Schlagwort-Archive: Alben 2013

Identitätsbestimmung mit Ausrufezeichen – Ashia & the Bison Rouge

Vor zwei Wochen schon habe ich auf eine spannende Konzertreise von vier höchst talentierten Singer-Songwriterinnen hingewiesen. Unter der Bezeichnung American Songbirds touren gerade Ashia Grzesik, Kyrie Kristmanson, Rachelle Garniez und Stephanie Nilles durch Deutschland. Speziell die unter dem Namen Ashia & the Bison Rouge musizierende Ashia Grzesik habe ich für mich entdeckt. Grzesik ist im polnischen Breslau geboren und in den USA aufgewachsen. Ihr kammermusikalischer, stets mit omnipräsentem Cello ausgestalteter Pop bekennt sich daher zur osteuropäischen Pro­ve­ni­enz, offenbart sich burlesk bis surreal, kreuzt Chanson mit dem Charme des Cabaret, scheut schließlich auch vor manch slawischer Ballade nicht zurück.

Ihr letzten Herbst veröffentlichtes Werk Diesel vs Lungs beeindruckt vor allem als Identitätsbestimmung, die das europäische Erbe facettenreich in der Gegenwart entfaltet und verwurzelt. Identitätsbestimmung mit Ausrufezeichen – Ashia & the Bison Rouge weiterlesen

Release Gestöber 49 (Sharon Van Etten, Hanggai, Miraculous Mule)

Sharon Van Etten

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Photo Credit: Dusdin Condren

Meiner bescheidenen Meinung nach ist die amerikanische Singer-Songwriterin Sharon Van Etten die herausragendste Vertreterin der jungen Liedermachergarde. Die Grunde für diese Einschätzung habe ich in unzähligen Einträgen bereits ausgebreitet. Für Mai wurde dieser Tage ihr neues Album Are We There avisiert. Ein wenig wundert es mich doch, dass ob dieser Ankündigung die Erde nicht gebebt hat und die Dinge weiter ihren gewohnten Gang gehen. Sharon Van Etten bringt ein neues Album heraus! Ich für meinen Teil bin jedenfalls enthusiasmiert und schon vorab mit Dankbarkeit erfüllt. Warum? Darum: Taking Chances.


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Release Gestöber 46 (Späti Palace, Andreas Dorau, Eels)

Späti Palace

Wer heutzutage ein Label gründet und dabei über Liebhaberei hinausgehende Ambitionen hegt, hat die Zeichen der Zeit nicht verstanden. Dabei braucht es Klein- und Kleinstlabel, die mit Herzblut Nischen beackern, Vielfalt schaffen. Das neugegründete Berliner Label Späti Palace etwa möchte in Berlin wirkende Bands unterstützen. Und wenn man sich die aus aller Herren Länder nach Berlin gepilgerten Scharen von Musiker so ansieht, erscheint eine Bestandsaufnahme durchaus sinnvoll. Ende letzten Jahres wurde deshalb die Collection #1 präsentiert. Selbige verdeutlicht, dass man in Berlin quasi an jeder Straßenecke inspirierenden Acts begegnen kann. Ich hätte mir die Zusammenstellung wohl nicht angehört, wenn sie eben nicht einen dezidierten Bezug zu Berlin gehabt hätte. Und da wäre mir tatsächlich einiges entgangen. Beispielsweise der gedämpfte Indie-Pop-Track Holly der Formation Skiing. Oder Fenster mit der traurig-schmachtenden Ballade He’s Gone Away. Wer auf dieser Compilation irgendwelche Schülerbands aus der Hauptstadt vermutet, wird enttäuscht werden. Späti Palace unterstreicht mit diesem Sampler die Internationalität Berlins. Schwermütig, atmosphärisch dicht fällt Oil des Lap-Steel-Gitarristen Fredrik Kinbom aus, glitterbunt und shoegazig wiederum schrillt The History Of Colour TV mit Let’s Get Sick. Diese sehr feine Mischung, die die Magie des Musikersehnsuchtsortes Berlin bestens einfängt, ist als kostenloser Download auf Bandcamp erhältlich. Man glaubt es kaum, aber auf ein solch Label wie Späti Palace hat Berlin tatsächlich noch gewartet!

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Eine Handvoll Geheimtipps – 5 starke Alben des letzten Jahres

Ehe wir uns hier den ersten Veröffentlichungen des neuen Jahres zuwenden und natürlich auch noch das eine oder andere Album des abgelaufenen Jahres beleuchten werden, will ich nochmals auf fünf Platten von 2013 verweisen, die mir nachhaltig im Gedächtnis geblieben sind. Diese Handvoll ganz und gar unterschiedliche Werke sind vielleicht nicht alle sexy genug, um in Jahresresümees eine große Rolle zu spielen. Doch genau aus diesem Grund möchte ich sie noch einmal gebührend erwähnen und dem werten Leser ans Herz legen!

Dominik Plangger – Hoffnungsstur

Dem Südtiroler Liedermacher Dominik Plangger ist mit seinem Album Hoffnungsstur der Beweis gelungen, dass es um den engagierten, wortgewaltigen Nachwuchs im Genre deutschsprachiger Liedpoeten gar nicht schlecht bestellt ist. Plangger widmet sich auf diesem Album der gesamten Palette tradioneller Liedermacherkunst. Heimatverbundenheit und Urtümlichkeit werden ebenso thematisiert wie Protest, Gesellschaftskritik und Außenseitertum. Mal singt Plangger im Dialekt, dann wieder hochdeutsch, auch ein italienisches und englisches Lied sind auf der Platte zu finden. Eigenkompositionen gehen Hand in Hand mit Coverversionen von Konstantin Wecker, Hannes Wader, Lucio Dalla und Townes Van Zandt. Es überzeugt als Werk der vielen Einflüsse, als relevantes Album, dessen Folklore den reaktionären volktümlichen Schlager und sämtlichen Pathos der Deutschtümelei ganz und gar verachtet. (Review)

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Unsere 10 Lieblingsalben 2013

Während der Feiertage lässt sich das Musikjahr 2013 gut Revue passieren, ich persönlich halte nämlich nichts davon, schon Anfang November mit der Flinte herumzufuchteln und das Fell des Bären zu verteilen, noch ehe er erlegt wurde. Ende Dezember sieht die Chose jedoch anders aus. Das Jahr neigt sich dem Ende zu und jede gottverdammte Neuerscheinung ist mittlerweile gehört und einem Urteil unterworfen worden. Außer geschätzten 100 Platten, die sich noch in meinem CD-Regal stapeln. Da sind vermutlich wahre Schätze dabei, Juwel und Diamanten freilich, die erst 2014 nach und nach ausgebuddelt werden. Das schöne an der Flut von Musik ist ja, dass man immer Perlen findet, deren Glanz ganz und gar erfreut. Die gehörten Platten haben Freude ohne Ende beschert. Und vielleicht entdecke ich in den nächsten Monaten noch das eine oder andere Werk, dessen Lüster noch ein wenig heller strahlt. Es soll nicht Schlimmeres passieren, für den Moment jedoch habe ich meinen Frieden mit einem wunderbaren Musikjahr geschlossen. Ich finde es ja immer ein wenig pampig, wenn Menschen die Erscheinungen eines Jahres mit einem lässigen „durchschnittlich“ abtun. Wer in den zehntausenden Alben, die 2013 erschienen sind, keine Freude findet, weiß entweder nicht zu suchen oder vermag das Herz nicht zu öffnen. Die liebste Co-Bloggerin und meine Wenigkeit haben uns in diesem Jahr vorwiegend von alten Bekannten betören lassen. Auch wenn wir die Indie-Attitüde nicht verbergen wollen, hat es oftmals durchaus einen Grund, warum Musiker oder Band nicht nur eine Handvoll Likes auf Facebook haben. Das Obskure ist genausowenig Qualitätssiegel wie der Charts-Erfolg. Wir haben uns also auf eine Liste von Lieblingsalben verständigt, die unserer Lebenswirklichkeit entspricht. Unsere 10 Lieblingsalben 2013 weiterlesen

Ein Doppelalbum, das keines sein müsste – Chasing Grace

Als Musikfreund, der sich schon die eine oder andere Platte zu Gemüte geführt hat, gestehe ich einem Künstler gerne das Recht zu, sich auf Albumlänge zu verwirklichen. Ein einzelner Song mag begeistern, eine Band oder einen Singer-Songwriter begreift man jedoch erst, wenn man sich in ein gesamtes Album mit all seinen Höhen und Tiefen reinhört. Die dänische Formation Chasing Grace will sich diesem Test freilich so nicht stellen, versucht sich mit ihrem Werk gleich an einem Doppelalbum. II möchte die verschiedenen musikalischen Zugänge der Formation abbilden, CD Nummer 1 namens Shine offeriert folkigen Pop mit Mainstream-Appeal, die zweite Scheibe mit dem Titel Dust punktet mit urtümlicherer Roots-Music und einer meist rustikalen Portion Country und Americana.

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Gewinnspiel: Paul Carrack with The SWR Big Band – Swinging Christmas Live

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Paul Carrack with The SWR Big Band – Swinging Christmas Live

Heute wollen wir das für 2013 letzte Weihnachtsgewinnspiel starten. Diesmal wird ein Doppelalbum voller Weihnachtsklassiker in der Interpretation von Paul Carrack und The SWR Big Band verlost. Wer also neumodischem Weihnachtsschnickschnack gegenüber weniger aufgeschlossen ist, sollte nun zuschlagen. Unter allen Teilnehmern, die diesen Beitrag kommentieren, wird der Gewinner ermittelt.

1. Teilt uns in einem Kommentar mit, welches deutsche Weihnachtslied ihr besonders mögt.

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Ein Mehr als die Summe der einzelnen Teile – Kacy & Clayton

Es gibt simple Regeln, an deren Offensichtlichkeit man nie und nimmer rütteln sollte. Etwa wenn eine Bauernregel besagt: „Wenn es draußen dunkel ist, dann ist es Nacht“. Solch Logik ist schlichtweg entwaffnend. Und natürlich folgt auch die Musikbloggerei gewissen ehernen Gesetzmäßigkeiten. Im Dezember beispielsweise ist das Musikjahr längst gelaufen, da stellt man keine neuen Alben oder Songs mehr vor, sondern lässt alles Revue passieren, was bei drei nicht auf dem Baum ist. Ich hebe mir das Beste des Jahres allerdings noch für die Zeit zwischen den Feiertagen auf und möchte heute lieber auf ein Album verweisen, das sich wohl auf keinen der derzeit grassierenden Jahresbestenlisten finden wird. Das ist schade, denn das kanadische Duo Kacy & Clayton hat mit The Day Is Past & Gone ein Folkalbum klassischen Zuschnitts fabriziert. Diese Platte verkörpert meinen Traum von musikalischem Glück. Gitarre und Gesang, viel mehr bietet es nicht auf. Und aus dieser Schlichtheit entsteht ein Mehr als die Summe der einzelnen Teile. Darin liegt für mich der Beweis für Talent, dass man aus wenig viel macht. Jeder Fernsehkoch kann mit einem Budget von 100 Euro ein leckeres Menü zaubern, aber die wirkliche Kunst besteht doch darin, mit nur 10 Euro in der Tasche Gaumenfreuden auszuhecken. Viele der größten Erfindungen sind nicht von Fachleuten mit Know-how, allerlei Maschinen und jeder Menge Zeit ausgetüftelt worden, sondern vielmehr von Laien nach Feierabend in einer kleinen Kaschemme auf einem Blatt Papier ersonnen worden. Kurzum, Kacy & Clayton zaubern mit einer überschaubaren Anzahl an eingesetzten Mitteln die ganz große Folk-Tradition hervor.

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Kanadische Hoffnungsträger auf Deutschlandtour – The Belle Game

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Die aus dem kanadischen Vancouver stammende Formation The Belle Game ist mir vor einigen Monaten schon positiv aufgefallen, anlässlich der dieser Tage anstehenden Deutschlandkonzerte der Band sei nochmals auf diese Mischung aus Indie-Rock mit Schmackes und angedunkeltem, melodischem Pop verwiesen. Das im Frühjahr veröffentlichtes Debütalbum Ritual Tradition Habit wurde von Exclaim!, dem führenden kanadischen Musikmagazin, mit Lob bedacht, The Belle Game zu einer der vielversprechendsten Bands Kanadas gekürt. Und solch Lob kommt nicht von ungefähr! Die Formation vermag die beseelte Stimme von Andrea Lo großartig in Szene zu setzen. Ohne gesanglich exaltiert zu wirken, wird hier an Inbrunst und Ausdruck wirkliche nie gespart.

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Stippvisite 01/12/2013 (Ein Ab­ra­ka­da­b­ra auf den Lippen)

Überwältigungstipp:

Sumie attic
Photo Credit: Nina Wallén

Es existieren Momente, da kommt einem Sänger oder einer Sängerinnen ein Abrakadabra über die Lippen. In diesen Augenblicken völliger Berührung steht die Welt zwar nicht still, wird nicht alles heil und nicht jede Brille rosa, aber in solch Situationen gerät Kunst zur aufrichtigen Beglückung. Da gehen jetzt keine romantischen Vorstellungen mit mir durch, Musik stillt bekanntlich keinen Hunger, Musik lässt keine Pockennarben verblassen, Musik führt nie zum Weltfrieden. Aber Kunst bringt uns oft dazu, unser Menschsein zu erfahren, all die Facetten des Fühlens zu begreifen. Das mag jetzt vielleicht rührselig klingen, aber so ergeht es zumindest mir mit der schwedischen Sängerin Sumie.

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