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Unsere 75 Lieblingstracks 2012

Hier ist sie also nun, die Jahresbestenliste unser Lieblingssongs. Eine Momentaufnahme, zugegeben. Wenn wir am Ende des Jahres die persönlichen Favoriten Revue passieren lassen, dann stellen wir oft ganz verdutzt fest, welch zweifelslos prima Musik uns in jedem Jahr wieder durch die Lappen gegangen ist. Doch das Jahr hat eben nur 365 Tage, selbst wenn man jeden zweiten Tag ein neues Album für sich entdeckt, hat man gerade einmal 180 Alben gelauscht. Das ist nichts im Vergleich zur Fülle an Neuerscheinungen. Dazu kommen noch einzelne Tracks, die sich der geschäftige Blogger tagtäglich so anhört. Das ergibt in der Summe mindestens 3000 neue Tracks pro Jahr, gar nicht die gefühlten Millionen Tracks mitgerechnet, welchen man mit leidendem Augenaufschlag begegnet, die man bereits nach wenigen Sekunden auf Nimmerwiederhören verabschiedet. Von daher ist eine jede Bestenliste eines Blogs nur ein klitzekleiner Ausschnitt einer Gesamtwirklichkeit. Zugleich ist solch eine Zusammenstellung auch programmatisch zu verstehen, sie stellt den eigenen Geschmack zur Schau, grenzt sich ab. Wir machen nicht den Diener vor einer cleveren PR-Kampagne von Frank Ocean, finden Tame Impala schauerlich. Diese Liste will weder hip noch obskur und auch in keinster Weise vollständig sein. Sie soll unsere von Herzen kommenden Empfehlungen dieses Jahres nochmals unterstreichen. Mehr nicht.

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Poetische Erzählstürme – Adam Donen

Bilder lügen, und das nicht erst seit dem überbordenden Gebrauch von Photoshop. Manch Pose unterstreicht den Schein, retuschiert das Sein. Adam Donen etwa wirkt auf dem offiziellen Pressefoto wie ein blasierter Dandy aus einer der Degeneration mal eben so von der Schippe gesprungenen britischen Oberschicht. Klischeeverbrämte Details drängen sich meiner Vorstellung auf. Ein heruntergekommener Landsitz samt Adelstyrannen, dessen ältester Spross sich als unglücklich agierender Investmentbanker verdingt. Und dann eben noch Adam, künstlerisch veranlagt und somit das schwarze Schaf der Sippe. Feingeistiger Rebell mit Fluppe in geistlos steriler Umgebung. Soweit also meine lausige Imagination, angestachelt von einem Bild. Fotos freilich sind trügerisch, eine Stimme hingegen lügt fast nie. Und so zeigt sich der aus Kapstadt stammende und mittlerweile in London lebende Singer-Songwriter mit seinem neuen Album Vampires als sensibler Poet, der neben der Feder auch die Stimmbänder schwingt. Ganz in der Tradition eines Leonard Cohen, wie selbst ein Blinder mit Krückstock zu hören vermag.

 

Vampires bietet nicht die Sorte Lyrik, die sich der Musik aufoktroyiert, behübschende Harmonien forciert und zugleich verachtet. Die Platte drängt natürlich auch nicht ins andere Extrem, nämlich für eine eingängige Hookline sämtliche textliche Kongruenz auf den Mond zu schießen. Donen singt und sprechgesängelt sich durch ein wunderbar tiefgründiges, vornehm elegantes Werk, dass man gar nie auf die Idee käme, den Albumtitel als Anbiederung an einen gegenwärtigen, auf billige Romantizismen fußenden Blutsauger-Hype zu verstehen. Beginnnen wir also unsere kurze Betrachtung mit dem morbiden und in gleicher Weise inbrünstigen Lied Heartwrenched Confessional #3, das sich irgendwo zwischen Friedhof und Varieté abspielt, Streicher und Percussion quirlig dramatisch verbindet. Zeilen wie „As the tightrope walker’s strung up by his wire/ As Orpheus was beat to death with his/ Lyre before the concert ended / As nothing ever truly ends/ This heartfelt prayer will be rendered/ Futile by some God or Jester/ And I’m sure we’ll meet again.“ verbinden Pathos mit Augenzwinkern. Die Hintergründigkeit eines jeden Satzes, die beifällig geäußerte Ironie, das gefällt ungemein. Der Track Sophia wiederum paart den sehnsuchtsschweren Troubadour („And I wait on the vast and empty shore, beyond recrimination/ And dreaming of you„) mit einem sireneske Lockrufe ausstoßenden Sopran. Donen kann auch nicht nur Süffisanz, vermag blank liebeskrank zu tönen. Wo Musiker ihre Lyrics oft vage halten, weil es ihnen an der Kunst zur Zuspitzung mangelt, entwickelt Donen eine Prägnanz, welche alltägliche Tragödien der menschlichen Existenz in eine einzelne Strophe presst. Die aufgefächerten Schicksale werden dabei nie mit moralinfettigem Zeigefinger exponiert, eher schon als Unausweichlichkeiten definiert. „And the diminutive hippie girl all sun-kissed and pretty/ Sits cross-legged with her soulmate finding heaven in their poverty/ Till garnering the attentions of a merchant of the city/ Her soulmate she trades for the tombstone-grey chequebook of security.“ schildert den Pragmatismus, der einem kitschigen Happy-End stets im Wege steht (Manor House Girl). Donen strapaziert das Fühlen nie über, stochert nicht in unreflektierten Emotionen herum, imponiert mit nüchterner, kräftiger Poesie. Das beschert dem Titeltrack Vampires einen achteinhalbminütigen Erzählsturm von dylanscher Qualität, verlangt dem Hörer alles ab.

Adam Donen profiliert sich als komplexer, unzeitgemäßer Singer-Songwriter, der Folk mit klassischer Anklängen praktiziert, in dieser artifiziellen, meist düsteren Atmosphäre dichtend umher wandelt. Vampires verdunkelt eine spröde Gegenwart mit der Aura viktorianischer Schauermärchen,  schwankt zwischen Fatalismus und Ungewissheit. Donen deklamiert im Stile eines unantastbaren, von mächtiger Feder gedrängten Poeten. Deshalb stellt dies Werk den Hörer vor Herausforderungen. Es beschert bei aller Eleganz vorwiegend sperrige, unpopuläre Kost. Wer hingegen Musik mit Abgründen schätzen, sollte den Sprung nicht scheuen. Donens beredte Tiefen lohnen eine eingehende Erkundung.

Vampires ist am 04.05.2012 auf Songs & Whispers erschienen.

Konzerttermine:

14.06.2012 Kiel – Prinz Willy
15.06.2012 Bremen – Festival contre le Racisme @ Theatrium
19.06.2012 Worpswede – Café Kandinsky
20.06.2012 Hamburg – Freundlich+Kompetent
21.06.2012 Berlin – St. Gaudy Cafe
22.06.2012 Berlin – Soupanova
23.06.2012 Osnabrück – Big Buttinsky

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Musikalischer Zauberwürfel – Adam Donen

Manch Album bekomme ich einfach nicht zu fassen. Wie ich es auch drehe und wende, sobald ich Hand anlege, entpuppt es sich als musikalischer Zauberwürfel. Dem aus Südafrika stammenden und in London weilenden Singer-Songwriter Adam Donen ist es mit seinem Werk Immortality gelungen, mich ein wenig kirre zu machen. Nicht etwa, weil es unmöglich in eine Schublade zu verfrachten wäre. Wir haben es hier mit nett ausstaffiertem Folk zu tun, der als Bühne für pittoresk-altmodisch fabulierte, referenzenreiche Poeme dient. Donen zitiert Goethe auf Deutsch(!), fürchtet generell keinerlei Bedeutungsschwere, mengt seinen Dichtungen eine ordentliche Portion Dramatik bei.

Ist der gute Mann nun ein mit viel Aufwand agierender Blender oder doch einer vom Schlage eines Leonard Cohen? Einer, dem mächtige Lyrics einfach so aus dem Füller strömen? Ich mag mich schwer entscheiden. Manchmal glaube ich die manierierte Sprache mit den Händen greifen zu können, dann wiederum will mir die eloquente Inbrunst sehr gefallen. A Century of Stone zum Beispiel offenbart mir den Sinngehalt keine Sekunde lang, aber lechzen Zeilen wie „Where childlike breastless sphinxes/ Rub paws inside their skirts, purring:/One of these is pleasure, love,/ But both of them are work.“ bei aller Kryptik nicht geradezu nach Wirkung? Die Theatralik von It’s Over Now wird noch durch einen eindringlichen Vortrag, der durchaus mit Wahnwitz kokettiert, verstärkt. Abermals freilich steht der kleine Rezensent vor dem Text – gleich einem kleinlauten Sünder vor der Himmelspforte – und versucht solch Worten „It was a headache we always saw coming./Cool lights of day done their snake in the grass act;/You foresaw the first shoots of spring:/A confederacy of liars and drunken cunts kissing:/Let it not be said we lacked ambition.“ neben Pathos eine Botschaft zu entnehmen – und scheitert doch bereits an der im Booklet dargestellten Interpunktion. Nein, den Gedankengängen Donens vermag ich selten zu folgen. Lullaby for Kaiya als traurig-nüchternes Liebeslied gehört zu den wenigen Momenten, in denen der werte Herr nachvollziehbare Empfindungen präsentiert. Und just hier gerät sein Griffel ungelenk ins Schlingern. Ein Umstand, welchen man ihm verzeiht, weil man mit dem Mitfühlen beschäftigt ist. Letztlich erweist sich für mich der Song Tomorrow’s Gone als gelungenster Titel, da sogar mein simpel angehauchtes Gemüt die Botschaft des Refrains „Tomorrow’s gone and it’s not coming back.“ verinnerlichen kann.

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Je länger ich meine Stirnfalten der Akrobatik des Grüblens aussetze, desto eher bin ich zu einer positiven Einschätzungen von Immortality bereit. Adam Donen trotzt dem Zeitgeist, streicht diesen Anachronismus nicht bloß hervor, sondern stellt ihn mit der ihm eigenen Poesie Zeile für Zeile unter Beweis.  Zusammen mit dem kammermusikalischen, von Akustik-Gitarre und Streichern dominierten Sound ergibt dies eine schwer zugängliche Platte, deren Reiz eben in jener vorherrschenden Unnahbarkeit begründet liegt. Fortgeschrittenen Musikhörern sei die Platte daher ans Ohr gelegt.

Immortality ist am 28.01.11 auf Songs & Whispers erschienen.

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