Schlagwort-Archive: Alben 2017

Musikalisches Tohuwabohu (V): Siinai, Jarle Skavhellen, Escondido

Und wieder habe ich mir feine Klänge aus dem Kladderadatsch erhaltener Mails, Newsletter und Social-Media-Feeds herausgesucht. Mögen Sie auf gespitzte Ohren stoßen!

Siinai

Wem die finnische Formation Siinai kein Begriff ist, der hat in den letzten Jahren gleich mehrere starke Alben verpasst. Die Zusammenarbeit mit Spencer Krug (aka Moonface) bei Heartbreaking Bravery (2012) und My Best Human Face (2016) hat mir ungemein imponiert, sodass ich mir vorgenommen habe, die Band im Auge zu behalten. Dieses Ansinnen trägt nun Früchte, für Oktober ist das Album Sykli angekündigt. Dessen erste Kostprobe, der Track Ananda, reißt mich wirklich vom Hocker. Musikalisches Tohuwabohu (V): Siinai, Jarle Skavhellen, Escondido weiterlesen

Musikalisches Tohuwabohu (IV): Lotte Kestner, Widowspeak, HAWK

Und wieder habe ich mir feine Klänge aus dem Kladderadatsch erhaltener Mails, Newsletter und Social-Media-Feeds herausgesucht. Mögen Sie auf gespitzte Ohren stoßen!

Lotte Kestner

Man kann mir viel erzählen, einen Bären jedoch lasse ich mir nicht aufbinden, nämlich dass in den vergangenen 20 Jahren ein besserer Dream-Pop als jener von Trespassers William gemacht wurde. Immer wieder weise ich gern darauf hin, dass es die Magie dieser Klänge war, die diesen Blog zum Leben erweckt hat. Leider gibt es die Band schon lange nicht mehr, aber was die Sängerin Anna-Lynne Williams seitdem unter dem Künstlernamen Lotte Kestner fabriziert, kann sich mehr als nur hören lassen! Das gilt auch für ihr neues Werk Off White, das soeben das Licht der Welt erblickt hat. Der Track Ghosts fasst all die Qualitäten Lotte Kestners zusammen. Da wäre zunächst jeder makellose Gesang, der große Intimität und Fragilität ausstrahlt. Nichts scheint leicht über die Lippen zu kommen, alles Fühlen und Grübeln ist von Verletzlichkeit geprägt. Der skeletthafte Sound wird von einem kargen Piano bestritten. Und doch erwächst aus einfachsten Mitteln eine intensive Atmosphäre, für deren Beschreibung man tief in die Schatzkiste jedes Thesaurus greifen muss. Man nehme die Worte gedankenverloren, selbstversunken, weltentrückt und stelle sich all das in einem beklemmenden, zwielichtigen Ambiente vor, dann bekommt man ein Ahnung über das, was Lotte Kestner an emotionalem Tiefgang auffährt. Doch neben all dem stillen Leiden, das eines ihrer Markenzeichen ist, existieren auch hoffnungsvollere Momente. In dieser Hinsicht wäre die angenehme Versonnenheit von In Glass zu nennen. Auch Eight Ball ist eine Offenbarung, weil sich Williams‘ verhallter Gesang wunderbar an diesen sachten Walzer schmiegt. Musikalisches Tohuwabohu (IV): Lotte Kestner, Widowspeak, HAWK weiterlesen

Die Zeiten überdauernd – Lana Del Rey

Ich will gar nicht lange fackeln. Das Album dieses Sommers ist ohne Wenn und ohne Aber Lust For Life. Der unvergleichlichen Lana Del Rey ist eines jener Alben geglückt, das die Zeiten überdauern wird. Noch im Jahre 2047 wird man genüsslich im smarten Heim sitzen und die Urenkel Siris oder Alexas bitten, die Erinnerungen an schöne Zeiten mit diesen Klängen zu untermalen. Und wenn man dann in Gedanken schwelgt, dabei eine Epoche hochleben lässt, die längst vergangen scheint, wird man sich vielleicht daran erinnern, dass man dieses Gefühl doch bereits beim Erscheinen des Albums hatte. Lana Del Rey lässt doch schon hier und heute die Ära der großen Diven auferstehen. Diese wunderbare Kunstfigur hätte auch das Hollywood der Sechziger nicht besser in Szene setzen können. Doch abgesehen von der makellosen Inszenierung, die Del Rey auf jedem Album in eine neue Rolle schlüpfen lässt, ist es ein schlicht überragendes Songwriting, das den Erfolg ausmacht. Hinter dem schönen Schein verbirgt sich verdammt viel Substanz.

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Schatzkästchen 91: Wanda – Columbo

Eine der spannenden Fragen dieses Musikherbsts war wohl jene nach dem Sound der neuen Platte von Wanda. Seit die Österreicher ihr Album Niente für Oktober angekündigt hatten, wunderte zumindest ich mich, ob nach den beiden wie aus einem Guss tönenden Werken Amore und Bussi irgendwelche Änderungen am Erfolgsrezept anstehen würden. Die erste nostalgisch-balladeske Single 0043 gab diesbezüglich nur bedingt Aufschlüsse. Seit heute freilich kann man sich schon an eine Einschätzung wagen. Mit Columbo zeigen Wanda einmal mehr ihr Gespür für Gassenhauer, die man schlicht mitträllern muss. Der Refrain „Am Ende fällt Columbo etwas ein. Lass es unsre Rettung sein! Es wird eine schöne Lösung sein, doch wir beide passen nicht hinein.“ könnte eingängiger nicht ausfallen. Schatzkästchen 91: Wanda – Columbo weiterlesen

ITEOTWAWKI (III): The Mynabirds – Golden Age

Unter dem Motto „It’s the end of the world as we know it“ soll in dieser Rubrik über all die 2017 gesellschaftlich und politisch relevanten Klänge berichtet werden. Heute mit: The Mynabirds.

I see what you’re doing/ With the Jews and the Muslims/ You’re sawing us all in half/ With your fake fear/ My heart’s full of love/ And all kinds of peace/ But I think even I/ Could punch a Nazi 
In the face“ sind Lyrics, deren Stoßrichtung sich allen erschließt, die in den letzten 12 Monaten mit Staunen und Sorge die Zustände in den USA verfolgt haben. Wie zum Teufel konnte Trump passieren, fragt man sich vielleicht. Und aus welchem Loch sind die ganzen Verfechter des Alt-Right-Movements gekrochen? Man mag entgeistert sein, selbst wenn man sich nie als besonderer Fan des übertriebenen amerikanischen Selbstbewusstseins wähnte. Wie jedoch müssen sich erst jene liberal-fortschrittlich eingestellten US-Bürger fühlen, die all die Errungenschaften nun plötzlich in Frage gestellt sehen? Laura Burhenn, ihres Zeichens Mastermind von The Mynabirds, hat sich die Ereignisse des vergangenen Jahres anscheinend zu Herzen genommen und sie auch als Ansporn verstanden. Das Resultat ist das dieser Tage erscheinende Album Be Here Now. In all der Hysterie, die Trump entweder als Messias oder aber mindestens apokalyptischen Reiter ansieht, scheint ein Innehalten äußert angebracht. Genau das gelingt Be Here Now. Trotz klarer politischer Haltung ist es nämlich keine Abrechnung mit dem Trumpschen Amerika, vielmehr drehen sich weite Strecken der Platte um Selbstreflexion. Cocoon etwa träumt von biedermeierhaften Zweisamkeit, während die Welt außerhalb gänzlich aus den Fugen gerät. Der Titeltrack Be Here Now wehrt sich gegen den Fatalismus der Machtlosigkeit und glaubt ganz fest an das gemeinsame Einstehen für Werte. Die Platte versucht den Spagat zwischen fiebriger Auflehnung (Shouting at the Dark) und einem nüchternen Abgesang, wie ihn Golden Age bietet. Letzterer Song entpuppt sich als echtes Highlight.

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Schlaglicht 79: Tricky

Zu meiner Schande muss ich gestehen, dass ich Tricky mindestens 10 Jahre völlig außer Acht gelassen habe. Erst in den vergangenen zwei Jahren ist er wieder in mein Blickfeld gerückt. Das Anfang 2016 erschienene Album Skilled Mechanics erschallt auch anderthalb Jahre später noch immer mit großer Regelmäßigkeit aus meinen Boxen. Auch deshalb wurde ich dieser Tage hellhörig, als der werte Herr Tricky ein neues Werk angekündigt hat. ununiform wird in gut einem Monat erscheinen. Den ersten Hörproben nach zu urteilen, handelt sich bei dieser Platte um ein reifes Werk, das auf einen tiefenentspannten Meister schließen lässt. Wer Tricky auf Instagram folgt, bekommt eine Ahnung, dass die innere Ruhe keineswegs Schein ist. Die dort zur Schau geknipsten Bilder zeigen ihn sowohl im entspannten Kreis der Familie als auch als einfühlsamer Beobachter großstädtischen Lebens. Tricky, so glaubt man zu fühlen, hat sich eine Neugierde für seine Umgebung bewahrt, zugleich strahlt er auch Seelenruhe aus. All das schlägt sich auch in seinem Schaffen nieder. Die neue Platte glänzt mit introspektiver Atmosphäre. Tricky möchte seine Musik ja nicht als Trip-Hop, sondern vielmehr als Urban Soul kategorisiert wissen. Und ununiform hat tatsächlich sehr viel Seele anzubieten.

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Musikalisches Tohuwabohu (III): Hope, Forest Swords, Jacob Faurholt

Und wieder habe ich mir feine Klänge aus dem Kladderadatsch erhaltener Mails, Newsletter und Social-Media-Feeds herausgesucht. Mögen Sie auf gespitzte Ohren stoßen!

Hope

Düster und archaisch, voll entfesselter Emotion schallt Kingdom aus den Boxen. Der Song der Berliner Formation Hope gibt einen Vorgeschmack auf das für Oktober angekündigte Debütalbum gleichen Namens. Der Promotext geizt nicht mit anschaulichen Vergleichen: „Die Musik der Berliner Band Hope fühlt sich ein bisschen an wie Frost auf der Haut, stellt Haare auf. Irgendwie kann man sie einatmen, riechen, schmecken und fühlen. Dichter flächendeckender Sound, wabernde Synthesizer, noisige Gitarren, dezente Percussion und eine Stimme, die unaufgeregt stellenweise an Björk, Savages oder Karen O erinnert.“

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Gestrigkeiten für Bildungsbürger? Oh nein! – Kinbom & Kessner

Während ich die letzten Wochen nicht ganz freiwillig eine Blogpause eingelegt habe, haben mich zwei völlig unterschiedliche Alben musikalisch begleitet. Eines davon ist With The Beetles, das bereits zweite Werk des Duos Kinbom & Kessner. Schon das Debüt Lieder von Liebe und Krieg hat mir vor anderthalb Jahren sehr imponiert. Am Ansatz hat sich seitdem nichts geändert. Noch immer beackern der schwedische Gitarrist Fredrik Kinbom und die deutsche Theatermacherin Sonja Kessner ihr ganz eigenes Terrain, das stilistisch zwischen chansonesker Anmut und liedermacherischem Folk angesiedelt ist, thematisch der Tradition des Kunstlieds verbunden scheint. Die Motive Liebe und Krieg, die bereits das Erstlingswerk stark geprägt haben, sind ebenfalls geblieben. All das mag zunächst aus der Zeit gefallen wirken. Über Revolutionen sinnieren doch eigentlich nur verstockte Brecht-Nostalgiker, die Schicksale von Kriegsheimkehrern wirken auch eher in der Mottenkiste der Historie beheimatet. Man könnte bei oberflächlicher Betrachtung vielleicht wirklich meinen, dass hier einer bildungsbürgerlichen Zielgruppe vor allem Gestrigkeiten aufgetischt werden. Doch wäre das allenfalls die halbe Wahrheit.

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Musikalisches Tohuwabohu (II): The Weather Station, Since November, The Belle Game

Und wieder habe ich mir feine Klänge aus dem Kladderadatsch erhaltener Mails, Newsletter und Social-Media-Feeds herausgesucht. Mögen Sie auf gespitzte Ohren stoßen!

The Weather Station

Woran erkennt man großartiges Songwriting? Unter anderem daran, dass es nicht nur Illusionen bedient. Auch sind Emotionen selten so laut, wie oft vermittelt wird. Die großen Glücksmomente werden in der Realität nur selten von Engelschören und Konfettiregen begleitet. Schlimme Kränkungen haben selten markerschütternde und melodramatische Qualität. Starkes Songwriting muss nicht auf Wirklichkeitsferne und Überzeichung setzen, es vermag auch alltäglichen Betrachtungen Poesie zu entlocken oder sich über das zu definieren, was ungesagt bleibt. Warum ich das so hervorstreiche? Weil der Song Thirty der kanadischen Formation The Weather Station geradezu ein Musterbeispiel für all dies ist. Wirtschaftlichen Niedergang, Ü-30-Lebensentwürfe, die unternehmerischen Erfolg und Familiengründung vorsehen, eigene Versagensängste und eine komplizierte Vater-Tochter-Beziehung, all das muss erst einmal in eine Strophe packen können. „Gas came down/ From a buck-twenty/ The joke was how/ It broke the economy anyhow/ The dollar was down/ But my friends opened businesses/ There were new children/ Again, I didn’t get married/ I wasn’t close to my family/ And my dad was raising a child in Nairobi/ She was three now, he told me“ zeichnet mit wenigen Zeilen ein Bestandsaufnahme, wie sie auch eine Joni Mitchell auch nicht prägnanter hinbekommen hätte. Musikalisches Tohuwabohu (II): The Weather Station, Since November, The Belle Game weiterlesen

Ein einsamer Gang über den Campus – Basement Revolver

Lange schon habe ich ein Faible für Bücher, Filme und natürlich Musik, die auf Campussen nordamerikanischer Universitäten angesiedelt sind. Allerdings nicht für jede Klänge oder Geschichten, die von Saufgelagen, Cheerleadern oder hünenhaften Sportlern erzählen. Vielmehr interessieren mich Außenseiterstories, die ihren Platz in der Erwachsenenwelt suchen, sich möglichst rosige Zukunftsperspektiven ausmalen, während sie zugleich mit manch Enttäuschungen, etwa in Liebesdingen, zu kämpfen haben. Je öfter ich mir in den vergangenen Tagen die EP Agatha der kanadischen Formation Basement Revolver angehört habe, desto stärker hat mich die Stimmung dieser Lieder an diese Szenerie erinnert. Im Geiste sehe ich eine junge Frau an einem trüben Herbsttag durch die einen pittoresk gelegenen Campus flankierenden Wälder flanieren und dabei allerlei Sorgen rekapitulieren. Das ist der Rahmen, der mir beim Lauschen der EP in den Sinn kommt.

Photo Credit: Yoshi Cooper

Agatha knüpft nahtlos an die letzten Sommer erschienen Debüt-EP an. Basement Revolver lassen die guten, alten Neunziger aufleben, indem sie shoegazigen Indie-Rock zum Sound ihrer Wahl machen. Eine kräftige Gitarre kontrastiert dabei den hellen, nachdenklichen Gesang Chrisy Hurns. Introspektive Lyrics und der Bombast eben jener verhallten Gitarre sind die Charakteristika des Formation. Ein einsamer Gang über den Campus – Basement Revolver weiterlesen