Feuchter Traum eines jeden wackeren Kulturinteressierten – Aino Venna

Das Chanson imponiert als großartige musikalische Errungenschaft. Es versöhnt Poesie mit dem Populären, schlägt eine Brücke zwischen künstlerischem Anspruch und Massengeschmack. Das Chanson kennt Schwermut, Schmachtereien, Sozialkritik und Spaß. Es ist das essentielle Vermächtnis Frankreichs. Die Grande Nation ist nämlich längst auf dem Abstellgleis gelandet. Die Tage, in denen sie in Film, Musik, Literatur und Philosophie geradezu Maß aller Dinge war, sind längst vorbei. Das Chanson jedoch bleibt. Und wie sinnig, modern und prägnant es auch 2013 zu tönen vermag, das beweist ausgerechnet die Finnin Aino Venna. Dass sie ihr Album als Hommage an Marlene Dietrich verstanden wissen will, ist ein Fingerzeig. Auch in Deutschland existierte zeitweise eine unantastbare Virtuosität in diesem Genre. Auf die im April endlich hierzulande erschienene Platte Marlene hatte ich bereits im Februar – nach einer Empfehlung auf dem Polarblog – hingewiesen. Dennoch fühle ich mich bemüßigt, die Großartigkeit dieses Werks nochmals zu unterstreichen. Auf gewisse Art ist Marlene der feuchte Traum eines jeden wackeren Kulturinteressierten, der sich einen Funken Emotionalität bewahrt hat und eben noch nicht alles auf staubtrockene Intellektualität herunterbricht. Dieses überragende Reife verströmende Debüt ergründet unermüdlich Gefühle, hat eine Händchen, allerlei Stimmungen in Melodien einzufangen, und bietet eine dunkle, wissende, leidende, zärtliche Stimme, die sich keine Sekunde vor den großen Vorbildern des Chansons zu verstecken braucht.

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Stippvisite 04/02/2013 (Live aus dem Trappistenkloster)

Dieser Tage hält sich mein Mitteilungsbedürfnis in Grenzen. Schweigen ist bekanntlich Gold. Allerdings befolgen nur noch zwei Berufsgruppen dieses kluge Sprichwort, Mafiosi und Trappistenmönche nämlich. Und mögen Trappisten wie alles Kirchliche gesellschaftlich noch so geächtet sein, zumindest im Bezug auf das Schweigen könnte sich jeder eine Scheibe abschneiden. Ich für meinen Teil sage nun auch kaum einen Mucks mehr, lasse die Musik für sich sprechen.

Duetttipp:

Unter dem Namen The Weather Station wirkt die kanadische Singer-Songwriterin Tamara Lindeman seit bereits zwei Alben. Ihr jüngstes Projekt nennt sich nun The Weather Station Duets Series und besteht aus Singles, die sie mit Liedermacherkollegen eingespielt hat. Der Titel First Letter, zusammen mit Marine Dreams fabriziert, ist voll kultivierter Zartheit und verträumter Entschleunigung. Großartig! Dieses Juwel ist noch dazu als Gratis-Mp3 auf SoundCloud verfügbar. (gefunden bei Nicorola)

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