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Unsere liebsten Songs 2015 (26-50)

Heute will ich ohne große Ansprache den ersten Teil unserer 50 Lieblingslieder vorstellen. Natürlich sind wir keine Listenfetischisten, die aus der Reihenfolge eine Wissenschaft machen wollen. Die Nummerierung dient vor allem der Übersichtlichkeit! All die hier aufgeführten Songs wurden von uns 2015 gerne und viel gehört. Es würde mich sehr freuen, wenn zumindest ein paar dieser Tracks auch beim werten Leser Wirkung zeigen.

keepthevillagealive

26.) Stereophonics – C’est la Vie

Die Pub-Rock-Hyme des Jahres! Das Lokal, in dem diese Nummer ohne jedwede Resonanz durch die Boxen dröhnt, muss erst noch eröffnet werden! (Das Album Keep The Village Alive ist am 11.09.2015 auf Stylus Records erschienen.)

aforestofarms

27.) Great Lake Swimmers – The Great Bear

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Unsere liebsten Alben 2015

Lorem ipsum dolor sit amet, consectetur, adipisci velit… Moment, der Platzhaltertext ist natürlich ein Scherz. Sogar zwischen den Feiertagen fällt mir ein Gedanke zum Musikjahr 2015 ein. Ich meine nämlich, dass Musik zwar nach wie vor eine große Rolle spielt, sie zugleich weniger wahrgenommen wird. Wir hören Musik, aber wie viele Lieder könnten wir zumindest im Refrain tatsächlich mitsingen? Wären wir tatsächlich noch in der Lage, die Intention unseres liebsten Albums des Jahres in wenigen Sätzen zusammenzufassen? Ist es nicht fast erschütternd, dass die Texte, die sich den meisten Menschen einprägen, ausgerechnet aus schlimmen Genres stammen oder problematische Weltanschauungen verfechten? Zeilen aus Schlagern gehören zum Allgemeingut, auch die Protagonisten des Deutschrap haben genug Hörer, die an ihren Lippen hängen, selbst die Texte der völlig unsäglichen Frei.Wild finden willige Abnehmer. Wie aber sieht es mit den Heroen des Indie-Genres und den Kritikerdarlingen aus? Wer könnte Thees Uhlmann, Sufjan Stevens oder Julia Holter aus dem Effeff zitieren? Wir erleben eine Wahrnehmungskrise jener Musik, die für sich in Anspruch nimmt, wertvoll zu sein. Woran liegt das? Ich will es kurz machen, die Schuld teilen sich Künstler, Musikkritik und Hörer zu gleichen Teilen. Wenn Bands und Musiker soziale Netzwerke mit jeder Menge Fotos bespaßen oder mit allerlei Veranstaltungshinweise vollpropfen, dabei aber komplett vergessen, ihre Lyrics und/oder Gitarrentabulaturen zu verbreiten, dann dürfen sie sich eigentlich nicht wundern, wenn Hörer vielleicht lustige Schnappschüsse eher in Erinnerung behalten als die Inhalte der letzten Platte. Die Musikkritik wiederum wird sich mit Klickstrecken und der Ausrichtung auf Tablet und Smartphone zu Tode layouten. Dazu kommt noch die Facebook-Hörigkeit, die eine Platte mit wenigen knackigen Worten teasert. Rezensionen geraten oberflächlich, weil der Transport der eigenen Meinung über dem Verständnis einer Platte steht. Und dann wäre da noch der Hörer, dem Musik oftmals so wichtig ist, dass er sie gar nicht mehr käuflich erwerben muss. Nichts spricht gegen Streaming als Ergänzung zur CD-Sammlung. Ein Stream kann jedoch nie den Besitz einer Platte ersetzen, ihm fehlt jedwedes haptische Erlebnis, ihm fehlt der zeitliche Aufwand – ja generell der zielgerichtet Akt des Kaufs. Wir sehen also, die Krise ist umfassend! Und wird bestenfalls dort überwunden, wo die Musik Botschaften und Lebensgefühl mittransportiert. Das tut der Schlager, das tut leider auch Bushido. Wo also bleibt das Indie-Lebensgefühl? 2015 hat es trotz vieler toller Alben gefehlt. Doch genug geredet, hier nun unsere liebsten Platten!

1.) Bassekou Kouyaté & Ngoni Ba – Ba Power

Bassekou-Kouyate-Ba-Power-Cover

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Die Intimität in der Emotion – Ane Brun

Die in Schweden lebende Norwegerin Ane Brun – in nördlichen Gefilden längst ein Star – macht uns mit ihrem neuen Album When I’m Free in absoluter Perfektion vor, was praktisch niemand sonst gebacken bekommt. Brun kreiert Singer-Songwriter-Pop, der der Emotion die Intimität zurückgibt. All die Marketenderinnen des Pop schreien sich die Seele aus dem Leib und meinen allen Ernstes, dies sei Emotion. Sie singen – besser: krakeelen! – über die Liebe und haben in Wahrheit den Kern der Liebe nicht im mindesten begriffen. Viele Pop-Diven ergehen sich in heißen, innigen Schwüren, glorizifieren die Verliebtheit, garnieren sie mit ein wenig Sex. Alles bloß platte Emotion! Ane Brun hingegen vermag ihren Lieder eine Seele einzuhauchen. Sie stecken voll Intimität, voll Reife. Bieten mehr als backfischiges Schwärmen oder einen Ozean voll Tränen an. In Bruns Sentimenten lauert Unausgesprochenes und Zweifel. Intimität ist bekanntlich nichts, was sich mit ein paar netten Worten aufbauen lässt. Intimität lebt von Gestik, Mimik und Tonfall, sie funktioniert über Nuancen, über Deutungen. Wer das Wesen dieser Nähe begriffen hat, wird auch Bruns Texte schätzen.

Machen wir uns nichts vor! Über die Liebe ist alles gesagt. Da sie jedoch jeder Mensch stets neu und anders erfährt, wird dieses Thema jede Kunst auch noch in tausenden Jahren dominieren. Denn Liebe wird mit jedem Menschen ein Stück weit neu geboren, neu erlebt. Bruns in Songs verpackte Emotion ist deshalb einzigartig, weil Bruns Persönlichkeit auf singuläre Art und Weise Kreativität, Eleganz und Fühlen paart. Die Intimität in der Emotion – Ane Brun weiterlesen

Indie-Lieblingslieder 2015 – Ein Zwischenstand (Teil 1)

Ein wenig atemlos hechle ich stets der Musik hinterher. Irgendwann im Jahre 2016 werde ich vielleicht einmal den Jahrgang 2013 endgültig verdaut haben. Ich bin also vielleicht nicht der geeignetste Blogger, um in einer Art Zwischenstand meine ganz persönlichen Indie-Highlights des Musikjahres 2015 aufzulisten. Ich tue es dennoch, denn so einige Highlights habe ich in diesem Jahr bereits entdeckt. Und gute Musik kann man nicht oft genug erwähnen! Hier nun der 1. Teil der Glanzlichter:

Baden BadenÀ tes côtés (Frankreich) [Das Album Mille éclairs ist am 09.02.2015 auf naïve erschienen.] (Review)

My Brightest DiamondCeci Est Ma Main (Groundlift Remix) (USA) [Die EP I Had Grown Wild ist am 15.05.2015 auf Asthmatic Kitty Records erschienen.] (Schatzkästchen) Indie-Lieblingslieder 2015 – Ein Zwischenstand (Teil 1) weiterlesen

Schatzkästchen 11: Ane Brun – Directions

Und irgendwann setzt schiere Bewunderung ein. Weil jemand vor aller Augen eine stete künstlerische Entfaltung wagt, eine musikalische Vision entwickelt, die sich nicht dem Kalkül des Business unterordnet. Eben solch Integrität, gepaart mit Kreativität, ist es, der man mit Haut und Haar verfällt. Im konkreten Fall spreche ich von der norwegischen Singer-Songwriterin Ane Brun, die im skandinavischen Raum große Beachtung genießt. Nicht umsonst hat es ihr letztes Studioalbum It All Starts With One an die Spitze der norwegischen und schwedischen Charts geschafft. Seit ihren im Folk-Pop angesiedelten Anfängen hat sich Brun zu einer faszinierenden, im Sound unheimlich originären Künstlerin gemausert. Sie ist zur Ausnahmeerscheinung geworden. Und sogar im stets geschmackssicheren skandinavischen Raum erscheint Bruns kommerzieller Erfolg reichlich ungewöhnlich. Denn ihre bisweilen spröde Eleganz trifft gerade in den letzten Jahren auf rhythmische Verve. Ihr Pop gestaltet sich ungemein subtil, offenbart eine intellektuelle Emotionalität, der all die ewig gleichen seichten Schlagworte des Pop fremd sind. Ane Brun strahlt eine Fraulichkeit aus, eine Reife, eine Lebenserfahrung. In den stärksten Momenten vereinen ihre Texte die Abgründe des Grübelns mit Hoffnung und Träumen, verschwimmen Dunkelheit und warmer Lichtschein ineinander. All die Sentimente werden mit Bedacht geäußert, mit Liebe zum Detail aus der eigenen Seele gemeißelt. Dieser Tage nun hat Ane Brun mit Directions einen ersten Vorgeschmack auf ihr noch unbetiteltes neues Album gegeben. Directions tönt so komplex wie reduziert, Bass und Piano sehen sich allerlei Percussion, Drums und einer Pauke gegenüber. Und über allem tänzelt Bruns überraschend quirliger Gesang. Directions ist in permanenter Bewegung, was sich nicht zuletzt im Video dadurch widerspiegelt, dass Brun durch eine Lagerhallenszenerie hampelt und strampelt. Dieser erste Track lässt auf ein erneutes Meisterwerk der Norwegerin schließen. Es wäre nicht das erste – und auch längst keine Überraschung mehr!

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Aller Gesang ist Magie – Ausführungen zu Ane Bruns „Rarities“

Früher im Jahr habe ich einige Worte zu Ane Bruns Werkschau Songs 2003 – 2013 geäußert, sie als die führende skandinavische Singer-Songwriterin gewürdigt. Ane Brun mag hierzulande unter Musikkennern keine Unbekannte sein, in Skandinavien ist sie aus den Spitzenpositionen der Charts nicht mehr wegzudenken. Und diesem Umstand ist es auch zu verdanken, dass auf das Best-of sogleich das Doppelalbum Rarities folgt. Bruns Erfolg hat sie mit vielen Musiker in Kontakt gebracht, an vielen Projekten mitwirken lassen. Dieser Umtriebigkeit wird nun Rechnung getragen. Der in Schweden lebenden Norwegerin darf man natürlich blind vertrauen, dass hier nicht irgendwelche Reste zusammengeramscht wurde, um eine gerade laufende Jubiläumstour marketingtechnisch zu begleiten. Rarities reiht sich anmutig in Bruns bisheriges Schaffen ein, es unterstreicht ihre Gabe, Coverversionen eine Seele zu geben. Es blickt hinter die Kulissen, zeigt auf, was sich abseits großartiger Studioalben abgespielt hat. Sie – das wird nach dem Genuss von Rarities sofort deutlich – hat eine spezielle Fähigkeit, die sogar unter den größten Stars eine hervorstechende Seltenheit darstellt. Sie steht nämlich jedem Lied voll Passion und Ernsthaftigkeit gegenüber, sie kennt kein Schema F, welches sie einfach nur abspult. Aller Gesang ist stets und immer Magie.

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Songs 2003 – 2013 (Ein Leitfaden zum Schaffen Ane Bruns)

Vielen auf diesem Blog besprochenen Künstlern wird in der Regel nie die Ehre einer Werksschau, im Musikjargon gern als Greatest Hits abgetan, zuteil. Im Falle der renommierten norwegischen Singer-Songwriterin Ane Brun gibt es dieser Tage jedoch das Doppelalbum Songs 2003 – 2013 zu vermelden. Wer Bruns Veröffentlichungen im Laufe der vergangenen 10 Jahre verfolgt hat, durfte die Entwicklung einer talentierten Komponistin, Texterin und Sängerin hin zu einer Liedermacherin von Weltformat erleben. Es gibt nichts, was Brun zur Vollendung fehlt. Brun vermag das Publikum live zu begeistern, sie hat sich als großartige Duettpartnerin erwiesen, nachwirkende Coverversionen fabriziert, ihr eigenes Schaffen mit der famosen Platte It All Starts With One (2011) gekrönt. Die mittlerweile in Schweden ansässige Brun ist in skandinavischen Breiten auch kommerziell erfolgreich, Anwärterin auf die Spitzenpositionen der Charts. Am Zenit erfreut uns die Künstlerin nun mit zwei CDs, die sowohl Fan wie mit dem Werk kaum vertrauten Zeitgenossen zu beeindrucken wissen..

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Sternschnuppenregnende Lichtgestalt – Ane Brun

Schönheit liegt im Auge des Betrachters, so sagt man. Und obschon Philosophen über die Jahrtausende eine Ästhetik des Schönen zu definieren trachteten, übertüncht das subjektive Empfinden oftmals die Normen von Grazie und Anmut. Ein gütiger Blick oder ein warmes Lächeln färben entstellende Narben mit Liebreiz, entwaffnende Wahrhaftigkeit und Humor verleihen unförmigen Menschen eine vollendete Linie. Was sich dem Betrachter als schön offenbart, hängt auch davon davon ab, ob man in schierer visueller Wahrnehmung verhaftet bleibt. Schönheit ist also ein relativer Wert, der so einige Definitionen kennt. Eben darum neige ich dazu, ein Album oder Lied nicht einfach als schön zu etikettieren, sondern mit einer Flut von Adjektiven zu versehen. Je mehr Attribute ich denn beifüge, desto eher konkretisiert sich dem werten Leser meine Sicht. Das alles muss ich vorausschicken, wenn ich It All Starts With One als mein Idealbild musikalischer Schönheit taxiere. Die in Schweden lebende norwegische Liedermacherin Ane Brun verfügt über eine selten schöne Stimme, deren kräftig kühle Klarheit tief blicken lässt, doch die ebenso mit einer empfindsamen Wärme ausgestattet, welche den Hörer nicht auf Distanz hält.

Photo Credit: Knotan

Bruns Lieder sind bittere kleine Pillen in dezenter Geschenkverpackung. Beziehungsgeflechte, Selbstergründungen, schmerzliche Fragen samt und sonders, denen Brun resolut, aber doch ab und an hilflos begegnet. Wo viele Singer-Songwriterin als verhuschte Rehe durch den Scheinwerferkegel des Musikliebhabers springen, baut sich das Brunsche Werk unerschrocken lebensgroß vor dem Hörer auf. Mit ihrem neuen Album ist Brun endgültig zur Grande Dame aufgestiegen, zu einer voll nobler Schönheit schreitenden Lichtgestalt. Den Songs haftet eine formvollendetete Makellosigkeit an, eine melodische Augeräumtheit, die nicht nach unnötiger Behübschung schreit, und eine bis ins winzigste Detail austarierte Instrumentierung, die jede überstrapazierte Kargheit unterbindet. Auch die Streicherarrangements der Platte hängen den Himmel nie mit Geigen voll, untermalen bloß die Dramatik des Vortrags. In diesem Rahmen entfalten die Lyrics eine Wirkung, die Gram und Zweifel und Liebe in atemberaubender Weise, quasi als Sternschnuppenregen, auf den gebannten Zuhörer sacken lässt. Jenes Ambiente macht die Texte nicht tiefgründiger, erleichtert jedoch das Einsickern ins Gemüt des Rezipienten.

Ane Brun – Do You Remember (Official Video) from Ane Brun on Vimeo.

Man sollte Gefühlswallungen nicht zum Mysterium verklären, auch Brun hantiert mit dem selben Gefühlsrepertoire, über welches in der Regel jeder Mensch verfügt. So liegt die Kunst auch im Ausdruck, nicht im Erfühlen selbst. What’s Happening With You And Him nimmt mit ungezählten Fragen eine Liebe ins Kreuzverhör, die um einen Neustart ringt und mit einer unbestimmten Erkenntnis („Let love show its‘ own face/ Let love show our fate„) entlassen wird. Do You Remember wiederum verbirgt das Ende einer Beziehung hinter fröhlicher afrikanischer Percussion und einem von First Aid Kit beigesteuertem Hintergrundchor. Die Erinnerungen an gute Zeiten und Vertrautheit geraten zum Abschied, dem die frühere Zuversicht gallig aufstößt. Mit gefühltem Seufzen und Stöhnen weigert sich die Protagonistin in The Light From One dem Gefährten weiter den Weg zu weisen, konzentriert sich darauf ihren eigenen Weg zu beleuchten, um allein sicheren Schrittes zu gehen. Es ist keineswegs so, dass Brun jede Liebe in ein Tal der Tränen münden sieht. Aber wo Romanzen und Märchen das Happy End bis zum Tode deklamieren, hängt das Album jedwedem Glück zumindest ein kleines Fragezeichen an. Fast so als könne das nur ein Traum (Oh Love), zumindest jedoch mit Mühsal beladen (Lifeline) sein.  „Oh the breathing/ From your mouth through mine/ I got high on this hunger for one more time/ Lover of mine when I kissed you/ I felt so…“ beschreibt in Oh Love einen Zustand seltener Ekstase. Überragend entfaltet sich weiters das fein theatralisch aufbereitete, Kausalitäten betonende One (mit Jennie Abrahamson als Background-Sängerin), in welchem Brun Träume zur Keimzelle der Revolution benennt. Denn freilich ist Frau Brun kein Backfisch, dem nur Liebe und Betrübtheit übers Gemüt spazieren. Und natürlich reüssiert sie nicht nur im gedämpft-balladesken Rahmen, was One nochmals unterstreicht.

Mit Haut und Haar kämpft Ane Bruns lyrisches Ich um Orientierung, fangen die Emotionen Feuer, verhungern nie auf kleiner Flamme. It All Starts With One verkörpert die glitzernde Schönheit eines weiten Emotionskosmos. Die Platte zählt zu der Sorte Schönheit, die ich andächtig udn ausgiebig bestaune. Ich hoffe, dem Leser geht es mit dieser Platte ähnlich.

It All Starts With One ist am 16.09.11 auf Balloon Ranger Recordings erschienen.

Konzerttermine:

09.10.11 Berlin – Babylon
12.10.11 Wien (A) – Porgy & Bess
13.10.11 München – Freiheiz
14.10.11 Zürich (CH) – Kaufleuten
19.10.11 Köln – Stadtgarten
20.10.11 Hamburg – Café Keese

Links:

Offizielle Homepage
Ane Brun auf Facebook

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(Sc)h(m)erzensangelegenheiten – Rebekka Karijord

Abschiede, Sehnsüchte, Liebeswirrungen – sie sind die Butter auf dem täglich Brot des Songwriters. Obwohl wir Menschen uns ins Herzensangelegenheiten gerne zum Affen machen, Blicke des Begehrens im Laufe der Zeit Grimassen der Enttäuschung weichen, Rinnsale an Tränen zu heulenden Flüssen anschwellen, die Stirn ob des Grübelns durchfurchter gerät, sind wir Masochisten genug, auch in der Musik Freude und Qual der Liebe allzu gerne mitzufühlen. Wir dürsten regelrecht danach, unsere eigenen Emotionen durch das Hören von Liedern bestätigt  – und sogar – konterkariert zu wissen. So wie ein in aller Öffentlichkeit küssendes Paar die Botschaft des persönlichen Glücks herausposaunt, den Beobachtern dabei – je nach deren Befindlichkeit – Wallungen oder Fausthiebe in die Magengrube beschert, derart trägt auch der Singer-Songwriter die private Gemütslage auf der Zunge. Dampft all die Regungen und Segnungen der Liebe auf Lieder ein, umhüllt die eigenen Emotionen mit dem Mäntelchen der Kunst, das sich bei näherer Betrachtung jedoch immer durchsichtig erweist. Das Album The Noble Art of Letting Go der in Stockholm lebenden Norwegerin Rebekka Karijord legt das Augenmerk auf allerlei (Sc)h(m)erzensangelegenheiten.

Finde weitere Künstler wie REBEKKA KARIJORD bei Myspace Musik

Wie tief lässt man den Hörer in das eigene Sentiment blicken? Versucht man die trotz Negligés der Vertonung vorhandene Blöße zu kaschieren? Je gefühlsechter die Texte geraten, desto schwieriger gerät das Unterfangen. Während sich viele Singer-Songwriter in Watte hüllen, verzichtet Karijord darauf. Die skandinavischen Kühle ihres Vortrags schafft die nötige Distanz, verhindert die Peinlichkeiten einer Nabelschau, stößt freilich niemals ab. Der Song Undo Love mit den Zeilen „You tattooed her face/ On your left arm to keep her close/ A proof to the whole world/ That she once was yours“ drückt auf formidable Weise die Verbitterung einer Beziehung aus, das Bedauern über all die verschwendete Liebe, die zu geben man bereit war. Diese Desillusionierung imponiert durch edle Aufmachung. Eine Ballade, die kein gefühlsduseliges Dahinschmelzen kennt, sondern mit einem apodiktisch bekräftigenden Refrain aufwartet. Wenn die Sängerin bei Wear It Like A Crown ihre Einsamkeit und Daseinsängste bekämpft, fühlt man sich eben nicht auf mit simpel gestrickter Aufmunterung konfrontiert, blickt vielmehr in Abgründe der eigenen Existenz, welche einer Überwindung harren. Karijords reduzierte, vielfach nüchterne Darbietung verbietet sich Trivialitäten, schabt am Kern der Emotionen, konstatiert selbige ohne sie unnötig aufzubauschen. Piano und Streicher begleiten und akzentuieren den Prozess mit großer Ernsthaftigkeit und fernab jedweder Übertreibung. Diese lautere Zugang überbrückt die Distanz, lässt im Hörer Wärme keimen, lädt zum Überkommen vergangener Schmerzen ein. Dergestalt keimt Hoffnung auf, wenn sie bei PaperboyI know that she abandoned you back then/ The girl who was your lover and your friend/ Your secret does not scare me a bit you see/ I once defeated that same sorrow inside me“ intoniert. Die nicht geringe Traurigkeit des Werks weicht auch glücklichen Momenten, in denen Liebe fassbar wird und splitterfasernackte Zärtlichkeit zum Vorschein kommt (To Be Loved By You) oder sogar verspielte Lebenslust durchsickert (Parking Lot).

Rebekka Karijord durchschluchzt kein Tal der Tränen, verträllert sich nie vor Verlangen, gewinnt durch ihre ungekünstelte Attitüde das Herz des Hörers. Die Platte mundet mit einem gerüttelt Maß an Lebens- und Beziehungserfahrung noch feiner. The Noble Art of Letting Go ist eine vorbildlich umgesetzte, auch musikalisch spannende Erforschung der Bewegtheit des Herzens. Mit diesem Album verschafft sich Karijord einen Platz in der vordersten Reihe der gegenwärtig wahrlich nicht rar gesäten skandinavischen Liedermacherinnen. Dass die schlichtweg großartige Ane Brun bei Morning Light Forgives The Night gastiert, ist alles andere als ein Versehen, eher schon der finale Qualitätsbeweis.

The Noble Art of Letting Go ist am 18.02.11 mit über einjähriger Verspätung nun auch in hiesigen Gefilden auf Lill Facit Records erschienen.

Links:

Offizielle Homepage

MySpace-Auftritt

Rebekka Karijord auf Facebook

Kostenloser Download von Wear It Like A Crown

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Die großen Nullen – Singer-Songwriter deluxe

Die vergangene Dekade ist noch lange kein gestriger Schnee. Viele Musiker werden uns auch in den folgenden Jahren begleiten, manche als lästige Anhängsel – doch will ich nicht immer von den Fleet Foxes sprechen – und einige als Konstanten, die unseren Gefühls- und Gedankenkosmos in schönste Schwingungen versetzen. Doch wer waren die kleinen und großen musikalischen Helden der letzten zehn Jahre? Wir wagen eine rein subjektive Aufzählung – und widmen uns den Singer-Songwritern.

Foto: Nasrul Ekram

Ane Brun: Unter den zahllosen skandinavischen Vertretern niveauvoller Liedschmiederei ragt die Eindringlichkeit Bruns hervor. Nie zu sperrig, immer fokussiert und mit einem untadelig ergreifenden Vortrag gesegnet, vermochte noch jedes ihrer Alben zu zünden.

Anspieltipps: Rubber & Soul, The Fight Song

(Eine wundervolle Cover-Version von True Colors erschien dieses Jahr auf Daytrotter. Mehr dazu an dieser Stelle.)

Mark Kozelek: Ob als Solo-Performer oder als Mastermind von Sun Kil Moon, der entrückt wirkende Gesang paart sich mit überragender Erzählkunst. Die menschliche Seite eines Mörders in Worte zu fassen, wie es beim gänsehäuternen Lied Glenn Tipton der Fall ist, zeugt von Finesse. Einer der absolut besten Vertreter seiner Zunft.

Anspieltipps: Lost Verses, Walk All Over You

Tom Waits: Auch in den 2000ern war der Poet der Gosse über jegliches Klischee erhaben. Tief verwurzelt in den amerikanischen Mythen erschafft er mit jedem Album ein bedeutungsschweres, musikalisch anspruchsvolles und präzises Abbild gesellschaftlicher Wirklichkeiten.

Anspieltipps: Road To Peace (Download von Label-Seite), Hoist That Rag, Day After Tomorrow

(Hier haben wir weitere legale und kostenlose Downloads von der aktuellen Platte parat.)

Jason Molina: Ob unter dem Namen Magnolia Electric Co. oder Songs: Ohia, dieser Musiker hat ein Händchen für tolle Melodien und rustikalen Vortrag. Nach wie vor völlig unterschätzt.

Anspieltipps: The Dark Don’t Hide, Josephine (beide auf der offiziellen Homepage als kostenlose Downloads erhältlich)

(Über eine famose Daytrotter-Session haben wir bereits berichtet.)

John Frusciante: Er war nicht nur einfach der Gitarrist der Red Hot Chili Peppers, von welchen er sich kürzlich verabschiedete. Sein Solowerk ist imposanter und facettenreicher, vielschichtig aber nie aufgebläht.

Anspieltipps: The Days Have Turned, With No One

Richard Ashcroft: Wenn es um elegante Popsongs geht, kommt auf der britischen Insel nahezu niemand an Herrn Ashcroft heran. Und dies unterstreicht er sowohl im Alleingang als auch als Frontmann von The Verve. Dazu kommt diese unsagbar warme Stimme, die die Ohren umschmeichelt und keine Sekunde lang süßlich wirkt.

Anspieltipps: Science Of Silence, Words Just Get In The Way

Marissa Nadler: Ihre Stücke kann nur als Dream-Folk mit einer herrlich gespenstischen, zeitlosen Aura bezeichnet werden. Famos und in den Bann ziehend.

Anspieltipps: River Of Dirt, Diamond Heart, Days Of Rum

David Thomas Broughton: Wer die britische Folk-Tradition für sich entdecken möchte, sollte den in extremem Lo-Fi gehaltenen Lieder dieses Herren ein Ohr leihen. Reinste Beseeltheit, die mehr Fans erhalten müsste.

Anspieltipps: Weight Of My Love, Unmarked Grave

Weitere Nennungen im illustren Kreis der Genies verdienen sich:

Pete Doherty: Keine Widerrede, was er macht, hat Hand und Fuß. Seine Skandale sind nichts im Vergleich zu seinen herausragenden Fertigkeiten.

PJ Harvey: Einem schwächeren Album stehen drei wundervolle, sehr unterschiedliche gegenüber. Vor allem Stories From The City, Stories From The Sea war eine Offenbarung.

Stuart A. Staples: Im Alleingang atemberaubend, mit den Tindersticks über jeden Verdacht erhaben.

Bruce Springsteen: Nach einigen schwachen Alben hat er mit Magic und Working On A Dream wieder an Glanzzeiten angeknüpft.

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