Archiv der Kategorie: Musik & Meinung

Deezers Heilversprechen

Flow weiß, was du hören willst. Er kennt alle Songs, die du liebst, geliebt hast und bald lieben wirst. Flow ist dein persönlicher Soundtrack, der niemals endet. Mit jedem Track, den du hörst, lernt er dich und deinen Musikgeschmack noch besser kennen. Und du? Drückst einfach nur auf Play.

Was Deezer dieser Tage als wahrgewordene Utopie verkauft, nämlich den Algorithmus als eierlegende Wollmilchsau, ist bei genauerer Betrachtung viel mehr als nur Werbesprech. Es ist ein weiterer Mosaikstein eines gegenwärtigen Paradigmenwechsels. Längst schon wird uns eingetrichtert, dass man Computern und Robotern mehr vertrauen kann als Menschen. Ob autonomes Fahren oder Echtzeitüberwachung aus der Cloud, künstliche Intelligenz scheint alles besser zu beherrschen. Tagtäglich wird die Liste vermeintlich totgesagter Berufe länger. Vielfach wird gar im Brustton der Überzeugung behauptet, Facebook wisse mehr über einen als die eigene Familie. Deezers Flow reiht sich nahtlos in dieses Weltbild ein. Geraume Zeit schon unterbreiten Algorithmen Vorschläge, Amazon wäre nicht da, wo es heute ist, wenn Kaufempfehlungen keine ordentliche Trefferquote hätten. Dennoch überrascht die Gewissheit, die Deezer an den Tag legt. Der Dienst Flow will ja weitaus mehr als nur Orakel sein, er meint felsenfest zu wissen, was gefallen wird.

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Blogger für Flüchtlinge – Menschen für Menschen

Photo Credit: David De Groot
Photo Credit: David De Groot

Was wäre Hollywood ohne Flüchtlinge?

Die Antwort ist verblüffend einfach, für manche der Filmgeschichte-Unkundige vielleicht auch nur verblüffend. Hollywood wäre ein Ortsname wie viele abertausende anderer Ortsnamen. Vielleicht stünden da auch ein paar Filmstudios in der Gegend rum, nur eines wäre Hollywood ohne Flüchtlinge nie geworden: Der Mythos schlechthin, die weltdominierende Traumfabrik. Zu Beginn des vergangenen Jahrhunderts war Babelsberg das Epizentrum der Filmwelt. Grandios und innovativ. Hier entstanden Meilensteine wie Fritz Langs Metropolis, hier wurden von Ernst Lubitsch und Billy Wilder Komödien gedreht, die noch heute wegweisend sind und innovativer und lustiger als 99 % der heutigen deutschen Film- und Fernsehunterhaltung. Alle drei flüchteten zusammen mit anderen Stars wie Marlene Dietrich und Josef von Sternberg. Das NS-Regime vertrieb sie aus Deutschland. Ohne diesen Exodus wäre Hollywood nie zu dem geworden, was es heute ist. In meiner Schulzeit  wurden das Dritte Reich und die Judenverfolgung in zahlreichen Schulfächern behandelt, jedoch wurde zu keiner Zeit daraufhin gewiesen, welchen Schaden die Nazis unserer eigenen Kultur zugefügt haben, indem die kulturelle Elite ermordet und vertriebe wurde. Flüchtlinge sind immer auch ein Gewinn, zumindest für das Land, welches sie aufzunehmen und zu schätzen weiß.

 

Living like a refugee

Wie wichtig das Asyl für das Überleben von Kultur ist, zeigt auch die Geschichte der Sierra Leone’s Refugee All Stars. Wie viele andere Menschen flüchteten die Musiker in den  Neunzigern aus Sierra Leone vor dem Bürgerkrieg nach Guinea. In einem der Flüchtlingscamps dort lernten sich kennen und formierten die Sierra Leone’s Refugee All Stars, die nach Ende des Bürgerkriegs wieder in die Hauptstadt Freetown zurückkehrten. Das 2004 erschienene Debütalbum Living Like A Refugee fand international bei Liebhabern der Worldmusic großen Anklang. Mein Liebster und Co-Blogger hat die Band und ihr neuestes Album Libation schon im vergangenen Jahr auf Lie In The Sound vorgestellt. Wichtig ist dem Künstlerkollektiv, dass sie ebenso wie alle anderen Flüchtlinge nicht nur als arme Opfer und Hilfempfänger gesehen werden. Raus aus der Stigmatisierung ist das Motto des neuesten Projekts The Long Road. Zusammen mit anderen Musikern und dem Roten Kreuz Großbritanniens arbeiten die Sierra Leone’s Refugee All Stars an einem Konzeptalbum, welches die Geschichten von Flüchtlingen in den UK erzählt und Licht auf die Bereicherung der Gesellschaft durch die Einwanderer wirft. Blogger für Flüchtlinge – Menschen für Menschen weiterlesen

Das Leid der Flüchtlinge und der Rat eines Afrobeat-Altmeisters

Ich kann den Bockmist schlichtweg nicht mehr hören. Ich bin es leid, ständig diese Leier zu hören, wonach Flüchtlinge deshalb zu uns kommen, weil sie hier das Schlaraffenland vermuten und dem indigenen Deutschen oder Österreicher das Brot von der Butter nehmen wollen. Natürlich verbirgt man derlei Fremdenhass unter dem Mäntelchen der Menschlichkeit, indem man sich zu Kriegsflüchtlingen bekennt, zugleich aber empört konstatiert, dass doch über 90% der Asylsucher schnöde Wirtschaftsflüchtlinge seien. Ich kann diese PEGIDA-Logik nicht länger ertragen. Weil sie bestenfalls die Krisenherde berücksichtigt, die ausgiebige mediale Erwähnung finden. Weil sie den Leidensdruck, der zu einer Flucht führt, und die Strapazen und Gefahren und Erniedrigungen dieser Odyssee völlig ignoriert. All die Migrationsfeinde nutzen natürlich existierende Einzelfälle von Asylmissbrauch, um daraus eine verbreitete Methode abzuleiten. All die rechten Hirne entdecken plötzlich ihre Liebe für bedürftige Deutsche und Österreicher, denen man doch zuallererst helfen müsse. Solch Solidarität ist fraglos vorgetäuscht. Denn sie widerspricht dem Egoismus und den Verdrängungsängsten der Protagonisten. Die vermeintlichen Sorgen von PEGIDA-Sympathisanten sind eine Mischung aus Panik und Geiz. Panik darüber, dass man Sozialleistungen mit Flüchtlingen teilen muss oder der Job durch Menschen gefährdet wird, die sich mit einem niedrigeren Stundenlohn zufriedengeben. Man will auch nicht teilen, etwa den Lebensraum. Ein Flüchtlingsheim in der unmittelbaren Nachbarschaft würde doch den Wert des eigenen Grundstücks schmälern und die eigene Lebensqualität massiv einschränken. All das nährt den Hass auf das fremde Andere. Gäbe es diese Flüchtlingsströme nicht, würde man eben Obdachlosen den Satz „Ich will deine Armut nicht mehr sehen!“ zurufen.

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Mit Musik gegen PEGIDA

Ich habe etwas gegen Kleingeistigkeit. Und gerade die montäglichen PEGIDA-Märsche machen deutlich, wie unter dem Deckmäntelchen der Empörung über Missstände die eigene Borniertheit regelrecht zelebriert wird. Mein Problem mit PEGIDA ist von grundsätzlicher Natur. Sie demaskiert sich als Bewegung, die außer schriller Hysterie (Lügenpresse!) und dem eigenen Anspruch auf einen Platz in den Geschichtsbüchern (Wir sind das Volk!) nichts anzubieten hat. Vor allem keine Argumente. PEGIDA steht für tumbe Unzufriedenheit, die sich brachial und pauschal gegen gewisse Gruppen der Gesellschaft wendet. Die Kaste der Politiker, die Medienclique, das linke Gutmenschentum und natürlich der Islam wurden als Feinde ausgemacht. In der Rhetorik folgt man altbekannten Mustern, ein Einzelfall wird zum Beispiel für die Verlottertheit des Systems umgedeutet. Aufgrund einzelner journalistischer Fehlleistungen, man denke an diese leidige Geschichte mit dem Undercover-Reporter von RTL, wird allen Massenmedien jedwede Objektivität abgesprochen. Nach dieser Logik rücken auch die vereinzelten Fälle sich bereichernder Politiker gleich alle Volksvertreter in ein schiefes Licht. Und eine kleine Gruppe von Islamisten reicht für einen Generalverdacht aus, nämlich dass der Islam das deutsche Wesen unterminieren will.

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Ohne Kern ist alles nur Brei! (Warum müssen Liedtexte nichtssagend sein?)

Ich zähle mich eigentlich nicht zu den reflexhaften Raunzern, die zwar allen Unfähigkeit unterstellen, der Welt dabei die eigene Fähigkeit vorenthalten. Ich fühle mich weiters nicht den Kulturpessimisten zugehörig, die da meinen, dass früher alles besser gewesen wäre, während nun die Dekadenz um sich greife und alles samt und sonders den Bach runtergehe. Ich empfinde auch meine persönliche Wahrnehmungsfähigkeit keineswegs als eingeschränkt. Und trotzdem nagt in mir der Verdacht, dass Musik oftmals die Ambition abhandengekommen scheint, gesellschaftliche Zustände zu reflektieren. Wo sind im Jahre 2015 die Alben, die Dystopien entwerfen? Wo sind die Platten, die gesellschaftlichem Unbehagen eine Stimme und ein Plattencover geben? Wo sind die neuen Musiker und Musikerinnen, die Snowden und die Überwachung à la Orwell thematisieren? Wo blüht eine Kapitalismuskritik bei Singer-Songwritern auf, die über ein bestenfalls dumpfes Unbehagen oder eine Idealisierung des einfachen Lebens hinausgeht? Wo wird der Fortschritt auf etwaige Fehlentwicklungen (Gentechnik) hin abgeklopft?

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