Schlagwort-Archive: Alben 2014

Sonnenbrillenpflichtig – Superfjord

Jetzt schiebe ich es schon ein paar Wochen auf, heute will ich aber den Lesern ein wirklich tolles Album ans Herz legen, das zwar schon ein Jahr auf dem Buckel hat, aber meines Erachtens ein veritables Meisterwerk darstellt. Darauf gestoßen bin ich bei Eva-Marias Polarblog, einer Instanz in Sachen skandinavischer Klänge. Die Formation, von der ich erzählen will, kommt aus Finnland und nennt sich Superfjord. Laut Eigendefinition huldigen sie psychedelischer Musik und Jazzrock, kreieren „Music to hear colours to“. Oh ja, ihr Album It Is Dark, But I Have This Jewel ist tatsächlich sonnenbrillenpflichtig. Gegen diesen Farbrausch wirkt LSD geradezu sepiafarben. Superfjord sind eine Combo, die im fröhlichen Jam brilliert und großartigen Fusion fabriziert (The Great Vehicle), die auch ihre Reverenz gegenüber einem Genie erweist (A Love Supreme) und quasi als Draufgabe ein Talent zu atmosphärischer Versenkung, zu nachgerade augenzwinkernder Entrückung besitzt (I Seem To Have Forgotten What We Were Talking About).

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Schlaglicht 12: She Keeps Bees

Das Dasein des interessierten Musikenthusiasten entpuppt sich als durchaus mühsam. Speziell bei einer Vorliebe für nicht dezidiert dem Mainstream huldigende Musik wird man von der Fülle überwältigt. Es ist wie auf einer Fete mit lauter feschen Menschen, wo man nicht weiß, mit wem man zuerst anbandeln soll. Und das netteste Lächeln, die schönsten Augen, die sich in einer Ecke des Zimmers verstecken, übersieht man vielleicht sogar ganz. Ein Stück weit ist es mir so mit dem Album Eight Houses von She Keeps Bees ergangen. Ich hatte es vor Veröffentlichung zwar auf dem Radar, aber irgendwie habe ich es dann in der Masse aus den Augen verloren. Mein Verlust. Denn Eight Houses entpuppt sich im Nachhinein als Platte zum Verlieben, getragen von der überwältigenden Stimme Jessica Larrabees. Ihre Intensität erinnert an eine Juliette Lewis oder PJ Harvey, sie wirkt so bluesig und hemdsärmelig einerseits und zart und nuanciert anderseits. Sie steht somit ganz in der Tradition mächtiger, selbstbestimmter, charismatischer Frauenstimmen, die ihre Weiblichkeit auch über Dynamik und Stärke definieren und eben nicht die eigene Fragilität bis zum Exzess überbetonen.

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Schlaglicht 10: Manon meurt

Feiner Shoegaze mit einer weiblichen Stimme, irgendwo zwischen Schwanengesang und Nachtigall angesiedelt, dringt aus Tschechien an mein Ohr. Ich kann mich auf die Schnelle nicht entsinnen, in all den Jahres des Bestehens von Lie In The Sound schon einmal Musik aus Tschechien vorgestellt zu haben. Ich schiele schlicht selten gen Osten, aber eventuell ist diese eklatante Vernachlässigung ja doch auch einer Musikszene geschuldet, die nicht recht aus den Puschen kommt. Umso größer fällt mein Erstaunen darüber aus, dass die Formation Manon meurt einen derart verträumten, geradezu archetypischen Shoegaze an den Tag legt. Auf der im Februar letzten Jahres veröffentlichten, gleichnamigen EP sticht speziell der Song To Forget hervor: Melodische Gitarrenwände, entrückter Gesang, dazu das übliche Spiel mit Verzerrungen und Hall. Was will das Shoegaze-Herz mehr? Der Rest der EP kann sich ebenfalls sehen lassen, etwa die sachte Euphorie von Glowing Cityscape oder die zunächst ätherische, später gewittrige Dream-Pop-Melancholie von Blue Bird. Schlaglicht 10: Manon meurt weiterlesen

Regional ist besser 2: Woods Of Birnam

Ich lamentiere ja öfter mal, dass so manche Band, wenn man sie auch nur für eine Sekunde aus den Augen verliert, sich sogleich auf Nimmerwiedersehen auflöst. Jedenfalls habe ich vor einigen Monaten mit Erstaunen festgestellt, dass die Mitglieder von  Polarkreis 18 schon seit 2012 getrennte Wege gehen. So ganz habe ich nicht durchschaut, was nach dem großartigen Hit Allein Allein schief gegangen ist. Damals schien für die Dresdner eine internationale Karriere eigentlich durchaus realistisch. Ein paar Mitglieder von Polarkreis 18 machen mittlerweile zusammen mit dem Schauspieler Christian Friedel als Woods Of Birnam Musik. Das selbstbetitelte Debüt erschien vergangenen Herbst und hinterließ einen hochsoliden Eindruck und ab und an war auch jener hingebungsvoll-ekstatische Moment vorzufinden, der bereits Polarkreis 18 sehr gut zu Gesicht stand. Nicht umsonst hat es der Song I’ll Call Thee Hamlet auf den Soundtrack des Schweiger-Films Honig im Kopf geschafft. Wie sich dieser Titel von einer in Shakespeare’schem Grübeln verhafteten Strophe zum theatralischen Refrain aufschwingt, zählte im letzten Jahr sicher zu den gelungensten musikalischen Augenblicken deutscher Provenienz. Woods Of Birnam zeigen nämlich ein Beifall verdienendes Kunststück: Sie verstehen Songs auf kultivierten wie eingängigen Pathos hinzutrimmen, all das vermittelt die Leichtigkeit von Pop und zugleich eine tiefgängige Reife. Ein Song vom Schlage von Closer muss man geradezu mögen. Auch weil Friedels Gesang eine feine Empfindsamkeit bereithält. Sogar eher missratene Tracks, die vielleicht einen Tick zu sehr nach Song Contest tönen, vermag Friedel noch zu drehen, mit aufrichtig-unschuldiger Gefühligkeit auszustatten (Falling). Manchmal ringen sich Woods Of Birnam sogar zu Synthie-Pop durch (Dance) und auch derart machen sie eine gute Figur. Letztlich erweist sich aber die Band dann am besten, wenn sie sich ohne Wenn und Aber zur bedeutungsschwangeren Geste bekennt, so geschehen beim textlich mächtigen Titeltrack Woods Of Birnam („Life is but a tale/ Full of sound and fury and exuberance/ Told us by an idiot/ Who stands upon the stage and then/ Then is heard no more„). Spätestens hier hört mein Bedauern über das Ende von Polarkreis 18 auf, stellt sich uneingeschränkte Freude über dieses neue Projekt ein!

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Wundertüte von einer Rockoper – His Name Is Alive

Wenn ich den Inhalt von Tecuciztecatl richtig begriffen habe, dreht sich die Geschichte um eine junge Frau, der bei einer Ultraschall-Untersuchung mitgeteilt wird, dass sie mit Zwillingen schwanger sei. Statt Freude kommt jedoch Entsetzen auf, weil ein Zwilling wohl abgrundtief böse scheint. Die Frau wendet sich daraufhin an einen Bibliothekar, der sich nebenbei als Dämonenjäger verdingt. Zusammen mit ihm versucht sie, den bösen Embryo in ihrem Bauch zu töten, ohne dabei dem anderen Kind Schaden zuzufügen. Klingt wie aus einem billigen Horror-Trash-Movie entsprungen? Das ist zweifelsohne so beabsichtigt. Tecuciztecatl will eine psychedelische Rockoper sein, die den Hörer irritiert und fesselt. His Name Is Alive, das schon seit 25 Jahren bestehende Projekt von Mastermind Warren Defever, hat sich in all den Jahren vorwiegend in der Indie-Nische versteckt und der Unberechenbarkeit gefrönt. His Name Is Alive ist eigentlich eine Misserfolgsgeschichte, weil die unzähligen Sängerinnen der Band, die immer wechselnden stilistischen Ausrichtungen jedwede Wiedererkennung stets torpedierten. Defever war und ist ein einfallsreicher Kopf, der seinem Schaffen jedoch nie ein Mindestmaß an Kohärenz einzuhauchen vermochte.

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Schatzkästchen 5: My Brightest Diamond – Ceci est ma main

2014 war ein musikalisch wirklich wunderbares Jahr und doch darf das natürlich nicht als Ausrede dienen, weshalb das Album This Is My Hand von My Brightest Diamond nicht mehr Beachtung erhalten hat. Der unter dem Projektnamen My Brightest Diamond wirkenden US-Singer-Songwriterin Shara Worden ist mit dieser Platte nicht weniger als die Versöhnung von Herz, Hirn und künstlerischem Wagemut mit dem Pop gelungen. Wohl auch deshalb erscheint es mir konsequent, dass Worden nicht einfach traditionellen Vermarktungsmustern folgt. Ihren verqueren Zugang zum Pop bringt sie dadurch zum Ausdruck, dass sie nun einige Monate nach der Veröffentlichung keineswegs der unzeitgemäßen Praxis der Single-Auskopplung folgt, sondern kurzerhand dem Titeltrack This Is My Hand eine Version in französischer Sprache spendiert. Zur Originalfassung fielen mir anlässlich der Albumveröffentlichung folgende Worte ein: „Die Wurzeln von Existenz und Antrieb wurden im Pop selten klarer konturiert. Wie Synthies, Percussion und Bläserfanfaren im dezenten Zusammenspiel dem Song zusätzliche Dichte und unwiderstehliche Dringlichkeit verleihen, das funktioniert schlicht überwältigend.“ Auch das nun vorliegende frankophile Resultat Ceci est ma main begeistert. Wohl weil es dem Stereotyp entgegenwirkt, wonach US-amerikanische Künstler mit Fremdsprachen auf Kriegsfuß stehen. Schatzkästchen 5: My Brightest Diamond – Ceci est ma main weiterlesen

Alle Dogmen über Bord – Igorrr & Ruby My Dear

Ich vergesse oftmals zu erwähnen, wie sehr ich Experiment und Grenzerfahrung zu schätzen weiß. Gerade im elektronischen Bereich existieren Kräfte, die nicht einfach nur die Beats per minute hochtreiben und in einen Rausch verfallen, sondern neben allem Tempo eine akademische Neugier und ein damit verbundenes Ausloten von Gegensätzlichkeiten pflegen. Musik immer auch ein Stück weit voranzutreiben, sie in Einzelteile zu zerlegen und neu zusammenzufügen, diesen Anspruch setzen Igorrr & Ruby My Dear mit der jüngst erschienenen EP Maigre vorbildlich um. Diese EP ergeht sich in Extremen, vermengt Breakcore mit Chanson, sampelt sich eine Schneise durch Hardcore und Groteske.

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Die Normalität der Grenzerfahrung – Tante Doktor

Vor einigen Tagen hatte ich hier auf dem Blog die Frage gestellt, weshalb Liedtexte eigentlich oft so nichtssagend sein müssen. Vielleicht liegt es schlicht daran, dass die hauptberufliche Singer-Songwriter-Existenz den Erlebnishorizont einschränkt. Möglicherweise sind all die vage gehaltenen Lyrics, die sich hochgradig ungefähr mit Liebe und Leid, Scheitern und Tod beschäftigen, auch dem Umstand geschuldet, dass es einer konkreten Erfahrungswelt mangelt, aus der man Geschichten schöpfen könnte. Die Gießener Formation Tante Doktor, deren EP Unsteril ich bereits 2013 erwähnt habe, tut sich da leichter. Hans Voigtmann, der Songwriter der Band, arbeitet als Anästhesist und viel von diesem medizinischen Alltag sickert in die Texte ein. Schon der Titel des im November 2014 veröffentlichten Albums Bipolar belegt dies. Die lakonische, bisweilen nüchterne Poesie der Platte erinnert an das Schaffen von Element of Crime. Ein besseres, ambitionierteres Vorbild kann man in deutschen Gefilden kaum finden. Und die medizinische Komponente von Tante Doktor sorgt für einen sehr eigenen Zungenschlag. Für eine spezielle Atmosphäre, die in ihrer nachdenklichen Besonderheit aus dem eingangs vermuteten schalen Textbrei hervorsticht.

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Schatzkästchen 2: Ormonde – Paintings

Viele Songs verlieren sich im Kuddelmuddel der Posts, die auf einem Blog im Laufe eines Jahres so zusammenkommen. Das soll 2015 jedoch ganz anders werden. Tolle Tracks stecken wir fortan ins Schatzkästchen!

Ich könnte eigentlich nur von wenigen weiblichen Stimmen behaupten, in diese geradezu vernarrt zu sein. Neben einer Hope Sandoval oder einer Vashti Bunyan müsste ich sicher auch Margo Timmins (Cowboy Junkies) und Nina Simone nennen. Und natürlich Anna-Lynne Williams, die einst Frontfrau der famosen Trespassers William war, danach solo unter dem Namen Lotte Kestner musizierte und nun beim Duo Ormonde für den Gesang zuständig ist. Anna-Lynne Williams vermag die Last der Welt auf ihren Stimmbändern zu schultern, dabei traumgleich-sehnsuchtsvoll zu trällern. Schatzkästchen 2: Ormonde – Paintings weiterlesen

Release Gestöber 62 (Condor Gruppe, UNITED – PiN Soli Sampler, Beartown Zodiac)

Condor Gruppe

Man nehme Spaghettiwesternambiente, verquicke dies mit Krautrock und psychedelischem Groove und der einen oder anderen Prise Jazz. Fertig ist das, was die geschätzte Kollegin Eva-Maria auf ihrem Blog Plan My Escape als „Filmmusik für ein wortkarges Road Movie“ bezeichnet. Die Antwerpener Formation Condor Gruppe sattelt bei ihrem Ende September veröffentlichten Debüt Latituds del Cavall die Pferde für einen ganz speziellen Trip. „Man klangmalert, man jammt, man irrt mit Bedacht vom Wege ab. Es sind ureigentlich Soundtracks für karge Landschaften, die Condor Gruppe abliefern.“ hat die Kollegin weiters zu vermelden. Und tatsächlich erleben wir hier stimmungsvolles Kopfkino für grüblerische Outlaws, die sich musikalische Farbtupfer in eine landschaftliche Weite träumen. Track für Track schlängelt sich auf unbekannten Pfaden entlang, begibt sich auf eine Reise, deren Weg das Ziel zu sein scheint. All die Stücke der Platte kommen ohne Höhepunkte aus, negieren eine Zuspitzung. Sie flirren im Galopp dahin, das Irgendwo des Horizonts im Augenwinkel. In diesem so bodenständigen Sound fühlt man die sengende Sonne an den Haarwurzeln, Insekten zwischen den Zähnen und ein sandiges Knirschen unter den Hufen. Zu den Highlights dieses Assoziationen gleich Schrotkugeln verpulvernden Albums zählen Jungle Ships, das auf fünf Minuten allerlei Stimmungen komprimiert, das vor sich hin pfeifende Ondt Blod sowie ein die Berufung zum Lonesome Cowboy zelebrierendes Vocazione. Nicht zu vergessen natürlich Righteous Jam, das ungefähr so klingt, als würde irgendwo am Arsch der Welt ein Kojote auf Drogen durch eine ins Om vertiefte Hippie-Kommune wieseln. Latituds del Cavall strotzt vor imaginativer Kraft, versprüht Western-Flair, zündet das Kino im Kopf. Entdecken lohnt!

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