Schlagwort-Archive: Alben 2017

Das Bedürfnis des Moments – Fir Cone Children

Was Hänschen nicht lernt, lernt Hans nimmermehr. Eine abgedroschene Weisheit, keine Frage. Am Wahrheitsgehalt bestehen freilich kaum Zweifel. Ich würde sogar so weit gehen, dass der Satz nicht nur für das Lernen gilt. Auch die Ausprägung des Geschmacks muss in ausgesprochen jungen Jahren erfolgen. Wer im Kindergarten oder gar dem eigenen Kinderzimmer nur einen Rolf Zuckowski vorgesetzt bekommt, wird später einer Helene Fischer verfallen. Und für den Zauber des Indie immer taube Ohren haben. Kleine Racker haben sich also etwas Besseres verdient als ewige Betulichkeit. Und genau hier setzt das Projekt Fir Cone Children des Berliner Tausendsassas Alexander Donat an. Das bereits dritte Album No Gravity Girls begleitet wie schon die Vorgängerplatten das Heranwachsen der eigenen Töchter – und zwar mit Klängen abseits aller Biederkeit.

Das noisige Geschrammel dieses Bubblegum-Pop-Pop besitzt noch immer anarchische Qualität. Wo Kinderlieder zu oft beruhigend oder belehrend sind, auf gewisse Weise dem quirligen Wesen des Kindes entgegenwirken, ist bei Fir Cone Children Übermut und Chaos angesagt. Vor allem aber versinkt diese Musik völlig im Augenblick, sie präsentiert sich als Anhäufung von Stimmungen. Und steht mit diesem punktuellen Ansatz im Widerspruch zur linearen Welt der Erwachsenen, die zur Gegenwart immer gleich Vergangenheit und Zukunft mitdenkt. Das Bedürfnis des Moments – Fir Cone Children weiterlesen

Musikalisches Tohuwabohu (I): Jaga Jazzist, Four Tet, Matias Aguayo & The Desdemonas

Seit Monaten schon komme ich mit dem Aufräumen meines Postfachs nicht mehr nach, es blutet mein Herz, wenn ich teils nur vermuten kann, wie viele hervorragende Klänge wohl darin dahingammeln. Nun könnte ich mich natürlich zurücklehnen und darauf vertrauen, dass all die Musik auch ohne mein bisschen Zutun ihre Hörer finden wird. Aber mir fehlt halt nach wie vor das Vertrauen in Spotifys Playlist-Algorithmen oder die Unabhängigkeit der meisten Musikmagazine. Und natürlich können auch die sehr geschätzten Bloggerkollegen wie Nicorola oder Coast Is Clear nicht alles alleine stemmen. Daher will ich ab sofort mindestens einmal die Woche das Beste aus dem Kladderadatsch vieler Newsletter und Feeds ohne ganz viel Worte an dieser Stelle auflisten. Möge dies hilfreich sein!

Jaga Jazzist

Vielleicht ist der Begriff mittlerweile aus der Mode und ich habe das nicht mitbekommen, aber ich fand den Genrenamen Nu Jazz stets mit Coolness behaftet. Die norwegische Formation Jaga Jazzist hat sich diesbezüglich so einige Verdienste erworben. Die Band kann schon einige Jahre des Bestehens zurückblicken und hat mit One-Armed Bandit (2010) eine Platte für die Ewigkeit vorzuweisen. Und gerade wenn es um experimentelle Sounds im Allgemeinen und Jazz-Fusion im Speziellen geht, wird der musikalische Zenit oft erst später erreicht als bei schnödem Rock. Darum darf man schon jetzt dem nächsten Werk der Band um Mastermind Lars Horntveth entgegenfiebern. Zur Überbrückung der Wartezeit hat uns Jaga Jazzist nun ein neues Stück spendiert. Prokrastinopel heißt die neue Single, für die der schwedische Gitarrist Reine Fiske als Gast gewonnen werden konnte. Prokrastinopel besticht – wie nahezu der gesamte Output Jaga Jazzists – durch einen funky Groove, der die komplexen Arrangements fast vergessen lässt. Schon allein für diese Finesse muss man die Kapelle lieben. Ihr experimentelles Tun imponiert durch einzigartige Leichtigkeit und eingängigen Charme. Bravo, bitte bald mehr davon!

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Großstadtsentimente in der Tradition der Großmeister – Kevin Morby

Man tut Kevin Morby vielleicht gar keinen Gefallen, wenn man ihn mit einem Bob Dylan vergleicht. So sehr Morbys Songwriting und erst recht sein gesanglicher Vortrag förmlich danach schreien. Schlicht weil der Eindruck der Epigonenhaftigkeit oftmals einen schalen Beigeschmack hinterlässt. Aber Morby hat sich diesen Vergleich selbst mehr als verdient, vereint er doch all das auf sich, was speziell den jungen Dylan ausgezeichnet hat. Eine prägnante Beobachtungsgabe, eine facettenreiche Zärtlichkeit, lässige Selbstsicherheit und nicht zuletzt eine gewisse Portion Zorn über gesellschaftliche Zustände. Über solch Talente verfügt man – oder auch nicht. Man wacht jedenfalls nicht eines schönen Morgens auf und entdeckt den inneren Dylan in sich. Dass Morby nach dem letztjährigen Album Singing Saw, dessen Track I Have Been To The Mountain in manch Hinsicht an Bob Dylans Hurricane erinnerte, nun beim neuen Werk City Music eher Großstadtsentimenten und urbaner Coolness huldigt, folgt ebenfalls der sprunghaften Tradition des Großmeisters. Der Titel lässt ein klares Konzept vermuten, beispielsweise eine Liebeserklärung an das Stadtleben im Allgemeinen oder sogar an eine ganz spezielle Metropole. Dennoch ist die Überschrift über diese zwölf Songs eher als kleinster gemeinsamer Nenner zu verstehen. Ja, die Tracks sind allesamt von urbanem Lebensgefühl getragen. Aber nein, sie sind nicht als legendäre Winkel ausleuchtende Hommage an New York zu begreifen. Zumindest nicht im engeren Sinn, vielmehr fühlt man sich auf eine Zeitreise mitgenommen. Doch dazu später mehr.

Photo Credit: Adarsha Benjamin

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Jugendlichkeit als Pfund, nie Mühlstein! – Fazerdaze

Wenn nachdenklicher Lo-Fi-Indie-Pop und der Girl-with-Guitar-Alternative der Neunziger auf eine gewisse Surfer-Girl-Niedlichkeit trifft, dann hält man Morningside in Händen. Der als Fazerdaze firmierenden Neuseeländerin Amelia Murray gelingt ein sehr sympathisches Debüt, das das authentische Lebensgefühl einer Mittzwanzigerin vermittelt. Tatsächlich ist es angenehm zu hören, dass bei allen Beziehungsproblemen, Traurigkeiten, Sehnsüchten und den ewigen Fragen an die Zukunft dennoch nie der Eindruck entsteht, dass das Leben gerade jetzt entschieden wird. Morningside steht ebenso für jugendliche Abenteuerlust wie für die Sorgen des Erwachsenwerdens. Die authentische Frische des Albums macht selbiges zu einem perfekten Soundtrack dieses Frühsommers.

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Schlaglicht 77: UNKLE

Einen Geniestreich wiederholt man nicht so leicht. Nichts anderes nämlich war Psyence Fiction, das James Lavelle und DJ Shadow einst als UNKLE ersonnen hatten. 19 Jahre ist das mittlerweile her, man mag es kaum glauben. Und was für hochkarätigen Gäste dieses Werk erst schmückten: Richard Ashcroft! Thom Yorke! Erster begeisterte auf dem famosen Track Lonely Soul, Yorke steuerte Rabbit In Your Headlight bei. Dieser Song wiederum darf sich eines der besten Musikvideos aller Zeiten rühmen. Leider hatte die Zusammenarbeit von Lavelle und DJ Shadow nicht länger Bestand. Letzter brachte noch einige LPs heraus, die die Electronica nachhaltig prägten, ehe er Mitte der 2000er einen kreativen Irrweg einschlug und durch ein langes Jammertal wanderte. Lavelle und sein UNKLE dagegen vermochte auch mit neuen Partnern hörenswerte Klänge abzuliefern, ohne je ganz an das Debüt heranzureichen.

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Zeitlosigkeit statt Nostalgie – Orchestra Baobab

Mitteleuropäer werden wohl nicht gerade mit großen Kenntnissen glänzen, wenn die Sprache auf den Senegal kommt. Vermutlich können sich hier Sportfans besonders hervortun, Motorsportfreunde kennen die Hauptstadt Dakar von der gleichnamigen Rallye, auch wenn diese mittlerweile aus Sicherheitsgründen in Südamerika gefahren wird. Das Nationalteam Senegals wiederum überraschte bei der Fußball-WM 2002. Durchschnittseuropäer werden zumindest die französische Kolonialvergangenheit anführen können. Für Schlagzeilen taugt das westafrikanische Land kaum. All seine Probleme wurden in den Jahrzehnten seit der Unabhängigkeit 1960 von gravierenderen Krisenherden am afrikanischen Kontinent in den Schatten gestellt. Doch wieder einmal taugt eine afrikanischen Band dazu, ein bisschen in die Höhen und Tiefen eines Landes einzutauchen. Dieses Mal wollen wir uns das Orchestra Baobab ein wenig näher ansehen. Und natürlich auch das jüngst erschienen Album Tribute To Ndiouga Dieng nicht unerwähnt lassen.

Photo Credit: Youri Lenquette

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Schatzkästchen 89: Kacy & Clayton – The Light of Day

2013 hatte ich auf das exzellente kanadische Duo Kacy & Clayton hingewiesen, mich an dem puristischen Folkalbum The Day Is Past & Gone ergötzt. Irgendwie sind mir die Beiden jedoch aus der Wahrnehmung entfleucht. Deshalb war ich dieser Tage umso erstaunter, welchen Weg das Duo mittlerweile eingeschlagen hat. Die neue Single The Light of Day kündigt das im August erscheinende Album The Siren’s Song an. Produziert wurde das Werk von keinem Geringeren als Jeff Tweedy. Und ja, das hört man! The Light of Day zumindest tönt in bester Roots-Rock-Tradition. Eine psychedelische Note und eine charmante Pedal-Steel-Gitarre verleihen dieser pfiffigen Nummer den Charakter eines Klassikers. Nur zu gut kann man sich ausmalen, dass der Song auch zu Zeiten der Hippies für Furore gesorgt hätte. Und wenn man sich das Cover der Platte so besieht, ist dieser Eindruck auch gewünscht.

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Liebe auf den ersten Blick – Postcards

Aus welchem pittoresken US-College-Städtchen ist im Twee und Dream-Pop angesiedelte Musik der Band Postcards ausgebüxt? Wenn ich es nicht besser wüsste, würde ich das Quartett im Mittleren Westen oder irgendwo in New England lokalisieren. Weit gefehlt! Sehr weit. Die Postcards kommen aus dem Libanon. Genauer gesagt aus Beirut, einer der spannendsten Metropolen des Nahen Ostens. Songwriting und Vortrag lassen das jedoch in keinster Weise erkennen. Vielleicht unterschätze ich ja, wie sehr die Generation der Millennials – nicht zuletzt durch das Aufwachsen mit dem Internet – bereits jedwede bemühte Nachahmung abgelegt hat. Musikalische Genres haben längst schon nationale Grenzen, Kulturräume oder Stereotype wie den Begriff der westlichen Welt überwunden, sprießen überall. Mal mit lokalen Einflüssen gespickt, mal völlig ohne geographische Verortung.

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Letztlich optimistisch – Erasure

Man könnte ja meinen, der Weltuntergang stünde bevor. Alle jammern! Die einen über aufgezwungene Political Correctness, die alle Münder mit Euphemismen zu stopfen droht. Andere wieder über die Wiederkehr reaktionären Denkens, das viele hart erkämpfte und mittlerweile fast als selbstverständlich wahrgenommene Errungenschaften einkassieren möchte. Wie geht man in Zeiten von Trump, Brexit und Terror mit all dem um? Steckt man den Kopf in den Sand, macht auf Party bis zum Sonnenaufgang? Oder übt man sich in eher gedämpfter Stimmung, freilich nicht ohne alle Hoffnung fahren zu lassen? Die britischen Veteranen Erasure haben sich für letztere Variante entschieden. World Be Gone setzt über weite Strecken auf verhaltenen Synthie-Pop, der kaum Glitter oder Fetenlaune versprüht. Dieser nicht erwartbare Umstand macht das Album keineswegs weniger interessant.

Photo Credit: Doron Gild

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Wie im Kino: Pathos, Drama, Leidenschaft! – Principe Valiente

Melodischer Indie-Rock gepaart mit New-Wave-Charakter und Shoegaze-Herrlichkeit, was in dieser Kurzbeschreibung nach einem Album klingt, dass man besser gleich als gestern auf den Plattenteller legen möchte, ist tatsächlich sogar viel überwältigender, als man sich dies je auszumalen wagt. Oceans zählt für mich bereits jetzt zu den drei besten Alben des Jahres 2017. Sogar wenn morgen alle musikalischen Heiligen vom Himmel herabsteigen und sogleich ins Aufnahmestudio eilen würden, das famose Oceans könnte schwerlich zu toppen sein. Meine Begeisterung liegt keineswegs im Reiz des Neuen begründet, denn die schwedische Formation Principe Valiente ist diesem Blog schon länger vertraut. Der Track She Never Returned des 2013 veröffentlichten Choirs Of Blessed Youth schallt nach wie vor regelmäßig aus meinen Boxen. Mit Oceans ist mir Principe Valiente nun endgültig ans Herz gewachsen, in die Riege ehrfürchtig genannter Lieblingsbands aufgenommen! Schauen wir uns die Gründe dafür doch näher an.

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