Schlagwort-Archive: Alternative Country

Geheimtipp mit Ausrufezeichen – Okieson

Alternative Country ist ein klassisches Underdog-Genre, nichts für Weicheier, vielmehr für Typen, die der heilen Welt des Mainstream-Country dunkle Töne entgegentrotzen. Die Liste der führenden Verfechter eines zugegeben schwammigen Genres strotzt vor eigenwilligen Songwritern, denen am ehesten die Herkunft gemein ist. Es scheint eben eine amerikanische Angelegenheit zu sein, die europäische Musiker meines Erachtens nicht so recht zu fassen vermögen. Umso erstaunlicher mutet Cupboard Full Of Things der niederländischen Formation Okieson an. Vor allem der oft knarzige, unheimlich passende Ausdruck von Sänger Sebastiaan van Bijlevelt hebt das Album auf derart gutes Niveau, dass man der Platte durchaus Tribut zollen darf.

Bereits der Opener Fix Me Up scharrt erfolgreich mit den Hufen, vermittelt eine dichte, von nachdenklichen Lyrics gekennzeichnete Atmosphäre, während die Musik danach klingt, als hätten Okieson der Kult-Band 16 Horsepower sehr, sehr oft gelauscht. Sich an Meistern zu orientieren, das hat wahrlich noch nie geschadet. Auch wenn die Band mal kräftiger in die Saiten drischt, klingt das durchdacht und stimmig, richtig mitreißend. Trees wäre als so beschaffenes Beispiel zu nennen. Auf dem Titeltrack Cupboard Full Of Things treten die textlichen Qualitäten besonders deutlich hervor, Zeilen wie „A punishing beam of sunlight slaps the day into my face“ bringen Stimmungen auf den Punkt, verstärkt durch ein anschwellendes Arrangement. Das hat Hand, hat Fuß, mehr noch entwickelt eine eigenen Charme, der nicht auf die großen Vorbilder schielt. Vorbildlich auch wie Good Friend, wo die Worte „And I awake into silence/ the impuls as my guide/ shake hands with the devil/ as a good friend by my side“ ein altbekanntes Motiv nicht zum Klischee verkommen lassen und van Bijlevelt einmal mehr eine wohldosierte Performance abliefert, in die eigene Stärke vertraut, nicht wimmert oder Pathos hinzuzieht. Das Album hält den eingeschlagenen Kurs bis zum Ende durch, zupft nicht nur dumm die Klampfe, sondern bedient sich einer bunt gestreuten, immer stimmungsvollen Instrumentierung. Vielleicht fehlen die besonders eingängigen Melodien, welche der Platte gleich beim ersten Hören eine Aufdringlichkeit verleihen könnten. Das freilich sollte den Liebhaber des Alternative Country wenig kratzen.

Okieson haben den düsteren Flair des Genre sehr gut eingefangen! Das darf man bei Europäern durchaus mit Ausrufezeichen goutieren. Cupboard Full Of Things ist ein kleiner, feiner Geheimtipp, dem man auf alle Fälle eine Chance geben sollte.

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Neko Case in berückender Live-Vollendung

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Neko Case steht für mich in vorbildhafter Art und Weise für die fragil bis raue Grazie, mit der weibliche Songwriter den Alternative Country und allgemein eine moderne Spielweise des Folks im vergangenen Jahrzehnten zu berückender Vollendung ausgeformt haben. Dass sie damit auch breitflächige Anerkennung und – zumindest in den Vereinigten Staaten – auch kommerziellen Erfolg erlangt, sollte allen Künstlern Ansporn sein,  nicht den Mainstream zu suchen, sondern vielmehr aus mehr oder minder großen musikalischen Nischen heraus die Weltherrschaft anzustreben. Besonders das aktuelle Album Middle Cyclone bestach.  Wer den Zauber einer Neko Case bislang noch nicht für sich entdecken konnte, darf dies jetzt mittels eines kurzen Live-Streams tun.

Viel Freude dabei!

SomeVapourTrails

Schmuddelige Schönheit schmachtet schmissig – Palodine

Eine meiner spürnasigsten Entdeckungen 2009 war das Bremer Label dandyland, welches in den vergangenen Monaten mit Releases von Bands wie Viarosa handverlesenste Indie-Kost in deutsche Landen hievte. Auch diesmal wird ein Album, welches im weiten Erdenrund ungenügende Aufmerksamkeit erfuhr, in hiesigen Breiten mit einer Wiederveröffentlichung beehrt. Ein grundsolides Konzept, das mir bei Scarlatti Tilt imponierte – und nun erneut gelingt. Die aus Sängerin Katrina Whitney und Gitarrist Michael Aryn bestehende Formation nennt sich Palodine und gemahnt in den aufregendsten Momenten an exakt die Art von Musik, welche ein Nick Cave zusammen mit David Eugene Edwards und PJ Harvey verbrechen könnte. Und genau die Aufrichtigkeit, mit welcher sie in epigonenhafter Manier in Fußstapfen von Giganten treten, verursacht mein absolutes Wohlwollen. Die CD Garden of Deceit ist ein echter Geheimtipp.

Palodine

Um es auf das i-Tüpfelchen zu bringen: Atmosphärisch-düsterer Folk-Rock überlappt sich mit pathetischem Alternative Country – und flirtet dennoch mit dem Understatement kleiner Gesten. Nie wird zuviel gewollt und zuwenig gekonnt! Dies Fettnäpfchen zu umtänzeln, das verdient Anerkennung. Sweet Mouth, Black Heart wäre als fabulöses Beispiel zu benennen. Mit bestimmender Rohheit trommelt sich das Lied in Stimmung, zeigt Whitneys Stimme Zuckerbrot und Peitsche. Wenn schmuddelige Anmut eine versiffte Erdigkeit durch die Boxen treibt, schwingt sich die Sängerin in eine wilde Stimmung, die man doch nur Polly Jean vorbehalten glaubt. So rubbelt sich Woman of Cain mit der Anschmiegsamkeit einer Drahtbürste in die Gehörgänge. Toll und wuchtig. Freilich sind es auch altbekannte, aber eben nie und nimmer altbackene Gitarrenriffs, bei denen die mit Intensität gesattelten Gäule in den Sonnenuntergang durchgehen. Sorrow Has Opened Your Eyes ist ebenso eine Offenbarung wie das zärtlichere A Dozen Stones, dessen Entfaltung eine kräftigen Gitarren-Ballade birgt, die sich ein Solo Aryns gönnt und auch Mainstream-Zeitgenossen den Dahinschmacht-Faktor ins Ohrenschmalz stanzt. Palodine liefern durchgängig eine handwerklich überaus ordentliche Performance ab, die Genre-Enthusiasten Schuppen von den Äuglein perlen lässt. Einzig der Rausschmeißer Magdalene plätschert ein wenig vor sich hin, ehe sich die lärmende Klampfe mit sirenenhaftem Gesang paart und einen würdigen Abschluss bildet.

Garden of Deceit

Wenn ich der echt gehaltvollen Scheibe einen einzigen Makel anlasten will, dann vielleicht jenen: Man fühlt, dass Palodine noch ein wenig auf der Suche begriffen sind. So vielen Götzen gilt es nachzueifern. Doch ist dies wirklich notwendig? Die Verortung in einer gediegenen Eigenständigkeit mag vielleicht bereits mit dem nächsten Album Saints of the Sea noch famoser ausfallen. Bis dahin besticht Garden of Deceit jedoch sehr. Palodine sind demnächst auch live zu begutachten, tingeln allerdings hauptsächlich in der Provinz herum. Schade.

Tour-Termine:
19. Sep. 2009 Diepholz -Kulturgut Ehrenburg
21. Sep. 2009 Wildenhausen – Lindenhof Lichtspiele
22. Sep. 2009 Bremen – Hafencasino
23. Sep. 2009 Bremerhaven – Passage Kino
24. Sep. 2009 Osnabrück – Unikeller
25. Sep. 2009 Bremen – Hot Shots
25. Sep. 2009 Bremen – Townside
26. Sep. 2009 Oldenburg – Polyester
27. Sep. 2009 Achim – Katakomben
28. Sep. 2009 Göttingen – Blooming Bar
29. Sep. 2009 Hamburg – Astra Stube
30. Sep. 2009 Hamburg – Kompetent+Freundlich
01. Okt. 2009 Nienburg – Weserschlößchen

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100 Songs – Teil 1 (High, Low And In Between)

Townes Van Zandt – High, Low And In Between

Ich denke nicht, dass meine Lieder alle so traurig sind. Ich habe ein paar, die nicht traurig sind – die sind nur hoffnungslos.“ – Townes Van Zandt

Was ist unser Leben, wenn nicht der mehr oder weniger erfolgreiche Versuch Spuren zu hinterlassen? Ist es eine Reise, deren Erfolg sich in der Anzahl der Polaroids messen lässt, die andere Menschen von uns machen? Bedeutet Leben ein einsames Erlernen von Vergänglichkeit, durchsetzt mit kurzen Glücksmomenten?

High, Low And In Between ist ein nachdenkliches Meisterstück des texanischen Singer-Songwriters Townes Van Zandt. Seine Biographie liest sich wie eine Aneinanderreihung von Tragödien und Abhängigkeiten, ein depressiver Entwurf des Scheiterns. Die Authentizität seines Leidens überträgt sich als zeitlose poetische Kraft in das musikalische Schaffen. Auch 11 Jahre nach Van Zandts Tod lohnt eine intensivere Beschäftigung mit seinem Werk, welches hier exemplarisch vorgestellt wird. Man sollte sich nicht von schnulzigem Country-Gedudel blenden lassen.  Country kommt auch ohne Seichtigkeiten aus und genau dafür steht Van Zandt, den man Wegbereiter des Alternative Country nennen darf.

Die Schlichtheit der Mittel prägt High, Low And In Between. In bester Folk-Manier bildet eine einfache Melodie das Unterfutter für den kraftvoll-fragilen Text, dessen zentraler Fokus auf dem Leben als ein Fortschreiten liegt. Jene Sinnsuche, die man alleine unternimmt und auf welcher man Spuren zurücklässt (What can you leave behind, when you’re flyin’ lightning fast and all alone? Only a trace, my friend.). Für kurze Augenblicke mag man seinen persönlichen Himmel finden (Heaven’s where you find it and you can’t take too much with you.), inmitten von Konfusionen. Jegliches Festhalten daran verhindert den zielstrebigen Blick nach vorn, verliert das Forschen nach Antworten aus den Augen. Sehnsüchte bleiben freilich oft unbeantwortet (Answers don’t seem easy and I’m wonderin’ if they could be.) So scheint die Erkenntnis der Suche ein Pendeln zwischen Resignation und Hoffnung.

High, Low And In Between ist auf dem gleichnamigen Album aus dem Jahr 1972 erhältlich. Zum Beispiel bei Amazon. Weiterführende Informationen zu Townes Van Zandt findet man auf Wikipedia.

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