, kultiviert und elegant. Es besitzt ästhetisches Gewicht und bleibt dennoch leichtfüßig, es scheut nie die exzentrische Komplexität und dennoch wirken manch Lieder fragmentarisch, unfertig. Lauschrausch XLIX: Plumes weiterlesen