Schlagwort-Archive: Alben 2017

Schatzkästchen 85: Erasure – Love You To The Sky

Erasure sind ein echtes Phänomen. Ihr fröhlicher, eingängiger Synthie-Pop, der stets nach Party und Tanzboden anmutet, könnte geschmackssichere Gemüter zum Nasenrümpfen einladen. Und doch muss man schon ein ausgesprochener Miesepeter sein, um dem Tun der Herren Andy Bell und Vince Clarke ablehnend gegenüberzustehen. Womöglich liegt es daran, dass das Duo seinen Dancefloor-Stampfern Freude und Lebendigkeit einhaucht. Wo es in dem Genre rasch nach Plastik mieft, gelingt es Erasure, das Leben, die Liebe und eine weltumspannende Verbundenheit zu zelebrieren. Liebenswürdigkeit mag im Normalfall kein musikalisches Kriterium sein, in besagtem Fall erweist sie sich jedoch als Geheimnis des Erfolgs. Nicht minder imponiert, dass Bell nach wie vor mit viel stimmlicher Frische gesegnet ist, wie die neue Single Love You To The Sky imponierend verdeutlicht. Sie kündigt das bereits 17. Album des Duos an, das auf den Titel World Be Gone lauten und im Mai erscheinen wird. Wenn man das Vorgängeralbum The Violet Flame als Maßstab nehmen möchte, darf man davon ausgehen, dass Erasure einmal mehr ganz Erasure sind. An der positiven Lebenseinstellung gepaart mit fröhlichen Synthie-Pop-Hymnen wird sich garantiert nichts ändern. Schatzkästchen 85: Erasure – Love You To The Sky weiterlesen

Der alte und neue Kampf um Heimat – Tinariwen

Heimat ist nichts, dessen man beim achtlosen Blick durchs Küchenfenster ansichtig wird. Heimat offenbart sich bestenfalls in besonderen, erhebenden Momenten. Mehr noch aber in der Sehnsucht, wenn Heimat zum verlorenen Paradies erwächst. Tinariwen können das eine oder andere Lied darüber singen! Die Wurzeln der Formation liegen in algerischen Flüchlingslagern, in welchen die erste Generation der Musiker aufwuchs, da das Volk der Tuareg seit den Sechzigern in Mali verfolgt wurde. Was Ende der Siebzigerjahre als loses Kollektiv musikalisch Gleichgesinnter entstand, war zunächst Ausdruck des Widerstands und der Bitterkeit des Exils. Die Inhalte der Musik fokussierten sich natürlich stark auf das Thema Revolution und bereiteten somit den geistigen Nährboden für die 1990 begonnene Rebellion der Tuareg, die letztlich in einem Friedensvertrag mit der malischen Regierung mündete. Doch Geschichte wiederholt sich. Auch die nächste Generation, die nun neben der alten zu den Instrumenten greift, sieht sich abermals mit Vertreibung und dem Fehlen von Heimat konfrontiert. Sein ein paar Jahren treiben die islamistischen Extremisten von Ansar Dine in der Region ihr Unwesen. Solch Musik, die der Einklang mit Tradition und Lebensraum umtreibt, ist reaktionären, repressiven Eiferern selbstverständlich ein Dorn im Auge. Das neue Album Elwan erfährt seine Existenzberechtigung allein schon darin, dass es sich schlicht nicht unterkriegen lässt. Tinariwens zwischen Moderne und Folklore verorteten Wüstenblues weiter kultiviert.

Der alte und neue Kampf um Heimat – Tinariwen weiterlesen

Gezündeter Turbo – Sofia Härdig

Sich ganz neu zu erfinden, die Lust darauf verspürt man ab und an sehr. Manchmal äußert sich der Wille zur Veränderung in Kleinigkeiten wie einem neuen Haarschnitt oder einem Klamottenwechsel, ab und an jedoch wird umgekrempelt, was sich alles umkrempeln lässt. Dann wird der Job gewechselt, ein brandneues Hobby gesucht, vielleicht sogar der Lebensabschnittspartner in die Wüste geschickt. Ob man nun Sport, Müßiggang oder Tinder für sich entdeckt, all die Korrekturen im Lebenswandel sind meist Ausdruck von aufgestauter Unzufriedenheit. Auch die schwedische Singer-Songwriter Sofia Härdig scheint diesbezüglich auf den Geschmack gekommen zu sein. Ihr Album And The Street Light Leads To The Sea wühlt sich durch das bisherige Schaffen und interpretiert Songs radikal neu. Sie hat den Schlüssel gefunden, der sie aus der dunklen Abgeschiedenheit ihres letzten Werks The Norm Of The Locked Room nun auf die illuminierte Bühne treten und zur Rampensau mutieren lässt. Bereits zuvor konnte man sich den Verweis auf eine PJ Harvey nicht verkneifen. Nun da sie aus dem verwunschenen Kämmerlein gekommen ist und in sattem Bandsound die Bühne rockt, scheint der Vergleich noch angebrachter.

Gezündeter Turbo – Sofia Härdig weiterlesen

Schatzkästchen 83: Justin Townes Earle – Champagne Corolla

Eines der wiederkehrenden Themen amerikanischer Musik, egal ob Rock oder Country, ist ein ausgeprägter Fetisch rund ums Auto. In vielen, vielen Liedern ist das Auto so viel mehr als bloß reines Fortbewegungsmittel oder Statussymbol. Ein Heilsversprechen umweht die Karosserie, der Drang nach Freiheit drückt aufs Gaspedal, manch Freuden spielen sich auf den Rücksitzen ab. Es dient nicht nur als Mittel zum Zweck, es ist stahlgewordenes Glück samt einer gehörigen Portion Erotik. Der Song Champagne Corolla reiht sich also nahtlos in eine lange Tradition ein. Der US-Singer-Songwriter Justin Townes Earle hat sich mit so manchen seiner Alben in meinen Augen zu einem Springsteen des Alternative Country gemausert. As American as it gets – unter diesem Motto könnte man die oft im Kleineleutemilieu oder in der amerikanischen Mittelklasse angesiedelten Geschichten zusammenfassen. Unter dem Gesichtspunkt ist es keineswegs verwunderlich, dass Earle ein stinklangweiliges Vehikel, wie es der Toyota Corolla eben ist, besingt. Die Braut, der in dem Song schöne Augen gemacht werden, fährt einen champagnerfarbenen Corolla, obwohl ihr attestiert wird, dass ein eleganter, schwarzer Flitzer weitaus besser zu ihr passen würde. Aber vielleicht ist ja gerade der Fahrzeugtyp ein gutes Omen, wenn man den Lyrics „But you can’t trust a rich girl no farther than you can throw her/ Need a middle class queen riding by in a champagne Corolla“ Glauben schenken darf. Schatzkästchen 83: Justin Townes Earle – Champagne Corolla weiterlesen

Schlaglicht 71: Lindi Ortega

Die Unrast derer, die ständig unterwegs sind, sei es aus schnöden beruflichen Gründen oder aber wegen eines ruhelosen Gemüts, taugt bestens zum Sinnbild für einen unsteten Lebensweg, der keineswegs in kalkulierten Bahnen verläuft. Die kanadische Country-Musikerin Lindi Ortega erzählt in ihrem Lied Til The Goin‘ Gets Gone also vom Leben hinterm Steuer eines Autos, unterbrochen nur von Übernachtungen in billigen Motels. Gerade Nordamerika mit seinen endlosen Highways eignet sich gut als Gleichnis für die Reise des Lebens. Immer weiter dem Ziel entgegen, getrieben von Sehnsüchten und aufgehalten von Frustrationen. Davon berichtet auch diese akustische Ballade. Die Zeilen „All the rundown dirty motels/ All the cities and small towns/ Leave ‚em in the rear view mirror/ While the wheels keep spinning round/ ‚Cause I gotta keep goin‘, I gotta keep goin‘ on“ geben dem Song mit wenigen Worten viel Ambiente. Man vermag die Rastlosigkeit mit den Händen zu greifen. Und durchaus verstehen, warum bei manch Gemütern die Reise stets in die Ferne schweift, das eigentliche Zuhause keinen beständigen Reiz versprüht.

Schlaglicht 71: Lindi Ortega weiterlesen

Schatzkästchen 81: Circa Waves – Fire That Burns

Eigentlich hätte ich vor mehr als drei Jahren schwören mögen, dass die Liverpooler Band Circa Waves 2017 sogar noch ein Stückchen weiter wäre. Womöglich sieht die Sache in ein paar Monaten auch schon anders aus. Vielleicht gelingt mit dem zweiten Album Different Creatures der ganz große Durchbruch. Das Rüstzeug, die britische Indie-Rock-Band des Jahres zu werden, bringen Circa Waves auf alle Fälle mit. Die Qualitäten hatten sich bereits Ende 2013 mehr als nur angedeutet, weshalb ich sie schon damals zum Hype freigegeben hatte. Nun sollte es endgültig klappen. Auch dank des famosen Tracks Fire That Burns. Ein zunächst treibender, dann bombastisch explodierender Refrain wird von melodischen Strophen samt fast zärtlichem Gesang umrahmt. Ein wunderbarer Song, den man nicht aus dem Ohr bekommt. Dass die Single auch ein starkes Musikvideo spendiert bekommen hat, sollte zum Erfolg beitragen. Ein wenig packt mich der Clip sogar bei der Ehre. Schatzkästchen 81: Circa Waves – Fire That Burns weiterlesen

Schlaglicht 69: Son Volt

Es ist das ewige McCartney-Lennon-Dilemma! Wenn eine aus mehreren Masterminds bestehende Band ein nicht gerade amikales Ende findet, stellt sich für Fans unwillkürlich die Frage der Loyalität. Wessen Werdegang möchte man auch weiterhin enthusiastisch begleiten? Im Falle von Uncle Tupelo hat sich die Mehrheit für Jeff Tweedy und seine daran anknüpfenden Band Wilco entschieden. Über die Jahre wurde es sogar richtiggehend zeitgeistig, Wilco ganz toll zu finden. Auch wenn ich die Einschätzung der Co-Bloggerin nicht teile, die Wilco als Hipsterscheiße abtut, so erstaunt es mich dennoch, dass ein Jay Farrar nach dem Ende von Uncle Tupelo weitaus weniger Anklang gefunden hat. Seit über 20 Jahren nimmt er mit Son Volt absolut hervorragende Alben auf, denen jedoch die Anerkennung verwehrt bleibt. Hoffentlich ändert sich das endlich mit dem demnächst erscheinenden Werk Notes of Blue. Farrar hat nach einer die letzte Platte prägenden Hinwendung zum Honky Tonky einen neuen Sound gefunden. Notes of Blue glänzt mit Blues-Rock und großartigen Americana-Klängen, einige davon besitzen überraschend viel Verve. Sinking Down bietet neben deftig-lärmigem Blues-Rock auch Passagen voll Country-Seligkeit, die Verlierersehnsüchte wunderbar einfangen. Back Against The Wall ist Folk-Rock, der ein Lied davon singt, sich nicht unterkriegen zu lassen. Das Songwriting fällt authentisch und hemdsärmelig aus, ohne Klischees und ohne existentialistische Hirnwichserei. Lost Souls entpuppt sich sogar als veritabler Ohrwurm, rhythmisch kernig, mit mächtiger E-Gitarre und einem fein lamentierenden Gesang Farrars. Großartig!

Schlaglicht 69: Son Volt weiterlesen

ITEOTWAWKI (I): Depeche Mode – Where’s the Revolution

©AntonCorbijn/ColumbiaRecords/SonyMusic

Zeit für eine neue Kategorie. Ab nun werden hier gesellschaftlich und politisch relevante Klänge unter dem Motto „It’s the end of the world as we know it“ beleuchtet. Und kaum ein Song wäre zum Start besser geeignet als Where’s the Revolution. Die neue Single von Depeche Mode, erster Vorgeschmack auf das im März erscheinende Album Spirit, taugt zu mehr als dumpfer Zeitgeistklage. Abgesehen von ein bisschen Feel-the-Bern-Stimmung, die im amerikanischen Vorwahlkampf von Bernie Sanders entfacht wurde, besteht dieser Tage speziell im linken Spektrum wenig handfeste Lust auf Revolution. Und die Mitte der Gesellschaft wirkt entweder zu satt oder zu angestrengt, um Impulse zu setzen. So sind die größten umstürzlerischen Tendenzen fraglos rechts angesiedelt. Siehe Trump, Le Pen, UKIP oder AfD. Doch markiert der Drang zur Abkehr von gegenwärtigen Verhältnissen nur die Rückbesinnung auf Nationalismus und Protektionismus. Genau diese Strategien taugen nicht dazu, die Probleme eines Kapitalismus ohne Sinn für soziale Verantwortung zu lösen. Die Revolution, nach der Depeche Mode Ausschau halten, ist ohnehin anders gestrickt. Die Zeilen „They manipulate and threaten/ With terror as a weapon/ Scare you till you’re stupefied/ Wear you down until you’re on their side“ richten sich vor allem an jenen Menschenschlag, der sich nicht von aufgeblähten Bedrohungen ins Bockshorn jagen lässt. Where’s the Revolution hat die Schnauze voll von „patriotic junkies“ und von Menschen, die Religionen oder Regierungen nicht kritisch hinterfragen. ITEOTWAWKI (I): Depeche Mode – Where’s the Revolution weiterlesen

Schlaglicht 68: Blondie

Photo Credit: Alexander Thompson

Im Sport ist die Gefahr ziemlich gering, dass man als Mitglied der Ü-60-Fraktion noch große Erfolge erzielt. Abgesehen von Senioren-Turnieren natürlich. Und auch in der Popmusik beschränkt sich die Daseinsberechtigung musizierender Rentner meist auf die Einweihung neuer Baumärkte oder auf Auftritte bei Stadtfesten in der tiefsten Provinz. Wenn sich ein Sexsymbol früherer Tage dann sogar noch mit 71 Jahren zu einem neuen Werk aufschwingt, stellt sich fast zwangsläufig die Frage, wer der Chose eigentlich das Ohr leihen soll. Weil, da müssen wir nüchtern sein, natürlich auch die Optik eine andere ist. Denn sogar eine Debbie Harry altert! Sie und ihre Mitstreiter von Blondie wollen es aber tatsächlich nochmals wissen. Für Mai wurde soeben das Album Pollinator angekündigt. Die erste Single Fun, von Dave Sitek (TV On The Radio) mitverfasst, präsentiert sich als flippiger Wohlfühl-Disco-Pop. Schlaglicht 68: Blondie weiterlesen

Das Wunder Leben – Rebekka Karijord

Ich bewundere Menschen, die mit sich völlig im Reinen scheinen. Die mit klarem Blick und aufrichtiger Emotion auf das blicken, was ihnen wichtig ist. Die sich mit der Umwelt im Einklang befinden, alle Ärgernisse und Nebensächlichkeiten abzuschütteln vermögen. Den Sinn der eigenen Existenz zu begreifen, ohne dabei in ein Hadern zu verfallen, ist eine große Kunst. Das Album Mother Tongue der Norwegerin Rebekka Karijord vermittelt genau jene Gemütsruhe. Im Falle von Karijord war es die dramatische Frühgeburt ihres ersten Kindes, die solch beneidenswerten Seelenfrieden hervorbrachte. Das Resultat ist eine innehaltende, umwerfend schöne Platte, die edelstes skandinavisches Songwriting verkörpert. Schauen wir uns das Werk doch kurz näher an!

Das Wunder Leben – Rebekka Karijord weiterlesen