Schlagwort-Archive: alternative

Schlaglicht 81: Mammút

Vor zweieinhalb Jahren habe ich eine Formation empfohlen, die sich damals anschickte, Muttersprache Muttersprache sein zu lassen und mit englischsprachigen Songs über die bereits ausgeloteten heimischen Gefilde hinaus Aufmerksamkeit zu erhaschen. Wer 2015 die EP River’s End übersehen hatte, mag 2017 womöglich große Augen gemacht haben, als diesen Sommer das Album Kinder Versions veröffentlicht wurde. Wem die Band, von der ich spreche, noch rein gar nichts sagt, hat jetzt die Gelegenheit, eine Wissenslücke zu schließen. Mammút stammen aus Island und haben mit Katrína Mogensen eine herrlich charismatische Stimme aufzubieten! Und selbstverständlich besitzt auch Mammút jene gewisse Verschrobenheit des Songwritings, die längst schon Markenzeichen isländischer Klänge geworden ist. Beste Voraussetzungen somit zu den herausragenden Vertretern der Generation nach Björk und Sigur Rós zu werden. Doch haben gerade diese beiden Acts unser Bild von Island nachhaltige geprägt. Jeder Gesang, der nur entfernt dem einer exaltierten Elfe gleicht, wird natürlich sogleich mit Björk assoziiert. Der Segen des auf Island gerichteten Scheinwerferlichts gerät zum Fluch. Denn die Überfigur Björk stets und ständig als Referenz heranzuziehen, ist so richtig wie fantasielos.

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Schlaglicht 76: JOSIN

Motivationscoaches und Lebenshilfegurus werden selten müde zu betonen, dass jeder Mensch ein einzigartiges Wesen mit speziellen Talenten ist. Fürs eigene Selbstwertgefühl ist das natürlich Musik in den Ohren, aber zu oft ruht man sich auf solch Komplimenten aus und zu selten bemüht man sich, die individuelle Unverwechselbarkeit tatsächlich unter Beweis zu stellen. Die Künstlerin, die ich heute hier kurz erwähnen möchte, sticht jedoch in mancherlei Hinsicht hervor. Da wäre zunächst einmal ihre Herkunft. Sie ist als Tochter einer Koreanerin und eines Deutschen in Köln geboren, ihre Eltern sind beide Opernsänger. Solch Abstammung ist fraglos besonders, allerdings kein Verdienst von JOSIN selbst. Ihre Besonderheit tritt vielmehr in einer ureigenen musikalischen Vision zutage, die sie auf der diese Woche erscheinenden EP Epilogue darlegt.

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Schlaglicht 65: Bryde

Im Frühjahr schon habe ich der Britin Bryde attestiert, dass sie sich darauf versteht, eine fiebrige Seele in einen kräftigen Gitarrensound zu packen. Der Track Help Yourself mit seinem ächzenden, sehnenden Alternative-Flair hat mir durchaus imponiert. Auf die im Frühjahr erschienene EP1 folgt nun schon EP2. Am Ton hat sich wenig geändert. Wouldn’t That Make You Feel Good kommt verbittert daher, über weite Strecken haben wir es mit einer angespannten, fast desperaten Ruhe zu tun, bloß kurz branden eine verzweifelte Gitarre und ein unerbittliches Schlagzeug auf. Brydes knappe Beschreibung auf Facebook fasst ihr musikalisches Tun und ihre Vorbilder perfekt zusammen: „Bryde is a girl & an electric guitar singing fierce & fragile songs. Influenced by the likes of Scout Nibblet, PJ Harvey, Ben Howard and Sharon Van Etten.“


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Ein herausfordernder Seelenblues – Emma Ruth Rundle

Death, God, Heaven, Angel, Sky. Wer solch Schlüsselwörter in Liedtitel packt, möchte die existenzielle, nach Transzendenz lechzende Schwere einer Platte unterstreichen. Wobei nicht alles, was existentiell sein will, tatsächlich auch die Essenz menschlicher Sehnsüchte und Emotionen einfängt. Der Singer-Songwriterin Emma Ruth Rundle jedoch gelingt ein Werk des Verlangens und der Kasteiung, ein Album des Schmerzes und der Erinnerung. Marked For Death imponiert als folkiges Alternative-Album, das in gesanglicher Hinsicht den rauen, düsteren Momente einer PJ Harvey fraglos das Wasser reichen kann.

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Schlaglicht 51: Programm

Bereits letztes Jahr habe ich auf die Formation Programm hingewiesen, die EP Like The Sun mit Lob überschüttet. Nun möchte ich die Gelegenheit nutzen, auf das letzte Woche erschienene Debüt A Torrid Marriage of Logic and Emotion hinzuweisen. Der Titel mag sperrig anmuten, die Musik jedoch ist edel, wie der Song Jukai belegt. Wenn man sich das Lied wieder und wieder anhört, wird man nämlich von der ästhetischen Kraft der Nummer völlig überwältigt. Es ähnelt einem großen Gemälde von enormer meditativer Qualität, in dessen Farben, Stimmungen und Details einzutauchen lohnt. Jukai ist von Minimalismus geprägt, ein nervös-repetitives Piano bildet das Fundament des Songs, darauf gestülpt wirkt ein fast steriler Drone-Charakter. Auch flirrende Synthies dürfen nicht fehlen. Die oberste Schicht schließlich bildet ein verwaschener und zugleich in höchsten Sphären schwebender Gesang. Leichte Schwere, melodische Melancholie und eine gewisse dunkle Helle durchziehen das Stück, das sich stets seine geheimnisvolle Aura bewahrt. All die Widersprüche klären sich ein Stück weit auf, wenn man man erfährt, dass der Song seinen Namen von einem Waldgebiet um den japanischen Vulkans Fuji geliehen hat. Der Kuroi Jukai, auch bekannt als Aokigahara, zieht nämlich Lebensmüde an wie Licht die Motten. Schon allein dieser Track unterstreicht, dass die Band aus Toronto in den letzten zwölf Monaten nochmals einen Entwicklungssprung gemacht hat. Sämtliche Talente, die sich auf der EP bereits mehr als nur angedeutet haben, treten nun offen zu Tage. Neben diesem grandiosen Track bietet der Plattenerstling übrigens auch ein Wiederhören mit den zwei stärksten Titeln der EP, Like The Sun und Zerozerozero. Letzteres Stück habe ich voriges Jahr derart beschrieben: „Knister-Drums, Piano und eine metzgernde Gitarre untermalen den kontemplativen bis bedrückenden Vortrag Jacob Somas, ehe nach und nach alles auf Synthie-Wogen gen Unendlichkeit schwebt.“ Schlaglicht 51: Programm weiterlesen

Jeden Hördurchlauf belohnend – Sama Dams

Eine klare Genre-Einordnung ist bei einem Post über eine Band immer auch ein Seufzer der Erleichterung, weil Beleg dafür, dass man die Charakteristika einer Platte in wenigen Worten zusammenfassen kann. Im Falle von Sama Dams habe ich jetzt den einen oder anderen Tag darüber gegrübelt, wie ich die Formation aus Portland beschreiben soll. Letztlich habe ich mich dafür entschieden, der Eigendefinition der Band zu folgen. Auf Facebook beschreibt sie sich als Avant-Indie, in der About-Sektion auf der Homepage verweist sie auf die Radiohead-Einflüsse. Außerdem nimmt das Trio für sich in Anspruch, „the fine balance between edgy experimentation and caramel sweet pop“ zu finden. Diese Selbsteinschätzungen treffen den Kern des Albums Comfort in Doubt sehr gut. Auch hier haben wir es – wie bei der erst letzte Woche besprochenen Portlander Band Talkative – mit einer Platte zu tun, die mit Verspätung anlässlicher einer Tour hierzulande eine verdiente Veröffentlichung erfährt. Comfort in Doubt ist ein schwieriges Werk, mit an vielen Stellen befremdlichen Gefühlslagen. Sam und Lisa Adams teilen sich die gesanglichen Pflichten, beide eint ein lamentierender bis winselnder Ton. Leben und Beziehungen verkommen zu einem permanenten Ringen, vor allem mit sich und dem Schicksal. So undurchdringbar wie die Texte präsentiert sich auch die Musik. Es ist wirklich kein Album, das leicht über den Hörer kommt.

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Schatzkästchen 54: Bryde – Help Yourself

Sich die Seele aus dem Hals fiebern? Rohe Emotionen in Gitarrensound verpacken, mit einem Mindestmaß an Zügelung versehen? Aus dem Herzen keine Schlangengrube machen? Sängerinnen mit diesem Gefühlsprofil habe ich vor zwanzig Jahren schon gemocht, dem Prinzip „raue Schale, weicher Kern“ kann ich bis heute viel abgewinnen. So auch der Britin Bryde, die mich mit ihrem Song Help Yourself sofort beeindruckt hat. Mein musikalisches Gedächtnis sieht Parallelen zu einer PJ Harvey. Doch lässt es mich leider auch im Stich. Denn speziell der Refrain erinnert mich vom gesamten Flair an einen Song, den ich vor langer Zeit gerne und oft gespielt habe. Doch wie heißt er? Von wem stammt er? Und warum zum Teufel ist er mir aus dem Erinnerung geflutscht? Sei’s drum, wenn Frau Bryde mehr Tracks wie diesen hinbekommt, prognostiziere ich ihr eine rosige Zukunft. Sie selbst verortet sich übrigens im Genre Alternative. Schatzkästchen 54: Bryde – Help Yourself weiterlesen

Tarnung und Täuschung – Dralms

Heute möchte ich dem werten Leser eine Platte ans Herz legen, die von der Schwere des selbigen erzählt. Zumindest will sie uns dies weismachen. In ihrer Schmerzhaftigkeit gelegentlich nur angedeutete Traurigkeit umgibt das Werk, das auf den ersten Blick in introspektiv gehaltenen, elektronischen Klängen dahinblubbert. Das Projekt Dralms des im kanadischen Vancouver beheimateten Masterminds Christopher Smith wartet mit  balladeskem, synthieschwangerem Pop auf, der seine kuschelig-souligen Augenblicke hat. Ab und an erinnert dies an Barbarossa, über den ich im Frühjahr geschrieben habe. Aber diese Stimmung ist eigentlich nur Ausgangspunkt für einen viel spannenderen Sound, der zwischen Progressive Rock und Alternative angelegt ist, dem Hörer jedoch untergeschmuggelt wird. Smith hat mit dem Album Shook eine feine Emotion mit musikalischer Finesse kombiniert, seine Stimme in überirdische Gefilde transzendiert. Nehmen wir beispielsweise das soulige Wholly Present, dessen staunender, ungläubiger Ton zu bestricken weiß. So tönt Musik mit Schlafzimmerblick, wobei dieser im Verlauf der Platte oft fragend, meist bedauernd blinzelt.

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Schatzkästchen 33: Tindersticks – We are Dreamers!

Die Tindersticks rund um Frontmann und Edelkehle Stuart A. Staples stellen längst eine Institution im gehobenen Alternative-Segment dar. Staples und sein zitternder Bariton sind legendär, dazu werden die Lieder von einer eindringlichen Atmosphäre reflektierter Emotion umgeben. All das resultiert in kammerspielhafter Dichte, die samt und seidig und zugleich bedrohlich tönt. Auch vom für Januar angekündigten The Waiting Room ist nichts Geringeres zu erwarten. Das Album funktioniert la Teil von The Waiting Room Film Project, einer Reihe von Kurzfilmen, die dahingehend angelegt ist, eine Stimmung zu erzeugen, in denen die Lieder der Tindersticks gedeihen können. Mit dem Song We Are Dreamers! liegt nun eine erste Kostprobe vor. Staples wird dabei von Jehnny Beth gesanglich unterstützt, das Duett punktet mit desperater Dringlichkeit. We Are Dreamers! entpuppt sich als famoser Song, dem jedoch ein eher seltsamer Clip zur Seite gestellt wird. Es wäre gar nicht mal schlimm, dass darin nur ein Laster mit Geröll über eine Halde fährt und im Vordergrund eine junge Frau mit zu großen Gummistiefeln in der Gegend herumsteht. Das Motiv wäre sogar reizvoll, jedoch ist die Chose schlecht fotografiert. Die Dimensionen des Lasters werden nie ganz deutlich, zu nah klebt die Kamera an den großen Rädern, zu uninspiriert wird die Verlorenheit der Protagonistin abgebildet. Schatzkästchen 33: Tindersticks – We are Dreamers! weiterlesen

Schatzkästchen 14: SPC ECO – Feel Me

Nach einer kurzen österlichen Verschnaufpause gibt es nun wieder musikalische Empfehlungen. Heute möchte ich die neue Single einer Formation vorstellen, die quasi im Monatstakt neue Lieder auf ihrem Bandcamp-Profil unters Volk bringt. Mastermind Dean Garcia, einst Mitglied bei Curve, und seine Tochter Rose Berlin sorgen als SPC ECO für lebendigen Indie-Sound mit Anklängen von Shoegaze und Dream Pop. Mitunter bezeichnet Garcia das musikalische Credo der Band als Shoedive und Spacegaze. Bereits mehrfach habe ich von diesem Sound geschwärmt, etwa im Herbst die EP Zombie über den grünen Klee gelobt. Kurz vor Ostern haben mich SPC ECO wiederum begeistert, diesmal mit dem dem kompakten Dreiminüter Feel Me. Dieser Song besticht durch satten Gitarren-Alternative mit Neunziger-Touch und Rose Berlins jugendlichem Gesäusel. Solch eine radiofreundliche Nummer schreit förmlich danach, von den Indie-Wellen weltweit auf und ab und ab und auf gespielt zu werden. Wer nach der Besinnlichkeit und Festivität von Ostern wieder voller Elan in den Alltag rutschen möchte, ist mit diesem Lied bestens bedient. Ein Fall fürs Schatzkästchen, keine Frage!

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