Schlagwort-Archive: Alben 2017

Schlaglicht 74: Kevin Morby

Photo Credit: Adarsha Benjamin

Was macht diese Welt eigentlich, wenn ein Herr Dylan mal auf seiner achtlos auf dem Parkett herumliegenden Nobelpreismedaille ausrutscht und sich das Genick bricht? Spätestens dann wäre das Geschrei nach Reserve-Dylans groß. Doch in diese zugegeben nicht kleinen kompositorischen Fußstapfen zu treten, ist kein leichtes Unterfangen. Seit Jahrzehnten schon haben unzählige Singer-Songwriter zaghafte Schritte in die Richtung unternommen. Kaum einer hat freilich die Siebenmeilenstiefel geschnürt. Kevin Morby ist mit eben jenen an vielen Hoffnungsträgern längst vorbeigewieselt. Bereits vergangenes Jahr hatte ich anlässlich des Albums Singing Saw folgendes konstatiert: „Was sehnen wir doch einen neuen Dylan herbei, zumindest aber einen Singer-Songwriter, der unseren Blick auf die Welt verändert! Wir gestehen vielen Liedermachern zu, dass sie in der Tradition eines Dylan stehen. Dass es nicht zu mehr reicht, liegt aber vielleicht eher an unserer Wahrnehmung, nicht am Talent vermeintlicher Epigonen. Auf Morby haftet der Fluch der späten Geburt, das Leben in einer Zeit, die sich zwar stets und immer aufregt, zugleich jedoch zu bequem zur Revolution ist.“

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Schlaglicht 73: Vil

Entschleunigung und Entspannung. In fordernden, geradezu auslaugenden Zeiten sehnt man sich nach ein wenig Ruhe. Viele Bücher überbieten sich mit Tipps, wie es denn mit der Work-Life-Balance endlich klappt. An Ratgeberei mangelt es nicht. Aber allen Vorsätzen steht das Funktionieren entgegen, auf das man zu lange schon getrimmt wurde. Auch Rückzugsorte sind schwer zu finden, speziell im Zustand permanenter Erreichbarkeit. Wo alles Motivations – und Meditationsgequatsche ins Leere läuft, kann vielleicht Kunst – und ganz speziell Musik – in die Bresche springen. Dabei habe ich freilich keinerlei esoterisches Gedudel im Sinn, vielmehr das dänisch-isländische Duo Vil, dessen Album Mens vi falder stille skandinavische Kargheit mit chansonesker Leichtigkeit verbindet. Folk und Ambient prägen die Platte, manche Stücke sind durchaus melodisch gehalten, andere wiederum fragmentarisch und zerbrechlich, verhalten und intim.

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Schlaglicht 72: Carpet

Entspannten, geradezu sonnigen psychedelischen Rock, der oftmals wie eine an satten Farbe reiche Fotografie aus den guten alten Siebzigern anmutet, hat die Band Carpet auf ihrem neuen Album Secret Box anzubieten. Solch herrlich originärer Sound mag einige Assoziationen bezüglich seines Ursprungs wecken. Zumindest mir käme dabei Augsburg nun wirklich nicht in den Sinn. An dem heimeligen, angespacten, mitunter fusionhaften Album baumelt zumindest nach meinem Begriff das Etikett Kalifornien. Müsste ich den Wesenszustand dieser Klänge mit einem knackigen Slogan beschreiben, dann wäre das Motto „Utopia meets Comfort Zone“ nicht so verkehrt. Nostalgie umweht das Werk, es wirkt wie in einer Zeit entstanden, als die Zukunft noch voller romantischer Verheißungen und Träume war. Ersonnen in einem inspirierten Moment der Muße.

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Mammut Merritt – The Magnetic Fields

Photo Credit: Marcelo_Krasilcic

Große Projekte verdienen eine ausgiebigere Betrachtung als herkömmliche Unterfangen. Darum höre ich seit Wochen schon 50 Song Memoir, das nicht eben läppische 5 CDs umfassende Box-Set von The Magnetic Fields. Mastermind Stephin Merritt wühlt hier in seinen Erinnerungen, lässt die ersten 50 Jahre seines Lebens Revue passieren. Die Idee zu diesem Vorhaben kam vom Boss seines Plattenlabels Nonesuch Records, entwickelte sich aber keineswegs aus einer Bierlaune heraus. 1999 bedeuteten die aus 3 CDs bestehenden 69 Love Songs ja Merritts Durchbruch. Seit damals ist Merritt ein Darling der Musikkritik und mehr noch eine Ikone der großstädtisch-liberalen Musikfans. Es war also durchaus nicht bloß künstlerische Bewunderung, die Robert Hurwitz von Nonesuch zu jener Anregung trieb. Ein Opus magnum vom Schlage der 69 Love Songs können nicht viele Songwriter stemmen, für Merritt dagegen scheint der Umfang eines Box-Sets geradezu prädestiniert, wie auch 50 Song Memoir einmal mehr belegt.

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Schatzkästchen 86: Saint Etienne – Heather

Irgendwann wenn die Erholungsphasen zwischen Exzessen länger und länger dauern, hat man die Jugend mit der ihr eigenen selbstzerstörischen Rücksichtslosigkeit hinter sich. Ab dann trachtet man nur noch danach, möglichst gut zu altern. Was aufs Leben zutrifft, gilt freilich auch für das künstlerische Schaffen. Heute möchte ich mich kurz mit einer Band beschäftigen, von der zwar keinerlei Ausschweifungen aus den Glanzzeiten überliefert sind, die sich aber wirklich gut darauf versteht, mit Stil, Charme und Witz zu reifen. Wo andere Bands nach 25 Jahren im Musikgeschäft schon verdammt alt aussehen, machen Saint Etienne noch immer ausgezeichnete Figur. Angeführt von der unwiderstehlichen Sarah Cracknell hat das Trio über all die Jahre Disco-Glam-Pop von zeitloser Frische perfektioniert. Ein Dahinsiechen in puncto Kreativität ist nicht abzusehen, wie auch der neue Track Heather belegt. Heather kündigt das für Juni avisierte neue Album Home Counties an und offeriert eine Sarah Cracknell, die Hörer nach wie vor – ja vielleicht sogar mehr denn je – um den Finger zu wickeln versteht. Schatzkästchen 86: Saint Etienne – Heather weiterlesen

100 Prozent Herzenswärme – When Nalda Became Punk

Wenn man über Menschen sagt, sie seien unkompliziert, dann meint man dies immer als Kompliment. Nennt man hingegen Musik unkompliziert, ist das fast ausnahmslos kaum wohlwollend gemeint. Dabei gibt es legere, eingängige Klänge, die schlicht schmissig und ansprechend sein wollen. Unkompliziert, so zumindest würde ich das Minialbum Those Words Broke Our Hearts der Formation When Nalda Became Punk beschreiben. Der lärmige, pfiffige Twee der im spanischen Vigo beheimateten Formation hat es mir schon 2013 angetan. Er wummert ins Ohr, ohne irgendwelche Sperenzchen. Gerade im tristen Jetzt, in denen man dem Wahnsinn der Welt kaum entkommen kann, braucht es solch quirlige Lieder. Guten (Indie-)Pop erkennt man nicht zuletzt daran, dass er lebendig tönt, sogar wenn die Lyrics bittersüß ausfallen.

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Ein langer Weg – Nadine Khouri

Sinnlich, sublim, samten. Mit den drei Adjektiven wird man dem Gesang Nadine Khouris meiner Meinung nach am ehesten gerecht. Bereits 2010 war ich von ihrer EP A Song to the City überaus angetan, hatte die stimmliche Versiertheit hervorgehoben. Und tatsächlich sind gerade einmal sechseinhalb Jahre vergangen, bis man Khouri jetzt endlich zum sehr feinen Debütalbum The Salted Air beglückwünschen darf. Es scheint also nichts gewesen zu sein, was sich einfach so aus dem Handgelenk schütteln ließ. Glücklicherweise ist auf The Salted Air davon gar nichts zu spüren. Souveräne Leichtigkeit und Eleganz durchweht dieses Werk der im Libanon geborenen und nach der Flucht in England aufgewachsenen Singer-Songerwriterin. Khouri gelingt eine nie vordergründige, vielmehr in Gedanken versunkene Platte mit durchaus versonnenen Anwandlungen. Chic und Tiefgang scheinen perfekt ausbalanciert.

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Schatzkästchen 85: Erasure – Love You To The Sky

Erasure sind ein echtes Phänomen. Ihr fröhlicher, eingängiger Synthie-Pop, der stets nach Party und Tanzboden anmutet, könnte geschmackssichere Gemüter zum Nasenrümpfen einladen. Und doch muss man schon ein ausgesprochener Miesepeter sein, um dem Tun der Herren Andy Bell und Vince Clarke ablehnend gegenüberzustehen. Womöglich liegt es daran, dass das Duo seinen Dancefloor-Stampfern Freude und Lebendigkeit einhaucht. Wo es in dem Genre rasch nach Plastik mieft, gelingt es Erasure, das Leben, die Liebe und eine weltumspannende Verbundenheit zu zelebrieren. Liebenswürdigkeit mag im Normalfall kein musikalisches Kriterium sein, in besagtem Fall erweist sie sich jedoch als Geheimnis des Erfolgs. Nicht minder imponiert, dass Bell nach wie vor mit viel stimmlicher Frische gesegnet ist, wie die neue Single Love You To The Sky imponierend verdeutlicht. Sie kündigt das bereits 17. Album des Duos an, das auf den Titel World Be Gone lauten und im Mai erscheinen wird. Wenn man das Vorgängeralbum The Violet Flame als Maßstab nehmen möchte, darf man davon ausgehen, dass Erasure einmal mehr ganz Erasure sind. An der positiven Lebenseinstellung gepaart mit fröhlichen Synthie-Pop-Hymnen wird sich garantiert nichts ändern. Schatzkästchen 85: Erasure – Love You To The Sky weiterlesen

Der alte und neue Kampf um Heimat – Tinariwen

Heimat ist nichts, dessen man beim achtlosen Blick durchs Küchenfenster ansichtig wird. Heimat offenbart sich bestenfalls in besonderen, erhebenden Momenten. Mehr noch aber in der Sehnsucht, wenn Heimat zum verlorenen Paradies erwächst. Tinariwen können das eine oder andere Lied darüber singen! Die Wurzeln der Formation liegen in algerischen Flüchlingslagern, in welchen die erste Generation der Musiker aufwuchs, da das Volk der Tuareg seit den Sechzigern in Mali verfolgt wurde. Was Ende der Siebzigerjahre als loses Kollektiv musikalisch Gleichgesinnter entstand, war zunächst Ausdruck des Widerstands und der Bitterkeit des Exils. Die Inhalte der Musik fokussierten sich natürlich stark auf das Thema Revolution und bereiteten somit den geistigen Nährboden für die 1990 begonnene Rebellion der Tuareg, die letztlich in einem Friedensvertrag mit der malischen Regierung mündete. Doch Geschichte wiederholt sich. Auch die nächste Generation, die nun neben der alten zu den Instrumenten greift, sieht sich abermals mit Vertreibung und dem Fehlen von Heimat konfrontiert. Sein ein paar Jahren treiben die islamistischen Extremisten von Ansar Dine in der Region ihr Unwesen. Solch Musik, die der Einklang mit Tradition und Lebensraum umtreibt, ist reaktionären, repressiven Eiferern selbstverständlich ein Dorn im Auge. Das neue Album Elwan erfährt seine Existenzberechtigung allein schon darin, dass es sich schlicht nicht unterkriegen lässt. Tinariwens zwischen Moderne und Folklore verorteten Wüstenblues weiter kultiviert.

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Gezündeter Turbo – Sofia Härdig

Sich ganz neu zu erfinden, die Lust darauf verspürt man ab und an sehr. Manchmal äußert sich der Wille zur Veränderung in Kleinigkeiten wie einem neuen Haarschnitt oder einem Klamottenwechsel, ab und an jedoch wird umgekrempelt, was sich alles umkrempeln lässt. Dann wird der Job gewechselt, ein brandneues Hobby gesucht, vielleicht sogar der Lebensabschnittspartner in die Wüste geschickt. Ob man nun Sport, Müßiggang oder Tinder für sich entdeckt, all die Korrekturen im Lebenswandel sind meist Ausdruck von aufgestauter Unzufriedenheit. Auch die schwedische Singer-Songwriter Sofia Härdig scheint diesbezüglich auf den Geschmack gekommen zu sein. Ihr Album And The Street Light Leads To The Sea wühlt sich durch das bisherige Schaffen und interpretiert Songs radikal neu. Sie hat den Schlüssel gefunden, der sie aus der dunklen Abgeschiedenheit ihres letzten Werks The Norm Of The Locked Room nun auf die illuminierte Bühne treten und zur Rampensau mutieren lässt. Bereits zuvor konnte man sich den Verweis auf eine PJ Harvey nicht verkneifen. Nun da sie aus dem verwunschenen Kämmerlein gekommen ist und in sattem Bandsound die Bühne rockt, scheint der Vergleich noch angebrachter.

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