Archiv der Kategorie: So halt!

Wilde ungezähmte Elfen & Feen – Ein nicht nur audio – sondern auch visuelles Mixtape

Sommernachtstraum Elfenreigen

 

Ich hätte das Ganze auch Trotz-Mixtape nennen können. Den Widrigenkeiten zum Trotz, denn Pop ist natürlich Eskapismus in Reinstkultur, ganz im Besonderen der heißgeliebte Electro-Pop. Und überhaupt, Facebook erlaubt Hassposts, aber keine Nippel, auch hier braucht es dringend Eigensinn und eigensinnigen Feminismus. Zeit also, endlich wieder ein Mixtape zu kreieren, heute ohne Penis, dafür schöne und schön-pralle Brüste und die passende Musik dazu von selbsbewussten, trotzigen und eigensinnigen Brüsteträgerinnen. Auf das die wilden Feen und Elfen diese Welt, zumindest für einen kleinen Moment schöner machen.

 

 

Songs for Little People Illustratorin: Helen Stratton

Auf Spotify findet ihr den Fairies-Mix mit Ladytron, Goldfrapp, Björk, SPC ECO, Smoke Fairies, Chemical Brothers feat. Hope Sandoval und Massive Attacke feat. Hope Sandoval


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Kurze Pause

Der werte Leser mag es bereits gemerkt haben. Seit einer Woche ist bereits nichts auf dem Blog geschehen. Wir machen derzeit eine kurze Pause, schlichtweg weil es gerade viel zu tun gibt. In alter Frische – wenngleich ohne Urlaubsschmetterlinge im Bauch – werden wir ab 5. Mai wieder über Musik schreiben. Bleibt uns also gewogen!

SomeVapourTrails

Unsere musikalische Möbelnomenklatur

Unser Blog ist eine heimelige Rotunde, in der wir unsere Lieblingsmusiker namentlich einkerkern. Mag in der Welt da draußen auch noch so sehr die Post abgehen, wir riskieren nur selten einen aus dem Fenster gerichten Blick, der sich jedoch flugs vor Langeweile abwendet und schnell wieder die edle Inneneinrichtung überschweift. Ab und an klopft es an der gut gepolsterten Tür. Gemächlich kommen wir aus der Verschanzung gekrochen, gehen dem Pochen nach. Entriegeln die Sicherheitsschlösser, öffnen die Tür einen Spalt breit, spähen eher ungnädig über die Türkette hinweg. Wer uns da aller seine Visage entgegen hält! St. Vincent etwa. Rumms! Tür zu. Weiters Portugal. The Man. Denen würde ich zwar Obdach gewähren, jedoch unter der Bedingung, dass sie John Gourley, zweifelsohne mit einer der nervigsten, dünnen Stimmen der Gegenwart geschlagen, in die Wüste schicken. Und den ganzen Chart-Clowns und singenden Sex-Bömbchen wollte ich ohnehin nur mit Elektroschocker in der geballten Faust begegnen. So schnell könnte eine Beyoncé gar nicht die Laufmaschen in ihren Strümpfen zählen, ehe ich sie schon wutschnaubend vom Gelände jagen würde. Rihanna bekäme den geschwungenen Regenschirm zu sehen, verbunden mit der Ermahnung, dass ein einziges nettes Wölkchen noch kein Donnerwetter entfacht.

Im Inneren unseres Häuschens haben wir haben uns längst die eigenen Möbelnomenklatur gezimmert, die Gegenstände nur nach den verehrtesten Bands benannt. So lehnen in einer Ecke des Wohnraums einträchtig zwei wackelige Regale an der Wand, beide schon ein wenig ramponiert. Wenn man aus den Untiefen des einen etwas zu Tage befördern möchte, schlingert es, stößt unweigerlich gegen den anderen Schrank. Wir haben sie daher schlicht die Gallaghers getauft. Daneben an der Wand hängt ein Poster, eine mehrfach variierte Pietá in bester Tradition der Pop Art. Es kostete uns nicht einmal einen Gedanken, das Bild Madonna zu widmen. In der Mitte des Raumes steht ein Sofa ausgewähltester Behaglichkeit. Hier lässt es sich gemütlich fläzen, ein gutes Buch in den Händen oder einfach nur tagträumend den eigenen Gedanken hinterhergleiten. Solch wohliger Hort wurde von uns Mazzy Star tituliert.  Davor lümmelt ein Couch-Tischchen. Es neigt zu Eskapaden, steht umfallenden Weingläsern aufgeschlossen gegenüber. Seit eine gewisse britische Sängerin im Sommer verstorben ist, harrt das Tischchen einer abermaligen Namensgebung. Sollte wir uns doch noch zum Konsum von Kokain durchringen, wäre Doherty die erste Wahl. Der sich auf der einen Wand des Zimmers mächtig ausbreitende Schreibtisch schrie regelrecht danach, einem Singer-Songwriter die Reverenz zu erweisen. Der Poeten und Dichterinnen gibt es viele, aber Joni ragt hervor. Habe ich schon unseren überbunten Teppich gewürdigt? Sicher man tritt ihn Tag für Tag mit Füßen, doch lässt sich darauf auch abhotten, was das Zeug hält. Ähnlich ergeht es Moby. Mögen ihn Kritiker auch in Grund und Boden reden, für tänzerische Leibesertüchtigung hat der werte Herr einiges im Köcher. Selbst der übliche Nippes im Raum ist samt und sonders mit Namen versehen: Ob Placebo, Goldfrapp oder Travis, sie alle lächeln von Regalen und Kommoden herüber. Der kleine verschrumpelte Zinngartenzwerg mit dem langen Bart etwa, der auf dem Schreibtisch thront, was streichle ich Mr. E von den Eels nicht oft liebevoll über den Kopf.

Ein Modell, das - wie ich meine - nur The Boss heißen kann. (Photo Credit: Uwe Besendörfer aus de.wikipedia.org / Lizenz: CC-BY-SA-3.0 von Wikimedia Commons)

Natürlich existiert auch problematischeres Mobiliar. Welcher Künstler möchte etwa seinen Namen mit einem Bücherschrank assoziiert sehen, wenn darin Kaliber vom Schlage eines Kafka oder Rilke die Feder schwingen? Welchen Liederschreiber überfällt dann nicht das Muffensausen? Ich habe den Bücherschrank guten Gewissens Nick Cave verehrt. Oder der chromglänzende, filigran von der Decke baumelnde Kronleuchter. Den will man nur einer wahren Lichtgestalt zuschreiben. Keinesfalls einem sinister gestimmten Persönchen. Darf man solch einen Leuchter mit dem Etikett Röyksopp behängen, ohne dass Ikea sein Monopol auf skandinavisch klingende Einrichungsgegenstände gefährdet sieht? Zu guter Letzt, der Papierkorb. Ein unverzichtbares Accessoire, zweifelsohne. Zugleich aber kaum zu Ehrungen taugend. Eben jene hätten die Papercuts freilich mehr als verdient.

Was fühlt man sich den Möbeln nicht gleich inniger verbunden, wenn sie weder Billy, Ivar noch Klippan heißen. Würde man eine mit verträumtem Motive versehene Vase namens Sigur Rós jemals versehentlich vom Tisch fegen? Niemals, das würde sich nicht mal die ungeschickte Co-Bloggerin trauen.

SomeVapourTrails

Lohnt Musik? Zerschlagt die Gitarren!

Letztens fand sich in meinem Postfach eine E-Mail wieder, die mir eine Idee für ein Online-Musikmagazin unterbreitete. Nun stehe ich Geistesblitzen aufgeschlossen gegenüber, brüte über große und kleine Eingebungen, bis die Schwarte kracht und das Haar in der Suppe gefunden scheint. Dieses Mal allerdings stotterten meine Gehirnschräubchen, streikten vor sich hin, wollten sich über eine Grundsatzfrage kaprizieren: Lohnt Musik? Mit fortschreidendem Alter neige ich mehr und mehr zu der Ansicht, dass metakramisches Herumphilosophieren auf den Magen schlägt, das Seelenheil strapaziert. Irgendwie ist das Ringen um Erkenntnis und die damit verbundene Preisgabe von Gedanken nur temporär fruchtbar, denn früher oder später trampelt im Internet stets ein fröhlich Porzellan zerschlagender Tölpel herbei, dem ein sinnentleert quiekendes Lol über die Zunge hüpft.

Vielleicht überfrachtet bereits meine Grundannahme alles mit einer Seinsschwere, vergrübelt sich heillos. Ich meine, dass viel aus Jux und Tollerei geschieht, ohne dass wir uns über Nutzen oder Inspiration großartig Gedanken zu machen. Wir lauschen Musik, weil sie unsere Emotionen Bierdosen werfen lässt, wir sprechen über Musik, weil Themen wie Kapitalismuskritik oder FDP noch weniger befriedigende Exkurse generieren, wir machen Musik, weil Gitarrengeschrammel ein schöneres Hobbby bedeutet als öde Pilatesübungen. Aber wieviel davon generiert nachhaltige Bereicherung? Trägt Musik zur Kultivierung des Menschseins bei? Ist Musik nicht wie Ketchup? Der Banause schüttet es sogar noch über Spaghetti, der Kenner hingegen verwendet es wohldosiert auf die Bio-Currywurst. Mit ein wenig Anstrengung jedoch lässt es sich auch ohne aushalten, Abstinenz als Schlankmacher der Existenz.

Musik schafft Unordnung. Sie haftet kaugummigleich unter den Tischrändern unseres Denkens. Sie kriecht in die Winkel unserer Herzen und kackt herzschmerzige Kothäufchen in das Gefühlsbett. Ihre Klänge knallen Supernova um Supernova in das ohnehin vorhandene Chaos des Gefühlskosmos. Musik macht auf Kosmetik. Sie bekleistert die Natürlichkeit des Moments mit Rouge, schmiert unserer Traurigkeit einen Batzen Kajal unter die Augen. Ab und an wispert sie Wunschträume über die signalverfärbten Lippen.

Lohnt Musik? Über das Maß an Zerstreuung hinaus. Ist die Pille, die den Menschen heilt? Oder doch nur ein absolut hündisch ergebener Wegbegleiter, der stets das gewünschte Kunststückchen beherrscht, um uns kulleräugig zu beeindrucken? Verschleiert sie nicht die nackte Tristesse des Lebens mit dem Eifer eines auf FKK-Apostel losgelassenen Sittenwächters? Mag man etwa leugnen, dass Lieder Botox ins Gemüt spritzen?

All die Zweifel lassen sich nicht vom Tisch wischen, keimen weiter. Da kann die Spex einen intellektuellen Kopfstand vortanzen, der Rolling Stone den Kult in der Kultur zelebrieren, dürfen Radios platte Songs zwischen Verkehrsfunk und frühmorgendlichen Scherzchen verstauen, Wuchtbrummen durch Bayreuth schwirren und Minderleister als DJs fuhrwerken. Zerschlagt die Gitarren, bewerft Pianisten mit Stanniolkügelchen, scheucht das letzte Häufchen VJs aus den Fernsehstudios, verbarrikadiert Plattenläden, gebt Plattenfirmen den Gnadenschuss, pfeffert Bono auf den Mond! Musik scheint Teufelswerk. Mit jedem Tag mehr.

SomeVapourTrails

Mehr Profikiller braucht das Land – Die schmuddelige Realität der Content-Farmen

Nehmen wir einmal einen Moment lang an, ich würde einen Killer engagieren wollen. Jemanden, der meine lästige Ex-Frau meuchelt, die allzu lange schon die von mir gezahlten Alimente verprasst. Oder die verschrobene Erbtante, die tagein und tagaus in ihrem Haus im Grünen hockt, dort den Lebensabend verbringt und sich nicht zum Sterben schlafen legen will. Wäre ich spendabel genug, einen Profikiller anzuheuern? Einen Fachmann, der sein Handwerk versteht, nicht zuletzt weil er einen dreijährigen Studiengang in Sachen Auftragsmord mit Schwerpunkt in Spurenverwischung belegt hat. Einen mit Brief und Siegel zum Experten abgestempelten Mörder, dessen Curriculum Vitae ausreichend Praktika und Joberfahrung belegt. Oder würde ich nach einem Laien angeln, dem kriminelle Energie als angeborenes Talent in die Wiege gelegt wurde. Der bereits im zarten Alter von zwei Jahren seinem jüngeren Bruder den Schnuller stahl. Wollte ich diese Naturbegabung für meine Zwecke benutzen und zugleich einige Geldbündel einsparen? Dafür jedoch Gefahr laufen, dass der Auftrag eventuell verpfuscht wird?

Der Berufskiller - Ein Spezialist bei der Arbeit

Wir leben in einer Gesellschaft, die wenig Berührungsängste mit Amateuren kennt. Sie sind so viel kostengünstiger und genügsamer, nahe am Hungerlohn werkend pfeifen sie meist ein fröhliches Liedchen vor sich hin. Fachkräfte werden vom Gros der Arbeitgeber speziell dann hofiert, wenn ihnen das Adjektiv ausländisch auf die Stirn tätowiert scheint. Der IT-Experte aus Bangladesh oder die kirgisische Altenpflegerin sind anspruchsärmer und gezwungenermaßen nicht so impertinent, arbeitsrechtliche Mindeststandards einzufordern. Wo jedoch akrobatische Gymnastik im schriftlichen Ausdrucks erforderlich ist, kommen Verlage – oder generell Medien – nicht umhin, einheimisches Journalistengesocks zu berücksichtigen, indem man sie durch allerlei Voluntariate und Praktika schleust, bis zum Sankt-Nimmerleins-Tag an der kurzen Leine zu halten trachtet.  Seitdem das Internet als Keimzelle des selbstausbeuterischen Laien fungiert, stehen Journalisten und andere universitär geeichte Sachkenner unter vermehrtem Druck. Jedermann und -frau fabriziert Content, mitunter sogar grammatikalisch properen. Längst liefern Blogs, Foren und ähnliche Ärgernisse Inhalte, deren thematische Verkürzungen, selbstgefällige Simpelstrickungen, enthusiastische Naivität die gesamte Palette herkömmlicher Artikel abdeckt. Für weniger als  ’n Appel und ’n Ei wird jenem Mitteilungsbedürfnis nachgegangen.

Was liegt also näher als die Geschäftsidee, die leidenschaftlichen Selbstausbeuter mit einem appetitlich Häppchen zu noch größerer Produktivität zu animieren. Frei nach dem Motto: Gib dem Affen Zucker. Unter diesem Aspekt darf man wohl das unmoralische Angebot verstehen, dass unlängst in unser E-Mail-Postfach flatterte.

Seit fast fünf Jahren bemüht sich Wikio darum, die Blogosphäre zu vernetzen und den Bloggern mehr Sichtbarkeit zu bieten. Wir freuen uns, „Lie In The Sound“ zu unseren indexierten Blogs zählen zu können! Heute laden wir Sie ein, mit uns einen Schritt weiter zu gehen. Auf de.wikio-experts.com können Sie über Ihre Interessen schreiben und dafür eine Vergütung erhalten.

Die Themenauswahl für die Beiträge ist mit rund 140 Kategorien umfangreich und vielfältig: Bildung, Basteln, Wissenschaft, Kino, High-Tech, Wirtschaft, Kochen…

„Wir sind überzeugt, dass jeder Blogger sich für bestimmte Themen begeistern kann und kompetent darüber berichten können wird. Mit Wikio Experts möchten wir Bloggern deshalb eine Möglichkeit bieten, mit ihren Beiträgen Geld zu verdienen sowie als Autoren im Netz sichtbar zu sein“, erklärt Lisa, die deutsche Community Managerin der neuen Plattform.

Gegen Ende der E-Mail wird dann auch ein verlockender Klartext gesprochen. Je nach Thema und Arbeitsaufwand würden zwischen 5 und 15 Euro geboten. Nun sind Content-Farmen kein neues Übel, vielmehr längst schmuddelige Realität. Das suchmaschinenoptimierte Geschäftsmodell lukriert Geld mit Online-Werbung, zahlt Almosen an freie Schreiberlinge, die sich im Gegenzug eine Therapie hinsichtlich gescheiterter journalistischer Lebensentwürfe ersparen. Doch sie verdeutlichen auch, warum die wahrhaft publizistische Leistung im Internet keine ausgesprochen rosige monetäre Zukunft hat. Weil die angeblich unbestechlichen Algorithmen von Google und Konsorten alle Fachmännern und Laien, die bezahlten Reporter und engagierten Blogger, befähigte und unbegabte Zeitgenossen weitestgehend nivellieren. Und so verkommt das Internet zum Saustall, in dem der Schein das Sein übergrunzt. Längst schwingen nicht etwa skrupelarme, windige kleine Unternehmer die Mistgabel, auch das zur Verlagsgruppe Georg von Holtzbrinck zugehörige gutefrage.net lockt den Blogger per Mail.

Wenn Du Lust hast auch Deine Leser auf unsere Seite aufmerksam zu machen, veröffentliche jetzt einen Artikel auf Deinem Blog. Als Dankeschön erhältst Du für jeden Beitrag einen coolen und total praktischen HandyCleaner.

Welch Blogger würde angesichts dieser Verlockung nicht auf die Idee kommen, das zu gutefrage.net zählende Portal pointoo.de lobend zu erwähnen? Nun zum Beispiel der werte bloggende Kollege von Schallgrenzen, der die anläßlich des Song Contests erhaltene Mail eher wutschnaufend wahrgenommen hat. Anscheinend besitzt Peter bereits einen dieser coolen HandyCleaner. Der zum Behufe der Hobbybefriedigung aktive Blogger wird als augenscheinlich als unfassbar dummes Wesen wahrgenommen. Eine Kreatur, die für ein paar Euro wortspenderische Männchen macht oder für ein kleines Gadget alles verlinkt, was nicht bei drei auf den Bäumen weilt.

Es gleicht einem unfairen Kampf. In der einen Ecke die bereits mit Cut unter dem Auge schwer angezählten Journalisten und auf der anderen Seite die bar jedweden Firlefanzes eines gelernten publizistischen Handwerks agierenden Steckpferdautoren, welche ohne Unterlass unbekümmerte Aufwärtshaken anbringen. Und doch sind beide letztlich Verlierer. Diejenigen, die mit billigem Content zu jonglieren wissen, dürfen sich wirklich ins Fäustchen lachen – wie das oben angezeigte Beispiel Wikio vermuten lässt. Was mit der nicht unpraktischen Indizierung von Beiträgen und Artikeln beginnt, mutiert zur Content-Farm, welche Inhalte zum Schleuderpreis abstauben möchte. Im gerechtfertigten Vertrauen darauf, dass weder die Leser noch die freien Mitarbeiter das System durchschauen wollen.

Ich möchte nochmals das Bild des Profikillers aufnehmen. Ich für meinen Teil würde dem mit Urkunde im Anschlag bereit stehenden Journalisten noch mehr vertrauen. Nicht etwa deshalb, weil der Laie völlig unbeleckt wäre. Au contraire, Stümper gibt es immer und überall. Allerdings zeigt und lehrt das Leben, dass handwerklich solide Arbeit ihren Preis verdient. Qualität ist kein Nebenprodukt von Arbeit, sie dient als zentrales Erkennungsmerkmal. Für einen blitzsauberen Kopfschuss braucht es ein wohltrainiertes Kampfgeschwader der Navy SEALs und nicht etwa den Schorsch, seines Zeichens frischgebackenes Mitglied des hiesigen Schützenvereins. Solange im Internet aktive Firmen nahezu jeden Möchtegern für die Drecksarbeit anheuern und mit ein paar Cent abspeisen, wird die Schreibe im Internet zu selten einen Blattschuss landen. Ordentlicher Lohn für gute Leistungen, das würde den bisherigen Edelbloggern eine berufliche Perspektive eröffnen und den die feine Feder führenden Journalisten einen Verdrängungswettbewerb ersparen.

Link:

Texten für die Contentfarm – Ein Beitrag von Breitband auf Deutschlandradio Kultur

Update:

Noch ein Link, der unterstreicht, dass Dumpinghonorare immer mehr um sich greifen:

Qualitätsautoren (!) bei PC-Welt gesucht, für 10 Euro pro News

SomeVapourTrails

wahwah oder gaga?

Manches, was uns ins Postfach flattert, ist schon laut Pressetext so sehr Realsatire, dass es schwer ist, sich in übersteigerter Form darüber lustig zu machen. Vor wenigen Stunden verzog ich noch bei folgendem Kalauer des Geliebten das Gesicht: „Wenn ein Idiot ein Smartphone hat, ist es dann immer noch ein Smartphone?“ – Die Antwort lautet natürlich: Leider ja – nur schlauer machts den Besitzer nimmer, da helfen auch keine Apps. Das urbane Publikum lüstet jedoch laut Marketingheinis nach smart-phonischer Beschallung, mit Kuschel-Tunez verpackter Werbe-Message. Früher trafen sich die Frauen des Dorfes zum gemeinsamen Häckeln, Stricken und Nähen in der guten Stube. Der polyesterne Stoff knisterte lauschig im Rhytmus der neuesten Schlager aus dem Radio. Heute verstöpseln wir uns die Ohren – Kiezkiller genannte Hipster haben übergroße Muscheln auf dem wohlfrisierten Haupte. Wo das iPhone fehlt, ist man zumindest smart. Wozu und weshalb diese Leute auch noch Stoff brauchen, zumindest den, den man nicht rauchen kann, bleibt die Frage. Anyway. Lest selbst und wenn ihr schnell genug seit, dürft ihr an dem Megaevent teilhaben und mir nacher berichten, was ich nicht verpasst habe.

Pressemitteilung:

Berlins erste Nähparty im Live-Stream – stoffe meyer und wahwah.fm kooperieren

Exklusiver Closed Beta Zugang für Leser

Berlin, 05. Mai 2011 – Man nehme einen Stoffladen, ein ausgefallenes Partykonzept, einen DJ und ein innovatives Berliner Musik-Startup – heraus kommt ein multimediales Abenteuer in Form eines „Nähparty-Live-Streams“. Was in erster Linie verrückt klingt, wird durch die Kooperation von stoffe meyer und wahwah.fm zur Realität. Sie übertragen Musik direkt aus dem DJ-Mischpult auf die Handys in der Umgebung.

Grundvoraussetzung: die wahwah.fm-App auf dem Smartphone. Das Berliner Startup ermöglicht seinen Nutzern über einen Live-Stream akustisch an der Playlist anderer User in der Umgebung teilzunehmen. Für die Veranstaltung am 05. Mai bedeutet dies: aus der Ferne den DJ-Tunes lauschen, ohne anwesend zu sein.

Der Ort des Geschehens ist dabei der Stoffladen stoffe meyer in der Brunnenstrasse 165 in Berlin. Extra für die Nähparty wurde eine Zusammenarbeit mit dem Musikservice in die Wege geleitet, um die von DJ Kastar Tronic gespielten Tunes zu streamen und über die so gegebene Reichweitenerhöhung mehr Menschen teilhaben zu lassen.

„ Die Idee, das junge und innovative Berliner Unternehmen in die Kommunikation für die Nähparty einzubauen, hat für mich einen großen Vorteil. Über den Live-Stream wird zusätzlich Publikum angezogen und ich erziele noch mehr Reichweite.“, erklärt Sarah Meyer, die Besitzerin des Stoffladens.

Für den Musikservice bietet die Veranstaltung „Taschen, Tanzen, Trinken“ eine gute Möglichkeit, den Dienst beim kreativ-urbanen Berliner Publikum zu etablieren und neue Nutzer zu gewinnen.

„Neben Musikfans gehören vor allem professionelle DJ und Unternehmen zu den Nutzern von wahwah.fm. Als sogenannte Hosts haben sie de Möglichkeit, sich über einen Live-Stream eine feste Audienz zu bilden. Wir sind froh, mit stoffe meyer einen weiteren wichtigen Partner in diesem Bereich gefunden zu haben.“, so Philipp Eibach, Gründer und Geschäftsführer von wahwah.fm.

Der „Taschen, Tanzen, Trinken“-Stream wird ab 19:00 Uhr über wahwah.fm erreichbar sein. Die ersten 10 IInteressenten erhalten einen exklusiven Beta-Zugang. Einfach eine Mail mit dem Betreff stoffemeyer@wahwah.fm an support@wahwah.fm schicken.

Viel Spaß damit!
DifferentStars

Die Kakophonie der Gentrifizierung

Besichtigen wir doch gemeinsam dies Haus, das sich in einem heruntergekommenen, alternative Ausscheidungen absondernden Berliner Kiez empor reckt. Es atmet bereits den Anstrich der Veränderung, ein caramelfarbener Fleck zwischen den benachbarten grau-schmutzigen Fassaden. Nicht nur deshalb haben schon die Späher der Gentrifizierungsameisen das Gebäude für sich entdeckt, wuseln in seinen Korridoren gegen die Alteingesessenen an. Im erdgeschösslichen Geschäft, wo noch vor wenigen Monaten der Salon Helga Dauerwelle um Dauerwelle kringelte und gewissenhaft mit viel Haarspray ummantelte, haust mittlerweile ein Coiffeur. Frau Helgas altes Radio samt altmodischer Schlager-Seligkeit hat nach Ewigkeiten ausgedient und wartet beim Trödler einige Häuser weiter auf einen neuen, in Retrokram verliebten Besitzer. Unterdessen schreitet das junge metrosexuell bis homosexuell auftretende Coiffeur-Team zur Begleitung edler Lounge-Klänge tänzenld ans Werk. Auf die Betulichkeit eines nach Berliner Schauze geführten Geschäfts folgt ein neuer, adretter Chic namens Scissorhands, wo die wartende Kundschaft an einem Cappucinchen nippt und zu flauer Electronica mit dem Köpfchen wippt, ehe es dem Haarschopf an den Kragen geht.

In der ebenfalls im Parterre befindlichen Wohnung lebt der alte Herr Pohalke, ein weit über achtzig Lenze zählender Griesgram, dessen Frau sich vor fünf Jahren zu sterben erdreistete. Nun kommt einmal täglich eine Pflegerin, um nach dem Rechten zu sehen, und mehrmals die Woche eine Putzfrau, die auch die Einkäufe erledigt. Längst hat die Zeit den Greis mehrfach überrundet. Sogar das Programm des ZDF überfordert ihn. Früher, ja früher überkamen ihn noch Passionen. Sammelte er noch Wimpel diverser Fußballvereine, klempnerte er sich durch die Arbeitswoche, um sonntags Platten mit Marschmusik aufzulegen. Die wenigen Musikkassetten, die er sich im Lauf der Zeit angeschafft hat, liegen nun unbeachtet neben einem antiquierten, zuletzt vor mehr als einem Jahr benutzten Abspielgerät. Die Platten sind schon eine gefühlte Ewigkeit im Schrank verstaut und werden wohl erst vom eifrigen Trödler wieder zutage gefördert werden.

Familie Korkmaz wohnt einen Stock darüber. Herr Korkmaz lamentiert besonders über die letzte Mietpreiserhöhung. Findige Eigentümer und smarte Hausverwaltungen harren schon längst auf willige Gentrifizierer, die mit der Sorgfalt eines Kammerjägers auch dem widerborstigsten Unterschichtsgesindel den Garaus machen. Nur die Beschwerden der neuen Elite finden Gehör, die schlecht isolierten Fenster im Korkmazschen Haushalt kümmern den Vermieter nicht. Die türkische Familie zählt zu den angepassten, kopftuchbefreiten Vertretern ihres Standes, bietet nicht viel, was als Projektionsfläche für Vorurteile dienen könnte. Lediglich der jüngste Sohn gibt den eitlen Checker und nervt mit lautem Rap und R ’n‘ B die Nachbarschaft.

In der mittleren Bude haust Koslowksi, der Pionier. Er kam vor 20 Jahren in den Kiez, damals grüßte man sich auf der Straße, weil man sich noch kannte. Ob aus der von Rauchschwaden durchwobenen Eckkneipe oder vom Einkauf im Getränkeladen. Koslowski war einer der ersten Störenfriede im Viertel. Die stets geschulterte Gitarre, das klobige, sich Brille schimpfende Kassengestell und ein Joint waren seine treuen Begleiter. Doch mittlerweile ist aus dem ewigen Studenten – später Sozialschmarotzer – ein von den Mühlen von Hartz IV getriebener Mittvierziger geworden, der auf seine alten Tage in einem Bioladen arbeitet. Er raucht nicht mehr, trinkt nicht mehr, schwört auf Öko, ist ein alternativer Spießer, der in lediglich in schwachen Momenten nach seiner zerfurchte Gitarre grapscht und die alten Lieder von einer besseren Welt intoniert.

Man glaubt es kaum, die dritte Wohnung dieser Etage steht leer. Seit der Vermieter das Zeitliche gesegnet hat, streiten sich die Erben. Interessenten gäbe es wohl viele, nicht zuletzt solche, die es zu schätzen wissen, dass die ehemals in Sichtweite befindliche Eckkneipe nun zu einem Bio-Café mit leckerem Kuchen – selbstverständlich vegan – mutiert ist.

Steigen wir die Stufen ins zweite Stockwerk hoch, wo zur Linken Miranda lebt, sofern man jene Existenz als Leben bezeichnen darf. Sie zählt zu den gestrauchelten Existenzen, denen irgendwann die Welt sperrangelweit offen stand. Doch dann jobbte sie neben dem Studium in einem der aus den Boden sprießenden Call-Center, die die Drecksarbeit der Kundenbetreuung verrichten. Per Outsourcing wird das Stiefkind namens Service abgeschoben und von Rabenmüttern und -vätern so teuer wie lustlos betreut. Miranda hat es in der Zwischenzeit zur Senior Managerin des Bereichs Inbound gebracht. Wohl auch deshalb, weil sie es schafft, die knallharten Vorgaben der Geschäftsleitung mit dem Mäntelchen des Ansporns an die Teamleiter und Agents weiterzuleiten. Aber trotz 60 Stunden Arbeit pro Woche weiß sie um freizeitliche Entspannung, Sie gönnt sich die Themenabende auf ARTE und hört viel südamerikanische Folklore. Vielleicht findet sich auch einmal ein Mann, mit dem sie einen Tanzkurs besuchen würde. Einmal einen ausdrucksstarken Tango aufs Parkett legen…

Als Claudia und Maren vor einem Jahr hier ihr Studentendomizil bezogen, waren sie sofort vom speziellen Flair überwältigt. Die Mischkulanz aus versifftem Ghetto, wo Sperrmüll einfach auf der Bordsteinkante entsorgt wird, der Blick allerorts über lausige Graffitis stolpert, und angesagt-schummrigen Bars, in denen kein abgewetzter Sessel dem andern gleicht und von der Wand hängende Oma-Tapeten Kindheitsreminiszenzen hervorrufen, oder kleinen Läden, in denen junge Designer den Underground stilsicher gewanden, all das gefiel den Mädchen. So durchlöcherten sie alsbald ihre bunten Strumpfhosen, um nur ja authentisch durch die Gassen zu laufen.An Wochenenden hängen die beiden Mädchen in Kellerclubs ab und sehen Indie-Kapellen beim Schrammeln zu. Auch in den eigenen vier Wänden läuft aufgeregter Post-Punk, schön kirre muss es eben sein.

Nicht zuletzt deshalb haben sie öfters Ärger mit ihren Nachbarn, dem Ehepaar Schmidt. Herr Schmidt neigt zur Unförmigkeit, die auch sein seit der Frührente angelegter Trainingsanzug nicht zu kaschieren vermag, während die lederhäutige Ehefrau sich auf ausgeprägte Rundungen beschränkt. Die Schmidts hören keine Musik, weil der Fernseher, genauer RTL, die Wohnung omnipräsent beherrscht. Musik besteht bestenfalls aus dem Fraß, den DSDS so serviert.

Im dritten Geschoss zieht Frau Dahlke ihren kleine Sohn Kasper groß. Seit er dem Tragetuch entwachsen ist, sind Treppen sein Feind. Wann immer er Mamas Armen entrinnt, purzelt er auch schon über und auf Stufen. Dann wird das Stiegenhaus von lautstarkem Geplärre erfüllt. In der am Ende der Straße gelegenen Kita Wichtelmännchen nennen ihn die Kindergärtnerin hinter vorgehaltener Hand Beule, weil der Zwerg die Ungeschicktheit in Person repräsentiert. Wenn Frau Dahlke nachmittags aus dem Büro heimwärts hetzt und Kasper von der Kita aufgabelt, schallen alsbald Rolf Zuckowskis Kinderlieder durch die Wohnung.

Norbi ist das, was in Berlin viele Menschen behaupten zu sein, Medienschaffender nämlich. Der feine Unterschied: Er verdient damit Geld. Nicht zu knapp. Norbi heißt eigentlich Norbert und hasst seine Eltern für diese Brandmarkung. Als Endzwanziger hätte er eigentlich dank der Gnade der späten Geburt einen soliden, vielleicht langweiligen Namen verdient, Thomas zum Beispiel. So allerdings ist sein Name die einzige Schramme im Auftreten. Denn der schief drapierter Hut, der gepflegte Backenbart, die hippe, in Schwarz gehaltene Klamottierung und ein unter den Arm geklemmtes MacBook als Gottseibeiuns der Verdrängten lassen Norbi glänzen. Auf seinem iPod läuft geheimtippiger Synthie- oder Electro-Pop beispielsweise von Hurts oder La Roux.

Die letzte Wohnung des Hauses wurde vor einem halben Jahr von einem jungakademisches Pärchen gemeutert. Was als Happy End erdacht, geriet zum Desaster. Mangels Aufträgen verlor Tobias seine Stelle in einem Architekturbüro – und durchläuft die Bewerbungsmühlen jetzt schon drei Monate lang. Sabine wiederum passierte ein gravierendes Missgeschick – in doppelter Hinsicht. Der Chef bekam noch während ihrer Probezeit im Verlag mit, dass sie soeben unbeabsichtigt schwanger geworden war. Da wird man ratzfatz gekündigt, fadenscheinig abserviert, steht vor den Scherben einer Zukunft, die vormals in rosaroter Herrlichkeit geleuchtet hatte. Arbeitslosigkeit bedeutet ein unbarmherziges Verheddern in den Fängen der Bürokratie. Nun muss das Paar wohl die Zelte hier abbrechen und in eine günstigere Bude umziehen. Man fraß und wird nun bei lebendigem Leib gefressen. Gentrifizierung, Baby! Vorbei die Zeiten als man abends gemeinsam selig den Fleet Foxes lauschte oder den Lebensentwurf in der Abgehobenheit eines Devendra Banhart verkörpert fand. Heute regiert in diesen Wänden der monotone Blues.

Der Rundgang ist hiermit beendet. Ich hoffe, die klangliche Vielfalt der Bewohner schrillt nicht zu sehr in den Ohren nach, schwillt nicht zur Kakophonie an. Ich wünschte ehrlich, ich könnte noch eine Pointe setzen, einen versöhnlichen Schlussakkord anbieten. Die Verdrängungsmechanismen der Gentrifizierung freilich verbieten das. Doch auch wenn die Migranten und das alteingesessene Proletariat demnächst die Flucht antreten und der alternative Mittelstand den Kiez erobert hat, wird sich die Welt trotzdem weiter drehen. Die Zeit heilt nicht nur alte Wunden, sie fügt früher oder später auch denen neue zu, die heute unbekümmert mit Joanna Newsom in den Kopfhörern durch die Straßen des Viertels schreiten. Das darf man als tröstliche Gewissheit ansehen.

 

SomeVapourTrails

When The Music’s Over

In Zeiten wie diesen, in denen aus einem japanischen Atomkraftwerk peu à peu neue Hiobsbotschaften durchsickern, in den vermeintlich geschichtsträchtigen Tagen der arabischen Revolutionen, wenngleich die notwendige militärische Unterstützung durch den Westen hierzulande zum Kriegseinsatz umgedeutet wird, in der Krise der EU, wenn über marode Staaten wie Portugal wohl ein Rettungsschirm gespannt werden soll, der die betreffende Bevölkerung erst recht im Regen stehen lässt, in dieser gegenwärtigen Phase schreit alles geradezu nach Weltflucht. Besonders jetzt dürstet die Psyche nach Hygieneartikeln, die dem medialen Katastrophen-Stakkato ein gediegenes Bunga-Bunga entgegen stellen. Schlichtere Gemüter ergötzen sich an der freakshowishen Scripted Idiocy, am DSDS-Mumpitz oder an biederen Heile-Welt-Schmonzetten der deutschen Fernsehunterhaltung. Sauen sich selbst zu. Was aber kultiviert das innere Gleichgewicht des komplexer gestrickten Zeitgenossen, wäscht die Schrammen des Lebens aus? Etwa Musik?

Fraglos flutet Musik in wogenden Wonnen durch den Körper, spielt beherzt auf Gefühlsklaviaturen. Blendet den Alltag aus, färbt zumindest dessen Grau mit sanften Farben ein. Erträumt und fantasiert viel. Musik ist Opium für die Seele. Aber auch nicht mehr. Sie pulverisiert die Bedrohlichkeiten des Lebens immer nur für eine kurz bemessene Zeit und stupst den Hörer danach gnadenlos in die rauen Realitäten zurück. Musik ist geborgte Auszeit. Eine temporäre Zuflucht vor manchem Unbill, eine Verschnaufpause. Kein Segen ohne Tücke jedoch.

Dann nämlich wenn die Musik verklingt, scharen sich die Gedanken wieder im Kreis um die Vorgänge in der Welt, strudeln die Nachrichten auf uns ein. Lassen in Tagen wie diesen wenig Hoffnung zu. Wenn das kollektive Unbehagen auf den Einzelnen abfärbt, bedrängt und in die Enge treibt, dann nützt der persönliche Kampfeswille wenig, wirken die trotzig geballten Fäuste kümmerlich. Die Ohnmacht gegenüber gesellschaftlicher Dummheit steckt spürbar in allen Gliedern.

Es wäre ja nicht so, dass Musik nicht auch das Rüstzeug aufböte, gesellschaftliche Veränderungen substanziell zu begleiten. Als flankierendes Mantra der Veränderung hat sie seit der Hippie-Ära freilich ausgedient, sie durchfurcht die Schneise der Individualität. Viel zu oft wird mit der Liebe kokettiert, viel zu selten mit Solidarität und gestalterischer Mitverantwortung. Musik schönwettert, unterhält und tröstet, doch was leistet sie für die Gemeinschaft – außer manch Bierseligkeit?

Musik erzieht uns nicht zu besseren, mitfühlenderen Menschen. Sie lehrt uns wenig. Würden wir uns sonst wirklich alle brav und schafsdumm im Namen des Kapitalismus ausbeuten lassen? Würden wir sonst weiter für ein paar zusätzliche Funken Energie Hazard spielen? Würden wir nach wie vor unsere Liebe abstreifen wie schmutzige Unterwäsche und im Kleiderschrank des Alltags nach neuer wühlen? Würden wir uns andernfalls weltlichen und religiösen Despoten beugen?

Musik erwischt uns nahezu alle irgendwie und irgendwann. Den Dummen, die Intelligentsia, den Nüchternen, die Träumer. Sie lullt ein, aber löst die Schlingen des Daseins nicht. Schade.

SomeVapourTrails

Rappin‘ Bout a Revolution – Gedanken zum Aufstand in Ägypten

Dieser Tage wird Facebook, Twitter und Konsorten eine geradezu mystische Kraft zugeschrieben. Der ägyptische Aufstand scheint von der Generation Facebook getragen. Mit leuchtenden Augen berichten westliche Medien darüber, denn wer sich über Social Communities organisiert, der atmet den Geist der subversiven Einflüsse. Das Verharren in einem Steinzeitislamismus wirkt soviel mühseliger, wenn die Errungenschaften moderner Zivilisation nur ein Lol entfernt sind. Eben deshalb schwärmt die Presse von dieser Revolution. Eine Jugend, die ihr Geschnatter über Facebook kanalisiert, gerät nach dem Geschmack der hiesigen Medien. Dem ungezügelten Freiheitsdrang wird applaudiert. Jeder ägyptische Blogger mit eingewachsenem Zehennagel wird als Folteropfer des greisen Regimes präsentiert. All die Politiker und Journalisten, die Mubarak noch vor Wochen als Stabilitätsgaranten respektierten, feiern nun das Gespenst der Freiheit, das derzeit am Tahrir-Platz herumgeistert.

Wie schnell die Wahrnehmung doch kippt. Die Bilder des letztjährigen Ägypten-Urlaubs werden zum Solidaritätstrip umgedeutet, jeder gutmenschelnde Reisende will plötzlich mit seinen Devisen der Bevölkerung einen Dienst erwiesen haben. Im Gepäck auch ein Menschenrechte anmahnendes Transparent, welches es leider nicht bis auf die Pyramiden geschafft hat. Wir alle dürsten mittlerweile danach, Teil der ägyptischen Jugendbewegung zu sein. Richten unseren Blick auf Fernsehbilder eines Platzes, deren Aussagekraft darin besteht, dass sie nichts außer schierer Masse zeigen. Solch ein diffuser Menschauflauf lässt sich wunderbar mit Deutungen füllen. Und die Generation Facebook erwächst so zum Pars pro toto, auf das wir unsere Ängste und Hoffnungen projizieren.

Kann folglich ein Rap-Song US-arabischer Musiker den ägyptischen Aufstand mitbefördern? Das Internet penetrieren, dank Twitter, Facebook und YouTube die Massen innerhalb und außerhalb Ägyptens erreichen? Der von Amir Sulaiman, Omar Offendum, The Narcicyst, Freeway, Ayah und Sami Matar dargebotene Song #Jan25 will den Soundtrack zum Aufstand liefern. Mit Zeilen wie „I heard them say The Revolution won’t be televised/ Al Jazeera proved them wrong, Twitter has them paralyzed.“ wir die Macht der Bilder und des Internets beschworen. Der Ruf nach Freiheit erschallt. Ein Ruf, dem in der westlichen Welt de facto jedermann zustimmen kann. Eine Forderung, der sich nur Menschen mit despotischen Ambitionen verschließen werden. Doch wie alles, was breite Schichten bewegt und aufregt, scheint das klar formulierte Ziel an den Tücken der Details zu scheitern. Sowohl im Westen als auch in der arabischen Welt wird der Wandel hin zur Demokratie akklamiert, die sofortige Abdankung Mubaraks gefordert. Doch so einfach wie die Losungen präsentieren sich die Lösungen nie.

Ich würde mich gern der Vorstellung hingeben, dass eine Jugend auf der Höhe der Zeit den Sieg davonträgt. Ich möchte glauben, dass Musik einen Beitrag dazu leisten vermag, dass legitime Sehnsüchte prägnant auf den Punkt gebracht werden. Ich halte #Jan25 die Daumen. Ich will den vielen Spielarten der Kunst keinesfalls unpolitische Haltungen vorwerfen. Doch trägt ihr oftmals akademischer Zugang nur selten zu einer kollektiven Bewusstseinsschärfung bei. Im musikalischen Bereich wird gerne vom Grauen des Krieges und von Revolutionen geträllert, Freiheit und Frieden gefordert. Doch geschieht dies meist völlig naiv und weichgespült. Oder aber die Message ist dermaßen brachial formuliert, weshalb sie ohnehin nur von einer militanten Zielgruppe gehört und geschätzt wird.

Lassen wir uns nicht von Facebook oder Rap-Songs als Fantasmen des Westens blenden. Wer Demokratie nie am eigenen Leib erlebt hat, mag nicht viel mehr als ein pures Verlangen in die Waagschale werfen. Und so wird das Schicksal Ägyptens wohl nicht auf dem Tahrir-Platz entschieden, wie uns vielleicht die Fernsehbilder glauben machen. Es wird von der Bereitschaft westlicher Regierungen abhängen. Wenn sie weiter nur Lippenbekenntnisse aufbieten, gleich Otto Normalbürger einfach nur die Daumen drücken, solange wird Ägypten mit Märtyrern gesegnet werden. Das Know-how der Etablierung rechtsstaatlicher Strukturen muss aktiv verbreitet und die herrschende Klasse ohne Zögern geächtet werden. Wer dem greisen Regime nur mit mahnendem Zeigefinger winkt, hilft nicht wirklich. So bleiben Demokratie und Freiheit lediglich nette Worte auf Transparenten und Facebook, in Zeitungen, Tweets oder beispielsweise Rap-Songs.

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Produzent Sami Matar auf Facebook

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