Archiv der Kategorie: Musikjournalismus

Musikblogger haben die AfD verbrochen!

Liebe Kollegen, die ihr euch Musikblogger schimpft, ihr seid richtige Schweinehunde, zumindest aber Dilettanten, die lange schon großen Schaden angerichtet haben! Und bitte schaut jetzt nicht so unschuldig aus der Wäsche! Ihr habt erst den Nährboden für AfD bereitet! Ja, so schaut es aus. Diese auf den ersten Blick völlig hirnrissige Verknüpfung ist keineswegs ein Griff ins Absurditätenfach der satirischen Mottenkiste, sie stammt von Till Krause, seines Zeichens Journalist. Tätig für Süddeutsche Zeitung Magazin, manchmal auch für ARTE oder Bayern 2 aktiv. Im jüngsten Heft der Neuen Rundschau hat er den Aufsatz „Ihr könnt nichts, weil ihr etwas könnt. (Und außerdem seid ihr an allem schuld.) Dilettantismus als Form gesellschaftlicher Distanzierung in social media und ihren Vorläufern“ verfasst. Nun gehöre ich zu der fraglos geringen Zahl an Banausen, die den im S. Fischer Verlag erschienen Heften der Neuen Rundschau noch nie Beachtung geschenkt hat. Und so wäre auch jetzt kein Blitz der Erkenntnis in mich gefahren, wenn nicht Gregor Dotzauer vom Tagesspiegel unter dem Titel „Grillt den Profi!“ die großen Spannungen zwischen Dilettantismus und Expertentum aufgegriffen und Krauses Text rezipiert hätte. Auf eben diesen Text beziehe ich mich nun. Dem Vernehmen nach sind es „Punks aus den 1980er Jahren, Musikblogger der Gegenwart, Biologen in Underground-Forschungslaboren, rechte Verschwörungstheoretiker aus dem Umfeld von Pegida als auch Politiker so diverser Parteien wie der mittlerweile in Deutschland abgewählten Piraten oder eben Donald Trump“, die allesamt die Abneigung gegen einen von Korruption verdorbenen Mainstream antreibe. Denn dessen Expertise erscheine prinzipiell verdächtig, Nachweise zur Begründung der Zweifel würden in diesen Milieus selten erbracht beziehungsweise gefordert werden. Krauses Spurensuche führt ihn laut Dotzauer zu den „Fanzines der 80er und 90er Jahre, die sowohl an der Vormachtstellung des etablierten Musikjournalismus rütteln wollten, als auch dessen professionelles Selbstverständnis infrage stellten“ . So weit ein Abriss der These!

Musikblogger haben die AfD verbrochen! weiterlesen

Ein Blick zurück nach vorn

Der Jahreswechsel ist immer auch die Zeit der Vorsätze und Absichtserklärungen. Im Idealfall erfolgt zuvor eine nüchterne Analyse des zur Neige gehenden Jahres. Denn Wandel funktioniert am besten über die Erkenntnis. Das gibt mir somit die Möglichkeit ins Innenleben dieses Musikblogs zu blicken, der sich im siebten Jahr seines Bestehens mit allgemeinen Veränderungen abmüht. Das Internet von 2014 ist nämlich nicht mit dem Netz anno 2008 zu vergleichen. Selbstverständlichkeiten von heute haben zu Beginn unseres Blogabenteuers noch in den Kinderschuhen gesteckt. 2008 waren Facebook oder Twitter noch Start-ups unter vielen und der rasante Siegeszug von Tablet und Smartphone keineswegs absehbar. Im Bereich der Musik war ein Streaming à la Spotify gerade erst angedacht. Die Nutzung des Internets hat sich also verändert – und damit das Internet an sich. All die Umbrüche machen auch vor Lie In The Sound nicht Halt. Wenn ich also jetzt 2014 vor dem geistigen Auge Revue passieren lasse, schielt der Blick immer auch zu den bloggenden Anfangstagen zurück.

Ein Blick zurück nach vorn weiterlesen

5 Jahre Lie In The Sound (Teil 2)

Dieser Tage durchzuckt mich Wehmut. Denn so schön die letzten 5 gebloggten Jahre auch waren, ist Bloggen bei realistischer Betrachtung doch auch vergebliche Liebesmüh. Es ist ein recht harmloses Freizeitvergnügen, das sich in den Weiten des Internets verliert. Irgendwo am Wegesrand des Netzes gabelt man Musik auf, verfällt ihr, schreibt darüber – und vergisst auch wieder. Man fühlt sich wie ein Casanova, der es mit derart vielen Frauen schon getrieben hat, dass kaum besondere Erinnerungen wirklich dauerhaft im Gedächtnis bleiben. Das ist doch der eigentliche Fluch von Musik, dass auf jede Entdeckung mindestens ein Vergessen kommt. Wenn ich mir meine Lieblinge der vergangenen Jahre so ansehe, mir viele Bands wieder vergegenwärtige, dann sind Geheimtipps nahezu immer Geheimtipps geblieben, kleine Fische nur sehr selten auf Karpfengröße angewachsen. 5 Blogjahre haben mich auch untröstlich gemacht, weil ich die Flüchtigkeit eines Werks begriffen habe. Ein Lied ist nur ein Lied, ein Album nur ein Album, heute präsent, morgen schon vergessen, oder gar aus dem Netz verschwunden. Es bedröppelt mich, wenn viele der auf dem Blog einmal eingebetteten Clips und Streams nicht mehr funktionieren, weil es das Service nicht mehr gibt oder die Band zu neuen Ufern aufgebrochen oder gänzlich im Nirvana aufgegangen scheint. Wo CDs und Vinyl noch eine gewisse Dauerhaftigkeit suggerierten, ist Musik im Netz immer unter einem temporären Aspekt zu sehen. Dienste wie Last.fm oder Spotify kommen und gehen, vor fünf Jahren war MySpace noch die erste Adresse für Musik in sozialen Netzwerken, nun ist es Facebook, in absehbarer Zukunft werden neue Plattformen entstehen. Das Netz ist in steter Bewegung, damit auch die Musik, welche tagtäglich hindurchplätschert. Die Vergänglichkeit ist natürlich nicht auf Musik beschränkt. In den letzten Jahren habe ich immer wieder viele nette, ambitionierte Blogs entdeckt, von denen inzwischen schon viele in die ewigen Jagdgründe abgetaucht sind oder öffentlich dahinmodern. Sie wollten irgendwann mal Gedanken zu Musik mitteilen, geschmackliche Vorlieben offerieren, vielleicht auch nur unterhalten.

5 Jahre Lie In The Sound (Teil 2) weiterlesen

Dem Laien erklärt: Die Psyche des Bloggers

Ich habe auf diesem Blog in der Vergangenheit oftmals die Metaebene des Bloggens beleuchtet. Mich über das Was, Wie und Warum ausgelassen. Ich wage somit zu behaupten, dass diese Selbstreflexionen und generellen Beobachtungen speziell einem frischgebackenen Blogger den einen oder anderen Erkenntniswert liefern könnten. Aber vermutlich gilt auch für das Bloggen der umunstößliche Grundsatz, dass man nur aus den eigenen Fehlern lernt. Nichtsdestotrotz sei einmal mehr über das Wohl und Wehe des Bloggens nachgedacht. Und die Psyche des Bloggers seziert, dem Laien erklärt.

Das Betreiben eines Blogs, ja das Schreiben im Allgemeinen, wird aus 2 Motiven gespeist. Zunächst kann ein Blog ein Tagebuchersatz sein. Durch die Verschriftlichung von Gedanken will der Schreiber Klarheit gewinnen, Überlegungen durch ein Drehen und Wenden komprimieren. In dem Fall ist die Veröffentlichung solcher Zeilen zunächst weniger auf Kommunikation als auf die Introspektion gerichtet. In der überwiegenden Zahl freilich möchte ein Blog Ideen, Ansichten, Leidenschaften transportieren. Das kann in gewerblichem Rahmen oder als Hobby erfolgen, manchmal verschwimmen dabei auch die Grenzen. In den unendlichen Weiten des Internets vergessen wir oft, dass jede Webseite, jeder Blog, jedes Forum einen Zweck verfolgt. Ob nun aus dem offensichtlichsten Grund, nämlich damit Geld zu lukrieren, oder aber aus dem Bedürfnis der Selbstdarstellung heraus, ob zur Kontaktanbahnung oder dem Teilen von Interessen, nichts geschieht ohne Vorsatz. Der Blogger buhlt somit – mehr oder weniger offensiv – um Aufmerksamkeit. Das ist zweifellos ein legitimes Ansinnen.

Dem Laien erklärt: Die Psyche des Bloggers weiterlesen

Der Musikblog im Jahre 2013 – Eine Selbstreflexion

Manch kritischer Stammleser dieses Blogs mag konstatieren, dass hier zwar viele Worte verloren werden, es mit dem Erkenntnisgewinn nicht immer weit her ist. Aber differenzierte Ansichten beinhalten oft keine klaren Antworten, werfen im Idealfall neue Fragen auf, vermeiden es zumindest in allzu offensichtliche Fallen zu tappen. Daher seien heute ein paar lose Gedanken zum Bloggen über Musik angeboten, keine Patentrezepte, vielmehr Beobachtungen ohne jedwede Lösungsansätze.

Nach mittlerweile über 4 Jahren des Bloggens sticht mir ein Trend immer stärker ins Auge. Aus Blogs werden vermehrt Magazine, aus den Interessen und Launen von ein paar Enthusiasten wächst ein journalistisches Angebot. Der Blogger tranzendiert zum Redakteur. Ein schlichtes Layout weicht Headlines und Rubriken, die Plötzlichkeit eines Post wird von einer klaren Taktung der Beiträge abgelöst. Man kooperiert ausgiebig mit Labels, präsentiert Touren, versucht sich an Interviews, bietet eigene Musiksessions an, setzt auf exklusiven Content. Diese Ansätze sind jeder für sich keineswegs problematisch, gewisse Dinge wurden auch auf diesem Blog ausprobiert, in der Fülle jedoch gaukeln sie etwas vor. Wer mit den Großen mitspielen möchte, sollte stets bedenken, dass professionelle Magazine ein Geschäftsmodell darstellen, eben mehr als Hobby sind. Da wird Geld in die Hand genommen, bevor selbiges dann auch mehr oder weniger in der Kasse klimpert. Passion und zeitliche Opfer können den Faktor Geld nie und nimmer aufwiegen. Und da es ja genügend Musikmagazine gibt, kann der Schuster ruhig bei seinem Leisten bleiben. Der Sinn des Bloggens besteht nicht in der Metamorphose zum Journalismus. Ein passionierter Radsportler tritt ja auch nicht bei der Tour de France an. Dazu mangelt es ihm an der High-Tech-Ausrüstung, Serviceteam, logistischem Know-How, Finanzkraft. Vom Zugang zu leistungssteigernden Substanz mal ganz abgesehen. Ein etwaiges Talent allein besagt gar nichts.

Der Musikblog im Jahre 2013 – Eine Selbstreflexion weiterlesen

Stippvisite 18/12/12 (Von der Schwere der Paranoia abhängig!)

Musikblogs haben sich als Gegenstück zu etablierten Musikmagazinen behauptet. Was die Blogger anfangs ausgezeichnet hat, das flexible Posten von Neuigkeiten sowie der mangelnde Wille, einen jeden Clip mit vielen Worten zu sezieren, darin haben die Magazine längst aufgeholt. Wir finden heute oft die paradoxe Situation vor, dass sich die Amateure wie Profis gebärden, die Fachmänner – und frauen es dagegen easy angehen lassen, die Leichtigkeit der Schlamperei für sich entdecken durften. Das Resultat dieser Erkenntnis ist ein je nach Schwere der Paranoia geäußertes „Traue niemandem“ bis hin zu „Traue jedem“. Man kann und soll es dem Musikkonsumenten gar nicht abnehmen, sich zumindest für den Bruchteil einer Minute zu überlegen, welche Quellen man so nutzt – und was dahintersteckt. Der Hörer ist das letzte Glied in einer Reihe von Reflexionen. Der Musiker sinniert über die Aussagekraft seiner Musik, das Label grübelt über die Erfolgschancen (In den meisten Fällen ist dies mit dem Überschreiten der Gewinnschwelle gleichzusetzen.), die Promo-Agenturen denken über die Art der Vermarktung (per Streufeuer oder doch lieber auf ausgewählte Kontakte vertrauend) nach und Blogs und Magazine schielen auf ihre Zielgruppen. Musik erreicht uns auch im Internet nie willkürlich, sie durchläuft Filter. Als Hörer kann man sich zumindest einzelne Filter aussuchen, Blogs und Magazine nämlich. Wer sich bewusst für Magazine entscheidet, die Musik mit Klatsch und Tratsch verbinden, der negiert gehaltvollen Journalismus. Wer sich hingegen in Indie-Gefilde begibt, darf sich dann auch nicht über eine latent vorherrschende Miesepetrigkeit wundern, weil Indie-Bands in aller Regel nicht im Schlaraffenland leben. Reguliert das Angebot die Nachfrage oder dirigiert die Nachfrage das Angebot? Diese Frage gilt es sich erst einmal zu stellen, dann kann jeder Freund der Musik daraus seine Schlüsse ziehen. Und vielleicht 2013 bewusster Musik konsumieren. Die Vielfalt ist nämlich weniger verwirrend, als man gemeinhin denkt, und Google ein begriffstutziger Lotse.

Hier nun auch heute wieder ein paar Empfehlungen von ausgewählten Seiten.

Stippvisite 18/12/12 (Von der Schwere der Paranoia abhängig!) weiterlesen

Stippvisite 21/07/12 (Will the real Vollpfosten please stand up!)

Man lasse sich doch bitte nicht verarschen. Natürlich verkauft sich alles besser, wenn man es mit markerschütternde Schicksalen („Ich habe mir meine Fingernägel eingerissen, als ich vor der Küste Japans Wale zu retten versuchte.„, intimen Beichten („Zwei Geschlechtsumwandlungen habe ich bereits hinter mir. Zunächst war ich ein heterosexueller Mann im Körper eines homosexuellen Kerls, dann ein lesbisches Mädchen, nun aber bin ich endlich der, der ich schon immer sein sollte.„) oder aber sehr tiefschürfenden Erfahrungen („Während meines Trips durch Asien bin ich in Indonesien auf dem Gipfel eines Berges gestanden und habe dort bei Sonnenaufgang mich selbst entdeckt.„) aufpeppt. Welch schweres Los die Tombola des Lebens auch bereithält, wer sich als wackeres Stehaufmännchen präsentiert, nur der erntet Respekt. Und kann als Schauspieler, Autor oder Musiker, eben auch den neuesten Film, das aktuelle Buch oder das jüngste Album mit Tamtam vermarkten. Denn Journalisten gieren nach Geschichten, selbige mit Pathos aufzuschreiben, das zählt zu den leichteren Dingen des Handwerks. Wenn nun ein gewisser Frank Ocean seine vor Jahren erlebte, unerwiderte Zuneigung zu einem Mann verkündet, fristgerecht zur nur wenige Tage später erscheinenden Platte, dann sorgt das natürlich auch deshalb für Aufregung, weil es noch immer keine Selbstverständlichkeit scheint, dass ein afroamerikanischer Hip-Hop-R&B-Künstler sein Outing verkündet. Ein Tabubruch also, den Boulevard und Feuilleton gleichermaßen feiern. Und im selben Atemzug auch noch sein Werk Channel Orange mit Lob überschütten. Warum? Wenn sich mein Steuerberater als bisexuell outen würde, wird deshalb meine Steuererklärung nicht zum Meisterwerk. Wenn mir Klempner Kalupke ins Ohr flüstert, dass er die Homosexualität für sich entdeckt hat, fühle ich mich noch lange nicht bemüßigt, seine Abflussentstopfungsbemühungen mit überschwänglichem Applaus zu begleiten. Channel Orange ist somit eine Mogelpackung, ein mit Ballyhoo inszeniertes Album, dass sich bestenfalls zur Durchschnittlichkeit aufschwingt. Wenn sich nun alle als willfährige Claqueure im Dienst der guten Sache verdingen, macht das die Scheibe nicht besser. Die Chose erbringt den Beweis, dass wir bezüglich Kunst nicht den introvertierten, fast schon bieder lebenden Kreativen präferieren, vielmehr jene begaffen, die immer eine kalkulierte Beichte oder gar ein fein ausgetüfteltes Skandälchen im Gepäck haben. Solch Attitüde dünkt mir ganz schön doof. Daher nun meine Bitte: Will the real Vollpfosten please stand up?

Nun ein paar Empfehlungen ohne jedweden arg menschelnden Background.

Kirschblütentipp:

Die japanische Post-Rock-Formation Mono schickt sich an, im Herbst eine neues Album namens For My Parents zu veröffentlichen. Mono haben sich in der letzten Dekade als feine Vertreter ihrer Zunft etabliert. Mit Dream Odyssey gibt es bereits einen ersten Vorboten des neuen Werks zu bestaunen. Der Track entpuppt sich als meditativ, fein austariert, trotz orchestraler Fülle sehr unpompös. Es ist kein Stück bei dem die Gitarren mit Karacho gen Sonnenuntergang reiten oder im Schloßhundchor aufheulen. Es bleibt von entrückter Zärtlichkeit geprägt. Man darf sich also vorfreuen. (via RCRD LBL)

Albumtipp:

Irgendwie scheint es Language, das im Frühjahr veröffentlichte Debüt der Band Zulu Winter, erst mit Verspätung in meine Wahrnehmung geschafft zu haben. Obwohl ich den Newslettern von PIAS in der Regel mit großer Aufmerksamkeit begegne. Aber wozu habe ich denn Blogs meines Vertrauens? Natürlich für die Momente, indem mich mein Gespür verlässt. Bei dem tollen Blog Muruch wurde ich letztlich erleuchtet. Language ist ein Erstlingswerk mit einigen ganz feinen, vielversprechenden Momenten, in denen die Band Indie-Rock zelebriert, etwa das tolle Bitter Moon oder auch Moment’s Drift, oder Electro-Pop ganz ohne Nebenwirkungen bietet (Silver Tongue, We Should Be Swimming). Wer Zulu Winter nicht kennt, sollte es mir gleichtun und diese musikalische Lücke schließen.

Language ist am 11.05.2012 auf Play It Again Sam erschienen.

Wundertütentipp:

Heute hoppeln wir von Kontinent zu Kontinent. Nach Asien und Europa geht es jetzt nach Brisbane, Australien. Die Formation Ektoise vermag ich einfach nicht in ein Genre zu stecken. Mal wird elektronisch geholzfällert (State Vector Collapse), dann plötzlich Trip-Hop-Elemente mit experimentierfreuigem klassischem Piano verquickt (There and Here), anderswo gar bedrohlich in Richtung Metal geschielt (Square Peg) oder es werden Ambient-Gebilde gezimmert (Venerandum), natürlich kommt man nicht umhin an der Post-Rock-Duftnote zu schnuppern (The Shoreline by Morning). Das bereits im Sommer 2011 erschienen Album Kiyomizu ist eine instrumentale Wundertüte, durchdrungen von famoser Imagination. Ganz, ganz großartig! Kiyomizu ist auf bandcamp als kostenloser Download verfügbar. (gefunden bei Schallgrenzen)

Streamingtipp:

Eine kurze Empfehlung muss noch sein! Denn manchmal hört man einen Track und verfällt in schier zitternde Erregung. So erging es mir mit Held, dem Titeltrack des am 27.08.2012 erscheinenden Debüts von Holy Other. Der Track tönt mysteriös, fast schon verwunschen, auf alle Fälle in gespenstische, schraurig schöne Atmosphäre gebettet. Bitte sich ordentlich erregen lassen! (via Gorilla vs. Bear)

Für heute soll es das auch schon wieder gewesen sein. Demnächst mehr, natürlich!

SomeVapourTrails

Stippvisite 16/12/12

Samplertipp:

Wenn Labels Compilations unter das Volk bringen, dann entlockt mir das oft ein Gähnen. Der Holiday Sampler der kanadischen Plattenfirma Dine Alone Records freilich erweist sich so freigiebig wie freizügig. Speziell die Lieder von The Jezabels und We Barbarians hatte ich ja bereits in den letzten Monaten mit Empfehlungen bedacht. Ebenfalls atmosphärisch dicht tönt Caveman’s Easy Water. Passend zur Jahreszeit drängt sich das winterliche Tracks In The Snow von The Civil Wars ins Ohr.

The Civil Wars – Tracks In The Snow by PurplePR

Es lohnt sich also in diesem Falle zweifelsohne, den Sampler auf Festplatte zu bannen. Zum Stream und Gratis-Download dieser Zusammenstellung geht es hier.

Bockmisttipp:

Neulich in der Redaktion von Visions schien man verzweifelt auf der Suche nach einer möglichst kruden These. Und wurde leider fündig. Alte Musik sei Bockmist, was vor der eigenen Geburt auf Tonträger gepresst, höchstens im Ausnahmefall von Interesse. Denn gestrige Musik habe einen begrenzten Horizont, sei höchstens von nostalgischem Wert. Aus sexistischen Gründen hat Visions diesen Unfug dann von einer weiblichen Redakteurin zu Papier bringen lassen. Denn Frauen sind ja für ihre Gefühle bekannt, der Mann jedoch mit Ratio gesegnet. Doch die irrige Meinung, wonach nur zu begreifen und erspüren ist, was in einer ähnlichen Realität zu der eigenen erschaffen wurde, verkennt den Umstand, dass Musik abseits aller Moden stets die selben Emotionen kultiviert. Unser Gefühlsrepertoire erweitert sich letztlich nicht, Fortschritt hin, Fortschritt her. Die Mittel zur Produktion von Musik mögen sich wandeln, die Inhalte jedoch nie. Liebeslieder sind im Jahre 2011 nicht tiefsinniger als vor 50 Jahren, Verliererballaden von heute nicht gesellschaftskritischer als manch traditierter Folk-Song. Wenn die Autorin des Artikels Früher war mehr oldschool tatsächlich allen Ernstes meint, dass Gegenwartsmusik auch deshalb im Vorteil ist, weil sie „aus allen vorhandenen Wegen wählen und noch neue suchen kann„, dann mag sie verkennen, ja verleugnen, dass alles schon einmal da gewesen scheint. Wo sind die neu tönenden Wege in der letzten Dekade?

Jeder darf seine Meinung vertreten. Aber wenn die Meinung ohne argumentatives Fundament geäußert wird, demaskiert sie sich letztlich selbst. Und zugleich auch die Musikzeitschrift, in welcher sie gedruckt wurde. Visions? Lächerlich.

Vorfreutipp:

Die schönsten Weihnachtsgeschenke sind nicht unbedingt die CDs, die im Dezember erscheinen, vielmehr schon die Pressemeldungen, welche die Highlights des nächsten Jahres verkünden. Als mich vor wenigen Tagen die Nachricht erreicht, dass Anfang März The Magnetic Fields via Merge Records eine neue Platte namens Love at the Bottom of the Sea unter die Leute bringen, kam große Freude auf. The Magnetic Fields stehen für reizend melodischen Pop für geschmackssichere Kenner und solche, die es werden wollen. Bleibt zu hoffen, dass die Veröffentlichung in Deutschland relativ zeitnah erfolgt.

Islandtipp:

So kurz vor knapp will ich natürlich noch eine im Wust meiner Bookmarks bereits angestaubte Empfehlung loswerden. Der wunderbare Polarblog hatte im Oktober mal die isländische Formation Vigri als schwerelosen Traumtänzerpop ans Herz gelegt. Und auch wenn ich mir die dieses Jahr erschienene Platte Pink Boats noch immer nicht gegönnt habe, so kann ich dem Song Sleep nur absolute Betörung abringen.

Und weil wir gerade bei Island sind: Eine der Platten, die 2011 verschönerten, habe ich leider aus Zeitgründen nie gebührend würdigen können. Sóley ist mit ihrem LP-Debüt We Sink ein sehr versonnenes, in pastellfarbener Fantasie gezeichnetes Werk geglückt. Unbedingt entdecken!

Das soll es für heute auch mal wieder gewesen sein. Demnächst mal wieder mehr.

SomeVapourTrails

Stippvisite 08/09/11 (oder: Die Mathematik von FluxFM)

Zur Abwechslung wieder eine Stippvisite. Diesmal unter anderem mit einem vermeintlich idiotensicheren Tipp für Musiker und anderweitige Kreative. Wenn sich da mal nicht das Lesen lohnt…

Erfolgstipp:

Möglicherweise sollte ich meine Informationsquellen – speziell im Internet – einer kritischen Prüfung unterziehen. Jedenfalls erstaut es mich, nicht wesentlich mehr Rabatz über den neuen Shooting Star unter den privaten Musikradios mit Anspruch gelesen zu haben. Am 23. August erblickte FluxFM das Licht der Welt, gleich Phoenix aus der Asche von MotorFM entstiegen. Und tatsächlich dürfte sich doch der eine oder andere Kubikmeter verbrannte Erde zwischen dem weit über Insider-Kreise hinaus bekannten und umtriebigen Gründer Tim Renner auf der einen Seite und seinen ehemaligen Mitstreitern der ersten Stunde, Mona Rübsamen und Markus Kühn, auftürmen. Letztere haben MotorFM nun gänzlich unter ihre Fittiche genommen und das Radio in FluxFM umbenannt. Soweit der aktuelle Stand, wie er auch in einem der wenigen Artikel zu diesem Thema auf dem Tagesspiegel geschildert wurde. Noch erhellender freilich fällt ein vom Medienjournalisten Jörg Wagner dokumentierter Studiorundgang samt anschließendem Interview mit Mona Rübsamen aus.

Denn dies führt mir die immense Bedeutung des Radios vor Augen, stößt mich förmlich mit der Nase darauf. Frau Rübsamen rechnet mir nämlich folgendes vor: Wenn ihr in Berlin, Bremen und Stuttgart über UKW empfangbarer Sender den Song einer in Stuttgart auftretenden Newcomer-Band vorab durch den Äther schickt, finden sich zum Konzert 500 Leute ein. In Hamburg hingegen – wohl auch deshalb gewählt, da FluxFM dieses Gebiet nur per Internet-Livestream abdeckt – würden sich zur selben Band lediglich 30 Leute verirren, wenn vorab keine Promotion im Radio läuft. Vereinfacht gesagt, FluxFM beschert Veranstaltern eine fast siebzehnfache Besucherzahl. Daraus zieht die Radiochefin den (Trug-)Schluss, dass ihr die lokale Veranstalterszene sehr zu Dank verpflichtet sein müsse. Und genau bei dieser mit Zwetschgen und Birnen jonglierenden Mathematik möchte ich einhaken. Mir flattern – genau wie anderen Bloggern, Musikmagazinen und Radios – täglich unzählige Konzertankündigungen per E-Mail ins Haus, die emsige Promotoren ohne Unterlass verschicken. Wenn ich mich ab und an zu manch vielpräsentierten Club-Auftritten begebe, erlebe ich vielleicht auch deshalb gute Gigs, weil die Gefahr von dicht gedrängten Zuschauermassen de facto nie besteht. 500 Zuseher bei einem Konzert einer aufstrebenden Band? Doch nur im umwahrscheinlichen Fall, dass sich Placebo ins Vorprogramm verirren. Ich möchte hiermit Nachwuchsmusikern dringend davon abraten, Hab und Gut zwecks Promotion (früher nannte man das noch Bestechung) für private oder öffentlich-rechtliche Sender  zu opfern.

Doch noch ein weiterer Punkt erregte meine Aufmerksamkeit. Frau Rübsamen sprach nämlich davon, dass Broadcasting gestern war, sich FluxFM vielmehr um „Communicasting“ bemüht. Nun zählen Wortneuschöpfung seit jeher zu den klassischen Verschleierungsmitteln, wenn es gilt, alten Wein in neue Schläche zu füllen. Jedoch nicht im Falle von FluxFM! Hier soll dies Wort den mit den Hörern forcierten Dialog beschreiben, beispielsweise über Facebook. Das hat es so auch noch nie gegeben, ich zollen diesem revolutionären Ansatz Respekt. Wesentlich eher nach Wischiwaschi mutet da das in der Pressemitteilung formulierte Ziel an, Musiker, Macher und Kreative zu vernetzen. Und ich armer Tropf war immer dem Irrglauben verfallen, dass es genügend Netzwerke gäbe, es jedoch meist an der Bindung zum Konsumenten mangle.

Fassen wir also zusammen: FluxFM verspricht das Blaue vom Himmel. Ohne den ausgewiesenen Profi Tim Renner soll nun plötzlich alles noch besser werden. Bin ich der Einzige, den dies zu ausgiebigem Stirnrunzeln animiert?

Programmtipp:

Bleiben wir noch kurz bei Tim Renner. Dieser ist in den neuen Folgen „Tonspur – Der Soundtrack meines Lebens“ auf 3sat wieder als Profiler aktiv. Wem diese unterhaltsame, vom Schweizer Fernsehen produzierte Sendung nicht bekannt sein sollte, sei sie umso mehr ans Herz gelegt. Zum Inhalt: Drei Musikkenner (eben auch Herr Renner) müssen anhand einer ungefähr 8 Lieder umfassenden Playlist eruieren, welcher Prominente sich hinter dieser Zusammenstellung verbirgt. Dazwischen werden die einzelnen Lieder vorgestellt, weiters erklärt der Prominente im Gespräch mit Moderatorin Nina Brunner, weshalb er diese Songs ausgewählt hat. Waren bereits die Gäste der ersten Staffel (unter anderem Elke Heidenreich, Sven Regener und Roger Schawinski) durchaus interessant, so geraten auch die Sendungen mit Roger Willemsen, Smudo und Joschka Fischer nicht minder sehenswert. (Beginn der neuen, im Wochentakt ausgestrahlten Staffel: 10.09.11, 22:50 auf 3sat)

Vorfreutipp:

Es gibt wenig unverrückbare Konstanten im musikalischen Kosmos. Tom Waits zählt zweifelsohne zu diesen. Wenn im Oktober sein neues Opus Bad As Me auf ANTI-Records erscheint, sollte man die Ohrläppchen fest zwischen die Finger klemmen. Schlichtweg, damit sich die Ohren nicht in die Sphären höchster Ekstase vertschüssen. Weil bereits der Titeltrack famos tönt.

Tom Waits – Bad As Me by antirecords

Mitpfeifftipp:

Heute beginnt die neue NFL-Saison. Das mag in Deutschland nur die eingefleischten Fans interessieren, die American Football zum spannendsten Sport der Welt erkoren haben. Also Menschen wie mich, die bereits die Tage – sogar Stunden – zählen. Und so ertappte ich mich denn auch dabei, voll Vorfreude die Melodie des während der Preseason-Spiele gezeigten Trailers mitzupfeifen. Der mir vorher unbekannte Song stammt von Edward Sharpe & The Magnetic Zeros und nennt sich schlicht Home. Wunderbar!

Edward Sharpe and the Magnetic Zeros „Home“ from Edward Sharpe on Vimeo.

Schwedentipp:

Photo Credit: Rebecca Mangell

Seit Wochen schon – genauer gesagt: seit sie auf Polarblog vorgestellt wurde – will ich Edda Magnason den werten Lesern ans Herz legen. Nicht zuletzt weil die junge Dame dieser Tage in Berlin auftrat, diesen Anlass habe ich nun verbummelt. Eine Erwähnung verdient die Schwedin mit isländischen Wurzeln allemal. Die mir bekannten Songs ihres vor ein paar Monaten veröffentlichten Album Goods sind wahrlich nicht von schlechten Eltern, bestärken mich in der Auffassung, dass Frau Magnason „keine dieser typisch introvertiert-umwölkten Klavierliesen, keine ewig-gute-Laune Piano-Balladeuse, sondern eine auf angenehm altmodische Weise nachdenkliche Fluchtelfe“ ist – so zumindest Eva-Marias elegante Beschreibung auf dem Polarblog. Mir selbst sind solch gefinkelte wortkettende Formulierungen leider fremd. Das trickreich um die Ecke gelegte Lied Blondie fasziniert mich über die Maßen. Noch so eine Schwedin also, die man unbedingt im Auge behalten muss. Ja wachsen die feinen Liedermacherinnen dort wirklich von den Bäumen?

Edda Magnason – Blondie from Adrian Recordings on Vimeo.

Edda Magnason – Magpie´s Nest from Adrian Recordings on Vimeo.

Den Track Blondie gibt es auf der Label-Seite von Adrian Recordings als kostenlosen Download.

SomeVapourTrails

Überohren oder das Hadern mit dem Status quo

Über die Zukunft des Musikjournalismus zu sinnieren, das zählt durchaus zu meinen bevorzugten Beschäftigungen. Weil Meinungsmache dann an Wert gewinnt, wenn Musik nicht einfach nur triviale Unterhaltung darbieten möchte. Musik, die sich selbst mit Anspruch versieht, schreit förmlich nach Profis, welche jene Werke auf ihre Qualitäten abklopfen. Unter diesem Aspekt wird die Kritikerzunft stets ihre Daseinsberechtigung darlegen können. Und doch wurde in den letzten Jahren vermehrt von einer Krise des Musikjournalismus gesprochen. Zum Beispiel am Ostersonntag in einem einstündigen Feature auf Deutschlandfunk, auf das wir bereits verwiesen hatten. Unter dem Titel „Überohren – Von Popjournalisten und der Zukunft der Musikkritik“ kamen allerlei mehr oder minder berufene Fachleute zu Wort, um ihren Senf zur Debatte beizusteuern. Manch Aussagen schienen der Ignoranz entsprungen, einige Diskursbeiträge wollten das Rad der Zeit zurückdrehen, doch ein Patentrezept zur Stärkung von Feuilleton und Fachmagazinen blieb aus. Das hing nicht zuletzt mit dem methodischen Ansatz der Sendung zusammen.

Radio bildet - manchmal auch nur ab.

Wenn Vergangenheitsbewältigung dahingehend betrieben wird, dass in früheren Tagen alles besser gewesen sei, drängt sich dem Laien unwillkürlich die Frage auf, was an unseren gegenwärtigen Verhältnissen diese Nostalgie denn begünstigen könnte. Existieren triftige Gründe für die Träne im Knopfloch oder geht es nur um das Ende eines Meinungsmonopols einiger weniger Journalisten? Natürlich scheint der Brotberuf gefährdet, wenn im Internet jedermann seine Sicht der Dinge zum Thema Musik beisteuert. Dies kann man zwar hartnäckig leugnen und – wenn man Andreas Müller heißt – geradezu trotzig Desinteresse für deutsche Musiblogs bekunden. Ob die von Herrn Müller auf Radio Eins moderierte Sendung Soundcheck deutschen Popjournalismus zu neuen Ufern führt, darf gleichwohl bezweifelt werden. Wenn das Feature Überohren etwas unter Beweis gestellt hat, dann wohl den Umstand, dass das Radio nicht der geeignete Ort für Musikkritik ist. Denn so phasenweise planlos sich Überohren präsentiert, derart bieder scheint auch die These, dass der Müllersche Kritiker-Talk mit zur Schau gestelltem Säbelrasseln mehr als nur deftige Worte liefert. Denn weshalb soll ausgerechnet ein Medium, dass in der Bedeutungslosigkeit zu versinken droht, zum Ankerplatz für Musikjournalismus werden? Das Radio mag noch mit Service- und Berieselungscharakter punkten, bestenfalls in Nischen dahinvegetieren, aber ich bezweifle stark, dass es den geeigneten Rahmen für eine Wiederauferstehung der hehren Musikrezension bilden kann.

Also doch Back to the Spex? Zurück zu saturierten Magazinen, deren Agenda im Idealfall durch gewitzte Schreibe übertüncht wird? Denn die anspruchsvolleren Fachzeitschriften sind doch seit Jahrzehnten mit Selbstüberschätzung gesegnet. Sie werten, wiegen ab, verkünden das Resultat, suhlen sich in der Wertigkeit ihres Tuns. Musik wird zur schönsten Nebensache der Welt, im Vordergrund steht der eigene, polemisch oder lobhymnisch gefärbte Ausdruck. Funktioniert derart die wertige Rezeption? Oder sind die Magazine besser beraten, die mit geradezu banaler Nüchternheit Einschätzungen auf wenige Worte eindampfen? Ein Häppchen Information liefern, an dem selbst Analphaten nicht ersticken. Vielleicht liegt das Problem aber auch darin, dass heutzutage jedermann eine Meinung hat, aber sie kaum jemand mehr begründen mag. Wie aus dem Maschinengewehr rattern Worthülsen hervor, die bei genauerer Betrachtung herzlich wenig Substantielles artikulieren.

Die Sendung vermochte keine Lösungsansätze zu liefern, weil sie zwar den Sündenbock für die Krise des Popjournalismus in Gestalt des Internets erkannt hatte, aber nie wirklich die Frage nach der Eigenverantwortung stellte. Es scheint evident, dass Blogs mit jeder Menge kostenlosem Content diejenigen Zeitgenossen befriedigen, die ein paar Infos suchen und denen die Qualität eines Beitrages im Grunde herzlich egal ist. Solcherlei Leser, die auch dem Wahrheitsgehalt der Bild unkritisch gegenüber stehen. Aber sind und waren solch Leser überhaupt irgendwann eine für die Auflage eines Musikzeitschrift nennenswerte Größe? Warum hat kein einziges mir bekanntes deutsches Magazin sein Abonnentenschar in digitale Gefilde retten können? Liegt es daran, dass der Schreibstil der vermeintlichen Profis vielleicht doch nicht so sehr aus der Masse hervorsticht? Die seitenweisen Fotostrecken und Interviews letzlich keine Bezahlung rechtfertigen? Oder hat man schlichtweg die digitalen Möglichkeiten verschlafen? Das Potential dem geschriebenen Wort im Web den Albumstream gegenüber zu stellen, eine sofortige Überprüfbarkeit von Meinungen anzubieten. Hier büßen Magazine zweifelsfrei für die Dummheit vieler Labels, welche die Selbstverständlichkeiten unserer Tage noch immer nicht verstanden haben.

Ob das von Diedrich Diederichsen geforderte, auf Zeitungspapier gedruckte und in Schwarz-weiß gehaltene Blatt tatsächlich als reduzierte Rückbesinnung auf das geschriebene Wort angenommen wird, will ich ebenso mit einem Fragezeichen versehen. Kann sich Journalismus nur unter Verleugnung moderner Wirklichkeiten entfalten? Das wäre doch ein Armutszeugnis. Oder sind es eher die von Uwe Viehmann avisierten Apps, die Geld in die Kassen von Verlagen blasen? Es wäre zumindest einen Versuch wert.

Die Sendung Überohren mühte sich an einer aktuellen Momentaufnahme ab, die zwar viel mit dem Status quo haderte und manch klugen Kopf sprechen ließ, aber an der wichtigsten Fragestellung vorbei manövrierte. Welchen Mehrwert bietet ein in redaktionellem Umfeld erscheinender Artikel eines Journalisten gegenüber einem Blogbeitrag eines sogenannten Amateurs? Solange Verlage dies nicht schlüssig beantworten und Tag für Tag in der Praxis umsetzen, scheint keine Trendumkehr in Sicht. Solange ein DLF-Feature aus vielen Stimmen keine neue Essenz zutage befördert, wird Journalismus weiterhin den an ihn gestellten Ansprüchen nicht gerecht werden.

 

SomeVapourTrails