Stippvisite 29/04/12 (Über Keuschheitsringe und Gegengifte)

Eine vortrefflich sortierte Musiksammlung ähnelt einem prall gefüllten Kleiderschrank. Für alle Anlässe, jedwede Wetterlagen und die kleinen wie großen Momente der Tages findet sich etwas darin. Und so wie die Mehrzahl neue Kleidungsstücke nicht unbedingt zuerst am Grabbeltisch sucht, man vielmehr nach einem schönen und doch erschwinglichen Teil auch in hinteren Winkeln und Nischen fahndet, bestenfalls die Basics mal so in den bekannten Modehäusern erwirbt, derart sollte auch im Musikbereich ruhig – wenngleich nicht ausschließlich – abseits der Charts geschaut werden.  Auch heute habe ich wieder ein paar Vorschläge im Gepäck, die nahezu jeden Tag auszuschmücken vermögen. Sie mögen keine Haute Couture sein, aber eben viel mehr als nur schlichte Massenware bedeuten.

Spinnwebentipp:

Keith Kenniff ist ein umtriebiger, unter vielen Namen werkender Musiker, dessen Projekte ich in der Vergangenheit mehrfach erwähnt habe. Mit Mint Julep veröffentlichte er letztes Jahr das gute Save Your Season, als Goldmund beeindruckte er mich 2010 mit der Platte Famous Places. Und doch stand er aus irgendeinem wenig nachvollziehbaren Grund nicht auf meiner Liste zu beobachtender Künstler. So habe ich sein jüngstes, wiederum unter dem Alias Goldmund veröffentlichtes Werk All Will Prosper erst mit ein paar Monaten Verspätung registriert. Das Album präsentiert eine Sammlung von Folk-Songs aus der Zeit des Amerikanischen Bürgerkriegs. Wer jetzt meint, Kenniff würde diese Chose mit patriotischer Pampe bestreichen, dem sei versichert, dass dies keine Sekunde lang geschieht. Die Lieder sind in ihrer instrumentalen Schlichtheit überwältigend, ein dezentes Stück Folklore eben. Selbst einem Titel wie Amazing Grace haftet spinnwebene Nostalgie an, When Johnny Comes Marching Home versprüht eine geschundene Traurigkeit. Das Werk transportiert keine Romantizismen des Krieges, kein mit Pauken und Trompeten dargebrachtes Heldentum. Es sind monotone Kleinode, die mittels Piano und Gitarre ungemein viel auszudrücken vermögen. Anhören! (via Magnet Magazine)

All Will Prosper ist am 18.11.2011 auf Western Vinyl erschienen. Auf der Labelseite gibt es einen Track der Platte zum Download. Unten angedocktes Widget beschert einen weiteren Download.

Reinheitsringtipp:

Bis gestern war mir nicht bekannt, dass es so etwas wie Keuschheitsringe gibt. Und ganz will sich mir der Nutzen solch falscher Frömmelei und auf Banalitäten festgepinnter Gottgefälligkeit auch nicht erschließen. Wenn sich nun eine Formation Purity Ring nennt, dann sollte man durchaus Vorsicht walten lassen, allerdings auch eine Spitze gegenüber Konservativismus vermuten können. Im Juli veröffentlicht das kanadische Duo auf dem nicht eben unbekannten Label 4AD ihr Debüt Shrines. Und der als Vorgeschmack dienende Track Obedear wird dem selbst erwählten Anspruch, nämlich Future-Pop zu fabrizieren, gerecht. Zumindest wenn man die Zukunft als blutjunge Schwester der Vergangenheit ansieht. Dieser Electro-Pop ist ideenreich verspielt. Trotz prinzipieller, obwohl gerade erst gefasster Abneigung gegen Keuschheitsringe werde ich die Platte sicher nicht unbeachtet lassen. Obedear ist auf PopMatters als Gratis-Mp3 verfügbar.

Verzückungstipp:

Kommen wir nun zu einer retroesken Verzückung, die ich auf Coast Is Clear gefunden habe. Blouse nennt sich ein in Portland im Bundesstaat Oregon ansässiges Trio. Bemerkung am Rande: Wenn man an die Indie-Hotspots der amerikanischen Musikszene denkt, sollte man auf diese Stadt keinesfalls vergessen. Blouse entspringen folglich keinem weißen Fleck auf der Landkarte – und auch die klangliche Verortung erweist sich als einfach. Tracks wie Time Travel oder Videotapes sind von den Achtzigern beseelt, genauer gesagt von dem Geist der Epoche, der keine kühlen, sterilen Synthies kennt, sich vielmehr auf fiebrige Verträumtheit fokussiert. Speziell Time Travel ist eine anbetungswürdige Nummer, die ich gar nicht oft genug hören kann. Das gleichnamige Debüt von Blouse ist im Dezember auf Captured Tracks und auf meinem Wunschzettel ganz nach oben gerückt. Wer nun ebenfalls dem Carme von Blouse verfallen ist, findet den Track Into Black als kostenlosen Download auf der Labelseite.

Abenteuertipp:

Post-Rock ist kein Kinderplanschbecken. Das Genre ist ein im positivsten Sinne ungemein erwachsenes. Der Hörer muss vor allem bei den melodischen Vertretern der Zunft bereit sein, einzutauchen und sich durch Wellentäler treiben und über Wellenkämme schaukeln zu lassen. Post-Rock verspricht Abenteuer, eine gereifte, durchkalkulierte Aufregung, der man sich als Lauscher vertrauensvoll hingibt. All das fühle ich, wenn ich mir das Album Renewal der aus Pirmasens stammenden Formation Colaris anhöre, die der werte Peter von den Schallgrenzen unlängst empfohlen hat. Colaris fahren in altbekannten Gewässern, sie loten keine neuen Untiefen aus. Doch weil die Gischt heftig spritzt, erliege ich der Reizflut der Platte, versinke in ihren grimmigen Momenten ebenso wie in den verlockende Gestade pinselnden Augenblicken. Natürlich handelt es sich hierbei um ein reines Nischenprogramm, wer sich bei Post-Rock bislang nicht wie ein Fisch im Wasser fühlte, der wird wohl absaufen. Genre-Liebhaber dürfen freilich schon mal die Segel setzen und sich Kaventsmännern voll Nervenkitzel hingeben. Der Track Reveal etwa oder Framed böten sich dazu an. Renewal ist am 01.03.2012 auf Revolvermann Records erschienen.

Downloadtipp:

Einen Hinweis will ich mir zum Ende nicht verkneifen. Mirroring, eine Zusammenarbeit von Jesy Fortino (Tiny Vipers) und Liz Harris (Grouper), veröffentlicht am 11.05.2012 das Album Foreign Body auf dem Label Kranky. Als ich auf Clash Music unlängst den Song Silent From Above hörte, war es um mich geschehen. Was für ein gedämpfter Depri-Sound! Ein Antidot gegen überbordende Fröhlichkeit. Wer ab und an mal nach solch einem Gegengift dürstet, sollte sich den Song hier gratis herunterladen.

SomeVapourTrails

Stippvisite 19/02/12 (Bereicherung anstatt Berieselung)

Musik hat sich in den vergangenen 15 Jahren ein durch und durch negatives Image verpasst. Als dank Napster die ganze Filesharing-Dynamik losgetreten wurde, stellte die Musikindustrie ihre Klientel unter einen Generalverdacht, reagierte mit oftmals unausgegorenen Restriktionen (Kopierschutz). Die Professionalität früherer Tage, als man mit viel Aufwand einen noch größeren Ertrag erzielte, Superstars noch und nöcher kreierte, wich angewandtem Dilettantismus, mit dem man den Möglichkeiten des Internets stets skeptisch begegnete. Musik im Fernsehen verkam ebenfalls weiter zum Unding. Sender wie MTV oder VIVA wurden zu einer Klingeltondauerschleife umfunktioniert. Castingshows trachteten danach, Popstars hervorzubringen. Die Chose entwickelte sich zu einem Bootcamp, welches den Teilnehmern Schweiß, Tränen und vollsten Körpereinsatz abverlangte. Die Dramaturgie der Schmierenstücke sah für Musik immer nur die Rolle des sich im Hintergrund abstrampelnden Komparsen vor. Die Musikrezeption schließlich, die früher einmal das Profil von Großmeistern und Chartbreakern schärfte, zugleich eine Filterfunktion übernahm, musikalische Ärgernisse mit beredtem Schweigen bedachte, musste vor einer großen Schar an Zeitgenossen kapitulieren, die selbst den schlimmsten Bockmist noch in Szene setzen und auf ungezählten Blogs und Online-Magazinen aufbereiten. Der technische Fortschritt erlaubte es zudem, dass sogar die ärgsten Nulpen nun ein Liedchen aufnehmen und ein mittels iPhone gedrehtes Video auf Youtube lancieren können. Das Ergebnis kann sich sehen lassen: Aus ungezählten Kehlen tönt Musik, tausende Plattenfirmen (Branchenprimusse samt Sub-Labels sowie unzählige Indie-Labels) verbreiten die Machwerke mit viel Tamtam, Legionen von Federn schreiben – beseelt vom Geiste des SEO – darüber. Dazu gesellen sich noch Millionen naiver Teenager, die sich ins Fernsehen johlen möchten. Die, die es nicht besser können, und die, die es nicht besser wollen, verbünden sich und rühren eine kackbraune Soße an. Natürlich werden genügend Hörer die Ohren darin tunken. Aber eben nicht alle. Wer sich gegenüber Musik noch ein Staunen bewahren möchte, sie als Bereicherung anstatt Berieselung erfährt, der darf wie immer unserem Blog vertrauen.

Downloadtipp:

Wie freue ich mich doch, wenn ich auf einen Reim treffe, der noch nicht abgenuschelt ist. Dann darf der Reim auch eine gewisse Schräge aufweisen, wie in der erinnerungswürdige Zeile „Teary eyes and bloody lips make you look like Stevie Nicks„. Moonface, eines der zahlreichen Projekte von Tausendsassa Spencer Krug, gewährt mit dem Song Teary Eyes And Bloody Lips einen ersten Eindruck, was von dem am 20.04.2012 auf Jagjaguwar erscheinenden Album With Siinai: Heartbreaking Bravery zu halten sein könnte. Zumindest dieser Track versinkt in temperamentvollem Bombast, vor dem man andächtig niederkniet. Allergrößtes Songwriting, fraglos eines der besten Lieder, die uns 2012 bescheren wird. Der Song ist auf Soundcloud als kostenloser Download verfügbar. (gefunden auf dem Blog von Jagjaguwar)

Covertipp:

Mut wirkt oft töricht, von Selbstüberschätzung beseelt. Man sollte ihm vor allem dann Respekt zollen, wenn er konsequent durchgehalten wird, nicht irgendwann in Panik umschlägt. Die kanadische Formation The Darcys hat sich daran gemacht, das 1977 veröffentlichte Album Aja, die erfolgreichste Platte der Band Steely Dan, zu covern. Diese Neuinterpretation eines Klassikers will dabei nicht nur als olles Tribute dahinplätschern, sondern einen ureigenen Charakter entwickeln. Den Jazz-Rock des Originals überwinden, die Songs aufblähen, verdüstern. Daraus erwächst ein überraschend eigenständiges Werk, welches eigene Kreise zieht, sich nie mondisch um den Planeten Steely Dan dreht. Dieses Aja bietet speziell mit dem Lied Josie ein ganz exquisites, entwurzeltes und beschwörerisches Cover. Man staune! (via Exclaim)

The Darcys – AJA by Arts & Crafts

Gegen Angabe einer E-Mail-Adresse ist das Album Aja hier als kostenloser Download verfügbar.

Geheimtipp:

Über den unter dem Namen The Migrant werkenden Dänen Bjarke Bendtsen hatte ich bereits in der Vergangenheit berichtet. Anfang Februar wurde nun in deutschen Gefilden seine neue Platte Amerika veröffentlicht. Ich hatte mir bereits im Herbst letzten Jahres ein Lesezeichen zum Albumstream angelegt und es irgendwie nie geschafft, darüber ein paar Worte zu verlieren. Nun hat mich ein Post auf Schallgrenzen also wieder daran erinnert. The Migrant praktiziert aufgeweckten Indie-Folk, manchmal poppig, mitunter auch verquer. Sobald Bendtsen das Konzept von Gitarre und Gesang beiseite legt, den Sound üppiger und kruder gestaltet, turnt das Album Dynamik und Strahlkraft vor. Als starker Track kristalliert sich beispielsweise Flight AA71 heraus, ein nicht nur wegen den Zeilen „The first time a cannibal was eating/ The first time a scientist was dreaming/ The first time when fireworks were filling the sky“ bemerkenswertes Stück, welches gekonnt wie gedehnt an den Nerven sägt. Zärtlicher, luftiger und doch larmoyant fällt da schon Molehills aus, 2811 California Street ist von einem Kaliber hymnischer und unruhiger Wucht, die durch den klagenden Gesang an Inbrunst gewinnt. Solch Lieder schlottern sich ins Mark, schrecken auch vor Kakophonie nicht zurück (Don’t Talk). Wenn dieses Album einen echten Makel gleich einem Mühlstein um den Hals trägt, dann das ausgesucht scheußliche Albumcover.

Gefühlstipp:

Wenn Frauen ihrer Gefühle ausbreiten, dann schalten meine Ohren keineswegs auf Durchzug. Wenn fragile, zarte Seelen ihre Emotionen kunstvoll falten, offenbaren diese Origami-Lieder oft erst bei genauerer Betrachtung all den darauf verwendeten Eifer. Die Songs der Norwegerin Synne Sanden wirken so verdammt skandinavisch. Krümmen sich dröge, breiten sich ins Innere aus, stülpen eine Leidensfähigkeit hervor, besitzen scharfe Kanten. Sandens jazzige Note umhüllt die emotionalen Konturen der letztjährige Scheibe When Nobody’s Around mit einem Schleier, schönt den Blick auf die verschrammten Miniaturen. Denn Sanden lamentiert gleich einem räudigen Kätzchen, das schon zu vielen Autos im allerletzten Moment ausweichen musste. Man möge mich nicht falsch verstehen, das Album besitzt durchaus Anmut und Finesse in aller Tristesse, aber besonders eine oft schonungslose Attitüde. Ein Song wie Returning Monster zeigt aber durchaus auch Krallen. Vor allem der Titeltrack When Nobody’s Around sowie Tired Heart sind hartgesottenen Gemütern ans Herz gelegt. Auch der als kostenloser Download auf Soundcloud verfügbare Titel Emotional Creature veredelt diese Platte. Fetischisten skandinavischen Songwritings sollten sich den Namen Synne Sanden unbedingt ins Notizbuch kritzeln. (via Polarblog)

SomeVapourTrails

Keine glubschäugigen Landeier – The Deep Dark Woods

Was in hiesigen Breiten völlige Vernachlässigung erfährt, wird andernorts gehegt und gepflegt. In Kanada beispielsweise finden sich immer wieder Bands, die einen ruralen Sound, der nicht auf Urbanität pocht, pflegen. Man muss nämlich nicht den Puls einer hyperaktiven Metropole fühlen, um anspruchsvolle wie zeitlose Musik zu ersinnen. Auch die Flucht in temporäre Einsiedelei samt anrühriger Naturerfahrung bringt doch nur Klänge hervor, die einen Kontrapunkt zum städtischen Sein darstellen wollen. Bei The Deep Dark Woods freilich scheint der Name Programm, bietet die Formation doch eine Mischung aus Folk und Americana, dessen intaktes ländliches Flair so einige Geschichten zu erzählen weiß. Das 2011 veröffentlichte Album The Place I Left Behind lässt vieles zurück, entfremdet sich von Orten wie Menschen, behält Erinnerungen dabei stets im Herzen, breitet diese oft voll wärmender Melancholie vor dem Hörer aus.

Die aus der kanadischen Provinz Saskatchewan stammende Formation bedient mit ihrem jüngsten Werk keine schlichten Fantasien, die ein Zurück zur Natur verklären. Eher schon steht ein Track wie Big City Lights verstört vor den Kulissen der Stadt und spricht gleich einem Mantra von Ruhe und Stille. Um zum Aussteiger zu mutieren, muss man irgendwann zuvor den Trubel zunächst einmal umarmt haben. Doch The Deep Dark Woods sind keine glubschäugigen Landeier, die es voll Euphorie in die weite Welt verschlägt, nur um schon kurz darauf die zivilisatorische Dekadenz der Großstadt zu erkennen. Ihre Reflektionen beschäftigen sich viel grundsätzlicher mit menschlichen Irr- und Abwegen, mit Herzschmerz und unweinerlichem Verlierertum.

The Deep Dark Woods – West Side Street by Sugar Hill Records

Never Prove False etwa propagiert den Fortgang, einen in dramatischen Folk gewandeteten Aufbruch in ein fremdes Land, welches schon mit einem Hauch Exotik lockt und über den Schmerz der notwendigen Trennung überschattet. Wirklich großartig fächert The Ballad of Frank Dupree die Gedanken eines Mörders vor der Hinrichtung auf, das Selbstmitleid eines verpfuschten Existenz, die Konfrontation mit der betrübten Mutter, allzu späte Einsichten. The Banks of the Leopold Canal wiederum handelt vom Einberufungsbefehl eines Soldaten, der ihn in den Krieg gegen die Nazis, genauer gesagt zur Schlacht an der Scheldemündung, schickt. Letztlich thematisieren The Deep Dark Woods gewollte wie ungewollte Abschiede sowie Wege, die in den Abgrund führen. Die Lieder definieren ein wie ein Schatzkästchen gehütetes Gefühl von Heimat ebenso, wie sie natürlich auch in die Ferne vagabundieren, nach Neuem streben. Jene Unrast tritt besonders im in jeglicher Hinsicht formidablen Titelsong The Place I Left Behind zutage. Eine Unruhe des Herzens lässt sich auf bei Virginia konstatieren, wenn eine süßliche Orgel das Liebesleid des in den Fängen der Angebeteten zappelnden Mannes untermalt. Wie Mary’s Gone gekonnt auf die Tränendrüse drückt, sagt viel über das Songwriting der Band aus. The Deep Dark Woods versteigen sich nie zu großen Dramen, schildern Schicksale mit einer Schlichtheit, vermeiden Mal für Mal ein Übermaß an Worten. Solch textliche Prägnanz wird durch die klare, ungeschniegelte, erdige Stimme Ryan Boldts ergänzt, abgerundet von einem wohldosierten, so abwechslungsreichen wie zugleich charakteristischen Sound aus Orgel, Banjo und Pedal-Steel-Gitarre.

Ob bluesige Note oder herrlichste Folkigkeit, ob Ballade oder schunkeliger Country, stets strahlt die Band unverfälschte Klänge aus. Eine ländliche Musik, die im Gestern wie im Heute fußt, sich abseits aller Klischees bewegt und perfekt austariert erschallt. Das absolut stimmige The Place I Left Behind driftet nie in die Angestrengtheit vieler Genre-Genossen ab, klingt umso fokussiert, je rastloser die Protagonisten der Songs durch das Leben stapfen. The Deep Dark Woods haben mit der Platte eines der echten Highlights des Jahres 2011 gesetzt. Eines, das lohnt, die musikalischen Leckerbissen von 2012 noch ein wenig schmoren zu lassen!

The Place I Left Behind ist am 18. 10.2011 auf Sugar Hill Records erschienen.

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Stippvisite 14/01/12 (Weg mit der Peitsche in unseren Köpfen)

Wenn sich in diesen Tagen die negativen Schlagzeilen gleich Karnickeln vermehren, dann sollte man das Gemüt mit schönen Dingen aufpäppeln. Man läuft in Zeiten der Globalisierung so leicht Gefahr, einen Kursrutsch an asiatischen Börsen persönlich zu nehmen. Jeden Rülpser einer Rating-Agentur als Angriff auf den eigenen Wohlstand zu verstehen. Wir meinen, auf Gedeih und Verderb den wirtschaftlichen Entwicklungen ausgeliefert zu sein. Hören sogar hin, wenn Arbeitgeberverbände die Versklavung der Beschäftigten als Idealzustand benennen. Aber werten wir es doch als zivilisatorische Errungenschaft, dass wir die Peitsche nicht mehr fürchten müssen! Höchstens die Peitsche in unseren Köpfen, die uns auf permanentes Funktionieren trimmt. Und hier hilft die Kunst, schärft Sinne und erfreut, sät Grübelei und Freude. Lenkt von Nebensächlichkeiten ab und fokussiert. So auch heute vorgestellte Musik.

Downloadtipp:

Folk meets Shoegaze, so lässt sich die Philosophie der Band The Nocturnes zusammenfassen. Mit Emma Ruth Rundle, ihres Zeichens auch Gitarristin der Post-Rock-Formation Red Sparowes, hat die Band eine veritable Frontfrau vorzuweisen. Das 2011 erschienene Album Aokigahara ist nicht frei von Längen, besitzt aber einige lauschige und andächtige Momente voll zeitloser Entrückheit. Der unspektakuläre, raffiniert repetetive Titel Love etwa zählt dazu. Natürlich auch der nahezu sakral anmutende Titelsong Aokigahara. Fast ebenso geglückt: The Road mit schön verwobenem Gesang. Diesem als kostenlosen Download auf bandcamp verfügbaren Album sollte man in einer Mußestunde sein Ohr leihen. (via Coast Is Clear)

Livetipp:

Wenn Musik eine ureigene Welt kreiert, die vor Atmosphäre nur so strotzt, sich in Rätseln vertieft, mit fiebrigen Schauern die Sinne weckt, dann sollte man solch Großartigkeit dankbar erlauschen. Im Falle von The Kilimanjaro Darkjazz Ensemble möchte ich nicht müde werden, die Faszination hervorzustreichen, die dieser einzigartige Sound in mir weckt. Wer seinerseits tief in unergründliche Gefilde eintauchen möchte, dem bietet sich mit Live – I Forsee the Dark Ahead, If I Stay eine feine Gelegenheit. Das erste Livealbum der niederländischen Formation liefert eine Werkschau, welche einen guten Eindruck vom bisherigen Schaffen vermittelt, dank zweier unveröffentlichter Tracks auch dem eingeschworenen Fan etwas Neues bietet. Den zwischen 2006 und 2011 in Spanien, Ungarn, Polen, Slowenien und den Niederlanden entstanden Mitschnitten haftet eine beeindruckende Aura an, die jeglicher Beschreiben letztlich doch nur spottet. Daher empfehle ich einmal mehr eine vertiefende Beschäftigung. Live – I Forsee the Dark Ahead, If I Stay ist auf bandcamp als Download verfügbar, bei dem man den Preis selbst bestimmen darf. Dieser muss nicht zwangsläufig 0 Euro betragen! (bei Schallgrenzen gefunden)

Entdeckertipp:

Wer bereits 30 Lenze oder mehr auf dem Buckel hat, wird sich vielleicht an eine Zeit erinnern, als man noch musikalischen Instanzen fernab des Internets folgte, auf die Empfehlung von Musikmagazinen hörte oder dem Verkäufer im lokalen Plattenladen vertraute. Irgendwie sehe ich heutzutage trotz gefühlter Millionen an Musikblogs wenige seriöse Autoritäten, deren eloquent geäußerter Geschmack stets gute Songs garantieren. Eva-Maria vom Polarblog freilich zählt zu den wenigen Ausnahmen. Was sie empfiehlt, beschert oft und öfter Freude. So auch die jüngst ans Herz gelegte finnische Formation Burning Hearts.  Wer dem – laut Eigendefinition – Electro-Folk-Pop lauscht, wird auf das Angenehmste berührt. Beispielsweise vom Song Burn Burn Burn, dem Single-Vorboten des für Februar angekündigten Albums Extinctions. Das Lied offeriert weit mehr als sacht dahin plätschernden, wohltemperierten Indie-Pop, den kein Wässerchen zu trüben vermag. Es hat schlicht und ergreifend zu viel Charme, um in Unscheinbarkeit zu verharren. Auch Into The Wilderness ist sehr gefällig, zeigt, dass Electro-Pop nicht immer als Drohung aufgefasst werden muss.

Burning Hearts: Burn Burn Burn by Solina Records

Into The Wilderness by Burning Hearts

Heute ist nicht alle Tage, demnächst mehr, keine Frage!

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Schnee von morgen – Stars For The Banned

Manch Album des vergangenen Jahres wurde auf diesem Blog nicht ausreichend gewürdigt. Und ehe uns 2012 mit verlockenden Neuerscheinung ködert, will ich meinen Blick in den kommenden Tagen noch ab und an zurück schweifen lassen. Der Wiener Robert Guenther hat mit seinem Projekt Stars For The Banned ein Debüt vorgelegt, welches in Sachen Larmoyanz und Tristesse an eine Zeit erinnert, da solch Attitüde noch als schicklich empfunden wurde. Früher waren dosiert desperate Emotionen noch unabdingbarer Bestandteil alternativer Musik, doch so wie sich Radiohead davon entfernten, lieber in Lethargie und Orientierungslosigkeit vergingen, derart ratlos verharrten viele Bands in Apathie. Stars For The Banned kultiviert eine derzeit sehr gestrige Tradition, die durchaus der Schnee von morgen sein könnte.

Das selbstbetitelte Album wirkt weinerlich, ohne dabei in Würdelosigkeit abzudriften. Es kennt keinerlei Hysterie, maltnie völlig Schwarz auf Schwarz. Dadurch wird es erst verdaulich. Zeilen wie „The car is really burning fast/ The brakes were never meant to last“ bieten bei allem Trübsinn vereinzelt auch ein klitzekleines Augenzwinkern an. Deshalb steht ein Song wie etwa Arrest My Eyes bei mir hoch im Kurs. Denn obwohl ich kein Freund von Lyrics bin, die sich extrem auf Gedanken- und Eindrucksfetzen fokussieren und daraus einen Labyrinth konstruieren, aus dem der Ausweg als vage letzte Hoffnung erscheint, so bin ich wirklich angetan, in welcher Qualität dies hier geschieht. Weil Guenthers Vortrag komplexe Emotionen hervorzukitzeln versteht, den Hörer dabei mit erstaunlicher Leichtigkeit in seine Perspektive schlüpfen lässt. Weil eine nebulöse Zuversicht manch Lieder vor bleischwerem Fatalismus rettet, die Bitterkeit ein bisschen verdünnt (Taste). Die Worte „We will choke/ On a tiny overdose of hope“ fassen die Stärke dieser Platte zusammen, die einen gefasst verzweifelten Protagonisten herumirren lässt. Nicht phlegmatisch, zynismusfrei – und deshalb auch unzeitgemäß. Numbered Rows wirkt darum auch wie ein feines Überbleibsel von vor mindestens zehn Jahren. Zu den weiteren Highlights zählt das schwülstige Chiffren skandierende The Arrows, auch Party For The Weak mit der beschwörerischen Zeile „Keep your secrets long enough“ quält sich durch hörenswerte Schmerzen.

Arrest My Eyes by starsforthebanned

Stars For The Banned entwickelt eine Sogwirkung, welche den Hörer mit jedem Lied weiter in einen tiefgründigen Gefühlsstrudel zieht. Der Sound verleugnet Vorbilder nicht, bleibt jedoch stets spannend genug, um die Bühne für einen großartig larmoyanten Vortrag und gut ersonnene Lyrics zu bieten. Man verzettelt und verheddert sich in dem Album, da es nie in Offensichtlichkeiten und Trivialitäten mündet, zugleich jedoch keinesfalls als verstörender Hauch von nichts irgendeinen Trend bedient. Stars For The Banned schüttelt flockigen Schnee von gestern über uns aus. Oder wird es gar der  Schnee von morgen?

Stars For The Banned ist am 30.09.2011 auf Labelship erschienen.

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50 Albenschmankerln des Jahres 2011

Aus mir wird in diesem Leben kein Apostel des Metal mehr. Und R’n’B wird mir nie wirklich geheuer erscheinen. Auch die Geschmacksnerven der werten Co-Bloggerin grasen einen wohldefinierten Bereich ab. Kurzum, unsere 50 Platten des Jahres erheben keinerlei Anspruch jegliches Genre gebührend zu berücksichtigen. Wir bleiben so aufgeschlossen wie möglich, behalten uns allerdings vor, Dinge gänzlich zu ignorieren, die uns schlichtweg langweilig oder saumäßig mühsam erscheinen. Die Musik schenkt schöne Stunden, auch wenn man keine Fleet Foxes hört und sich an Bon Iver nicht ergötzt. Diese 50 Werke können wir besten Gewissens empfehlen. Sie spiegeln das wieder, was 2011 auf unserem Blog gelobt, mitunter vergöttert, stets mit gedankenvoller Schreibe begleitet wurde. Wir hoffen, auch 2012 ähnlich vielen Schmankerln verwöhnt zu werden.

 
1. Dark Dark DarkWild Go
2. KasabianVelociraptor!
3. Florence + the MachineCeremonials
4. LadytronGravity The Seducer
5. Joel AlmeWaiting For The Bells
6. Anna CalviAnna Calvi
7. FeistMetals
8. Still CornersCreatures Of An Hour
9. The Deep Dark WoodsThe Place I Left Behind
10. Ane BrunIt All Starts With One


11. Sin FangSummer Echoes
12. Amon TobinISAM
13. FM BelfastDon’t Want To Sleep
14. Brett AndersonBlack Rainbows
15. Africa Hitech93 Million Miles
16. Erland & The CarnivalNightingale
17. Juliette CommagereThe Procession
18. Noel Gallagher’s High Flying BirdsNoel Gallagher’s High Flying Birds
19. White LiesRitual
20. ExitmusicFrom Silence


21. Attwengerflux
22. PapercutsFading Parade
23. Stars For The BannedStars For The Banned
24. TinariwenTassili
25. Sebastian BlockBin ich du
26. Susanne SundførThe Brothel
27. Säkert!Säkert! På Engelska
28. Nils Petter MolværBaboon Moon
29. Flare Acoustic Arts LeagueBig Top/Encore
30. Other LivesTamer Animals


31. The JezabelsPrisoner
32. Dear ReaderIdealistic Animals
33. Lindi OrtegaLittle Red Boots
34. Helgi JonssonBig Spring
35. Collapse Under the EmpireShoulders & Giants
36. BADBADNOTGOODBBNG
37. Mirel WagnerMirel Wagner
38. The Kilimanjaro Darkjazz EnsembleFrom The Stairwell
39. Misteur ValaireGolden Bombay
40. The War On Drugs Slave Ambient


41. BlondiePanic Of Girls
42. Beady EyeDifferent Gear, Still Speeding
43. ModdiFloriography
44. SóleyWe Sink
45. Grey ReverendOf The Days
46. IVYAll Hours
47. CANTDreams Come True
48. Efrim Manuel MenuckPlays „High Gospel“
49. Pat AppletonMittendrin
50. Jacob FaurholtDark Hours

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Stippvisite 16/12/12

Samplertipp:

Wenn Labels Compilations unter das Volk bringen, dann entlockt mir das oft ein Gähnen. Der Holiday Sampler der kanadischen Plattenfirma Dine Alone Records freilich erweist sich so freigiebig wie freizügig. Speziell die Lieder von The Jezabels und We Barbarians hatte ich ja bereits in den letzten Monaten mit Empfehlungen bedacht. Ebenfalls atmosphärisch dicht tönt Caveman’s Easy Water. Passend zur Jahreszeit drängt sich das winterliche Tracks In The Snow von The Civil Wars ins Ohr.

The Civil Wars – Tracks In The Snow by PurplePR

Es lohnt sich also in diesem Falle zweifelsohne, den Sampler auf Festplatte zu bannen. Zum Stream und Gratis-Download dieser Zusammenstellung geht es hier.

Bockmisttipp:

Neulich in der Redaktion von Visions schien man verzweifelt auf der Suche nach einer möglichst kruden These. Und wurde leider fündig. Alte Musik sei Bockmist, was vor der eigenen Geburt auf Tonträger gepresst, höchstens im Ausnahmefall von Interesse. Denn gestrige Musik habe einen begrenzten Horizont, sei höchstens von nostalgischem Wert. Aus sexistischen Gründen hat Visions diesen Unfug dann von einer weiblichen Redakteurin zu Papier bringen lassen. Denn Frauen sind ja für ihre Gefühle bekannt, der Mann jedoch mit Ratio gesegnet. Doch die irrige Meinung, wonach nur zu begreifen und erspüren ist, was in einer ähnlichen Realität zu der eigenen erschaffen wurde, verkennt den Umstand, dass Musik abseits aller Moden stets die selben Emotionen kultiviert. Unser Gefühlsrepertoire erweitert sich letztlich nicht, Fortschritt hin, Fortschritt her. Die Mittel zur Produktion von Musik mögen sich wandeln, die Inhalte jedoch nie. Liebeslieder sind im Jahre 2011 nicht tiefsinniger als vor 50 Jahren, Verliererballaden von heute nicht gesellschaftskritischer als manch traditierter Folk-Song. Wenn die Autorin des Artikels Früher war mehr oldschool tatsächlich allen Ernstes meint, dass Gegenwartsmusik auch deshalb im Vorteil ist, weil sie „aus allen vorhandenen Wegen wählen und noch neue suchen kann„, dann mag sie verkennen, ja verleugnen, dass alles schon einmal da gewesen scheint. Wo sind die neu tönenden Wege in der letzten Dekade?

Jeder darf seine Meinung vertreten. Aber wenn die Meinung ohne argumentatives Fundament geäußert wird, demaskiert sie sich letztlich selbst. Und zugleich auch die Musikzeitschrift, in welcher sie gedruckt wurde. Visions? Lächerlich.

Vorfreutipp:

Die schönsten Weihnachtsgeschenke sind nicht unbedingt die CDs, die im Dezember erscheinen, vielmehr schon die Pressemeldungen, welche die Highlights des nächsten Jahres verkünden. Als mich vor wenigen Tagen die Nachricht erreicht, dass Anfang März The Magnetic Fields via Merge Records eine neue Platte namens Love at the Bottom of the Sea unter die Leute bringen, kam große Freude auf. The Magnetic Fields stehen für reizend melodischen Pop für geschmackssichere Kenner und solche, die es werden wollen. Bleibt zu hoffen, dass die Veröffentlichung in Deutschland relativ zeitnah erfolgt.

Islandtipp:

So kurz vor knapp will ich natürlich noch eine im Wust meiner Bookmarks bereits angestaubte Empfehlung loswerden. Der wunderbare Polarblog hatte im Oktober mal die isländische Formation Vigri als schwerelosen Traumtänzerpop ans Herz gelegt. Und auch wenn ich mir die dieses Jahr erschienene Platte Pink Boats noch immer nicht gegönnt habe, so kann ich dem Song Sleep nur absolute Betörung abringen.

Und weil wir gerade bei Island sind: Eine der Platten, die 2011 verschönerten, habe ich leider aus Zeitgründen nie gebührend würdigen können. Sóley ist mit ihrem LP-Debüt We Sink ein sehr versonnenes, in pastellfarbener Fantasie gezeichnetes Werk geglückt. Unbedingt entdecken!

Das soll es für heute auch mal wieder gewesen sein. Demnächst mal wieder mehr.

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Release Gestöber 16 (The Deep Dark Woods, Tindersticks, BADBADNOTGOOD, Zip Tone)

2011 nähert sich dem musikalischen Ende. Jetzt beginnt jedermann, der in diesem Jahr das eine oder andere Album für sich entdeckt hat, schon mal mit dem Bilanzieren. War es ein guter Jahrgang oder doch nur ein Mehr an Altbekanntem? Ich für meinen Teil bin noch heftig am Entdecken und mehr denn je der Überzeugung, dass das, was von führenden Magazinen als das Beste verkauft wird, höchstens einen kleinen Teil dessen widerspiegelt, was sich in musikalischer Hinsicht so auf Erden tummelt. So möchte ich den verbleibenden Wochen des Jahres noch jede Menge feiner Musik vorstellen. Für Bestenlisten ist es zu früh, es gibt noch sehr viel zu entdecken.

The Deep Dark Woods

Beginnen wir doch gleich einmal mit einem Album, welches zweifelsohne zu den besten Platten des Jahres zählt. Wer Folk oder Alternative Country liebt, muss das Album ohne Wenn, ohne Aber, ohne die klitzekleinste Einschränkung verehren. Die kanadische Band The Deep Dark Woods mag in hiesigen Breiten mit Unbekanntheit geschlagen sein, aber man vertraue mir, ich weiß, was ich tue und rate dringendst zur Entdeckung des Albums The Place I Left Behind. Ich werde in den nächsten Wochen noch öfter von dieser Platte schwärmen. Wer seine eigene Jahresbestenliste für 2011 mit einem wirklich feinen Werk aufpeppen möchte, der sollte noch rasch dem Zauber von The Place I Left Behind erliegen.

The Deep Dark Woods – West Side Street by Sugar Hill Records

Tindersticks

Manch tolles Album hört man Monate nach Erscheinungsdatum und erstarrt sofort vor Ehrfurcht. Anderen Platten wiederum darf man voll Vorfreude harren. Zum Beispiel The Something Rain der Tindersticks. Die Band rund um Edel-Stimme Stuart A. Staples wird ihr neuestes Werk am 17.02.12 auf City Slang veröffentlichen. Einen ersten Vorgeschmack liefert das Video zum Song Medicine.

Auch Konzerttermine gibt es bereits zu vermelden:

07.03.12 Berlin – Volksbühne
12.03.12 Köln – Gloria
15.03.12 Lausanne (CH) – Pully, Theatre de L’Octogone
16.03.12 Zürich (CH) – Kaufleuten

BADBADNOTGOOD

Nun zu einem weiteren Album, über welches ich nicht gerade übermäßige Berichterstattung vernommen habe. Wohl auch, weil man in Zusammenhang mit diesem Album das Wort Jazz erwähnen muss. Und dies verscheucht sogar aufgeschlossene Musikliebhaber. Dabei muss Jazz keineswegs das suspekte Laster des kultivierten Mannes in den mittleren Jahren sein. Wenn etwa Jazz auf (instrumentalen) Hip-Hop trifft, wie im Falle des kanadischen Trios BADBADNOTGOOD, dann entwickelt dieser entspannte Sound eine Anziehungskraft, die jedweder Beschreibung spottet. Das im September veröffentlichte Werk BBNG ist ebenso ein Genuss wie das jüngst erschienene BBNGLIVE. Wie die Band Cover neuinterpretiert und kräftig improvisiert, lässt mein musikbesessenes Herz vor Freude hüpfen. Warum die Formation alles als Gratis-Downloads unters Volk bringt, entzieht sich bei dieser Klasse freilich meinem Verständnis.

Auf bandcamp finden sich die Links zu den kostenlosen Alben-Downloads.

Zip Tone

Wir befinden uns ja in der durchaus privilegierten Lage, Alben lange vor Veröffentlichungstermin einfach so unter dem Türspalt durchgeschoben zu bekommen. Da sind musikalische Verbrechen ebenso darunter, wie schlichtweg wundervolle bekannte und unbekannte Künstler. Und manchmal denke ich mir, dass die Ansätze zwar ansprechend scheinen, die Umsetzung jedoch unspektakulär bis mangelhaft wirkt. Zumindest jedoch falsch akzentuiert. Wie im Falle von Zip Tone. Nun bin ich atmosphärischem Pop durchaus aufgeschlossenen, gerne darf auch sirenesk in abgehoben elektronischen Klängen geplanscht oder sogar softem Trip-Hop zugesprochen werden, aber wenn die Chose ab und an in New-Age-Klimbim abtaucht, wurde doch die eine oder andere Chance vertan. Denn prinzipiell schätze ich das Potential von Zip Tone überdurchschnittlich ein. Würde ich das Projekt von Kerstin Leidner als völlig uninteressant einstufen, kämen mir keine Worte über die Lippen. So jedoch möchte ich ein ein paar Zeilen zu dem Album Sandman verlieren.

Das A und O einer feinen Platte ist eine alles überragende Stimme oder schlichtweg virtuoses Songwriting, zumindest aber ein Kompromiss auf guten Niveau. Zip Tone kann eine feine, ätherische Stimme aufbieten, die nur ab und an ein wenig zu gestelzt wirkt, allzu brav tönt. Auch einige der Kompositionen scheinen, wenn man ihnen die hin und wieder übertriebene Entrücktheit verzeiht, durchaus mit Potential versehen. Alone beispielsweise bleibt stimmlich kräftig, wo viele Sängerinnen in hoffnungsloser Fragilität dahinseufzen würden. Dieser Track besitzt fraglos Charme. Auch Autum’s Atmosphere entwickelt sich stetig und kitschfrei, nimmt einen ansprechenden Beat auf, wenngleich die eine oder andere Synthie-Einsprengselung des Guten zuviel ist. Darin steckt eine keineswegs abgenudelte Exotik. Mitunter jedoch klingt die Sache so pathetisch wie beliebig (Falling), leblos wie gezeichnete Fantasy, ein Traumtänzerprojekt. Der gute Track Another Sandman wiederum bleibt gefühlvoll, ohne gleich gefühlsschwanger zu sein. Das Dilemma dieser Scheibe, zwischen künstlicher Ergriffenheit und schön schwebenden Emotionen zu schwanken, führt einmal mehr vor Augen, dass manch ordentliche Grundvoraussetzungen nicht zwangsläufig zu einem sehr guten Ergebnis führen müssen.


zip tone – alone HD-Quality__(c)2010 von zip_tone_music

Zip Tone vermag mit einzelnen Songs zu betören, die Platte selbst überzeugt jedoch nicht. Ein fokussierter Produzenten, der Sandman mehr Understatement sowie subtile Theatralik eingeimpft hätte, wäre für Sandman eine echte Wohltat gewesen.

Sandman ist am 09.12.11 auf Next Vice erschienen.

 

SomeVapourTrails

Hintergründigkeit im Vordergrund – Flare Acoustic Arts League

In Zeiten, in denen Internetaffinität keineswegs Erfolgsgarantie, vielmehr Grundvoraussetzung scheint, gönnt sich die Flare Acoustic Arts League beziehungsweise Mastermind LD Beghtol den Luxus, dem Netz mit Ignoranz zu begegnen, nicht einmal eine eigene Homepage vorzuweisen. So verwundert es auch nicht, dass die neueste Veröffentlichung der Flare Acoustic Arts League im digitalen Raum nicht eben mit großer Beachtung begegnet wurde. Dabei hätte sich die Doppel-EP Big Top/Encore durchaus Aufmerksamkeit verdient. Weil sie die Sorte Musik auf Scheibe bannt, welche die Würde des Pops hochhält. Weil memorable Melodien bestens arrangiert und nie auf unkenntlichen Hochglanz poliert werden. Man bereits nach einem Hördurchlauf vom Charme der Platte umflochten ist und sich mit jedem weiteren Mal tiefer darin verheddert. Der beste Pop scheint eben noch immer der, welcher Hintergründigkeit in den Vordergrund holt. Dann wird aus Radio-Gedudel auch Musik.

Wer darum weiß, dass LD Beghtol auch auf den legendären 69 Love Songs von The Magnetic Fields mitgewirkt hat, der mag die Eleganz von Big Top/Encore erahnen. Ganz im Geiste dieses ausgesucht kultivierten Sounds ist die Doppel-EP ein wärmendes Leuchtfeuer in der kühlen oder oftmals leider überzückten Pop-Landschaft. Die Vorzüge der Lieder liegen nicht im Spektakel einzelner Tracks, sondern in der gebündelten Qualität. Hervorzuheben wäre jedoch der vor Esprit sprühende Song The Kinetic Family als Musterbeispiel dafür, wie das von LD Beghtol handverlesene Ensemble zusammenwirkt. Oder nehmen wir das im Sixties-Flair gehaltene Hideous Ethnic Stereotype, ein ebenfalls berückender Titel, dessen bissige Lyrics sich angesichts der schmissigen Melodie erst im Nachgang erschließen. Zeilen wie „I think it’s nice/ That you saved the biggest slice/ Of your wedding cake for me/ Thanks for the calories/ But I’m tired of your scraps/ And I’m never coming back“ sind es, die der Süße der Melodien eine Bitterkeit beimengen (Scenario).

Flare Acoustic Arts League – Hideous Ethnic Stereotype by Affairs Of The Heart

Die Flare Acoustic Arts League kreiert kunstvoll arrangierten, erwachsenen Pop, der die sich zu Launigkeit bekennt, trotz aller Beschwingheit vor Abgründen strotzt. Warum die Veröffentlichung als Doppel-EP erfolgen musste, zumal es zwischen den EPs keinen Stilbruch zu vermelden gibt, entzieht sich meiner Kenntnis. Aber vielleicht deutet Big Top/Encore damit auch an, dass LD Beghtols Schaffen keinerlei Koventionen unterliegt. Doch werden Extravaganz und Brüche heute auch nur dann richtig wahrgenommen, wenn sie mit Pauken und Trompeten verkündet werden. Dazu freilich ist die Flare Acoustic Arts League schlichtweg zu feingeistig, bleibt darum weiterhin leider nur Geheimtipp. Wer den Begriff Connaisseur nicht als Schimpfwort, vielmehr als Selbstbeschreibung begreift, sollte um dies Werk keinen Bogen machen.

Big Top/Encore ist am 25.11.11 auf Affairs Of The Heart erschienen.

Konzerttermine:
(zusammen mit Maria Taylor, Unbunny)

12.01.2012 Wiesbaden – Walhalla
13.01.2012 Duisburg – Steinbruch
14.01.2012 Münster – Gleis 22
15.01.2012 Hamburg – Knust
16.01.2012 Leipzig – Moritzbastei
17.01.2012 Berlin – Comet
20.01.2012 Dresden – Beatpol
22.01.2012 München – Orangehouse
23.01.2012 Wien (A) – B72
24.01.2012 Konstanz – Kulturladen
25.01.2012 Zürich (CH) – Ziegel oh Lac
26.01.2012 Aarau (CH) – Kiff
27.01.2012 Geislingen – Rätsche
28.01.2012 Köln – Motoki

Link:

Rezension auf das klienicum

Flare Acoustic Arts League auf Affairs Of The Heart

SomeVapourTrails

Mag dein Ja auch mein Jein sein – MUD MAHAKA

Ich meine, dass in jedem künstlerischen Werk auch folgende Botschaft mitschwingt: Ja, ich bin kreativ. Ja, ich will deine Zeit beanspruchen. Ja, ich bin der Überzeugung, ich habe mir sie verdient. Jede Veröffentlichung zeugt von Selbstbewusstsein, trachtet nach Selbstbestätigung. Indem Hörer um Hörer das Werk konsumiert, vielleicht verschlingt, bejaht er das Ansinnes des  Musikers und Komponisten. Wer freilich tagaus und tagein Musik erlauscht, über selbige reflektiert, läuft irgendwann Gefahr nahezu allen Klängen hingegen nur mehr mit einem Jein zu begegnen. Weil aus der schieren Klangmasse nur noch absolute Perfektion hervorsticht. Weil die eigene Meinung geschärft werden will und dies besser funktioniert, wenn man sich an einem Werk reibt.

Im Falle von MUD MAHAKA und der auf analogsoul erschienenen EP yes my friend but what is drängt sich mir ein Jein förmlich auf. Keinesweg weil die Platte ein weiterer Beitrag zum musikalischen Einheitsbrei – oder noch schlimmer: gequirlter Kunstmist – wäre, vielmehr existieren Ecken, Kanten und Ungereimtheiten, die der Chose vor jeglicher Eingängigkeit bewahren. Die Lieder beziehen eine gewisse Faszination aus der Sperrigkeit, die zu überwinden Aufgabe des Hörer scheint. Es sind Tracks, die den Hörer herausfordern, ihm jegliches Hören mit dem Bauch erschweren.  Intellektuell gezimmerte Musik eben, die nie die grazile Geschmeidigkeit eines Hits erreichen wird, aber dafür ausreichend Tiefe zum Sinnieren bietet.

Die EP bedeutet ein Angebot für Fortgeschrittene, offeriert dies jedoch frei von elitären Eitelkeiten. In den besten Moment gerade so anmutend, wie wohl viele Bands klingen würden, wenn sie Kunst statt Komerz fabrizieren dürften. beautiful beispielsweise glänzt als düsterer Pop, der die große Geste meidet, sich zu einem minimalistischeren Sound bekennt, dessen abgespecktere Dynamik dennoch wirkungsvoll bleibt. Oder die kakophonisch nebeneinander agierenden Instrumente der Ballade reality, die den Hörer quält, zumindest irritiert. Gleich einer störrischen Schönheit, die sich eine Fratze schminkt, um nicht zu sehr gemocht zu werden. yes wiederum kontrastiert die Lieblichkeit des Gesangs mit grobschlächtigen Einschüben von Drums. Allen Songs ist ein experimenteller Charakter gemein, welcher die Kompositionen mit Fragezeichen behaftet.

04 beautiful by analogsoul

MUD MAHAKA verstören, enervieren durchdacht. Eröffnen einen Gegenentwurf zu jedweder Oberflächlichkeit. yes my friend but what is nimmt ein Scheitern an den Konventionen in Kauf, wird aus den genannten Gründen dem Feinschmecker jede Menge Respekt abringen, aber zugleich auch eine unüberbrückbare Distanz behalten. Darum mag ich der Platte kein euphorisches Ja mitgeben, wohl aber ein dankbar ergrübeltes, nach inniger Beschäftigung ersonnenes Jein!

yes my friend but what is ist am 02.12.11 auf analogsoul erschienen.

Link:

Offizielle Homepage

Künstlerseite auf analogsoul

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