100 Songs – Teil 17 (The Dark Don’t Hide It)

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Photo Credit: Dylan Long

Es ist in zweifacher Hinsicht traurig. Da verlässt einer der virtuosen Songwriter unserer Zeit das Erdenrund und erfährt dann nicht einmal in Nachrufen eine gebührende Würdigung. Mit Jason Molina, dem Kopf hinter Projekten wie Songs: Ohia oder Magnolia Electric Co., verabschiedet sich ein vor allem in Musikerkreisen überaus geschätzter Vertreter der ganz hohen Indie-Kunst. Sein wohl durch Alkoholmissbrauch herbeigeführter Tod mit gerade einmal 39 Jahren hat mich letzte Woche schwer getroffen. Erst unlängst hatte ich mir noch gedacht, dass Molinas 2009 krankheitsbedingt erfolgter Rückzug vom Musikbusiness doch nicht ewig währen könnte. Eine Fehleinschätzung. Während man nun in den USA sein reichhaltiges Schaffen Revue passieren lässt, herrscht hierzulande im Feuilleton und in Musikmagazinen eher Schweigen im Walde. Schade!

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100 Songs – Teil 16 (Hoist That Rag)

Manchmal zählt der Inhalt kaum. Wenn sich Lyrics nur in Wortfetzen erschließen, gibt die Darbietung den Takt an. Sagt alles und mehr aus. Kaum ein Sänger lehnt sich so sehr in die Gosse, wie dies Tom Waits seit Jahr und Tag tut. Im Waits’schen Kosmos tummeln sich oft Gestalten, die den Schritt über den Abgrund bereits mehrfach gegangen sind. Die sich Spleens wie Menschlichkeit und Würde meist schenken, mit geradezu animalischer Brutalität der Welt ins Auge schauen. Der in jeder Hinsicht große Singer-Songwriter glorifiert das zivilisationsferne Außenseitertum jedoch nicht, er porträtiert es lediglich mit heftigen Hammerschlägen in aller Grobschlächtigkeit.

Doch zurück zur Eingangsbemerkung. Mitunter kommt man auf der Textebene nicht völlig auf die Schliche. Im Falle von Tom Waits ist dies keineswegs lyrischen Mängeln geschuldet, orientiert sich der Song Hoist That Rag doch an der Sprache des halunkischen Protagonisten. Der von dem 2004 veröffentlichten Album Real Gone stammende Track ist von unfassbarem Temperament. Es wird genölt, gekrächzt, geäfft. Dazu noch eine Percussion, die mit dem Mülltonnendeckel getrommelt wirkt, eine aufreizend tänzelnde Gitarre und ein brummiger Bass dekorieren die Chose.  Fertig ist ein „mutated swamp tango“, wie Allmusic diesen Track charakterisiert. Hoist That Rag lebt von einer wunderbar modellierten ruppigen Intensität. Wenn Waits die Zeilen „The sun is up the world is flat/ Damn good address for a rat“ intoniert, fühlt man sich an den Schlund der Kloake versetzt.  Das Lied trotzt dem Sein keine fahlen Romantizismen ab. Es ist dreckig, strotzt vor Buzzwords: Blood, flies, smoke, gun, fire. Und dazu Gott allerorts, und zwar keiner, dem man bei einem Taizé-Gebetchen begegnet. Dieser Gott scheint archaisch, Beherrscher des Unheils, kein Heilsschöpfer. Das Elend der geschundenen Existenz wurde selten hörbar erfahrbarer.

Hoist That Rag ist beileibe kein Honigschlecken. Doch das sind Songs der Marke Waits selten. Wer allerdings Musik nicht nur zum Shalala und Schubidu degradiert, kommt an der markigen Wucht dieses so beieindruckenden Titels schwerlich vorbei. Und eben darum gehört Hoist That Rag in meinen Kanon der 100 Songs.

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Stream von Hoist That Rag

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100 Songs – Teil 15 (Do You Realize??)

The Flaming Lips zählen zu der Sorte von Bands, die ich zwar respektiere. Im Grunde ist die Formation rund um Mastermind Wayne Coyne der seltene Glücksfall einer unangepassten, exzentrischen Band, deren Strahlkraft sogar bis in die Mainstream-Charts reicht. Und dennoch laufe ich nicht wirklich Gefahr, einer ihrer Platten mein Herz mit Haut und Haar zu schenken. Doch so sehr mich The Flaming Lips auf Albenlänge irritieren, berühren mich einzelne Tracks ohne Unterlass. So zum Beispiel der schlichtweg famose Song Do You Realize?? von dem bemerkenswerten Werk Yoshimi Battles the Pink Robots. Man lasse sich von der Lieblichkeit der Melodie und der orchestralen Breite nicht täuschen, über die prägnante Tiefgründigkeit der Lyrics kann man einfach nur Bauklötze staunen.

Bereits die ersten drei Zeilen verdichten eine schwärmerisch-grüblerische Stimmung, die in der Zeile „Do you realize that everyone you know someday will die?“ gipfelt. Diese Frage sitzt, man kann sie nicht abschütteln. Sie hebt den Gedanken an Vergänglichkeit auf eine neue Ebene. Diese betörend gesäuselten Worte krempeln alles um. Weil sie nicht nur die eigene Zeitlichkeit thematisieren, sondern den Blick darauf lenken, dass man allerorts von Endlichkeit umgeben scheint. Jede Person, die man ins Herz geschlossen, jeden Menschen, welchen man liebt, jedes Lächeln, das man gesehen, alles verwelkt, stirbt. Das wirkt als neue Qualität des Schmerzes. Derart vervielfacht sich der Kummer, tritt die persönliche Sterblichkeit für einen Moment in den Hintergrund, weicht einer neuen Erkenntnis. Denn wenn – abseits aller Religionen – unser Trost auch darin liegt, dass man nach dem Tode noch in der Erinnerung anderer existiert, so verliert dieser Trost seine Aufmunterung, wenn auch diese Erinnerung früher oder später vom Tode getilgt wird. Wenn man erkennt, dass alle Schönheit erlischt, fällt es schwer, sich überhaupt noch an den Dingen zu erfreuen. „Do you realize that everyone you know someday will die?“ bringt mit schonungsloser Schlichtheit und frei von philophischen Verklausulierungen auf den Punkt, was man sonst nicht gern zu denken wagt. Dass dies Lied keine Traurigkeit beschert, letztlich doch eine aufmunternde Wirkung entfaltet, liegt vor allem den Zeilen „You realize the sun don’t go down/ It’s just an illusion caused by the world spinning ‚round„. Denn so wie unsere Augen uns betrügen und Dunkelheit vorgaukeln, so mag auch die Vergänglichkeit bloss Trugschluss sein. In diesem Gedanken keimt Hoffnung, liegt Linderung im existientiellen K(r)ampf.


The Flaming Lips – Do You Realize?? von TheFlamingLips-Official

The Flaming Lips haben mit Do You Realize?? ein mit großen Augen staunendes, zärtlich in den Arm kosendes Lied fabriziert. Es hebt die Zerbrechlichkeit sämtlicher Existenz hervor, offeriert allerdings zugleich Ermunterung. Das ist doch die wahre Kunst: Eine Wunde zu reißen und sie alsdann zu nähen. Den Stachel ins Fleisch zu bohren, nur um ihn sofort zu entfernen und die Stelle mit Salbe zu benetzen. All dies leistet Do You Realize?? und deshalb gehört das Lied in den Kanon meiner 100 Songs.

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100 Songs – Teil 14 (Handle with Care)

Die Summe der Egos und Ideen übersteigt allzu oft das, was im Rahmen einer sogenannten Supergroup möglich erscheint. Der Zusammenschluss renommierter Musiker führt daher nicht selten zu einem spröden Ergebnis. So sehr sich das gemeinsame Musizieren großer Künstler auch als konzertliche Augenweide für Musikfans entpuppt, so hapert es in der Regel meist am Songwriting. Herausgerissen aus dem üblichen Prozess des Ersinnens von Songs fällt die gegenseitige kreative Befruchtung oft längst nicht so schlüssig aus, wie man es vermuten möchte. Die Traveling Wilburys zählen zu den wenigen Ausnahmen. Diese Formation konnte einen in jeder Hinsicht großartigen Klassiker im Teamwork zu fabrizieren, nämlich Handle with Care.

Supergroups haben im Grunde einen unschätzbaren Startvorteil. Sie müssen niemandem mehr etwas beweisen. Aber vielleicht gereicht das einer Zusammenarbeit zum Nachteil, wenn gute Laune im Vordergrund steht und man sich weniger in Einfalle verbeißt und an Ideen herumknabbert. Am Anfang der Travelling Wilburys stand eine Session fünf großartiger Musiker: George Harrison, Bob Dylan, Roy Orbison, Tom Petty und Jeff Lynne – unterstützt vom Schlagzeuger Jim Keltner. Der daraus resultierende Song Handle with Care war ursprünglich lediglich als B-Seite für Harrisons Single This Is Love gedacht. Doch es kam anders, 1988 und 1990 wurden zwei Alben veröffentlicht, ehe die Herren wieder ihrer Wege gingen. Was neben einigen guten Tracks auf alle Fälle die Zeiten überdauert, ist der Initialfunke dieser Zusammenarbeit, das grandiose Handle with Care eben.


Traveling Wilburys – Handle With Care von TravelingWilburys-Official

Harrisons herzerwärmender Gesang durchwebt den Country-Rock-Song, ergänzt von inbrünstig wie vornehm schmachtenden Solo-Passagen Roy Orbisons („I’m so tired of being lonely/I still have some love to give/ Won’t you show me that you really care„) und einem knarzigen Chor der Herren Lynne, Petty und Dylan. Die Geschichte des vom Leben Gezeichneten, der sich jedoch nicht unterkriegen lässt und der die Hoffnung an Glück zu zweit nie aufgibt, spart jedwede Macho-Attitüden aus. Gewährt einen Blick auf den weichen Kern hinter einer rauen Schale. Handle with Care glänzt als einfach von A bis Z gelungener Hit, dessen entspannte Art des Zustandekommens sich im feinen Vortrag widerspiegelt. Das Lied schöpft die Qualitäten aus,  zu denen die daran werkenden Musiker befähigt sind. Es verbindet eine dank beatleskem Stallgeruch eingängige Melodie mit einzigartigen Emotionen, wie sie nur ein Roy Orbison zu befördern wusste, und gibt der Chose noch eine knautschige Exzentrik, für die man Dylan so verehrt.

Sechs Wochen nach Erscheinen dieser Single und der zugleich veröffentlichten Platte Traveling Wilburys Vol. 1 waren die Traveling Wilburys de facto auch schon wieder Geschichte. Roy Orbison erlag einem Herzinfarkt. Und sein Fehlen war wohl auch der Grund, warum jener Supergroup nur noch das zwei Jahre später herausgebrachte Traveling Wilburys Vol. 3 beschieden war. Doch sollte man diese Kollaboration bei all den eindrucksvollen Diskographien der Protagonisten keinesfalls vergessen. Dazu ist nicht nur aber vor allem Handle with Care zu gut!

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100 Songs – Teil 13 (If…)

Wir alle dürsten nach Liebesschwüren, speziell wenn sie mit aufgeblasener Romantik dargeboten werden. Liebe wird von der Mehrheit der Menschen als derart markerschütterndes Gefühl wahrgenommen, dass man es keinesfalls mit Subtilitäten unterfrachten sollte. Unter diesem Gesichtspunkt erscheint das 1997 veröffentlichte Minialbum A Short Album About Love eine schiere Widersinnigkeit. Liebe verlangt nie nach Prägnanz, Liebe nötigt zu ausladendem Überschwang. Doch Neil Hannon, Mastermind von The Divine Comedy, hat sich im Lauf der letzten 20 Jahre wohl zu keiner Zeit als berechenbarer Charakter erwiesen. Vielmehr stand er immer gelangweilt in der zweiten Reihe der Kritikerlieblinge oder gar inmitten der Schlange der auf Charts-Notierungen harrenden Musiker. Hannons Exzentrik prädestiniert nicht eben zu übermäßigem Erfolg.

Das Lied If… unterstreicht die Abgründigkeit des Könners. Welch edel symphonisch angelegter Song, unterstützt von Hannons vornehmen Gesang. Man möchte es sogleich in die Kategorie des unzeitgeistig eleganten, typisch britisch kultivierten Liederguts schubsen. Es in einem Ambiente verorten, welches den vielen aus der englischen Unterschicht entsprungenen Bands einfach nicht mittels Muttermilch zugeführt wurde. Doch verbirgt sich hinter dem so aristokratisch wie undegenerierten Vortrag ein Liedtext, der nicht zur Beschaulichkeit einer Romanze  à la Rosamunde Pilcher taugt. Wenn Hannon „If you were the road/ I’d go all the way/ If you were the night/ I’d sleep in the day/ If you were the day/ I’d cry in the night“ intoniert, will man noch vermuten, dass hier ein von Liebe beseelter Mann seine Herzensdame mit Poesie überschüttet. Doch mit nahezu jeder weiteren Zeile wächst das Mißtrauen in die hehren Absichten des Protagonisten. „If you were a tree/ I could put my arms around you/ And you could not complain/ If you were a tree/ I could carve my name into your side/ And you would not cry/ ‘Cos trees don’t cry“ lässt bereits erahnen, dass die Liebesbekundung möglicherweise nur bedingten Widerhall in den Ohren der Auserwählten finden könnte. Nichtsdestotrotz schwelgt Hannons lyrisches Alter Ego weiter in Fantasien. Wenn die Angebetete ein Mann wäre, würde er sie ebenso lieben, wenn sie ein Drink wäre, würde er wohl einen über den Durst drinken, und wenn sie ein Pferd wäre, würde er nicht nur ihren Stall ausmisten, sondern auch auf ihr durch die Morgendämmerung gen aufgehende Sonne reiten.

Verstörung freilich ruft die letzte Strophe des Liedes hervor, wo er meint, dass es ihm sogar schwer fiele loszulassen, wenn sie sein kleines Mädchen oder seine Schwester wäre. Da schrillen nun sogar die Alarmglocken des absonderlichsten Romantikers. Und tatsächlich fällt die Maske dieses vermeintlichen Liebesliedes, als der Sänger sich sein Objekt der Begierde als Hund ausmalt. „Then you’d be my loyal four legged friend/ You’d never have to think again/ And we could be together till the end“ beendet jegliche Schwärmerei, bricht ironiefrei, schwillt wahnhaft an, zeigt Fratze. Will besitzen, will hündische Ergebenheit. Lässt den Hörer bedröppelt zurück. Bye, bye Romantik!

Eine musikalische Schönheit zur Abscheulichkeit zu mutieren, das bedarf schon eines kunstvollen Kniffs der Marke The Divine Comedy. Nicht zuletzt deshalb verdient If… die Aufnahme in den Kanon meiner 100 Songs.

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Stream von If… auf simfy

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100 Songs – Teil 12 (Sabotage)

Das Gehirn verdingt sich sehr oft als erstklassiger Regisseur, leitet unsere Vorstellungskraft zu bizarren Bilderfluten an oder säuselt dem inneren Auge pastellfarbenes Glück ins Ohr. Ob Buch oder Musik, sie befeuern die Imagination, manchmal als kleine Holzscheite, in seltenen Fällen sogar als wahre Flammenwerfer. Das Aufkommen des Musikvideos nahm unserer Vorstellung jenes Vergnügen, nämlich Gehörtes zu visualisieren, ab. Fertigte eine Bildlichkeit vor, an der unsere Fantasie recht wenig herumdoktorn konnte. Und lediglich in den seltensten Fällen rechtfertigte ein Clip seine Existenz. Wie etwa das kongeniale Video zu Sabotage, dem famosen Track der Hip-Hop-Formation Beastie Boys.

Die Neunziger bedeuteten die goldenen Jahre des Musikvideos. Die Pioniertaten der Achtziger waren vollbracht, in technischer und budgetärer Hinsicht war der Weg zum Ruhm geebnet. Der Kollaps der Plattenindustrie dämmerte noch in weiter Ferne. Mitten in dieser Hochblüte veröffentlichten die Beastie Boys 1994 Ill Communication, dessen Großartigkeit nicht allein aus der ersten Single Sabotage resultierte. Und dennoch suchte der Song seinesgleichen: Ein knusprig-herber Rock-Track samt Turntablism umringt von gallig gekrähten Sprechgesang. Zu dieser Glanztat gesellte sich die szenische Umsetzung des Ausnahmekönners Spike Jonze. Besoundtrackte er doch den Vorspann einer fiktionalen Krimiserie im Stile der Siebziger mit Sabotage, zog Serien wie Starsky & Hutch durch den Kakao, huldigte ihnen zugleich.


Beastie Boys – Sabotage von EMI_Music

Wenn Cops Kriminelle beschatten, die Bösen just im Moment des Zugriffs die Flucht ergreifen, beginnt stets eine wilde Verfolgungsjagd, fackeln die Polizisten nie lange, jagen über Häuserdächer oder rasen im Auto mit ordentlich Karacho abschüssige Straßen hinab. Was waren das für gute alte Zeiten, in denen der Zuseher noch nicht zum steten Blick durch Elektronenmikroskope genötigt wurde! Als marode Karossen im Zuge von Action-Sequenzen noch jede Menge Blech lassen mussten. Jonze spitzte diese Faszination zu, persiflierte die hauptsächlich von den Beastie Boys dargestellten Protagonisten, indem er ihnen die Spitznamen Bunny (der Quoten-Schwarze) oder The Rookie (der ungestüme Raufbold) aufzwang oder sie schneidig Cochese benannte, die hemdsärmelige Verlottertheit mit der Coolness übergroßer Brillen kombinierte.

Die gebündelte Dynamik des Tracks entlädt sich in der lässig altmodischen Action, lässt Audio mit Video bis heute verschmelzen. Sabotage hören heißt Sabotage sehen, über Häuserdächer springen und mit einem Affenzahn  über wellige Straßen brettern. Kriminalisten begleiten, die noch nicht den blassen Charme beamtischer Biederheit am Revers tragen. Jonze und die Beastie Boys haben Kultisches erschaffen.

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100 Songs – Teil 11 (Hurricane)

Zu Bob Dylan hat jeder Knilch eine Meinung. Ob man sich nun darauf verlegt, einem Monument ans Bein zu pissen, oder aber in weihevoller Anbetung verharrt, Dylan ist eine sauertöpfische Instanz, ein lebendiger Mythos, dessen Makel im Leben besteht, eben weil die Mühen des Alterns den Lack zwangsläufig abblättern lassen. Dylan werkt als eigener Verwalter seines Nachlasses und beschädigt ihn kaum, was wohl seine größte Leistung der letzten 30 Jahre darstellt.  Viel wird über das Dylansche Mysterium geschrieben, oftmals Gewäsch, welches das Offensichtliche unter viel Tamtam zu enthüllen trachtet. Dylans Einfluss auf die Musikgeschichte liegt in der Wucht seiner narrativen Poetik begründet. Er ist kein Feingeist in abgehobenen Sphären, vielmehr ruppiger Geselle mit Krallen und knarzigem Organ.

Manche seiner aus dem kollektivem Gedächtnis gefallenen Songs überragen die Lieder, welche heute zum omnipräsenten kulturellen Erbe der Menschheit zählen. Talkin‘ John Birch Paranoid Blues ist auch fast 50 Jahre nach seiner Entstehung ein durchdringender Blick in die amerikanische Seele, deren republikanische Paranoia auch 2011 große Schatten wirft. Was früher die John Birch Society forcierte, befördern mittlerweile Tea-Party-Bewegung, die (w)irren Hassprediger und FOX. Die unverbrüchliche Aktualität Dylans fußt auch auf dem Umstand, dass sich die Sünden Amerikas – und der Welt – kaum ändern. Dazu zählt neben Kriegen und Radikalismen auch der Rassismus, den ein erzürnter, geradezu vor Wut brodelnder Dylan in dem Song Hurricane anprangert.

Mit Rage zerfleischt Dylan das amerikanische Justizsystem. Schildert den wahren Fall des Boxers Rubin „Hurricane“ Carter, dessen schwarze Hautfarbe seine fragwürdige Verurteilung wegen mehrfachen Mordes begünstigte. Fast 10 Jahre nach der Inhaftierung Carters veröffentlichte Dylan 1975 das Lied auf seinem Album Desire. Und doch sollte es noch bis ins Jahr 1985 dauern, ehe Carter Gerechtigkeit widerfuhr, ihm ein Bundesbezirksgericht die Freiheit schenkte und der Justizskandal als solches benannt wurde. Dylans Song ahnt noch nichts von dem späteren Happy End, wütet gegen eine Polizei und ein Gericht, deren Vorurteile sie nach den passenden Schurken suchen lassen – auf Kosten der Wahrheit. Dylans Zorn („Couldn’t help but make me feel ashamed to live in a land/Where justice is a game„) scheint – weiter gespannt – auch ein Protest gegen das Suchen von Sündenböcken.

Über 8 Minuten investiert der Prototyp von Singer-Songwriter in diese wortgewaltige Anpragerung von Zuständen, die auch im Hier und Jetzt nach wie vor nicht ausgemerzt sind – wie die nicht enden wollende Geschichte von Mumia Abu-Jamal zeigt. Solange das Wie eines Gerichtsverfahrens Fragwürdigkeiten aufweist, sät der Urteilsspruch zurecht Zweifel. Bob Dylans Hurricane darf als exemplarisches Meisterwerk angesehen werden, wie Musik den Finger in die Wunden gesellschaftlicher Missstände legt. Nicht in Abstraktheit versunken, sondern griffig der Realität verpflichtet. Dylan ist heute 70 Jahre alt, darf sich auf seinen Meriten ausruhen. Es ist längst an der Zeit, dass neue Generationen von Liedermachern ihre gerechtfertigte Wut in unsere Ohren jaulen. Es gibt genügend Hurricanes zu beklagen.

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Songtext zu Hurricane

Stream von Hurricane auf simfy

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100 Songs – Teil 10 (Laid)

Es müssen nicht immer die musikalisch schweren Geschütze aufgefahren werden, um einen in jedweder Hinsicht anbetungswürdigen Song zu kreieren. Eine Melodie, die man auch mit teuren Wattestäbchen nicht aus den Ohren bekommt, ein deutungswilliger,  expliziter Text, welcher das geschilderte Ungemach erst nach und nach enthüllt, dazu noch eine der feinsten Stimmen von der Insel, aus solch Ingredienzien fertigt man ein pfiffiges Lied, das über jeglichen Zweifel erhaben sich doch Hit schimpfen darf. Die britische Band James hat dieses Kunststück mit Laid geschafft, wenn auch nicht in hiesigen Breiten.

Der 1993 auf dem gleichnamigen Album platzierte Track besticht durch feinsten Pop, lebhaft und agil, dem vermeintlichen Lamento eine leichte, beschwingte Note beimengend. Bereits die ersten Zeilen „This bed is on fire with passionate love/ The neighbors complain about the noises above/ But she only comes when she’s on top“ verdeutlichen, weshalb der Song heißt, wie er eben heißt, und lassen zugleich erste Zweifel aufkommen, ob dieser Sex-Marathon wirklich samt und sonders vor Unbeschwertheit schwitzt. Wenn sogleich die Therapeutin das Schlafzimmeridyll entert, dem Protagonisten rät, die werte Spielgefährtin nicht länger zu sehen, die Amour fou sogar zur unheilbaren Krankheit erklärt, bleibt zunächst die Obsession im Halse stecken. Der werte Herr wird zunehmend entmannt, in Frauenkleider gesteckt und hübsch geschminkt. Längst ist er seiner Sucht, Lust und Leidenschaft ausgeliefert, der Kampf der Geschlechter wurde vom Weibe verkehrt. Und just hier bäumt sich Sänger Tim Booth auf, zieht um, nur um zu feststellen zu müssen, dass er nun zum Stalking-Opfer mutiert. Die nymphomanische Ex-Freundin zieht in die Nachbarschaft, schleicht sich sogar in seine Wohnung und legt sich zu ihm ins Bett, was der Akteur erst beim Erwachen bemerkt. Letztlich ergibt er sich sehenden Auges mit den Worten „You’re driving me crazy/When are you coming home?„.

Was lernen wir nun daraus, außer dem Umstand, dass eine sexuelle dominante Frau einen armen Mann stets im Handumdrehen um den Verstand bringt? Zunächst einmal, dass sich hier recht deftige Lyrics hinter fröhlichem, quirligem Pop verbergen,  eine wirkungsvolle Melange aus Beschwingtheit und nicht gänzlich unpathetischem Leiden formen. Weiters sollte das Lied als Visitenkarte der Band fungieren, James haben viele tolle Lieder im Talon, wurden und werden nach wie vor nicht genügend geschätzt. Die 1981, also in der Prä-Internet-Ära, in Manchester gegründete Formation hat sich mit der Namenswahl allerdings keinen guten Dienst erwiesen. Solch ein Allerweltsvorname brennt sich nicht mit einem Fingerschnippen ins musikalische Gedächtnis ein. Schade, denn neben dem formidablen Laid gäbe es durchaus weitere Perlen zu entdecken. In den Olymp der 100 Songs haben es die 2007 wiedervereinten James geschafft. Bleibt zu hoffen, dass sie nochmals solch ein famoses Lied, welches auch dem tausendsten Hördurchlauf locker standhält, zusammenzuzimmern vermögen.

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100 Songs – Teil 9 (People Ain’t No Good)

The Boatman’s Call aus dem Jahre 1997 zählt meiner Meinung nach zu den so unspektakulären wie kunstvollsten Schätzen unserer Zeit. Nick Cave and the Bad Seeds bewerkstelligen einen minimalistischen, auf das Piano fokussierten Sound, der den reifen Lyriker Cave vollends zur Entfaltung bringt. Man sollte sich nicht von vordergründigen Romantizismen täuschen lassen, die genauere Betrachtung offeriert die für sein Schaffen fast schon obligatorische biblische Schwere. Doch aus der kräftigen Theatralik vergangener Alben wird eine intime, besinnliche Reflektion, deren Wirkung in einer neu errungenen Schlichtheit liegt. Viele Lieder des Werks, nicht zuletzt das von einem so simpel wie eindringlich gehaltenen Video unterstützte Into My Arms, berücken und bedrücken.

Speziell der Track People Ain’t No Good erschafft eine von der Welt abgewandte Szenerie, in der sich die Liebenden von allem Übel abzuschirmen suchen und nach dem Auskosten der Liebe trachten. Jahreszeiten kommen und gehen, das Bild des  winterlich kargen Baumes, nun all seiner Blüten beraubt, kontrastiert das heimelige Glück, das kein Verwelken kennen will. Jene Beziehung soll nie und nimmer Verletzungen erfahren, wie sie Menschen einander manchmal zufügen. Und noch während Cave die Reinheit des Idylls überschwänglich bekräftigt und beschwört, erfolgt eine Brechung. „It ain’t that in their hearts they’re bad / They can comfort you, some even try / They nurse you when you’re ill of health / They bury you when you go and die“ räumt er ein, erkennt den Menschen als nicht von Grund auf böse an. Wie eine Erleuchtung zertrümmert sich sein Feindbild des Menschen, der fahrlässig das Leben anderer beeinträchtigt. Gerade in dem Moment, wo man das biedermeierne Ideal im Wanken begriffen spürt, schiebt der Erzähler jedoch seine Erkenntnis beiseite, folgt eine geradezu ironische Brechung durch die apodiktische Äußerung: „But that’s just bullshit /People just ain’t no good„. Selbst wenn der menschliche Natur keinen Hang zur mutwilligen Beeinträchtigung der Mitmenschen innewohnt, will man sich lieber gar nicht erst mit den kleinen Fehlern und Egoismen konfrontiert wissen und im geschützten Raum verbleiben.

People Ain’t No Good gerät zu einem Hilferuf, zu einer Suche nach dem völligen Schutz dessen, was die eigene Existenz gefährdet. Nick Cave findet darauf keine vernünftige, abgeklärte Antwort, hadert vielmehr mit der Welt, verweigert sich der Erkenntnis, dass die eigene Charakterstärke und Redlichkeit die beste Verteidigung bedeutet. Und dennoch wird der Hörer für fast 6 Minuten lang vom Sehnen nach dieser Weltflucht dominiert – und von der Bereitschaft beseelt, die eigene Liebe mit Zähnen und Klauen gegen jedes Übel zu beschützen. Und so regt dieses vermeintliche Liebeslied zur Überprüfung der eigenen Anschauung an. Sind die bösen Menschen das Problem oder die eigene Wahrnehmung der Umwelt?

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100 Songs – Teil 8 (The River)

Es sind die Schicksale des Alltags, verpackt in Poetik, die besonders berühren. Ob nun in der Literatur oder in einem Song. Die Wirkung von Bruce Springsteen lässt sich auf seine Fähigkeit zurückführen, den Nöten und Sorgen, den Hoffnungen und dem Scheitern der Unterschicht eine Stimme zu geben, die kraftvolle Bilder von oft quälender Wucht hervorruft. Besonders der frühe Springsteen ist Chronist der Verlierer, die sich gegen ein Dahinsiechen oder Abstumpfen wehren, keine drei Kreuze unter die eigene Kapitulationserklärung setzen, die Flucht nach vorn zumindest ins Auge fassen. Der Boss porträtiert eine Gesellschaftsschicht, die nie auf Rosen gebetet scheint und dennoch nie die Menschlichkeit in den täglichen Tretmühlen des Überlebens verloren hat. Springsteen mutiert dabei nicht zum Sozialromantiker.

Das Lied The River vom gleichnamigen 1980 erschienenen Doppel-Album gehört dabei zu den Highlights seines Schaffens. Die Geschichte einer jungen Teenager-Liebe, die an lauschigen Ufern des Flusses ihre Ekstase erlebt, und plötzlich in der Realität einer Schwangerschaft ankommt, bildet in 5 Minuten ein tausendfach erlebtes Schicksal ab. Die Eltern des Jungen zwingen ihn in die Verantwortung einer Ehe. Sein Job wird Opfer der Wirtschaftskrise und die Beziehung gerät zu einem lieblosen Nebeneinander. Dem Anti-Helden bleibt nur noch die Zuflucht in Erinnerungen an Zeiten, in denen die Zukunft noch weit weg und die Gegenwart voller Möglichkeiten der Glückserfahrung schien. Und er kehrt zurück zum mittlerweile ausgetrockneten Flussbett, das Ort früherer Leidenschaft und zugleich  Synonym des Versiegens der eigenen Träume bedeutet.

Springsteens Ballade offenbart Bitterkeit („Now all them things that seemed so important / Well mister they vanished right into the air.„), das übermächtige Wissen um das Versagen und  zugleich den Strohhalm süßer Erinnerung („At night on them banks I’d lie awake / And pull her close just to feel each breath she’d take.„), die am Leben hält, was abzusterben droht, und Trost in der Tristesse bietet. Der Boss gibt den Realitäten mit wenigen Worten eine unbeschönigende, schwergewichtige Dimension, eine simple Story, in der sich auch heute noch Menschen wiederfinden vermögen, wenngleich der weitverbreitete Wertekanon der Gegenwart die Norm der Verantwortung nicht mehr so schätzt. Umso heftiger wirkt nach wie vor das Gefühl, die falsche Abzweigung auf dem Lebensweg eingeschlagen zu haben, dem Scheitern ins Auge zu sehen und sich mit Reminiszenzen besserer Zeiten über Wasser zu halten.

The River strahlt mit seinen zeitlosen Sentimenten noch immer hell, bietet eine tiefgründige Relevanz. Wenn Musik gesellschaftlichen Wirklichkeiten einen Spiegel vorhält, bei all den Emotionen eben auch Wahrheiten in lyrische Prägnanz  fasst, dann darf Springsteen getrost als einer der hervorragendsten Vertreter genannt werden.

Das Video zum Lied findet sich hier oder hier.

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