Schlaglicht 4: Andreya Triana

Mir geschieht es in letzter Zeit häufig, dass ich über einen Song von vor 5 Jahren stolpere, den ich damals mit dickem Ausrufezeichen auf dem Blog vorgestellt habe. Und während ich noch darüber sinniere, weshalb ich den Sänger, die Sängerin oder die Band überhaupt aus den Augen verlieren konnte, beginne ich meist schon mit meinem Nachforschungen. Manchmal ist alles längst vergangen, vielversprechende Anfänge wieder begraben, manchmal wiederum sind weitere Songs und Platten gefolgt, die ich leider verpasst habe. Erst vor wenigen Wochen habe ich im Archiv gestöbert und meinen Lieblingstracks des britischen Electronica-Meisters Bonobo gelauscht. Und in diesem Zusammenhang ist mir auch der Name Andreya Triana ins Gedächtnis gekommen, die seinem Album Black Sands von 2010 stimmlich-soulige Eleganz eingehaucht hat. Bonobo war von der Londonerin anscheinend sogar derart angetan, dass er damals noch im selben Jahr ihr Debüt Lost Where I Belong produzierte. Das Werk konnte sich durchaus sehen lassen, weil es dem Soul eine instrumentale Finesse beimengte und eine zauberhafte Hintergründigkeit an den Tag legte. Kurzum, ich hätte wahrscheinlich eher früher denn später nachgeschaut, was Frau Triana derzeit so treibt, wäre uns nicht Ende Januar die frohe Kunde ins Postfach getrudelt, die Trianas neues Werk Giants für März in Aussicht stellte.  Weiterlesen

Zauberhafte Verflüsterung – Andreya Triana

Den Soul auf den Lippen zu tragen, dass hat heute den Schick von Lipgloss. Doch während viele Sängerinnen vergebens Frösche küssen, hat Andreya Triana ihren Prinzen gefunden. Dieser trat in Form von Simon Green in ihr musikalischen Wirken. Der unter dem Namen Bonobo geschätzte Downtempo-Guru erwählte sie nicht nur zur gänsehäuternen Stimme seines Albums Black Sands, sondern übernahm auch die Produktion ihres Debüts Lost Where I Belong. Und eben diese Trumpfkarte wird gnadenlos ausgespielt. Zu dem ohnehin auffälligen stimmlichen Vortrag gesellt sich die Gewandtheit Bonobos, der für subtiles instrumentales Knistern sorgt, eine Finesse einbringt, welche bei vergleichbaren Künstlerin meist fehlt.

Wenn man von einem Album der Nuancen und Zwischentöne spricht, kann das mitunter eine dem Euphemismus geschuldete Umschreibung für Langeweile bedeuten. Im Falle von Lost Where I Belong hingegen röhrt Triana nicht darauf los, macht Emotionen nicht an der Lautstärke fest, erlaubt sich einen intimen, oft traurigen Ausdruck, der seine Wirkung nicht verfehlt. Und das Gefühl in den Fingerspitzen Greens ist ohnehin nie plakativ, trotz der angeborenen Verspieltheit seines Sounds bleibt eine klare Struktur erkennbar, wird der Hörer nicht mit nach Aufmerksamkeit heischenden Beats und Samples bombadiert. Man muss nun wahrlich kein Dichterfürst sein, um sich auf diese Zutaten einen Reim machen zu können. Das Resultat der Zusammenarbeit gebiert eine überzeugende Scheibe, die nie ins Ohr krakeelt, aber auch nicht zu einer Beiläufigkeit verkommt.

Bereits Draw The Stars schäumt und sprudelt vor Intensität. Und führt auch ein neues Instrument in meine Wahrnehmung ein. Was für mich nach einem stinknormalen Xylophon klingt, ist eine Marimba. Die lebendige Percussion umtänzelt Trianas souliges Timbre, ein sehnsüchtiges, nachtschwärmerisches Lied entsteht. Jene Stimmung zieht sich wie ein roter Faden durch das Werk, das auch von Sorgen gebeutelt scheint. A Town Called Obsolete schlackert mit einem weniger dezenten Beat,  durch die fülligere Orchestrierung im Refrain bleibt es besonders im Gedächtnis haften. Die zauberhafte Verflüsterung, der sich Andreya Triana auf Daydreamers bemächtigt, wirkt trotz Schwermut federweich. Und selbst wenn Latin-Flair auf Something In The Silence Einzug hält, schmiegt sich kein Frohsinn hinzu. Als weiteres Highlight mag Far Closer dienen, das sich lasziv auf Beats und Streichern räkelt, im Chorus dann nicht zuletzt dank eines Backgroundchors pfiffig anschwillt. Hier lockert sich auch Trianas bisweilen fast zu dick aufgetragenes Understatement auf, schaltet die Dame einen Gang hoch.

Ein derart atmosphärisch kompaktes, mit Stil umgesetztes Album, das konsequent nie auf Effekte schielt, läuft leider auch Gefahr allzu unauffällig zu tönen. Dies jedoch passiert zu selten, um Andreya Triana oder Bonobo daraus einen Strick zu drehen. Lost Where I Belong verlangt vom Hörer gewiss ein mehrmaliges Hörerlebnis ab, ehe man in den Sound eintauchen mag. Und genau dieser Umstand dürfte nur moderate Verkäufe bescheren. Als souliges Versprechen für die Zukunft wird die Sängerin jedoch unzweifelhaft an Reputation gewinnen.

Lost Where I Belong erscheint am 27. August auf Ninja Tune.

Konzerttermine:

08.09.2010 Berlin – Festsaal Kreuzberg
24.09.2010 Berlin – Astra Kulturhaus (Ninja Tune XX)

Link:

MySpace-Auftritt

SomeVapourTrails

Stippvisite – 13/06/10

Und wieder Empfehlungen und Hinweise. Wohl bekomm’s!

Streamtipp:

Hjaltalín – was so klingt, als wäre es nur auf Rezept erhältlich, ist eine isländische Band, die mit Terminal ihr zweites Album vorlegt und zwar um kein Experiment verlegen scheint, himmelhochjauchzend schräg anmutet – zumindest für meine Ohren nicht typisch isländisch klingt. Die Schräge der Platte ist manchmal hart an der Grenze zur Hörbarkeit, meist aber famos. Die Times hat das Album vor wenigen Wochen zur CD der Woche gekürt. Zum Stream geht es hier.

Videotipp:

Ich habe Saint Bartlett von Damien Jurado mit jede Menge Lob geadelt. Nun gibt es zu dem Song Arkansas ein stimmungsvolles Video zu sehen. (via nicorola)

Geheimtipp:

World Atlas nennt sich ein Brooklyner Ensemble, welches eine zeitlose Leichtigkeit in verspieltem Pop repräsentiert. Sollte man unbedingt anhören. Einen kostenlosen Download des netten Titels The Winter Stories findet man hier.

NYC Popfest 2010: World Atlas performs at The Bell House from BlearyEyedBrooklyn.com on Vimeo.

Albumtipp:

Andreya Triana hat dieses Jahr bereits auf hervorragende Art und Weise Bonobos neueste Scheibe mit einer sehr gefühlvollen Aura versehen. Im August wird ihr Debüt Lost Where I Belong bei dem Bonobo ordentlich Hand angelegt hat, auf Ninja Tune erscheinen. Erste Vorboten versprechen viel, so zum Beispiel der Track A Town Called Obsolete. Souliger Flair mit ergötzlichen Beats – das riecht nach einer der Überraschungen des Sommers. (gefunden bei New Urban Music Blog)

Videotipp:

Mensch, was für ein Schrott, dachte ich so bei mir. Und war überrascht letztlich, dass es sich bei dem Untrack Alejandro um die neue Single von Lady Gaga handelte. Das dazugehörige Video ist zwar weit weniger desaströs als der Clip zu Telephone, aber einmal mehr mit einer Provokationsmasche versehen, die längst ausgelutscht ist. Lady Gaga macht nichts anderes als Madonna einst gemacht hat. Nur eben 20 Jahre zu spät. Das eigentliche Problem jedoch habe ich damit, dass Madonna richtig tolle Lieder anzubieten hatte, während Frau Gaga einfach nur Trash in die Auslage stellt. Das mag das eine oder andere Jahr Erfolg generieren, im Endeffekt wird die werte Dame jedoch keine bleibenden Spuren hinterlassen. Bad Romance oder Alejandro sind ohne Pomp oder Ironie schlicht und ergreifend völlig vergessenswert. Meine These lässt sich hier nachprüfen. Wie man aus solch Material doch noch etwas erfrischendes zu zaubern vermag, diesen Belegt wiederum kann man dort bestaunen. Unbedingt ansehen!

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