Auf Tour: Suzan Köcher

Verträumt-hippiehafte Vagabundenromantik, mal mit französischem Chic unterlegt, mal als düsteres Roadmovie mit Twang im Gepäck dargeboten, so tönt das letzten Herbst erschienene Album Moon Bordeaux. Vashti Bunyan meets Thelma & Louise, derart ließe sich die psychedelisch-folkige Chose vielleicht auf den Punkt bringen. Verantwortlich dafür zeichnet keine Newcomerin aus dem Mittleren Westen der USA, auch keine Singer-Songwriterin von der Insel, die die klassische britische Folktradition mit ein wenig Film noir auffrischt. Und die Klänge sind schon gar nicht französischer Provenienz. Nein, Suzan Köcher nennt Solingen ihre Heimatstadt. Das mag einigermaßen überraschend sein, zugleich soll die nicht eben alltägliche Herkunft dieser Musik nicht als Aufhänger dieser Zeilen dienen. Mit dieser Platte reist man freilich nicht durch Deutschland, mit diesem Album macht man sich ohne Umschweife auf den Weg zum SXSW-Festival! Und trotzdem tourt Köcher momentan durch Deutschland, um Moon Bordeaux live zu präsentieren. Welch Glück!


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Musikalisches Tohuwabohu (IX): Gregor McEwan, Blaudzun, Glass Museum, the innocence mission

Und wieder habe ich mir feine Klänge aus dem Kladderadatsch erhaltener Mails, Newsletter und Social-Media-Feeds herausgesucht. Mögen Sie auf gespitzte Ohren stoßen!

Gregor McEwan

Einen „der begabtesten hiesigen Singer/Songwriter“ nennt der wunderbare Linus Volkmann den werten Gregor McEwan im Pressetext zu dessen neuen Album From A To Beginning. Nun könnte man dies als ein zweifelhaftes Kompliment abtun, denn eben viele auf Englisch wirkende deutsche Singer-Songwriter haben sich in den letzten Jahren nicht hervorgetan. Doch ist Gregor McEwan tatsächlich von einem besonderen Schlag, wie auch seine neue Single You And I belegt. Dieser eingängige Singer-Songwriter-Pop tönt voll Pfiff und Rumms, im konkreten Fall wird folkiger Pop-Rock mir ein wenig Disco-Feeling aufgemotzt. Dazu gesellt sich ein Text, der aus einem Zustand der Verunsicherung und Irritation heraus ein Happy End erhofft. Diese „Masche“ hat bereits bei den bisherigen beiden Singles << Rewind, Retrack, Rename, Restore und Home wunderbar funktioniert, sie wirkt auch bei You And I. Schelmisch formuliert erzählt McEwan Selbstfindungsgeschichten, an deren Ende nicht die Krise oder gar der Strick stehen. Das ist tröstlich und optimistisch und überaus sympathisch. Auf das in wenigen Tagen erscheinende Album dieses Singer-Songwriters darf man sich ohne Zweifel freuen!  Weiterlesen

Musikalisches Tohuwabohu (VIII): VedeTT, Treptow, Jef Maarawi, Orchestre Les Mangelepa

Und nun ohne Umschweife und mit nur zwei Tagen Verspätung zum zweiten Teil unseres musikalischen Tohuwabohus! Aus dem Kladderadatsch erhaltener Mails, Newsletter und Social-Media-Feeds der letzten 2 Monate habe ich mir einige Perlen herausgefischt. Mögen sie auf gespitzte Ohren stoßen!

VedeTT

Wave-Pop mit larmoyant-melancholischer Grundstimmung, das bietet VedeTT aus Frankreich. Florent Vincelot (aka Nerlov) hat mit Losing All kurz vor Weihnachten eine tolle EP veröffentlicht, bei der es sehr schade wäre, würde sie deshalb untergehen, weil man im Dezember eigentlich stets zu sehr in die Rückschau vertieft ist. Der Track Get off the Road offenbart einen atmosphärisch Synthie-Sound mit Trip-Hop-Elementen, der durch einen leidenschaftlichen, auch mal in Sprechgesang abgleitenden Vortrag ergänzt wird. Der Titeltrack Losing All ist waviger Post-Punk, bei dem abermals der fragile Gesang Nerlovs hervorsticht. Ähnlich gestrickt ist It Seems to Be Natural, das in Sachen Rhythmus freilich noch dynamischer und eingängiger anmutet. Sehr gelungen, von dieser Nummer könnten sich eine Menge Bands eine Menge abschauen! Entschleunigt, in Fragen schwelgend, sehnsuchtsverloren, derart beendet Eyes die EP. Der nachdenklich-jazzige Bläsereinschub ist nur ein weiteres Detail, das Losing All von der Masse hervorhebt. VedeTT, soviel steht außer Frage, zählt zu jenen Acts, auf die man auch 2018 unbedingt ein Auge haben sollte!  Weiterlesen

Musikalisches Tohuwabohu (VII): Line & Circle, Tarantina, The Thing With Five Eyes, Feu! Chatterton

Unser alljährliches Weihnachtsspecial führt auch immer dazu, dass sämtliche unweihnachtlichen Tracks und Alben auf der Strecke bleiben. Daher wird es heute und morgen gleich zwei Ausgaben des musikalischen Tohuwabohus geben. Aus dem Kladderadatsch erhaltener Mails, Newsletter und Social-Media-Feeds der letzten 2 Monate habe ich mir einige Perlen herausgesucht. Mögen Sie auf gespitzte Ohren stoßen!

Line & Circle

Photo Credit: Courtney Halverson

Man stelle sich einen Springsteen oder die tollen R.E.M. in feinstem College-Rock-Sound vor. Wem solche Klänge behagen, dem sei das 2015 erschienen Album Split Figure der Band Line & Circle wärmstens empfohlen. Roman Ruins etwa wirkt so, als hätten es R.E.M. mal erdacht und nur vergessen zu Papier zu bringen. Und Tunnel Joy macht kein Hehl daraus, dass hier Springsteens Tougher Than The Rest Pate stand. Selbst der Songtitel spielt auf das Album Tunnel Of Love an. Ein wirklich gelungenes Debüt der in Los Angeles ansässigen Formation! Diesem folgt nun endlich die neue EP Vicious Folly, die abermals schmissig-melodischen Rock mit dem verträumten Gesang des Frontmanns Bryan J. Cohen paart. Das Resultat kann sich hören lassen, speziell der tolle Track Man Uncouth läuft bei mir in Dauerschleife. Bleibt zu hoffen, dass diese EP ein weiterer Mosaikstein auf dem steinigen Weg zu einer größeren Hörerschar darstellt. Line & Circle hätten es sich verdient!  Weiterlesen

Girl Ray – (I Wish I Were Giving You a Gift) This Christmas

Heute haben wir es mit einem interessanten Weihnachtslied zu tun. Was als tweehafter Retro-Pop mit engelsgleichem Gesang beginnt, nimmt im weiteren Verlauf geradezu Medley-Charakter mit fast parodistischem Einschlag an. Überraschende melodische Einschübe, ein quasi aus dem Nichts auftauchender Kinderchor, der Song (I Wish I Were Giving You a Gift) This Christmas ist derart überkandidelt, dass man ihn gerade deshalb mögen muss. Dem britischen Trio Girl Ray ist ein Lied mit jeder Menge Augenzwinkern gelungen. Die süße Groteske drückt sich auch in einem DIY-Video aus, das den Eindruck vermittelt, als bestünde ein Leben auf Tour ausschließlich aus Flausen und Sightseeing. So flapsig die Chose also ausfällt, so sehr muss man vor Girl Ray auch den Hut ziehen. All der Millennial-Humor könnte freilich auch ein Schuss in den Ofen sein, doch Girl Ray verfügen viel Qualität, wie auch bereits das im Sommer erschienen Album Earl Grey gezeigt hat. Ihr Lo-Fi-Indie-Pop kann sich mit starken Melodien brüsten, eine Affinität zu Sound und Attitüde der späten Sechziger darf ebenfalls auf der Habensseite verbucht werden. Ein weiteres Markenzeichen ist der mitunter heiser-liebliche Vortrag der Sängerin Poppy Hankin.  Weiterlesen

Mist – The Bell That Couldn’t Jingle

Die Leichtigkeit und Eleganz der Kompositionen eines Burt Bacharach sind hoffentlich unbestritten. Vielen Liedern und Alben Bacharachs haftet zudem die Patina goldener musikalischer Zeiten an. Dennoch ist so ein wunderbarer Weihnachtssong wie The Bell That Couldn’t Jingle leider nie die erste Wahl für Indie-Musiker ist. Dabei ist das Lied auch textlich so verdammt rührend, erzählt die Geschichte einer Weihnachtsglocke, die nicht läuten kann und sich deshalb auch keine Illusionen macht, den Schlitten Santas mit Geläut begleiten zu dürfen. Doch Santa hört das Weinen des Glöckchens und nimmt sich seiner an. Er entdeckt, dass ihm der innere Klöppel fehlt. Er lässt Jack Frost daraufhin aus einer der Tränen einen solchen Klöppel anfertigen und schenkt ihm dem Glöckchen, damit selbiges am Weihnachtsabend munter vor sich hin läuten kann. Ein tolles Lied, das darunter leidet, dass die ganz hohe Kunst des Easy Listening und die Attitüde des Indie halt nicht immer harmonieren. Wie dies jedoch bestens funktioniert, zeigt das Projekt Mist des Niederländers Rick Treffers. Sein verträumter Indie-Pop mit zärtlicher Singer-Songwriter-Note scheint dazu prädestiniert, sich an einen Herrn Bacharach heranzuwagen. Ihm gelingt ein Track, der die so liebenswürdige Geschichte herrlich untermalt, zugleich einige exzentrische Akzente setzt. Elektronische Frickeleien fehlen ebenso wenig wie chorale Eskapaden, im Verlauf mündet die anfängliche Kleinteiligkeit dann in einen harmonisch-eingängigen Ohrenschmaus. Eine ausgesprochen würdige Interpretation von The Bell That Couldn’t Jingle!

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Sofia Talvik – When Winter Comes – A Christmas Album

Alle Jahre wieder! Die schwedische Singer-Songwriterin Sofia Talvik hat es sich als Tradition auferlegt, jedes Jahr zur Weihnachtszeit ein selbstverfasstes Weihnachtslied zu veröffentlichen und via Bandcamp zu verschenken. In mehr als 10 Jahren sind ganz wunderbare Lieder entstanden, die es sich längst verdient haben, auf einem Weihnachtsalbum zusammengeführt zu werden. Dieses Jahr ist es nun so weit. Frau Talvik hat alle Stücke neu aufgenommen und daraus When Winter Comes – A Christmas Album gemacht! Wie kaum eine andere Platte kann das Werk für sich in Anspruch nehmen, dem Thema Weihnacht voll Herzblut verbunden zu sein. Besonderen Applaus verdient Talvik dafür, dass sie nie auf die Idee gekommen ist, es sich einfach zu machen und sich aus dem Pool der gut zwei bis drei Dutzend angelsächsischen Weihnachtsklassiker zu bedienen. Talviks Beziehung zur Weihnachtszeit ist keine, die auf abgedroschene Coverversionen zurückgreifen muss. Ihr Blick auf das Fest der Feste ist keiner, der behaglich vor dem Kaminfeuer döst oder gelöst rund um den Tannenbaum feiert. Im Schaffen der Schwedin gerät Weihnachten zu einem Ereignis, an dessen Erwartungshaltungen man sich oft verschluckt. Wie etwa soll man Glück verspüren, wenn man gerade verlassen wurde oder noch einen weiten Weg heimwärts vor sich hat oder gar nicht über die finanziellen Möglichkeiten verfügt, seine Liebsten zu beschenken? When Winter Comes erzählt berührende Geschichten, die rein gar nichts mit der verbreiteten Illusion gemein haben, wonach an Weihnachten für einen kurzen Moment allen Menschen guten Willens Glückseligkeit zuteil wird. Sofia Talvik, das soll nochmals nachdrücklich betont werden, ist dem Fest keinesfalls in Hassliebe verbunden. Sie macht aber das, was gestandene Singer-Songwriterinnen halt tun sollten, nämlich jene Geschichten erzählen, die in dieser Weise vielleicht nicht so oft erzählen werden.

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Schlaglicht 82: Blaue Blume

Kurz vor knapp, wenn Musikmagazine längst schon die Jahresbestenlisten in ihren Schubladen liegen haben, kommt fast wie aus dem Nichts eine EP daher, ohne die zumindest meiner Meinung nach 2017 in musikalischer Hinsicht unvollständig wäre. Die Rede ist von der EP Sobs der dänischen Formation Blaue Blume. Der Band, dieses Wortspiel sei erlaubt, kann man für diese vier Tracks gar nicht genug Rosen streuen, gerne auch blaue. Sobs steht für zärtlich-romantischen, perfekt instrumentierten Pop mit märchenhafter Note und Anflügen von Verschrobenheit. Gerade einmal 15 Minuten hat diese EP zu bieten, doch ähnlich stimmige, facettenreiche 15 Minuten wird man 2017 kaum finden. Beginnen wir in der Betrachtung gleich mit dem Song Macabre, der als bittersüßer wie hymnischer Synthie-Pop besticht. Die wonnige und auch aufgekratzte Melodie ist Seelenbalsam, opernhaft-exaltierter Falsetteinschübe runden die exzentrische Eleganz ab. Ebony wiederum hat den Flair einer auf Zehenspitzen schleichenden R&B-Nummer verbunden mit der Dramatik einer kraftvoller Achtziger-Ballade. Das famose Mayhem vermittelt von den Synthies ein wenig Peer-Gynt-Erhabenheit, die die samtene, helle Stimme des Sängers Jonas Smith perfekt untermalt. Die bewegende, schwärmerische Aufbruchssehnsucht gerät zu allerfeinstem Pop, den man gar nicht oft genug hören kann. Viel zu schnell endet Sobs, doch hat es dieses Ende natürlich ebenfalls in sich. Bei Haven’t You stellt Smith sogar die gesangliche Feinheit eines Anohni locker in den Schatten. Romantische Melancholie mit ein wenig Weltschmerz lässt dieses andächtige Stück leuchten!


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Schatzkästchen 97: Vlimmer – Körperkonstante (Songpremiere)

IDM in Zeitlupe, undergroundiges Zwielicht trifft auf lichte Synthie-Schauer. So stellt sich mir der Track Körperkonstante vor. Ich kann mir die Assoziation an ein von Kugelfesseln gehandicaptes Strafgefangenenballett nicht verkneifen. Durch die kleinen vergitterten Fenster beleuchtet ein Lichtblick in Form von Meteoritenschauer dieses gehemmte, von Tristesse und Isolation umgebene Tänzchen. Körperkonstante verkörpert trotz seiner wavig-düsteren Grundstimmung einen Moment verträumter Kontemplation. Fast überflüssig zu erwähnen, dass diese Nummer von Vlimmer, einem Projekt des musikalischen Tausendsassas Alexander Leonard Donat, stammt. Vor mittlerweile zwei Jahren hat er sein auf 18 EPs ausgelegtes Projekt Vlimmer gestartet, mit den Doppel-EPs IIIIIIII​/​IIIIIIIII ist selbiges nun bei der Halbzeit angekommen. Sich solch ein Mammutprojekt vorzunehmen, ist die eine Sache, in dessen Verlauf jedoch mit der Aufgabe zu wachsen und nicht in Langeweile abzukippen, das verdient ganz große Anerkennung.  Weiterlesen

Die Weisheit der Straße – Michael Brinkworth

All die Castingshows und Talentschauen haben eine ehrenwerte Profession mittlerweile in Verruf gebracht. Der durch die Gegend ziehende Straßenmusiker, der in Fußgängerzonen ohne viel Tamtam sein Talent unter Beweis stellt, ist auch nicht mehr das, was er mal war. Früher lag in dem landstreicherischen Abenteuertum ein Hauch von Romantik, heute hat es mehr etwas von einer mit Kalkül ausgestalteten Legende, mit der sich mal treuherzig blickend Kasse machen lässt. Dabei ist die Kunst des Straßenmusikanten sehr ehrenwert, sie ist unmittelbar und direkt, setzt auf die Zufälligkeit des Moments. Doch bevor wir nun darüber jammern, dass einst alles besser war, hören wir lieber einem Singer-Songwriter zu, der laut Pressetext bereits 40 Länder bereist, die eigenen Lieder auf der Straße und in Bars dargeboten hat. Der Australier Michael Brinkworth hat also eine echte Ochsentour unternommen, um seinen Sound zu finden. Und siehe da, das Album Somewhere To Run From steht für einnehmenden, freilich nie weichgespülten Country-Folk mit oft rockiger Note.

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