Schlagwort-Archive: Alternative Country

Schatzkästchen 83: Justin Townes Earle – Champagne Corolla

Eines der wiederkehrenden Themen amerikanischer Musik, egal ob Rock oder Country, ist ein ausgeprägter Fetisch rund ums Auto. In vielen, vielen Liedern ist das Auto so viel mehr als bloß reines Fortbewegungsmittel oder Statussymbol. Ein Heilsversprechen umweht die Karosserie, der Drang nach Freiheit drückt aufs Gaspedal, manch Freuden spielen sich auf den Rücksitzen ab. Es dient nicht nur als Mittel zum Zweck, es ist stahlgewordenes Glück samt einer gehörigen Portion Erotik. Der Song Champagne Corolla reiht sich also nahtlos in eine lange Tradition ein. Der US-Singer-Songwriter Justin Townes Earle hat sich mit so manchen seiner Alben in meinen Augen zu einem Springsteen des Alternative Country gemausert. As American as it gets – unter diesem Motto könnte man die oft im Kleineleutemilieu oder in der amerikanischen Mittelklasse angesiedelten Geschichten zusammenfassen. Unter dem Gesichtspunkt ist es keineswegs verwunderlich, dass Earle ein stinklangweiliges Vehikel, wie es der Toyota Corolla eben ist, besingt. Die Braut, der in dem Song schöne Augen gemacht werden, fährt einen champagnerfarbenen Corolla, obwohl ihr attestiert wird, dass ein eleganter, schwarzer Flitzer weitaus besser zu ihr passen würde. Aber vielleicht ist ja gerade der Fahrzeugtyp ein gutes Omen, wenn man den Lyrics „But you can’t trust a rich girl no farther than you can throw her/ Need a middle class queen riding by in a champagne Corolla“ Glauben schenken darf. Schatzkästchen 83: Justin Townes Earle – Champagne Corolla weiterlesen

Schlaglicht 69: Son Volt

Es ist das ewige McCartney-Lennon-Dilemma! Wenn eine aus mehreren Masterminds bestehende Band ein nicht gerade amikales Ende findet, stellt sich für Fans unwillkürlich die Frage der Loyalität. Wessen Werdegang möchte man auch weiterhin enthusiastisch begleiten? Im Falle von Uncle Tupelo hat sich die Mehrheit für Jeff Tweedy und seine daran anknüpfenden Band Wilco entschieden. Über die Jahre wurde es sogar richtiggehend zeitgeistig, Wilco ganz toll zu finden. Auch wenn ich die Einschätzung der Co-Bloggerin nicht teile, die Wilco als Hipsterscheiße abtut, so erstaunt es mich dennoch, dass ein Jay Farrar nach dem Ende von Uncle Tupelo weitaus weniger Anklang gefunden hat. Seit über 20 Jahren nimmt er mit Son Volt absolut hervorragende Alben auf, denen jedoch die Anerkennung verwehrt bleibt. Hoffentlich ändert sich das endlich mit dem demnächst erscheinenden Werk Notes of Blue. Farrar hat nach einer die letzte Platte prägenden Hinwendung zum Honky Tonky einen neuen Sound gefunden. Notes of Blue glänzt mit Blues-Rock und großartigen Americana-Klängen, einige davon besitzen überraschend viel Verve. Sinking Down bietet neben deftig-lärmigem Blues-Rock auch Passagen voll Country-Seligkeit, die Verlierersehnsüchte wunderbar einfangen. Back Against The Wall ist Folk-Rock, der ein Lied davon singt, sich nicht unterkriegen zu lassen. Das Songwriting fällt authentisch und hemdsärmelig aus, ohne Klischees und ohne existentialistische Hirnwichserei. Lost Souls entpuppt sich sogar als veritabler Ohrwurm, rhythmisch kernig, mit mächtiger E-Gitarre und einem fein lamentierenden Gesang Farrars. Großartig!

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Den Prärien und Wüsten Nordamerikas entsprungen – Escondido

Heute möchte ich den Lesern ein wirkliches Schmankerl offerieren. Ich zumindest war in höchstem Maße angetan, als ich über dieses Album gestolpert bin. Walking With A Stranger scheint den Prärien und Wüsten Nordamerikas entsprungen, wirkt irgendwo in Texas, New Mexico oder Arizona verortet, dem Kernland des klischeeumrankten Wilden Westens. Das Album ist allerdings keine Cowboy-und-Indianer-Fantasie, der Radiosender KCRW beschreibt es als Mischung aus „glamorous, rhinestone-encrusted, 70s-era country queens“ und „elements of dreamy psychedelia, driving rock hooks and, of course, the plaintive, high-lonesome atmosphere of dusty desert landscapes“ – und dieser Einschätzung kann ich mich nur anschließen, wobei ich den Faktor Pop unbedingt hinzufügen möchte. Dem in Nashville, seines Zeichens Hauptstadt des Country-Mainstreams, beheimateten Duo Escondido glückt ein feines Stück Alternative Country, welches kaum in Richtung Americana oder Folk schielt, dem vielmehr der sonnengetränkte Pop-Rock vergangener Dekaden als Vorbild dient. Mariachi-Trompeten und Westerngitarre sorgen gelegentlich für Flair, knackige Popmelodien für jede Menge nicht nur Genrefetischisten umgarnenden Appeal.

Jessica Maros and Tyler James ist mit Walking With A Stranger ein Werk gelungen, das beim Hören richtiggehend auf der Zunge zergeht. Selten kommt mir Musik unter, die es herrlich einfach macht, sie Mal für Mal mit wachsender Begeisterung zu hören. Den Prärien und Wüsten Nordamerikas entsprungen – Escondido weiterlesen

Ein wenig Fluch und viel, viel Segen eines Nebenprojekts – Dicey Hollow

Heute möchte ich dem werten Leser eine außerordentliche Americana-Platte ans Herz legen. Diese Platte schimpft sich zwar EP, aber angesichts von 6 Liedern und über 29 Minuten Laufzeit erscheint mir dieses Format eher willkürlich gewählt. Hinter dem Namen Dicey Hollow stecken Petter Ericson Stakee und Jamie Biden. Ersteren könnte man übrigens als Kopf von Alberta Cross kennen. Dicey Hollow darf somit als typisches Nebenprojekt verstanden werden, dass die Erkundung eines neues Genres wagt. Im konkreten Fall wendet sich Stakee dem Alternative Country und der sehr vielfältigen amerikanischen Folk-Tradition zu. Die schlicht nach dem Projekt benannte EP fällt in ihren Lieder derart unterschiedlich aus, dass ein genauerer Blick lohnt.

Die von Piano und herzschwerer Gitarre bestimmte Americana-Ballade Silver and Sand darf getrost als stärkster Track einer tollen EP gelten. Der Song besticht durch ungemeine Wehmut, gibt sich dabei jedoch nicht wimmernd, eher nachdenklich und lapidar. Welch schönes Stück! Ein wenig Fluch und viel, viel Segen eines Nebenprojekts – Dicey Hollow weiterlesen

Der Muh-Muh-Müßiggang der Taugenichtse – Barbarisms

Ich habe ein ausgesprochenes Faible für den melodischen wie ein wenig verpeilten Lo-Fi-Americana-Indie-Rock der US-Band Clem Snide. Ohne Frage zählt deren Album The Meat of Life zu den liebsten fünf Platten, die ich der letzten 6 Jahren seit Bestehen dieses Blogs besprochen habe. Wenn ich also die amerikanisch-schwedische Formation Barbarisms und ihr gleichnamiges Debüt mit Clem Snide vergleiche, dann drückt dies bereits große Wertschätzung für die Band rund um Mastermind Nicholas Faraone aus. Denn Barbarisms besticht mit lakonischer Slacker-Attitüde, die sich Gepflogenheiten verweigert. Oftmals klingt diese Platte nach dem Muh-Muh-Müßiggang von Taugenichtsen, die in der Beschaulichkeit der Provinz am Leben knabbern und knuspern. In dem willentlich wirren Bewusstseinsstrom der Lyrics steckt der Reiz von Leichtigkeit, die eine Alternative zum biederen Sein unserer Tage birgt.

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Hinterwäldlerische Authentizität – Alana Amram & The Rough Gems

All die kultivierten Singer-Songwriterinnen mit ihren tönernen Seelchen, die mit traurig-schnuckeligen Glubschaugen durch die Stadt wandern! All die jungen, emotional aufgebretzelten Liedermacherinnen, die in die einsame Wildnis ziehen, um in abgeschiedener Genügsamkeit Sinn und Sein und Gänseblümchen zu suchen! All sie darf und soll es geben. Aber ich schätze auch die in Flanell gehüllte Landpomeranze, die Hemdsärmeligkeit statt Mädchenhaftigkeit versprüht. Eine raukehlige wie poetische Urtümlichkeit ist keine Schande. Und genau diese strahlt die Amerikanerin Alana Amram aus. Zusammen mit ihrer Begleitband The Rough Gems tourt sie im Herbst durch Europa, mit im Gepäck ein wirklich gelungenes Album namens Spring River. Mit einer kräftigen Mischung aus Rock, Folk und Alternative Country bietet die Platte Americana vom Feinsten. Es ist die Sorte Musik und die Art von Gesang, die sich die Authentizität durch ungezählte Meilen auf amerikanischen Backstreets angeeignet hat.

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Free Mp3: Arrica Rose & the …’s – On Christmas Night

arrica rose

Während andernorts die Weihnachtslichter angeknipst werden, wirft das Fest seine Schatten auf die Einsamen und Vergessenen. Keinem Genre wohnen die zerbrochenen Seelen so sehr inne wie dem (Alt-)Country. Arrica Rose singt uns ein Lullaby, das mit seiner verzagten Hoffnung die wahre Tragik erst offenbar werden lässt. Free Mp3: Arrica Rose & the …’s – On Christmas Night weiterlesen

Free Mp3: Samantha Crain – „Christmas For Cowboys“ (John Denver Cover)

Photo Credit: Michael Cooper

Es geschehen noch Zeichen und Wunder, dass ich mich mal in einen Song von John Denver verlieben würde, war nun wirklich nicht abzusehen. Zu gut in Erinnerung sind mir noch unzählige Lagerfeuerabende aus meiner Jugend, in denen sich immer jemand berufen fühlte, eine Klampfe zu malträtieren, um alsbald „Country Roads“ zu intonieren, natürlich mit freudiger Unterstützung eines willigen Chors. „Take me home“ dachte ich mir da nur immer oder genoss einen weiteren Schluck Bier, trank mir das Geschehen erträglich. Es bedarf wohl einer besonders trotzigen Elfe wie Samantha Crain, um hier Wunder zu vollbringen. Diese junge Dame wähnte ich dann auch als meine besondere Entdeckung, aber der Herr SomeVapourTrails trumpfte auf, hatte er sie doch schon auf diesen unseren Seiten vorgestellt.

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Stets eine gute Idee von jeglicher Langeweile entfernt – Laura Gibson

Manch Sängerin hüpft in Bottiche der Extravaganz und merkt nicht, dass es doch nur Fettnäpfchen der Gekünsteltheit sind. Was freilich mit dem Rüstzeug der Ungelenkheit gesegnet, wird nie geschmeidig schillernde Bewegungen zelebrieren können. Andere wiederum drehen sich im Kreise, umrunden das eigene hyperfragile Gemüt, recken ein jede Körpchengröße sprengendes Seelchen aus der Brust. Aber nicht jede destruktive, emotionale Verwirrung gebiert Kunst, mitunter ist sie lediglich Futter für den Psychiater. Im Falle der amerikanischen Singer-Songwriterin Laura Gibson will ich Übertreibungen oder gar innerliche Zerwürfnisse ausschließen. Gibsons dieser Tage veröffentlichtes Werk La Grande wirkt schick inszeniert, bleibt immer mindestens eine gute Idee von jeglicher Langeweile sowie aller Durchschnittlichkeit entfernt.

Photo Credit: City Slang

Das Ambiente, in welchem Gibson ihre Songs ansiedelt, umwittern ausreichend Geheimnisse. Man käme nie auf den Gedanken, es als pittoresk abzutun. Der hier präsentierte Alternative Country scheint mit einer feinen, rustikalen Patina versehen. Dem entgegen spreizt sich die anmutige Stimme voll feenhaftem Hochglanz. Dieser sich verschränkende Charme umgarnt. Gibson streut ihre Einfälle und Lyrics nie gleich Konfetti in die Luft, überschüttet den Zuhörer nicht mit wie zufällig hereinprasselndem Stückwerk, das danach verlangt, mühsam zusammen gepuzzelt zu werden. Wie die Songwriterin Lyrics, Komposition und Vortrag aneinander schmiedet, diese handwerkliche Komponente gibt der Platte den nötigen Schliff. Sorgt dafür, dass Laura Gibson nicht so einfach aus dem Gedächtnis purzelt. Das gedämpfte Milk-Heavy, Pollen-Eyed etwa glimmert um den Satz „I cannot keep myself from stumbling back to you„, bietet mehr als die übliche Abhandlung von Wohl und Weh einer Beziehung. Nicht nur wegen des dezenten Bläserlamentos, vor allem weil Zeilen wie „If salvation never takes our hands, we’d dance around the wreckage nonetheless“ eine Sprache sprechen, die sich nicht in Phrasen erschöpft, und eine Nachdenklichkeit vermitteln, die man sich als Hörer gerne zu eigen macht. Crow/Swallow formuliert Gedankenschwere („Time has a way of stealing our breath, and milking the light from our pores, many will fill their oak barrel wombs with patience instead of desire„) mit Zärtlichkeit, ohne Bitterkeit. Verbiegt sich für keinen Reim, wiegt Worte derart sorgsam ab, dass sie auch weniger Wohlmeinende nie für zu leicht befinden können. Gibsons Texte ringen mit der Vergänglichkeit, sehen dem Tod entgegen (beispielsweise der Titelsong La Grande oder Feather Lungs), entwickeln dabei jedoch ein ungeahntes Plädoyer für Leidenschaften, verbunden mit einer entwaffnenden Einsicht („Babe, you were right about tomorrow. Time is not against us„). Time Is Not fungiert jedoch nicht als Feigenblättchen eines von wurmstichigen Depressionen erfüllten Albums. Gibsons Sentimente und Hirnregungen schürfen tief, graben aber weder Hysterie noch Lethargie hervor.

La Grande by cityslang

So sehr mir die textliche Ebene Freudensprünge abringt, will ich auch die Musik nicht mit Schweigen bedenken. Mitunter wehen sacht artikulierte lateinamerikanische Klänge durch die Lieder (Lion/Lamb oder Red Moon), brechen das folkige Korsett, verströmen eine schiefe Leichtigkeit, eine Wärme bar jeglicher Sprödnis. Auch an ausgesprochenem Western-Charme mangelt es nicht (Skin, Warming Skin), der Lap-Steel-Gitarre sei Dank. Insgesamt sind Gibsons Arrangement so markant wie dezent, eindringlich und dicht, gelegentlich altmodisch, oft eine ländliche Weite suggerierend. Der Sound erschafft ein in bestem Sinne kleinstädtisches Ambiente. Malerische Choräle oder existentielle Weltabgewandtheit sucht man vergebens, auf gegenwärtigen Schick gibt die Liedermacherin wenig.

La Grande zeigt eine Singer-Songwriterin auf dem vorläufigen Zenit ihres Schaffens. Laura Gibson bietet Substanz, wo viele ihrer Kolleginnen nur prätentiös und mädchenhaft erscheinen, im Strudel der eigenen Empfindungen versogen agieren. In seiner Stimmigkeit zählt dieses Werk bereits jetzt zu den Highlights des Musikjahres 2012. Da es existiellen Dingen versöhnlich und ernst begegnet, dabei voll eleganter Schönheit schwingt, muss man es einfach gehört haben!

La Grande ist am 13.01.12 auf City Slang erschienen.

Link:

Offizielle Homepage

Kostenloser Download des Titelsongs La Grande

SomeVapourTrails

Alte Liebe rostet nicht – Cowboy Junkies

Es wird irgendwann im Herbst 1994 gewesen sein, ich war gerade in die große Stadt gezogen, machte mich mit jugendlichem Leichtsinn ans Studium und genoss nebenbei in vollen Zügen die Annehmlichkeiten einer eigenen Wohnung samt Kabelfernsehen. MTV lief bei mir oft, hatte noch Stil und tatsächlich musikalischen Wert. Eines Nachts flimmerte ein Video über den Schirm, welches ich davor und danach nie mehr auf MTV erhaschte. Trotz aller Gebanntheit vermochte ich den Bandnamen nicht auszumachen und so stiefelte ich in den darauf folgenden Wochen durch die Plattenläden Wiens und suchte. In Vor-Internet-Zeiten machte man das. So fahndete ich, und als ich schon das Lied geträumt zu haben meinte, nach einer halben Ewigkeit kam plötzlich ein Heureka aus meinem Munde. Die Band nannte sich Cowboy Junkies und sollte mir seitdem viele Jahre versüßen. Es hat etwas mit der Passion des Findens zu tun, dass das Gefundene so überaus schimmert – und den Glanz auf den Entdecker überträgt.

Auch nach weit über 20 Jahren sind die Cowboy Junkies mit ihrer je nach Album verschiedentlich ausgeprägten Mischung aus Alternative Country, Folk und Rock ein Fixstern am kanadischen Musikhimmel. Wenngleich ich mit den Veröffentlichungen der letzten Dekade weniger anzufangen weiß und vielmehr die ersten 6 Platten als das Nonplusultra ihres Schaffens ansehe, so kann ich nicht umhin, das Lebenswerk der Formation abgöttisch zu verehren. Bereits das 1986 erschienene Debüt Whites Off Earth Now!! präsentierte intensive, fast schon verstörend bluesige Coverversionen von Bruce Springsteens State Trooper oder John Lee Hookers Decoration Day samt virtuos arrangierter Gitarre, die ein veritabel düsteres Gegengewicht zum Gesang von Frontfrau Margo Timmins darstellte. Das eigentlich Magnum opus gelang der Band bereits zwei Jahre später mit The Trinity Session, in der Church of the Holy Trinity in Toronto aufgenommen. Von lullend-ausdrucksstarker Engelsgleiche getragen entfalteten sich in beseelter Atmosphäre getragene Klänge, die von Sehnsucht, Abschied und Verlust kündeten und deren Lyrics mit der Feder eines reinen Herzens geschrieben wurden. To Love Is To Bury oder Misguided Angel gerieten zu wundersamen Eigenkompositionen, Sweet Jane wurde auf ewig Lou Reed gestohlen. Und über allem die Ummäntelung des Klassikers Blue Moon in ein eigenes Gewand: Blue Moon Revisited (Song For Elvis).

Wie vermag man ein Überwerk, welches vielleicht sogar das Vorstellungsvermögen der Band übersteigt, mit einem Danach zu versehen, das nicht in blanke Enttäuschung bei Fans und Kritikern mündet? Daran hatten auch die Cowboy Junkies zu knabbern, vermochten auf The Caution Horses (1990) und Black Eyed Man (1992) jedoch Antworten zu finden, die zwar nicht mehr über die komplette Länge einer Platte überzeugten, aber Highlights wie Neil Youngs Powderfinger oder Sun Comes Up, It’s Tuesday Morning vollbrachten das Kunststück, den Charme der Band weiter zu auszuprägen. Black Eyed Man vermochte auch mit einem zärtlich countryesquen Duett mit dem heillos unterschätzten John Prine zu entzücken, If You Were The Woman And I Was The Man lautete der Titel. Townes Van Zandt widmete den 3 Geschwistern Michael, Margo und Peter Timmins sowie Bassist Alan Anton das Cowboy Junkies Lament, dem sie einen standesgemäßen Spirit einhauchten. Die folgende Platte Pale Sun Crescent Moon verlor ein wenig an Eindringlichkeit, es mangelte besonders an zum Staunen anregenden Covern. Die Songs Crescent Moon sowie White Sail freilich setzten die große Tradition gebührend fort.

Wenn es einen Wendepunkt gab, an dem sich die Gruppe kurzzeitig in die Gefilde des Mainstreams vorwagte, dann darf dieser mit 1996 angesetzt werden. Lay It Down klang direkter, die Stimme von Sängerin Margo Timmins wurde stärker in der Musik verankert, schwebte endgültig nicht mehr in einer eigenen Verfasstheit. Die Ballade Angel Mine bildete den fast schon heiteren Höhepunkt eines wenig schwermütigeren Werks. Wie auch Hold On To Me Hoffnung versprühte, das Blei der Schwere ins Bockshorn jagte.  Die letzte Veröffentlichung der Cowboy Junkies benannten sie Miles From Our Home (1998). Und in der Tat hatten sie sich von den Anfängen emanzipiert, waren aufwändiger produziert, ohne jedoch die Magie des frühen Schaffens vollends zu behalten. Das beste Lied des Albums stammte einmal mehr aus der Feder des damals eben erst verstorbenen Townes Van Zandt: Blue Guitar.

Mit diesem Album endete auch meine Amour fou mit der Band. Trotz vereinzelt an alte Größe anknüpfende Songs vermochten mich die Aufnahmen der letzten 10 Jahre nicht mehr so in den Bann zu ziehen. Doch alte Liebe rostet nicht. Bis zu diesem Tag zaubern mir die Lieder ein Glitzern in die Augen, stellen auch nach Jahren des steten Hörens eine fokussierte Ästhetik dar, die sich nicht abnutzt, ein lebenslanges Begleiten verspricht. Und natürlich springen meine Sinne stets wieder einer neuen Platte der Band entgegen. Das am 15. Juni erscheinende Renmin Park streckt seine Fühler aus – und schleicht sich näher ans Zentrum meines Herzens, als dies die unmittelbaren Vorgänger durften. Noch will ich mich zu keinem Urteil aufschwingen, zu frisch wirkt der Eindruck, aber so ein klitzekleinwenig lodert und brodelt es wieder vermehrt in mir, erscheinen die Songs der Cowboy Junkies wie Küsse samt vorwitziger geführter Zunge. Dem mag ich mich gar nicht erst entziehen.

Zwei kostenlose Downloads des neuen Werks, die Songs Stranger Here und Cicadas finden sich hier.

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Offizielle Webseite

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