Archiv der Kategorie: Musikalisches Tohuwabohu

Musikalisches Tohuwabohu (II): The Weather Station, Since November, The Belle Game

Und wieder habe ich mir feine Klänge aus dem Kladderadatsch erhaltener Mails, Newsletter und Social-Media-Feeds herausgesucht. Mögen Sie auf gespitzte Ohren stoßen!

The Weather Station

Woran erkennt man großartiges Songwriting? Unter anderem daran, dass es nicht nur Illusionen bedient. Auch sind Emotionen selten so laut, wie oft vermittelt wird. Die großen Glücksmomente werden in der Realität nur selten von Engelschören und Konfettiregen begleitet. Schlimme Kränkungen haben selten markerschütternde und melodramatische Qualität. Starkes Songwriting muss nicht auf Wirklichkeitsferne und Überzeichung setzen, es vermag auch alltäglichen Betrachtungen Poesie zu entlocken oder sich über das zu definieren, was ungesagt bleibt. Warum ich das so hervorstreiche? Weil der Song Thirty der kanadischen Formation The Weather Station geradezu ein Musterbeispiel für all dies ist. Wirtschaftlichen Niedergang, Ü-30-Lebensentwürfe, die unternehmerischen Erfolg und Familiengründung vorsehen, eigene Versagensängste und eine komplizierte Vater-Tochter-Beziehung, all das muss erst einmal in eine Strophe packen können. „Gas came down/ From a buck-twenty/ The joke was how/ It broke the economy anyhow/ The dollar was down/ But my friends opened businesses/ There were new children/ Again, I didn’t get married/ I wasn’t close to my family/ And my dad was raising a child in Nairobi/ She was three now, he told me“ zeichnet mit wenigen Zeilen ein Bestandsaufnahme, wie sie auch eine Joni Mitchell auch nicht prägnanter hinbekommen hätte. Musikalisches Tohuwabohu (II): The Weather Station, Since November, The Belle Game weiterlesen

Musikalisches Tohuwabohu (I): Jaga Jazzist, Four Tet, Matias Aguayo & The Desdemonas

Seit Monaten schon komme ich mit dem Aufräumen meines Postfachs nicht mehr nach, es blutet mein Herz, wenn ich teils nur vermuten kann, wie viele hervorragende Klänge wohl darin dahingammeln. Nun könnte ich mich natürlich zurücklehnen und darauf vertrauen, dass all die Musik auch ohne mein bisschen Zutun ihre Hörer finden wird. Aber mir fehlt halt nach wie vor das Vertrauen in Spotifys Playlist-Algorithmen oder die Unabhängigkeit der meisten Musikmagazine. Und natürlich können auch die sehr geschätzten Bloggerkollegen wie Nicorola oder Coast Is Clear nicht alles alleine stemmen. Daher will ich ab sofort mindestens einmal die Woche das Beste aus dem Kladderadatsch vieler Newsletter und Feeds ohne ganz viel Worte an dieser Stelle auflisten. Möge dies hilfreich sein!

Jaga Jazzist

Vielleicht ist der Begriff mittlerweile aus der Mode und ich habe das nicht mitbekommen, aber ich fand den Genrenamen Nu Jazz stets mit Coolness behaftet. Die norwegische Formation Jaga Jazzist hat sich diesbezüglich so einige Verdienste erworben. Die Band kann schon einige Jahre des Bestehens zurückblicken und hat mit One-Armed Bandit (2010) eine Platte für die Ewigkeit vorzuweisen. Und gerade wenn es um experimentelle Sounds im Allgemeinen und Jazz-Fusion im Speziellen geht, wird der musikalische Zenit oft erst später erreicht als bei schnödem Rock. Darum darf man schon jetzt dem nächsten Werk der Band um Mastermind Lars Horntveth entgegenfiebern. Zur Überbrückung der Wartezeit hat uns Jaga Jazzist nun ein neues Stück spendiert. Prokrastinopel heißt die neue Single, für die der schwedische Gitarrist Reine Fiske als Gast gewonnen werden konnte. Prokrastinopel besticht – wie nahezu der gesamte Output Jaga Jazzists – durch einen funky Groove, der die komplexen Arrangements fast vergessen lässt. Schon allein für diese Finesse muss man die Kapelle lieben. Ihr experimentelles Tun imponiert durch einzigartige Leichtigkeit und eingängigen Charme. Bravo, bitte bald mehr davon!

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