Deezers Heilversprechen

Flow weiß, was du hören willst. Er kennt alle Songs, die du liebst, geliebt hast und bald lieben wirst. Flow ist dein persönlicher Soundtrack, der niemals endet. Mit jedem Track, den du hörst, lernt er dich und deinen Musikgeschmack noch besser kennen. Und du? Drückst einfach nur auf Play.

Was Deezer dieser Tage als wahrgewordene Utopie verkauft, nämlich den Algorithmus als eierlegende Wollmilchsau, ist bei genauerer Betrachtung viel mehr als nur Werbesprech. Es ist ein weiterer Mosaikstein eines gegenwärtigen Paradigmenwechsels. Längst schon wird uns eingetrichtert, dass man Computern und Robotern mehr vertrauen kann als Menschen. Ob autonomes Fahren oder Echtzeitüberwachung aus der Cloud, künstliche Intelligenz scheint alles besser zu beherrschen. Tagtäglich wird die Liste vermeintlich totgesagter Berufe länger. Vielfach wird gar im Brustton der Überzeugung behauptet, Facebook wisse mehr über einen als die eigene Familie. Deezers Flow reiht sich nahtlos in dieses Weltbild ein. Geraume Zeit schon unterbreiten Algorithmen Vorschläge, Amazon wäre nicht da, wo es heute ist, wenn Kaufempfehlungen keine ordentliche Trefferquote hätten. Dennoch überrascht die Gewissheit, die Deezer an den Tag legt. Der Dienst Flow will ja weitaus mehr als nur Orakel sein, er meint felsenfest zu wissen, was gefallen wird.

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Der naive Traum blauäugiger Hirne oder die gerechte Wut Sven Regeners

Ich würde mich nicht gerade als großer Fan Sven Regeners bezeichnen. Ich habe keines seiner Bücher gelesen und von seiner Kapelle Element of Crime gerade einmal das Album An einem Sonntag im April im Plattenschrank. Ich könnte folglich kaum unbefangener den Worten lauschen, die Regener zum Thema Urheberrecht findet. In der Sache selbst bin ich freilich eisern. Der Urheber muss ordentlich bezahlt werden.

Einer der intelligentesten, drastisch ausformulierten Beiträge zum Thema Urheberrecht ist vor einigen Wochen in der österreichischen Zeitung Die Presse erschienen. Der Autor Michael Amon nennt geistig Schaffende die Gratisdeppen der Nation. Doch so sehr ich seinen Ausführungen zustimme, möchte ich dennoch eine grundsätzliche Fragestellung aufwerfen. Ist uns die Idee etwas wert? Der inspirierte Gedanke, ehe er sich materialisiert? Wer diese Frage bejaht, muss natürlich für Schutz und Entlohnung des Urhebers eintreten. Die Zeitgenossen freilich, die dies negieren, dürfen sich an die eigene Nase fassen und konsequentes Handeln an den Tag legen. Wer zu IKEA pilgert und dort einen Tisch erwirbt, zahlt neben Material- und Produktionskosten selbstverständlich auch für die Entwicklung des Designs. Wer ein iPhone sein Eigen nennt, zahlt für ein Statussymbol, doch bezahlt man natürlich auch die Personen, die derart viel Hirnschmalz in die Sache investiert haben, um das Smartphone nicht kreisrund zu entwerfen. Gehen die scharfen Urheberrechtskritiker nun in die Geschäfte, nur um an der Kasse scharf ein „Den Preis ohne Entwicklungskosten, bitte!“ zu blaffen? Ein Hauptargument für das Filesharing war und ist doch stets, dass durch das Vervielfachen von Bits und Bytes nichts gestohlen wird. Logisch weitergestrickt bedeutet dies, dass nur das materialisierte Produkt eine Bezahlung rechtfertigt. Dann allerdings sollten die Gegner von Urheberschaft auch Standhaftigkeit beweisen und sich gegen die in die Endkosten eingepreisten Ideen wehren. Warum bei einem Parfüm die Überlegungen berappen, wie Kopfnote und Herznote harmonisiert werden sollten? Wenn wir Kreativität bezahlen wollen, dürfen wir keinen Unterschied zwischen einem Stück Mode und einer Mp3 machen.

Es ist ein naiver Traum, der sich in den letzten fünfzehn Jahren in die blauäugige Hirne eingenistet hat. Wenn das Internet in irgendeiner Art und Weise Inhalte vorwiegend gratis verfügbar machen würde, warum sind die mächtigsten Konzerne der Welt aus dem Netz hervorgegangen? Warum ist Google so mächtig? Und Facebook Milliarden schwer? Im Internet bieten nur Idealisten ihre Inhalte kostenlos an, jedes Unternehmen freilich will Geld sehen, fordert zumindest eine mehr oder weniger offenkundige Gegenleistung. Nutzerdaten sind eine Währung, die wir User oft als Spielgeld erachten, während sie Firmen in bare Münze verwandeln. Es konnte mir noch niemand stichhaltig darlegen, warum in einer durch und durch kapitalistischen Welt ausgerecht das Internet als gelebtes Gegenbeispiel funktionieren sollte. Und wenn dem wirklich so wäre, wie passen dann Google oder eBay ins Bild?

Wenn das World Wide Web ein Hort der Geschäftstüchtigkeit ist und wir Kreativität im Alltag honorieren, warum scheint gerade die Musikbranche davon nicht zu profitieren? Denn obwohl das Verteilen von Musik noch nie so einfach war, jeder sein Musik der Allgemeinheit mittels YouTube oder Soundcloud näherbringen kann, haben doch nach wie vor hauptsächlich diejenigen Künstler ein gesichertes Auskommen, die von gewieften Labels unter die Fittiche genommen werden. Was hat sich denn in den letzten 15 Jahren im Musikbusiness denn wirklich geändert? Außer den Vertriebskanälen wie iTunes? Lebt der durchschnittliche Musiker nun sorgenfreier? Haben sich die Erfolgschancen erhöht? Es gibt triftige Gründe, dies zu bezweifeln. Doch wer ist der Schuldige an der Misere? Der unbelehrbare Künstler, dem es schlichtweg nicht gelingt, den Geschmack eines breiten Publikums zu befriedigen? Der Kreative, der Marketingmechanismen völlig verkennt? Oder die Internetnutzer, die Kunst als Allgemeingut ansehen und einen Anspruch auf dessen kostenlosen Konsum ableiten?

Über die Jahre wurde uns immer wieder zu suggerieren versucht, dass Filesharing kein Grund für sinkende Verkaufszahlen ist. So viel es über das Label-System zu schimpfen gibt, so wäre es doch absurd zu meinen, dass die Plattenfirmen ihr Geschäft nicht mehr beherrschen. Selbstverständlich hat Filesharing die Käuferschicht der Asozialen und Gedankenlosen nachhaltig von jeder Art der Bezahlung abgehalten. Wer für nichts bezahlen muss, der lädt wohl auch Musik herunter, die er nie und nimmer hört oder jemals kaufen würde, aber eben auch Lieder, die er oder sie um jeden Preis auf der Festplatte zu haben trachtet. Zu meinen, dass diese Gruppe ohnehin nie für Musik zahlen würde, wäre in etwa so absurd wie die Auffassung, dass die bei einem Freibierausschank in der vordersten Reihe stehenden Personen sonst ein Leben in Abstinenz führen.

Das Internet präsentiert sich als ewiges Versprechen neuer Möglichkeiten. Inwieweit diese allerdings auch gewinnbringend sind und nicht einzig auf Selbstausbeutung beruhen, das bleibt ungeklärt. Ob die musikalische Betätigung zur Nebenbeschäftigung taugt, diese Frage darf durchaus in den Raum gestellt werden. Zweifelsohne gibt es mehr Musikschaffende als vor 15 Jahren, aber ist die Qualität auch gestiegen? Denn so sehr wir über das Diktat der Plattenfirmen in den vergangenen Dekaden auch die Nase rümpfen, sind doch alle gepriesenen, bis heute bahnbrechenden Stilrichtungen unter ihrer Ägide entstanden. Nicht trotz der Plattenfirmen entwickelten sich neue Genres, sondern unter der mehr oder weniger kräftigen Mithilfe mittlerer und großer Labels. Wären Radiohead die Götter des Indie, wenn sie von Beginn alles in Eigenregie und ohne potentes Label im Hintergrund hätten aufziehen müssen? Apropos Radiohead! Bei ihrem vorletzten Album In Rainbows überließen sie die Preisgestaltung den Hörern, jeder konnte selbst entscheiden, wieviel der digitale Download kosten durfte, ob man überhaupt dafür bezahlen wollte. Bei ihrer bislang letzten Platte The King of Limbs wiederholte die Band dies Experiment nicht. Wäre es also absurd anzunehmen, dass selbst eine fixe Größe wie Radiohead keine Unsummen lukriert, wenn die Formation auf den Goodwill der Käufer setzt. Wenn wir also das System der Plattenfirmen so abstoßend finden und Musiker indirekt zur Selbstvermarktung aufrufen, bedeutet dies noch lange nicht, dass deshalb ein wahrer Geldregen einsetzt. Das vor ein paar Jahren oft trotzig geäußerte Argument, wonach man die sauer verdienten Kröten nicht in den Rachen der Plattenmogule werfen möchte, verliert ohnehin immer mehr an Substanz. Längst sind engagierte kleine Labels am Werk, längst wissen Musiker um den Wert der Eigenvermarktung. Der große Reichtum stellte sich nicht ein.

Wenn wir uns die Realität schonungslos vors Auge führen, müssen wir folgendes konstatieren. Der Urheber wird vor allem im Internet gering geschätzt. Er darf Geld verdienen, das gesteht ihm die Mehrheit wohl zu, aber eine nicht zu unterschätzende Minderheit meint, dass nur die Anderen dafür Geld locker machen sollten. Wenn aber fast jeder die Zahlungsverantwortung auf alle anderen Zeitgenossen schiebt, dann bleibt dem Künstler am Ende sehr wenig in der Brieftasche. An einigen Sätzen Regeners, dessen Wutausbruch die Debatte in diesen Tagen wieder neu belebte, darf man zugleich durchaus Zweifel anmelden. Die Fülle der Musik lässt wahrlich keinen Mangel zu. Und ob ein Verein wie die GEMA all den Mitgliedern tatsächlich eine faire Vergütung der Ansprüche garantiert, sei hinterfragt. Die Schuld für die Misere nur beim unbelehrbaren Konsumenten zu suchen, greift ohnehin zu kurz. Alle Seiten sind dazu angehalten, sich Gedanken über Gedanken zu machen, einige davon sollten damit sogar gefälligst einmal anfangen.

SomeVapourTrails

Die Limited-Deluxe-Extended-Verarsche

Ehe meine Finger nun über die Tastatur scharwenzeln, habe ich mir eine Tüte geschnappt und all die unschön-herben Schimpfwörter, die mir zu diesem Thema so in den Sinn fallen, hineingewispert. Hernach hab ich sie zugebunden, auf dass nun ja keine unfeinen Ausdrücke entfleuchen, sich in diesen Beitrag einschmuggeln. Eigentlich könnte mein eloquenter Ärger jeden Bierkutscher vor Scham erblassen lassen. Derart gereizt überpinselt Zornesröte meine sonst gepflegte Blässe. Freilich geben Philosophierereien über das Album als Gesamtkunstwerk, bei dem einzelne Lieder als Mosaiksteinchen fungieren, ein clever durchkomponiertes Ganzes ausformen, keinen besonderen Anlass, um wutschnaubend die Nüstern zu blähen. Und doch ist die praktische Ausformung sehr wohl kritikwürdig.

Zugegeben, ich gehöre zu den Zeitgenossen, welche ein Album bis zur letzten Sekunde fokussiert hören, sich über hervorragende Lieder hinweghanteln, erst nach den gesammelten Eindrücken eine Entscheidung treffen, ob sich lediglich das Herauspicken der funkelnsten Stückchen lohnt oder eben dies eine Entstellung des Gesamtkunstwerks nach sich zieht. So wie ich mir einen Film in der vollen Länge angucke, auch nicht einzelne Seiten aus einem Buch herausgreife, so ehre ich auch die Intention des Musikers, der sich – sofern er die Entscheidungsgewalt besitzt – wohl etwas dabei gedacht hat, weshalb die Platte 6 oder 16 Stücke umfasst. Diese Grundsätzliche vorausgeschickt will ich mich jetzt empören.

Was ich so überhaupt nicht leiden mag, sind Limited– oder Deluxe-Versionen. Solch Aufblähungen sind generell bedenklich, meist mit dem gefüllt, was nach dem Reinemachen im Studio von der Putzfrau übersehen wurde, Bänder mit Demos, Akustik-Varianten oder holzhammerhändisch erstellte Remixe oder vor mir sowieso für die Tonne erachtete Radio Edits. Wer zusätzlichen Firlefanz liebt, dem steht der Kauf trotzdem frei. Anders präsentiert sich die Sache hingegen, wenn unveröffentlichte Bonus-Lieder ins Spiel kommen. In manch Ausnahmefällen kann das zu zusätzlichen Wonnen führen, den Gesamteindruck in ungeahnte Höhen kämmen.

Das Streben nach schnödem Mammon mag mitunter mammutgroße Miseren markieren. Und zwar dann, wenn man mit dem Limited-Deluxe-Extended-Scheiß einen fetten Reibach machen will, den Fans ordentlich in den Geldbeutel zu greifen trachtet. Darf der Konsument zwischen normaler oder aufgemotzter CD wählen, wirkt die Welt der Anhängerschaft rosarot. Problematischer erscheint da schon die Veröffentlichung eines Albums, dem dann wenige Monate später wie aus heiterem Himmel eine gutgespickte Luxus-Version folgt. Das hat ein ordentliches Geschmäckle. Derartiges Vorgehen lässt sich nur schwerlich mit langmütiger Contenance goutieren. Wenn am 26.11. Philipp Poisels sagenhaftes Bis nach Toulouse als Limited Version erscheint, beinhaltet dies neben einer DVD mit Live- und Unplugged-Aufnahmen sowie zwei vernachlässigbaren Radio-Edits auch die Cover-Stücke Schwarz zu Blau und Hannes Waders Heute hier, morgen dort. Während die gelungen Interpretation der Fox’schen Liebeserklärung an Berlin noch als kostenlose Mp3 auf Poisels Homepage Poisels ihr Dasein fristet, ist zweiteres Lied bloß als Live-Video zB hier verfügbar. Da möchte ich der Plattenfirma Grönland Records kräftig die Leviten lesen. Diesen hochwertigen Bonus hätte man zum regulären Veröffentlichungstermin bereitstellen und somit dem Käufer die Option bieten sollen. Verdammt nochmal!

Beispiel Nummer 2 wurde wohl auch von der Promo-Abteilung eines großen Labels ersonnen und  sogleich mit einem Schlückchen Prosecco begangen. Das letzte Album A Curious Thing der geschätzten Amy Macdonald wird ebenso am 26.11. als „Special Orchestral Edition“ neu aufgelegt. CD 1 repräsentiert das reguläre Album, der zweite Silberling bietet ein Werksschau im symphonischen Gewand. Nun bin ich kein Freund von solch orchestralen Sperenzchen, aber das ist auch nicht der Punkt. Warum schleudert man es nicht als eigenständige Konzert-CD fauf den Markt? Für zugegeben mit fragwürdigem Geschmack ausgestattete Liebhaber. Wer Macdonald im Klassik-Sound noch entzückend findet, hat das ohnehin gutes A Curious Thing bereits in die Plattensammlung aufgenommen. Auch hier sei der Major Universal gerügt.

Gibt es sie also noch, Plattenfirmen mit Herz für die Fans und dem Wissen um schmale Geldbeutel? Ein Gegenexempel habe im parat. Mardi Gras.bb bescherten im Frühjahr mit Von Humboldt Picnic eine Scheibe erster Güte, die ich fraglos zu den besten des Jahres zähle. Am 12.11. kam nun eine Extended Version des Albums in den Handel, die Von Humboldt Picnic/Editio Terra Incognita. Das pffiffige Label Hazelwood hat den Käufern der zuvor veröffentlichten Scheibe ein mehr als ungewöhnliches Angebot unterbreitet. Wer Hazelwood ein Foto mit dem Originalalbum zuschickt, bekommt gegen die Erstattung der Versandkosten die Unlimited Edition zugeschickt. Freilich mag das der Plattenfirma keine üppigen Einnahmen bescheren, aber durch solch einmalige PR-Aktionen gewinnt man treue Fans. Details dazu erfährt man dort.

Was lernen wir daraus? Außer dem Umstand, dass man sich in zwei der genannten Fälle dem Eindruck der Bauernfängerei nicht völlig verschließen kann. Und dem Fakt, dass Nachhaltigkeit zur Kundenbindung beiträgt. Zunächst stellt sich die Frage, wie man das Album als Gesamtkunstwerk wieder verstärkt im Bewusstsein der Plattenkäufer verankern will, ein Ziel, das wohl jedes Label verfolgt, wenn zugleich der Inhalt des Albums gegen Aufpreis oftmals beliebig erweiterbar scheint. Zweitens wundert man sich über mit dem Zaunpfahl winkende Marketingabteilungen. Die Offensichtlichkeit, mit der Enthusiasten ein zweites Exemplar einer annähernd gleichen CD aufzuschwatzen versucht wird, sollte als Geringschätzung des Kunden betrachtet werden. Darum kann die Devise nur lauten, Verlockungen auch mal zu widerstehen, wenn Geldgier allzu ruchbar mieft. Einer nicht eben kleinen Plattenfirma kann die Reputation mittlerweile egal sein, um den Ruf ist ohnehin nicht gut bestellt. Den betroffenen Musiker hingegen, den sollte solch Schindluder zutiefst erzürnen. Ein glücklicher Hörer ist dieser Tage nur der, welcher wahrem Indie die Treue schwört. Dort wird Seriosität noch richtig buchstabiert!

SomeVapourTrails

Der Musiker und der Sozialstaat – Keine Utopie

Ich könnte mich mit natürlicher Selektion viel leichter anfreunden, wenn die Fitness derer, die sich letztlich durchsetzen, nicht oft mit ihrer Bereitschaft zur Skrupellosigkeit korrespondieren würde. Das gilt natürlich auch für die Musikbranche. Dass sich dort die Marionetten und deren garstige Strippenzieher als einzig fixe Konstante etabliert haben, liegt jedoch letztlich am für Manipulation und Schmierentheater empfänglichen Publikum. Die breite Masse präferiert das Spektaktel, nicht die Qualität. Und eben weil wir bevorzugen, was wir bevorzugen, trennt sich Spreu vom Weizen, machen wir uns über die Spreu her. Unsere Mägen verzehren sich geradezu danach.

Ich atme relativ viel Gelassenheit in dieser Diagnose, kann mich mit diesem Umstand gut arrangieren. Wer Mechanismen durchschaut, vermag von ihnen nicht überrascht zu werden. Ich tummle mich auch nicht Brötchen verdienend in der Branche, erlebe die Qual allenfalls als mitfühlender Beobachter.

Letztlich kann noch soviel Getöse um Gammelfleisch die reißerischen Schlagzeilen der Gazetten füllen, ein Gutteil der Menschen wird dennoch dort kaufen, wo der Fraß billigst angeboten wird, darauf vertrauen, dass es doch in Ordnung sei, oder aber mit dem Geschick der Apathie erst gar keine Zweifel aufkommen lassen. Letztlich hat der Wirtschaftstreibende genau zwei Möglichkeiten Gewinne in seine Kasse zu locken. Entweder er etabliert seinen Ruf über einen Qualität ignorierenden Kampfpreis – oder aber er kreiert eine Marke mit Unwiderstehlichkeitsfaktor und verankert diese mit viel Marketing in den Köpfen und Einkaufstaschen der Verbraucher.

Um im Musikbusiness zu reüssieren, wurden beide Strategien zu einer attraktiven Synthese verschmolzen. Man portionierte den Bockmist, der nur noch bedingt mit Musik verwandt scheint, in ein für jedermann erträglichen Maß, bot die schlichte Rezeptur mit viel Getöse an. Jene legitime Methode bedient die Nachfrage, sättigt ein Bedürfnis. Eitle Wonne allerorts? Denkste.

Denn seit über 10 Jahren wird die Dumpingkost von findigen Konsumenten via Filesharing genossen – kostenlos. Das wurde von Produzenten zunächst mit harten Bandagen bekämpft, letztlich ohne probate Mittel. Wenngleich der P2P-Hype ein wenig verebbt scheint, die über die Jahre mit viel Selbstbewusstsein zur Schau getragene Grundhaltung verbleibt: Musik darf (fast) nichts kosten. Das stürzte eine Industrie in die Krise, die billigen Ramsch zu stolzen Preisen verhökern suchte. Wer de facto nicht oder nur in geringem Umfang auf Qualität setzt, vermag in solch einer Situation den Preis nicht länger aufrecht erhalten.  Die Branche reagierte trotzig mit Druck und Einschüchterung und sah sich der Übermacht technischer Filesharing-Möglichkeiten in der Folge machtlos gegenüber.

Gegenwärtig freilich scheint das Musikbusiness die Antwort gefunden zu haben. Man pinkelt den Abnehmern nicht mehr ans Bein. Streaming-Flatrates treten im Mobilbereich ihren Siegeszug an. Ein kleiner Preis und alle Möglichkeiten. Die Täuschung und Enteignung glückt. Der Konsument jubiliert. Und gibt erfreut mehr Geld für komplementäre Güter wie Konzerte und Merchandise aus. Konzerte sind Events, man erkauft sich gute Laune und Ekstase – dafür besteht immer noch eine ausgeprägte Zahlungsbereitschaft. Ebenfalls so für die die eigene Hipness unterstreichenden T-Shirts. Das freut die Labels. Filesharing wird somit zu einem Old-School-Phänomen, das nicht länger den Untergang einläutet. Ende gut, alles gut?

Doch wie sieht es nun mit der Entlohnung für das Ersinnen von Kunst aus? Ja, ich nehme das Wort in den Mund, welches schon zum Unwort verkommen: Urheberrecht. Mir dünkt, dass sich selbiges überholt. Einen monetärer Nutzen aus der Kreation zu ziehen, das ist nicht mehr der Segen, jener liegt jetzt im Drumherum. Also nicht der direkte Kauf eines Lied oder gar nur der Stream, vielmehr die Verwertung im Rahmen eines Konzerts oder als Untermalung eines Werbespots und ähnliches generieren die Einnahmen, die am Ende des Monats das Überleben sichern. Das freilich verlangt vom Künstler noch mehr Erfindungsgeist hinsichtlich der Fanartikel, ein Mehr an Touren, die jedoch auch geschickt promotet werden müssen, damit sie sich rechnen. Was in den Hintergrund zu treten scheint, ist die eigenliche Gabe eines Songschreiber: Das Verfassen von Lyrics, die Komposition. Und wenn Urheber mit ihrer eigentlichen Beschäftigung kein Geld verdienen können, was dann? Im Zuge der Wiener Tage der Musikwirtschaftsforschung gab der an der Havard Business School beheimatete Professor Felix Oberholzer-Gee die frappant einfache wie flapsige Antwort: „Dafür haben wir den Sozialstaat.“ Tja…

Ich möchte nun zum Ausgangspunkt der Überlegungen zurückkehren. Die natürliche Auslese dieser Tage kennt zwei Wege. Entweder man entwirft ohne mit der Wimper zu zucken ein Produkt, welches auf den Geschmack der Masse zugeschnitten scheint, ergo leicht konsumierbar und nicht allzu hochwertig und gerne auch gammelig, oder aber man tüftelt an den Möglichkeiten sein Werk perfekt in Szene zu setzen, wozu es das Know-How der großen Plattenfirmen allerdings dringend braucht. Letztlich also führte das Internet mit all seinen Möglichkeiten zu keiner Befreiung der Künstler vom Ballast übermächtiger Labels, vielmehr verursachte die Entwertung von Musik durch das Filesharing die nächste Zwickmühle. Der eigentliche Schurke ist der Konsument, der diese Lösung Künstlern wie Managern aufoktroyierte. Man sollte nicht das Big Business oder den weltfernen Musiker als Sündenböcke ausmachen. Den Schwarzen Peter hält jeder selbst in der Hand. Wir hätscheln diejenigen, die unsere Anspruchslosigkeit umschmeicheln oder mit geschickter PR in ihren Bann tricksen. Die wahren Könner, die sich nie und nimmer anbiedern mögen, können schon mal zur nächstgelegenen Suppenküche tingeln.

Link:

Bericht zu den Wiener Tagen der Musikwirtschaftsforschung auf orf.at

SomeVapourTrails

Das Ende der Freiheit über den Wolken

Foto: wikimedia commons

Nein – alle, die jetzt glauben, ich schrieb einen weiteren überflüssigen Post über die Luftraumsperre auf Grund des Asche hustenden Eyjafjallajökull, der irrt. Letztlich hat das Geschehen nur eines gezeigt: Auch ohne Flugzeuge bricht unser Leben nicht zusammen – selbst der von Lufthansa anvisierte Blumennotstand traf nicht ein. Dieser Blogbeitrag handelt ein wenig von der Freiheit bzw. dem Freiheitsdrang mancher Bürger, die ein Zeichen setzen wollten und die einst anarchistischen Happenings genannt Flashmob ins Leben riefen. Genauso wie mit Geheimtipps in Reiseführern fremder Länder, verhält es sich jedoch mit allen Innovationen des Underground respektive der Subkultur. Sobald ein neues Phänomen über die medialen Eingangspforten wie ARTE Tracks in die Mainstream-Medien zu tröpfeln beginnt, ist es schon wieder tot oder liegt böse geschändet zu Boden. Im besten Falle lustig missbraucht von pfiffigen Werbestrategen. Und niemand soll hier den ersten Stein schmeißen, vor allem nicht die Autorin dieses Beitrags, die schon mal diesbezüglich im Glashaus saß. Virales Marketing ist durchaus eine Kunst, die zu unterhalten vermag. Wäre da nicht auch die Journalistin, die lieber Bloggerin sein mag und unterscheiden muss, zwischen Werbung und Entertainment. Denn wer filtert, wenn nicht wir?

Das Ende der Freiheit über den Wolken erfuhr ich heute via Twitter, dort sandte mich eine Bloggerfreundin (und Medienjournalistin) mit den Worten „Flashmob über den Wolken: „Neulich auf einem easyJet-Flug“ rüber zu einem viralen Werbespot von German Wings, ohne mir jedoch vorher die Warnung mit auf den Weg zu geben, dass ich gleich Werbung konsumieren würde. Ein paar Tweets später hatten wir uns darauf geeinigt, besser wäre es gewesen, zu schreiben, schaut euch mal diesen Werbespot für German Wings an. (Sorry fürs auf die Füße treten und Schlaumeiern, hoffe du bleibst uns gewogen). Allerdings würden viele so einer Aufforderung nicht nachkommen. Warum auch? Läuft im Fernsehen Werbung, dann gehen wir auf’s Klo, holen uns nen Tee oder Bier und wechseln ein paar Worte mit den Lieben, die uns umgeben. Ich schalte grundsätzlich den Ton aus…

Der German Wings Werbespot um den es geht:

Die Grenzen zwischen Infotainment und Werbung sind schon lange fließend. Werbung soll und muss Spaß machen, damit sie wirkt. Private Internet-Nutzer dürfen so viel Werbung an ihre „Freunde“ versenden, wie sie wollen und oft genug wissen sie noch nicht mal, in wessen Dienste sie da stehen. Die Werbestrategen lachen sich nen Ast und blicken freudig auf die dienstwilligen Drücker der Social-Communities. Sie müssen sich nicht länger selber die Hände schmutzig machen und an Gesetze halten, die den Einsatz bzw. die Kennzeichnungspflicht von Werbung regeln.

Zitat:

Wulf-Peter Kemper: „Wir schleichen uns an die Leute ran und tun so, als wäre es keine Werbung. Das ist Schleichwerbung.“ Auch die ist im Internet grundsätzlich verboten. Wenn allerdings Privatpersonen Bilder, Clips oder Meinungen im Netz austauschen, gibt es keine Restriktionen.

Quelle: ZAPP – Perfekte Verpackung – Die Werbung im Internet

(Wulf-Peter Kemper, war bis 2002 Kundenberater, Geschäftsführer und Vorstandsmitglied der Werbeagentur Springer & Jacoby)

Trotzdem oder gerade deshalb ist es wichtig, dass wir uns nicht zum willfährigen, unbezahlt arbeitenden Rädchen für die Werbeindustrie machen lassen und unsere Freunde/Kontakte nicht zum Werbekonsum verführen. Zu schnell ist der Share bzw Tweet-Button gedrückt.

Für die Zukunft wünsch‘ ich mir, dass mich meine Freunde vorwarnen und mir selbst die Entscheidung lassen, ob ich mir nun Werbung für dies oder das ansehen möchte. Insbesondere von Journalisten erhoffe ich mir mehr Awareness – damit ist jetzt nur zu kleinem Prozentsatz der vorliegende Fall gemeint. Auch im Fernsehen bekommt man immer wieder virale Werbespots zu sehen, die meist unbewusst wahrnehmbare Werbebotschaften enthalten und von Fernsehmagazinen oft als lustiges Youtube-Video (nicht Werbespot) präsentiert werden. Mehr dazu erfahrt ihr in dem schon zitierten Artikel von ZAPP.

Fernsehbeiträge zum Thema:

ZDF Heute-Journal über Virales Marketing

3Sat Feature zum Thema

Zurück zum Glashaus. Noch wissen wir nicht wer hinter iamamiwhoami steckt und können nur hoffen, dass es sich hier um einen Musikact handelt und nicht etwas ein Mobilfunk- oder Spielekonsolenhersteller oder ähnliches dahinter steckt. Auf manchen Seiten wurde gemutmaßt, MTV (federführend bei der Berichterstattung) wäre Auftraggeber um sein Image zu polieren und wieder mehr in Richtung Musik zu führen.

DifferentStars

Die normative Instanz als Tätärätätä

Nun gut, dass unselige Kreaturen in Form von Krawatten tragenden Managern großer Plattenlabels keine musikalische Hochkultur auf ihrer Profitmaximierungs-To-do-Liste vermerkt haben, lässt sich leider nachvollziehen. Man investiert lieber in Durchschnittlichkeit kaschierende Perücken, die der manipulierbaren Masse mit Glitter, Glamour und Bombast den letzten Cent aus der Tasche ziehen. Und so scheint es viel zu simpel, das Gros der kunstresistenten Konsumenten sowie die Möchtegernsänger als Marionetten geldgeiler Kapitalismusfratzen für die Misere verantwortlich zu machen.

Eigentlich läge es in der Zuständigkeit des Musikjournalismus und des gehobenen Feuilletons als normative Instanz den musikalischen Verpuffungen eine Wertigkeit entgegenzusetzen, welche die kreativen Könner ins Rampenlicht rückt, missionarisch wie nüchtern Gegenpositionen zu allzu dumpfer Unterhaltung einzunimmt. Der kulturelle Input einer blühenden Musikszene, in der Handwerk und Ideen Hand in Hand gehen, darf nicht unterschätzt werden. Die Kritikerzunft sollte respektvoll Spreu vom Weizen trennen, Ekstase und Sinn vermitteln, nicht (nur) Eliten becircen, sondern das hehre Karma der Kompositionskunst möglichst breit transportieren. Soweit die Theorie.

Alles Gaga oder was? Bild: (c) Universal Music 2009

Der Teufelskreis freilich, in dem sich die Senfabgeber wiederfinden, sieht das Bedienen von Interessen vor. Weil Lady Gaga in aller Munde scheint, winkt selbige auch aus dem kleinsten auf vermeintliche Klangfreuden spezialisierten Käseblättchen. Und die Online-Magazine und Musikblogs, beseelt vom Traum Traffic zu generieren, eifern der Chose hinterher. Ein Oops eines Sangessternchens, ein Video einer in Unterwäsche herumtänzelnden Beyoncé, all dies zieht viele Blicke an – und lenkt von dem ab, was Musik auch sein kann, ja soll. Wenn Klang wie Gesang Stimmungen, Gefühle, Geschichten transportieren und uns damit bereichern, dann muss nicht etwa die Niedrigniveauebene als Schwerpunkt avisiert werden.

Doch schlimmer noch als der Wettlauf um die Verbreitung von Trivialitäten gestaltet sich das Schwingen der Axt zwecks Fällen von Brachialurteilen, vor allem wenn es nicht um eine Unterscheidung von Show und Kunst geht, sondern das Mark musikalischer Anstrengung mit Flapsigkeit durch den Kakao gezogen wird. Wenn es also nicht um das Brimborium dreht, mit welchem Marketing Aufmerksamkeit und Relevanz generiert, stattdessen der Kern kreativen Ausdrucks zugunsten von Sprücheklopferei in Grund und Boden schwadroniert wird. Musikalische Betätigung muss einer seriösen Beurteilung standhalten, darf aber respektvollen Umgang erwarten.

Die Ansprüche, die man an ein Album oder Lied anmeldet, sind zwangsläufig an die Erfordernis gekoppelt, die eigene Meinung profund zu postulieren. Nur so erhält sie Gewicht. Nehmen wir doch konkrete Beispiel. Wie kann ich das Magazin Intro als Hort der Rezeption ernst nehmen, wenn es in seinem aktuellen Feature Platten vor Gericht eine Horde von redaktionseigenen Praktikanten zwecks kesser Beurteilung auf Künstler losbugsiert, die das Prädikat auch wirklich verdienen, und als Ergebnis hanebüchernen Unfug erntet.

Oder was für eine Bankrotterklärung stellt es dar, wenn in einem an hochwertigen Veröffentlichung reichen Jahr Spinner bei der Suche nach den bisher besten Liedern sich fast ausschließlich auf jene konzentriert, die mit viel Gedöns publiziert wurden. Falls die Vorselektion der Magazine nicht mehr auf gründlicher, umfassender Recherche beruht, sich lediglich von Zurufen der Labels leiten lässt, dann verfehlt die Branche der Fachmagazine ihre eigentliche Bestimmung.

Wenn das Schreiben über Musik lediglich zu einem Wiederkäuen von angeblichen Neuigkeiten und Tratsch verkommt, die Auswahl der vorgestellten Platten mit dem Marketingbudget der Labels korreliert und der Kritiker zum von der Eitelkeit der eigenen Hipness getriebenen verbalen Amokläufer mutiert, dann darf es nicht verwundern, wenn das Ergebnis mehr an ein Tätärätätä als an Ernsthaftigkeit oder Hingabe zur Musik gemahnt. Da sollte sich jeder an der eigenen Nase fassen.

SomeVapourTrails

Öffentlich-rechtliche Drecksarbeit

Man wird der Sorgenfalten nicht müde, wenn man die jüngsten Kampagnen gegen das Prinzip des öffentlich-rechtlichen Rundfunks so verfolgt. Ob nun in Großbritannien, wo die BBC vermutlich die Jugendschiene zurückfahren wird, 2 Radiostationen einstellt und das Online-Angebot drastisch reduziert, oder in Deutschland, wo die großen Verlage gegen eine kleine, kostenlose Tagesschau-App Sturm laufen. Während auf der Insel der wahrscheinliche politische Machtwechsel seine Schatten voraus wirft, die Tories der BBC bereits Einschnitte angekündigt haben und Medienzar Rupert Murdoch eine Schwächung der BBC als Stärkung der eigenen Position versteht, stoßen sich in Deutschland die Verleger vor allem am Zeitpunkt, an welchem die ARD den gerade anlaufenden Versuch Paid Content als Geschäftsmodell zu etablieren unterminiert. Hinter der mitunter scheinheiligen Fassade einer Grundsatzdebatte über das, was öffentlich-rechtlicher Rundfunk leisten wie kosten soll und darf, werden etwaige Folgen gerne einmal unter den Tisch gekehrt. Denken wir doch einmal die möglichen Konsequenzen für die Musikszene durch.

Soll öffentlich-rechtlicher Rundfunk auf diese Technologie zurückgestutzt werden?

Gerade im Online-Sektor und im Radiobereich verrichten öffentlich-rechtliche Anstalten weltweit die Drecksarbeit. Die jungen, alternativen Wellen geben aufstrebenden Musikern eine Chance, nehmen sich musikalischen Trends und aufkeimenden Subkulturen an, während große, private Radiostationen erst dann auf den Zug aufspringen, wenn sie im Mainstream angekommen sind.  Auch die Förderung nationaler Künstler wird zur Aufgabe dieser Sender: CBC Radio 3 leistet in Kanada diesbezüglich hervorragende Arbeit. Und längst geht es dabei nicht mehr um das Radio im eigentlichen Sinne, findet die Verbreitung überwiegend über Streaming im Internet statt, befördert die Webpräsenz der Stationen die musikalische Kunde ins Netz. Wenn also deutsche Verleger den öffentlich-rechtlichen Anstalten Einschränkungen im Online-Bereich auferlegen wollen, nur um für die Nachrichten des eigenen Käseblättchens einen Obulus verlangen zu dürfen, könnte dies zu einem Dammbruch führen. Was zunächst wie eine neuerlicher hilfloser Versuch erscheint, das Internet doch noch als Geldquelle zu erschließen, mag auf lange Sicht Kreise ziehen und mit jeder Menge Populismus angeheizt, die Musikförderung gefährden. Wenn Computer Bild gegen den GEZ-Wahnsinn mobil macht – und dies besonders im Hinblick auf eine Gebührenerhöhung für neuartigen Rundfunkempfangsgeräte -, dann nicht einfach nur damit armen Bürgern zusätzliche finanzielle Belastungen erspart bleiben, vielmehr geht es ums Eingemachte. Heutzutage findet das Leben, der Alltag im Internet statt. Unter diesem Aspekt braucht es auch eine starke Anwesenheit öffentlich-rechtlicher Programme im Web.

Was für einen Sinn machen also staatliche Förderungen von Projekten wie PopCamp, wenn diesen Nachwuchskünstlern nicht auch auch gleichzeitig eine möglichst breite Sendeplattform geboten wird. Sollte BBC 6 Music tatsächlich eingedampft werden und der britische Trend auch in deutsche Gefilde schwappen, dann besteht tatsächlich die Gefahr, dass die Durchdringung der hiesigen Musiklandschaft durch neue Acts nicht länger qualitativen Kriterien folgt. Die Anzeichen mehren sich – Gegenkonzepte sind aus diesem Grunde längst überfällig. Ob die Art der Finanzierung, wie sie in den USA bei NPR erfolgt, auch hierzulande funktionieren würde, vermag ich nicht zu beurteilen.

Doch kommen wir nochmals zur Kernaussage meiner Überlegungen zurück. Aufstrebende Musiker brauchen öffentliche-rechtliche Unterstützung, und der öffentliche-rechtliche Rundfunk braucht unsere. Auch und vor allem in den unendlichen Weiten des Webs. Denn was Private nicht schultern können oder wollen, das würde gänzlich in der Versenkung verschwinden, wenn der Feldzug eines Rupert Murdoch auch nach Deutschland schwappt. Sein Versuch das Netz über Social Communities zu beherrschen scheint nicht besonders von Erfolg gekrönt, mag Porzellan zerschlagen und Musikern bei der Verbreitung ihrer Musik geschadet haben. Die Offensive gegen die BBC hingegen ist eine offene Kriegserklärung an das Konzept einer freien Informations- und Kulturversorgung, die sich selbstverständlich schon längst auf unser Online-Dasein ausgeweitet hat. Die deutsche Debatte zum Thema Paid Content lässt völlig außer Acht, dass es keinen Wettbewerb zwischen privatem und staatlichem Rundfunk oder Online-Angeboten geben kann, dieser immer nur zwischen privaten Verlagen und Medienkonzernen existieren muss. Dass die FDP das nicht begreifen will, verwundert angesichts ihrer Klientel nicht.

Es scheint so einfach die Verantwortung für musikalische Vielfalt allein bei den Musiklabels dingfest zu machen, doch vergisst man dabei leicht, dass es auch Kanäle der Verbreitung braucht. Ohne öffentlich-rechtliche Sender würden wir uns bald nur im Humptata-Schritt wiegen.

Links:

Bericht des Guardian über die Pläne der BBC

SomeVapourTrails

Sellaband meldet Insolvenz an

Traurige Nachrichten fürs musikalische Grassroot Movement, laut prefix hat Sellaband in Amsterdam Insolvenz angemeldet. Die Seite ist seit einigen Tagen nicht mehr online. Das Modell setzte auf „fanbased“ Finanzierungsmodelle, bei denen Fans vorab Anteile kaufen um die Produktion und Marketing des Albums vorzufinanzieren und den Künstlern so die Unabhängigkeit von großen Labels zu ermöglichen.

In Deutschland hatte 2009 die Band Angelika Express mit einem ähnlichen Modell, der Aktie Angelika großen Erfolg.

Im Oktober des vergangenen Jahres konnte Sellaband mit Public Enemy den ersten großen Act für ihre Idee gewinnen. Public Enemy gelten als Internet-Pioniere und sind die erste Band, die Mp3s zum Kauf anbot. (Mehr dazu auf TechCrunch). Bisher gibt es weder von Sellaband noch von Public Enemy eine offizielle Presseerklärung.

Schade, wobei dies nicht das Ende der fanfinanzierten Modelle sein dürfte. Im Dezember stellte SomeVapourTrails euch Plegde vor, eine Plattform, die Sellaband sehr ähnlich ist und auf der Helgi Hrafn Jónsson mehr als genug Unterstützer für die Finanzierung seiner neueste EP Kví, Kví gewinnen konnte.

DifferentStars

Der Wahrheit und die Airplay-Charts

Foto Quelle: Wikimedia

Ein Blog, das ich hier und da schon empfohlen haben, nennt sich Der Wahrheit in die Musikbusiness, dahinter steckt ein anonymer Musiker, der nach eigenen Angaben, mit seiner Band „eine CD im Laden, einen Song im Radio, Auftritte im TV, Gigs vor bis zu 10.000 Leuten, einen Major-Label Deal“ hatte und resümiert: „es war (oft genug) die Hölle. Ich bin in diesen zwei Jahren 10 Jahre gealtert. Dieses Blog soll aufzeigen, wie es wirklich ist. Die guten sowie die schlechten Seiten der Industrie“

Sein neuster Beitrag “Du zuerst!” beschäftigt sich mit dem Teufelskreis, der vielen Bands/Musikern den Eintritt in die Charts (fast) unmöglich macht und dieses „fast“, ist ein Einwurf von mir und wird im Laufe des Beitrages erläutert werden, hier das Dilemma aus Sicht von Der Wahrheit:

[…] Fernsehsender wollen den Song erst senden, wenn er im Radio läuft. Radiosender wollen ihn erst senden, wenn andere Radiosender ihn spielen. Das irrsinnigste, was ich bisher von einem Radiosender gehört habe, war: “Wir spielen diesen Künstler erst, wenn er in den Airplay-Charts ist.” Liebe Radiosender, Ihr macht die Airplay-Charts, indem Ihr seine Songs spielt! Das ist keine Frage der Henne und des Eis.[…]

(vollständiger Text auf Der Wahrheit…)

Das System arbeitet also gegen Newcomer, Radiosender schielen beim Zusammensetzten der eigenen Playlists nicht nur auf die Airplay-Charts, sonder auch die Verkaufscharts. Ohne im Radio gesendet zu werden, schafft es jedoch niemand genug Hörer/Käufer zu finden, die eine sichtbare  Platzierung in den Charts sichern. Ein Teufelskreis, jedoch keiner, der nicht zu durch brechen ist.

Was also können Bands/Musiker tun, um sich „Gehör zu verschaffen“, die viel umkämpften Airplay-Charts zu „entern“?

Eine kleine Zeitreise gibt Antwort. Wir schreiben das Jahr 2008, DifferentStars spukt durch das Netz und diverse Musikcommunitys um mehr über Social Media Marketing zu erfahren, Wayne Jackson hofft irgendwann endlich sein erstes Soloalbum The Long Goodbye veröffentlicht zu bekommen und verbringt viel Zeit mit MySpace, Fuzz.com (R.I.P) und Co. Die beiden begegnen sich und ein reger Austausch beginnt.

Nach vielen Irrungen und Wirrungen mit Four Music/Columbia/SonyBmg wird schließlich Glorious, die erste Single von Wayne Jackson veröffentlicht, im August 2008 folgt die Veröffentlichung von The Long Goodbye. Die offizielle Promotion geht so ziemlich spurlos an allem und jedem vorbei.

DifferentStars denkt sich die ein und andere Marketing-Strategie aus, unter anderem diese:

Fans/Freunde dazu motivieren, E-Mails an Radiosender zu schicken (Auflistungen Kontaktadressen hier und hier) und um das Spielen von Glorious/Shine On zu bitten und noch wichtiger, Fans/Freunde darum zu bitten bei Radio-Charts für die Songs abzustimmen. Erster Mini-Erfolg: die BB Radiocharts, DifferentStars stimmt selber ab und gewinnt zur Strafe ne The Dome CD, der Song landet auf Platz 10.

Was genau hat dies nun mit den Airplay-Charts zu tun. Die BB Radio-Charts noch wenig. Aber: Es gibt einflussreichere Sender, an erster Stelle steht: SWR3

Also ein neuer Aufruf an die Fans: Bitte sendet eine E-Mail mit dem Betreff „Charts-Neuvorschlag“ an:  charts@swr3.de

Es funktioniert, Shine On landet im Herbst 2008 als Neuvorschlag bei den SWR3-Hörercharts, der Voting-Aufruf via MySpace und Co zeigt Wirkung: Shine On wird Nr. 1, der Song landet mit dieser Hilfe  auch in den Airplay-Charts.

2009/2010 Die gleiche Kampagne noch mal für Hallelujah (Album: Undercover Psycho). Der Song wird Nr. 1 und bleibt ne Weile an prominenter Stelle vertreten. Nach Waynes eigenen Aussagen, ist dies ausschlaggebend für die Airplay-Charts. Darüber hinaus, verschafft ihm die Plazierung in den Hörercharts einen Auftritt bei der SWR3 Fahrstuhl-Musik und SWR3 Latenight (6.02.10).

Für alle, die sich in den vergangenen Wochen gefragt haben, was ich den mit Social Media Marketing insbesondere in Bezug auf Wayne Jackson meine, dies ist ein Punkt von vielen und dies ist eine Kampagne, die kein Geld, dafür aber Zeit kostet. Nicht alle Bands werden mit solchen Aktionen Erfolg haben. Grundvoraussetzungen sind natürlich:

a) Dass der Song radiotauglich ist, sprich feinster Post-Rock wird hier keine Chance haben, oder nur dann, wenn man Sigur Rós heißt 😉

b) Die Single sollte bei einem regulären Label erschienen sein. Irgendwie Selbstveröffentlichtes wird von den Sendern gescheut wie das Weihwasser vom Teufel.

Viele Bands und Labels haben die Zeichen der Zeit erkannt und Streetteams für ihre Künstler ins Leben gerufen, die an den richtigen Stellen für wichtige Aufmerksamkeit sorgen.

Warum dies auch bei Musikern mit überschaubarem Fankreis Wirkung zeigt, lässt sich dadurch erklären, dass sie meisten Internet-Konsumenten nur passiv agieren. Nur eine geringe Anzahl der User tragen aktiv zum Geschehen bei. Zielgerichtet um Support zu bitten, kleine Aufgaben an Fans zu verteilen, heißt Energien zu bündeln und Menschen, die bereit sind etwas zu tun (nur nicht wissen was) die Möglichkeit der Teilnahme zu geben. (Ich kenne eine Person, die viel Zeit aber keinen Plan hatte, was sie für Wayne tun könnte, mich (als ehemalige MySpace-Topfreundin von Wayne Jackson) anschrieb und um Tipps bat, erst schickte ich sie zu Last.fm, wo sie seitdem jedem, der nicht bei 3 auf den Bäumen ist die Musik des Briten empfiehlt, die übrigen Stunden verbringt sie damit sich neue E-Mail-Adressen anzulegen, um nochmals bei SWR3 abstimmen zu können).

Abgesehen davon… ist es auch eine Wahrheit in der Musikindustrie, dass ehemals nützliche Freunde sehr schnell zu Gunsten noch nützlicherer gekillt werden… Inzwischen erzählt der Brite überall, er hatte alles einem wichtigen Freund bei SWR3 zu verdanken. Darüber hinaus, wurde mir zugetragen, dass er gestern bei Blue Moon auf Radio Fritz gemeinsam mit dem Moderator Stephan Michme das neue Genre Britrock erfunden hat. Hm… ich will ja nichts sagen, tagge ich doch schon seit Jahren auf Last.fm zusammen mit 2.450 anderen Nutzern den ein oder anderen Act mit diesem Genre-Tag und Google Deutschland kennt ganze 446.000 Erwähnungen, aber auch dies ist natürlich nur meine subjektive Wahrnehmen der Wahrheit 😀 Genug gelästert, …. sollte ja ein konstruktiver Marketing-Beitrag werden.

DifferentStars

DSDS und der umgedrehte Spieß

Wer DSDS gewinnt, der hat schon verloren, nicht nur Selbstachtung und künstlerische Freiheit, meist auch finanziell. Spätestens seit der Veröffentlichung des Buches „Sex, Drugs und Castingshows“ von Markus Grimm und Martin Kesici, das im Anhang Originalverträge von Castingshow-Gewinnern bereit hält, ist eines klar: Reich wird man so nicht, berühmt auch so eher auf der Ebene eines B-Promis, auf den dann alle einhauen können, noch der allerkleinste Fauxpas zur Bild-Schlagzeile hochgepusht wird. Vertiefende Einblicke findet  ihr hier und hier.

Was genau in solchen Verträgen steht, wird auch sehr deutlich auf myoon beschrieben, die in dem Artikel Wie man ein Entertainmentsklave wird die Castingvereinbarung für „The X-Factor“ unter die Lupe genommen haben.

Wirklich brenzlig wird es für die Kandidaten, sobald sie in die engere Auswahl geraten. So erklärte Meike Büttner auf ihrem MySpace-Blog:

Echte Musiker – wie Joel und ich – müssen also an diesem Punkt der Sendung sowieso ausscheiden! Das liegt an den Verträgen, über die ich leider keine Auskünfte geben darf. Wer unter die Top 15 kommt, unterschreibt jedenfalls einen Vertrag, der für ernstzunehmende Musiker den Genickbruch bedeutet.

Die Empörung, die die Sängerin in ihren Blogbeiträgen zum Thema DSDS an den Tag legt, ist natürlich lächerlich und aufgesetzt bis zum Geht-nicht-mehr. Ein geplanter Skandal, der den Spieß mal rumdreht, das Castingshow-System mit den eigenen Waffen schlägt. Dafür, dass sie die Erste ist, die zum Zwecke der Promo an DSDS teilnimmt, um dann hinausgeschmissen zu werden, verdient sie allerdings auch ein paar Blümlein.

Sie hat das Kunststück fertig gebracht, sich Dieter Bohlen und Co als Kuriositätenkabinettmitglied anzubieten. Wurde dann auch weniger wegen Stimme, denn Originalität mit auf die Insel genommen, um kurz nach dem Flug in die Heimat aus der Sendung zu fliegen. Inklusive eines TagebuchIntermezzos mit der BZ. Das erst von ihr mit vermeintlichen Intimitäten gefüllt und dann der Dramaturgie gemäß dementiert wurde.

Und jetzt alle mal so: EMPÖRUNG bitte! Worüber eigentlich? Ach ja… DSDS hat Meikes letzte Auftritte beim Recall nicht gesendet. Weil sie so ungezogen war, die Göre…

So richtig ernst nehmen kann ich das jetzt nicht. Meike inszeniert sich ein bisschen zu sehr als Berliner Göre á la Mieze von Mia, zumindest jetzt…

Zitat Bohlen: „Ich finde ja DSDS ist ein Format für Geisteskranke, sonst würd ich hier auch nicht sitzen, deshalb hat du von mir auch ein Ja.“

2008 trat Meike noch als süße Singer-Songwriterin auf die Bühne:

Inzwischen ist sie zur Mitte-Göre mutiert mit entsprechend hypernervös-aufgeregtem Großstadt-Charme inklusive „Die Drogen, die Drogen, die bösen Drogen“-Flair. Ein Sternchen, dass ich gerne die Attribute durchgeknallt und verrückt auf den Steckbrief hefte.

So sind dann die pseudo-empörten Ergüsse auf der Meike ihrem MySpace-Blog eher niedlich als ernst zu nehmend. Immerhin, als scheinbar bekennende Rechtschreibverachterin ist sie mir schon wieder nen Tick symphatisch. Wer seine Begleitband Das Satelitenduo Stereo konsequent mit nur einem „l“ schreibt, verdient schon die Bezeichnung Künstlerin.

Musikalisch zu hören ist eher so das, was man hier in Berlin alle naselang auf irgendwelchen Kleinst-Clubbühnen geboten bekommt. Zum Teil ganz nett, weit entfernt von besonders oder brillant.

Marketingtechnisch hat sie sich ein paar Tausender gespart und dürfte mit der Nummer besser fahren als viele ihrer Leid-und Sangesgenossen, die mit angeschlagenen Köpfen vor den Türen der Musikmagazine und Sendungen wutentbrannt auf die ungerechte Beachtung schimpfen, die die Castingshow-Teilnehmer ins Rampenlicht der Gazetten beamt. So wünsch ich mir für die Zukunft mehr Teilnehmer, die hingehen um nicht zu gewinnen, und ein Dschungelcamp, in dem sich alle einig sind, dass sie keine Ekel-Prüfungen ablegen wollen und tapfer ein paar Wochen mit Würde und Anstand allein von Reis und Bohnen leben.

DifferentStars

PS: Youtube nach DSDS-Videos zu durchsuchen bringt nicht viel, hier ne lustige Aufarbeitung des Themas:

RTL sperrt DSDS 2010 Videos -Beschwerde