Schatzkästchen 102: James – Better Than That

James sind ein echtes Phänomen. Vor 35 Jahren ist die Band aus Manchester erstmals auf auf der Bildfläche erschienen, seit den Neunzigern war sie für die vordersten Plätze in den Charts gut. Auf die 2001 durch den Abgang des Sängers Tim Booth vollzogene Auflösung folgte 2007 die geglückte Wiedervereinigung. Auch die jüngsten Veröffentlichungen erfuhren kommerziellen Zuspruch. James stehen somit keinesfalls im Verdacht, abgehalfterte, der Pension ins Auge blickende Musiker zu sein, die nur vom einstigen Ruhm zehren. Angesichts ihres 2016 erschienen Albums Girl At The End Of The World hatte ich die Band gar auf dem Zenit der Schaffenskraft gesehen. Dieser Tage nun gibt es wieder Neuigkeiten zu vermelden. Für Mai hat die Band die EP Better Than That angekündigt, dem Titeltrack darf man bereits lauschen. Und was soll ich sagen, der Song belegt einmal mehr die Klasse der Formation. Mit lässigem Trotz fordert Booth die Widrigkeiten des Lebens heraus, hat für selbige nur ein „You can do better than that“ übrig, fordert das Schicksal fast höhnisch mit den Worten „Hit me again and show me where I’m cracked“ heraus. Der aufgeweckte, vor Dynamik strotzende Track kommt im James-typischen Sound daher.  Weiterlesen

Schatzkästchen 101: Car Crash Sisters – Descension (Songpremiere)

Eine Melancholie liegt wie ein sepiahafter Schatten über dem Track Descension, einem Track vom in Kürze erscheinenden Album Sundance Sea der mexikanischen Formation Car Crash Sisters. Besagte Melancholie ist allerdings besonders gelungen verpackt, nämlich in einen lärmigen Neunzigerjahresound. Verträumter Alternative Rock mit ein wenig grungiger Attitüde ist wohl nicht der neueste Schrei, doch eine Hinwendung zu den Neunzigern scheint immer und stets begrüßenswert. Descension ist von melodischer Bittersüße durchdrungen, die einem auch dann nicht aus den Ohren geht, wenn die Gitarren aufheulen und der Song plötzlich voll im Saft steht.  Weiterlesen

Gezündeter Turbo – Sofia Härdig

Sich ganz neu zu erfinden, die Lust darauf verspürt man ab und an sehr. Manchmal äußert sich der Wille zur Veränderung in Kleinigkeiten wie einem neuen Haarschnitt oder einem Klamottenwechsel, ab und an jedoch wird umgekrempelt, was sich alles umkrempeln lässt. Dann wird der Job gewechselt, ein brandneues Hobby gesucht, vielleicht sogar der Lebensabschnittspartner in die Wüste geschickt. Ob man nun Sport, Müßiggang oder Tinder für sich entdeckt, all die Korrekturen im Lebenswandel sind meist Ausdruck von aufgestauter Unzufriedenheit. Auch die schwedische Singer-Songwriter Sofia Härdig scheint diesbezüglich auf den Geschmack gekommen zu sein. Ihr Album And The Street Light Leads To The Sea wühlt sich durch das bisherige Schaffen und interpretiert Songs radikal neu. Sie hat den Schlüssel gefunden, der sie aus der dunklen Abgeschiedenheit ihres letzten Werks The Norm Of The Locked Room nun auf die illuminierte Bühne treten und zur Rampensau mutieren lässt. Bereits zuvor konnte man sich den Verweis auf eine PJ Harvey nicht verkneifen. Nun da sie aus dem verwunschenen Kämmerlein gekommen ist und in sattem Bandsound die Bühne rockt, scheint der Vergleich noch angebrachter.

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20 Jahre Placebo: A Place For Us To Dream & Life’s What You Make It

Man kann die Welt in zwei fast unversöhnliche Lager schwarzweißen. In jenes das, eine intensive, mit der eigenen Emotion hadernde, von einem charismatischen Frontmann dargebotene Musik mag, und natürlich in jene Fraktion, die von Placebo gar nichts hält. Letzteren ist ohnehin nicht zu helfen, den Fans dagegen sei die frohe Kunde mitgeteilt, dass mit der im Oktober erscheinenden Retrospektive A Place For Us To Dream das 20-jährige Bandjubiläum – genauer gesagt die Veröffentlichung des Debüts – begangen wird. Nun sind so Werkschauen im Plattengeschäft meist ein kultiviertes Wort für ein Best-of und bieten den Eingeweihten fast nichts Neues. Ob dies auch für A Place For Us To Dream gilt, werden wir gleich näher beleuchten. Doch vorab möchte ich darauf hinweisen, dass sich Placebo seit letztem Jahr in einer resümierenden Stimmung befinden. Ihr Ende 2015 veröffentlichter Auftritt bei MTV Unplugged ließ die Karriere bereits Revue passieren. 14 der 17 live gespielten Tracks finden sich in den jeweiligen Studioaufnahmen nun auch auf besagter 36 Titel umfassenden Retrospektive wieder. Das im speziellen Umfeld von MTV Unplugged begonnene Resümee wird somit mit den originalen Tracks bzw. Radio Edits fortgesetzt. Nun kann solch eine Betrachtung des bislang Erreichten entweder als Schwanengesang gewertet werden oder aber auf einen Neubeginn hindeuten. Brian Molko hat sich bereits dahingehend geäußert, dass die Band nach den Feierlichkeiten zu neuen Ufern aufbrechen möchte, vom bisherigen Sound abweichen wird. A Place For Us To Dream kündigt also keine Auflösung an, vielmehr eine Neuausrichtung, auf die man fraglos gespannt sein darf. Doch bis dahin absolvieren Molko und Stefan Olsdal noch eine Tour, bescheren uns dieses umfangreiche Best-of und Life’s What You Make It, eine 6 unveröffentlichte Stücke umfassende EP. Diese EP liefert den Beweis dafür, dass Placebo auch eingefleischten Fans etwas Neues bieten wollen. Sehr gut!

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Ein Frage der Attitüde – 50FOOTWAVE

Hmm, habe ich in all den Jahren des Bestehens dieses Blogs tatsächlich noch nie ein Wort über Kristin Hersh verloren? Asche auf mein Haupt. Denn ihre Soloalben der Neunziger habe ich sehr gemocht, ihrem Wirken bei den Throwing Muses dagegen seltsamerweise immer zu wenig Beachtung geschenkt. Hersh ist ohne Zweifel eine der interessanteren Indie-Gestalten der vergangenen Jahrzehnte. So interessant sogar, dass ein würdigendes Porträt sicher lohnen würde. Dieser Tage, in Zeiten des Fussballs, müssen es einige Zeilen zur neuen EP ihres Projekts 50FOOTWAVE tun. Die sechs Songs der EP Bath White stehen in bester, griffiger Alternative-Rock-Tradition, verkörpern alles, was Female-Fronted-Rock so attraktiv macht. 50Footwave gehen es geradezu puristisch an, Hersh ist für Gitarre und Gesang zuständig, Bernard Georges für den Bass und Rob Ahlers fürs Schlagzeug. Das Trio holt aus dieser kompakten Instrumentierung einen ungemein satten, an die Hochblüte der Neunziger erinnernden Alternative-Sound heraus. Die Texte speien oft eine nach Veränderung gierende Unzufriedenheit aus. Solch rohe, kompromisslose Attitüde hätte zumindest ich nicht unbedingt von einer Band erwartet, deren Frontfrau in wenigen Wochen 50 Jahre alt wird. Wie gut, wenn man sich nicht vom eigenen biologischen Alter zur Räson bringen lässt.

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Schatzkästchen 39: Placebo – Meds (MTV Unplugged)

Seien wir ehrlich, MTV ist ein Relikt der Neunziger. Spätestens seit dem Klingeltonfiasko des Musikfernsehens vor 10 Jahren ist selbiges endgültig zur Lachnummer geworden, YouTube und Konsorten haben ihm dann endgültig den Todesstoß versetzt. Wenn etwas MTV wirklich überdauern wird, dann die Reihe MTV Unplugged. Dass nun auch Placebo im Rahmen der Reihe ihre Songs akustisch präsentieren und entelektrifizieren, macht fraglos Sinn. Dass Brian Molko und Stefan Olsdal ihr Schaffen in ein neues Gewand kleiden, ist eigentlich sogar ein risikoloses Unterfangen. Selbst die Blinden unter den Gehörlosen würden Placebo substantielles Songwriting und Molkos Gesang ewiges Charisma attestieren. Dennoch haben sich die beiden verbliebenen Mitglieder für die sichere Variante entschieden. Statt intimer Akustik wurde gleich das große orchestrale Besteck aufgefahren. Wie jedoch der Song Meds vom gleichnamigen Album aus dem Jahr 2006 belegt, wird aus der wuchtigen Larmoyanz des Originals im Unplugged-Gewand eine noch gebrochenere Nummer, die vor allem dank Molkos Vortrag geradezu als Kapitulation und Abgesang aufzufassen ist.  Weiterlesen

Über die Würde der Verlierer – Jonas Carping

Ich bilde mir eigentlich nicht ein, die DNA einer Band oder eines Musikers entschlüsseln zu können. Aber ich versuche natürlich die Intention eines Albums so gut es eben geht zu begreifen. Und das führt unvermeidlich zu der Frage, was eine Singer-Songwriterin oder einen Liedermacher antreibt. Oft gibt bereits das Genre Aufschluss. Oft überführt schon ein Pressebild. Im Falle des Schweden Jonas Carping jedoch habe ich ein wenig grübeln müssen. Denn seinem hervorragenden Album Cocktails & Gasoline ist nicht einfach beizukommen. Die Altersweisheit einer musikalischen Eminenz, die sich ein paar Drinks hinter die Binde kippt und über das Leben sinniert, ist beispielsweise nicht zu überhören. Es trägt auch Züge eines ewigen Außenseitertums in sich, das sogar zur Groteske neigt. Als weitere Facette habe ich ausgemacht, dass Carping mitunter wie das uneheliche Kind von Van Morrison und Johnny Logan tönt, also einen Mix aus kantigem Singer-Songwriter und Crooner verkörpert. Bei manchen Songs gelingt dem Schweden sogar eine Grandezza, die sehr an den Tindersticks-Maestro Stuart A. Staples erinnert. Carpings Texte, Carpings Vortrag kann man also nicht mit einer 08/15-Charakterisierung einfangen. Er ist eben eine Type, Charakterkopf mit einer Menge Eigenschaften.

Wenn man bei Cocktails & Gasoline ein Haar in der Suppe finden möchte, dann habe ich es mit Ach und Krach gefunden. Die zweite Hälfte des Albums ist wirklich gut, fällt jedoch gegenüber dem ersten Teil ein bisschen ab. Denn jener gerät überragend, beginnend mit The Last Approval. Eine seltsam pastorale Dynamik erfüllt das Lied, das als apodiktischer Abgesang zu verstehen ist. Das Leben wird als Spiel mit gezinkten Karten dargestellt, das letztlich nicht zu gewinnen ist. Der Refrain „You watched them rule by fear/ Then how come you’re so easily scared“ ist wuchtige Systemkritik.  Weiterlesen

Schatzkästchen 20: Veruca Salt – Empty Bottle

Ich fühle mich eigentlich noch nicht in dem Alter, um lediglich in Erinnerungen zu schwelgen. Wenn ich freilich registriere, dass eine Band, die ich zu Studienzeiten sehr gern gehört habe, nach 15 Jahren wieder in Originalbesetzung vereint eine neue Platte veröffentlicht, dann werde ich vielleicht wirklich ein wenig rührselig und denke an die Zeit Ende der Neunziger zurückt, als mir das Album Eight Arms To Hold You viel, viel Freude bereitet hat. Die Band, von der ich spreche, ist Veruca Salt, eine amerikanische Alternative-Rock-Formation mit zwei charismatischen Frontfrauen. Veruca Salt haben den Sprung über den großen Teich nie wirklich geschafft, sind meinem Eindruck nach in deutschsprachigen Gefilden kaum bekannt. Zumindest damals, als das Internet noch ein Teenager war, war es auch gar nicht so leicht, etwas über Veruca Salt herauszufinden. Louise Post und Nina Gordon hatten es mir durchaus angetan, ich würde sogar sagen, sie haben mir female-fronted Rock so richtig schmackhaft gemacht. Doch als sich Gordon im Streit von der Band verabschiedete, schwand auch mein Interesse für die Band, die danach viele diverse Besetzung erlebte, einzig Post als Konstante hatte. Dass sich nun die gesamte Urbesetzung zu einem Comeback anschickt, endlich die Friedenspfeife geraucht wurde, freut mich sehr. In wenigen Tagen erscheint nun Ghost Notes, als Vorgeschmack erschallt schon jetzt der Song Empty Bottle.  Weiterlesen

Kein Sturm im Wasserglas – Haley Bonar

Manchmal muss man ausholen, um auf den Punkt zu kommen. Bevor ich also diesmal das wunderbare Album Last War der US-amerikanischen Singer-Songwriterin Haley Bonar bespreche, möchte ich kurz in die Grundsätzlichkeit abgleiten. Und darum folgende Fragen anreißen: Wie nimmt man eine weibliche Liedermacherin heutzutage wahr? Legen Mann und Frau an Sängerinnen noch immer andere Maßstäbe an als an Sänger? Ist die vielgepriesene Emanzipation vielleicht nur ein schöner Schein? Wie stereotyp vollzieht sich die Wahrnehmung weiblicher Stimmen im Indie- und Alternative-Bereich? Werden Sängerinnen nicht immer noch arg benachteiligt? Die ganze Leidensgeschichte beginnt bei männerdominierten Plattenfirmen, setzt sich im Bereich der ebenfalls männerdominierten Rezeption fort und macht auch vor Hörern und Hörerinnen nicht Halt. Frauen müssen weitaus mehr Erwartungshaltungen und Klischees bedienen. Wo Mann nach Herzenslust experimentieren darf, sollte Frau süß, engelsgleich oder zumindest herzzerreißend leidend agieren. Wo Mann im zerzausten Hipster-Outfit samt Bart und Brille auf der Bühne stehen darf, möchte man Frau adrett geschniegelt im Kleidchen auftreten sehen. Natürlich darf Frau auch görig daherkommen, allerdings verfestigt sich auch hier der Eindruck, dass damit lediglich ein männlicher Fetisch befriedigt wird. Nun will ich unbedingt daran glauben, dass die Mehrheit aller aufgeklärten Männer das andere Geschlecht als völlig gleichwertig wahrnimmt. Es ist meiner Meinung keine Frage der künstlerischen Ausdruckskraft und des handwerklichen Geschicks, es scheint vor allem diese Extraportion Optik, die von Sängerinnen zusätzlich zu ihrem Können abverlangt wird. Aber nicht nur. Während der Singer-Songwriter über das Leben erzählen darf, dreht sich die Texte von Liedermacherinnen oftmals um eine emotionale Verfasstheit. Frauen will Mann fühlen hören. Aus all den angedeuteten Problemstellungen ergibt sich einmal mehr der Eindruck, dass Singer-Songwriterinnen wesentliche Widrigkeiten überwinden und Kompromisse eingehen müssen, um ihre Kunst unters Volk zu bringen.

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Im Abseits der Zeit – Echo & the Bunnymen

Wenn ich mir dem Traum vom Rockmusikertum erfüllen könnte, würde ich mich für die wüste Existenz und stete Randale der Gallagher-Brüder entscheiden? Oder wollte ich zwar von der Spitze der Charts lachen und ganze Stadien füllen, nur um dann in Ungnade zu fallen und im Lauf der Jahrzehnte zur angestaubten Kirmes-Attraktion zu verkommen? Oder wäre ich lieber einer, der die tollsten aller tollen Alben macht und irgendwann an Ruhm und Erfolg zerbricht, sich ins Grab – zumindest aber in die völlige Anonymität – zurückzieht, während der Rest der Band mit einem zweitklassigen Ersatzmann durch die Mehrzweckhallen Europas tingelt? Ich glaube sehr, ich würde das Schicksal der Herren Ian McCulloch und Will Sergeant erwählen. Seit 1978 machen sie als Echo & the Bunnymen eine gute Figur, haben sich in ihrem kreativen Schaffen nie zurückgelehnt oder auf den Lorbeeren ihrer Hochzeit in den Achtziger ausgeruht. Sie mögen mit ihren Platten zwar nicht mehr um die vorderen Chartsplätze rittern, sie sind im Tun aber noch lange, lange nicht abgewrackt. Die Herren zählen keine 20 Lenze mehr, sind jedoch in Würde gereift, haben sich ein gediegenes Songwriting bewahrt. Das neue Album Meteorites belegt dies. Wo andere Acts längst zu Zombies ihrer selbst verkommen sind, wirken Echo & the Bunnymen wie eine der letzten verbliebenen Instanzen britischer Rockkultur.

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