Indie-Track-Auslese 2014 (Januar/Februar/März) – Teil 1

Hier eine Auflistung einiger Tracks, die wir in den ersten drei Monaten 2014 so gehört und für sehr gut befunden haben. Da sich noch die eine oder andere feine CD des jungen Musikjahres in unseren Regalen stapelt, wird es im April einen Nachklapp zu dieser Liste geben. Für den Moment jedoch gilt: Viel Vergnügen beim Anhören!

Mikko JoensuuLand of Darkness (Finnland) EP: Land of Darkness / Lake of Fire (VÖ: 07.03.2014 auf Fullsteam)

Doug PaisleyIt’s Not Too Late (To Say Goodbye) (Kanada) Album: Strong Feelings (VÖ: 24.01.2014 auf No Quarter)

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Archaisches Krawumm – Anna Aaron

Wenn mit dramatischem Krawumm gesättigter Pop auf Beschwörungstanz und den rockigen Geist einer PJ Harvey trifft, dann spreche ich von der Schweizerin Anna Aaron. Die Singer-Songwriterin hatte mich schon 2012 mit ihrer Platte Dogs In Spirit zu faszinieren gewusst. Ich hatte die sinistre Fantasie und Unergründlichkeit des Werks gelobt. Dieser Tage nun wurde ihr neues Album Neuro veröffentlicht – es fällt tatsächlich keinen Deut schlechter als die Vorgängerplatte aus. Noch immer grieselt es magisch durch die Boxen, auch Neuro zeugt von einem archaischen wie exotischen Wesen.

Schon die Rhythmussektion von Stellarling sorgt für ordentlich Rabatz. Der Vorzeigetrack des Albums vereint alle Qualitäten auf sich. Er ist einerseits wuchtig, roh und ungezügelt, zugleich im Refrain durch einen sinnlich-sehnsüchtigen Gesang geprägt. Dieses Werk scheint oft auf intensives, geradezu fiebrige Trance verströmendes Rambazamba gebürstet. Auch Girl tönt ungestüm, von Inbrunst getrieben, so raffiniert wie aggressiv. In diesen Momenten ist Anna Aaron ohne Zweifel an vorderster Front der auf Krawall gebürsteten Sängerinnen unserer Tage. Das alles klingt so turbulent, so sexy – also völlig unschweizerisch.  Weiterlesen

Release Gestöber 47 (Anna Aaron, Chorus Grant, Illute, William Fitzsimmons)

Anna Aaron


Anna Aaron – Stellarling (Official Music Video) von Discograph

2012 ist mir als musikalische starkes Jahr in Erinnerung geblieben. Das verdanke ich auch Dogs In Spirit, dem Debüt der Schweizerin Anna Aaron. Die Abgründigkeit des Werks habe ich damals mit PJ Harveys To Bring You My Love verglichen. Und geahnt, dass hier eine Singer-Songwriterin heranwächst, die innere Teufel beschwört, sich roh und ungezügelt zu geben vermag, feurigen Pathos vermittelt. Sie reiht sich somit in die Reihe der Sängerinnen ein, die weibliche Urkraft zelebrieren, das Mädchenhafte lange hinter sich gelassen haben. Nun also steht im März ihr Zweitling Neuro an. Und mit der ersten Single Stellarling wird meine Hoffnung gestärkt. Der Song ist all das, was man sich von der Schweizerin nur wünschen konnte. Er klingt kriegstänzlerisch und frenetisch, nur um im Refrain ein zwischen Zischen und Hauchen angelegtes Schmachten zu offenbaren. Anna Aaron scheint wieder auf dem richtigen Pfad, ihre Mischung aus Pop und der Wucht von Alternative lässt aufhorchen. Musik definiert sich immer über Intensität – und die verströmt Stellarling nicht zu knapp.  Weiterlesen

Ein Wow ohne Dellen – Anna Aaron

Ich bin ein Verfechter der These, dass ein künstlerisches Werk losgelöst vom Urheber erfahrbar ist. Natürlich erleichtert es die Rezeption, wenn man ein Werk in einen Kontext einzubetten vermag. Aber letztlich sollte ein Lied funktionieren, mehr noch imponieren, ohne dass man weiß, ob dem Musiker beim Schreiben die Seele gedrückt oder die Lederhose gejuckt hat. Manchmal jedoch hört man Töne, verspürt eine Aura, die uneingeschränktes Interesse weckt. Wer steckt hinter einer Platte, die mehr als nur handwerkliche Finesse oder künstlerische Inspiration vermittelt? Wie nur entwickelt man eine Präsenz, dass Gänseschauer der Düsterkeit wie Schwaden im Raum hängen, sobald der Gesang einsetzt? Im Falle der als Anna Aaron firmierenden Schweizerin Cécile Meyer drängt sich mir ein Staunen auf, denn obwohl Abgründe das tägliche Geschäft des Kreativen bedeuten, verspüre ich in ihrem Fall ein Kribbeln. Ein Prickeln der speziellen Sorte. Einen Sinneskitzel, wie ihn nur besonders gestalte Alben verursachen. Etwa To Bring You My Love von PJ Harvey.

Natürlich fehlt dem Debüt Dogs In Spirit die Radikalität einer PJ Harvey, freilich ist Anna Aarons Werk klassischeren Singer-Songwriter-Zuschnitts, aber der Intensität dieser Platte, wie sich etwa in Elijah’s Chant oder Where Are You David äußert, wachsen Flügel. Ersteres Lied entfaltet eine biblische Dimension, geprägt vom durchaus unbehaglichen Gefühl, dass hier epochale Ereignisse in Noten gepackt und mit Worten verbrämt werden. Sea Monsters bewegt sich auf vertrauterem Pop-Terrain, erschallt in bester Radiotauglichkeit, wenngleich der Text dann doch die eine oder andere Widerspenstigkeit parat hält („You woke the monsters in the sea/ Now they’re coming after me/ So lover bring them to the shore/ And we will listen as they soar„), die inneren Teufel beschwört. Nach diesem starken Auftakt entpuppt sich das von gedämpftem Harmonium und sacht tänzelnder Trompete geprägte The Drainout als willkommene Gelegenheit der Entspannung, ehe Anna Aaron mit Queen of Sound und King of the Dogs abermals alle Register zieht. Während mich Queen of Sound mit seinen temperamentvollen Piano-Akkorden einfängt, ähnlich wie Sea Monsters mit melodiösem Pep betört, fügt King of the Dogs dem Treiben eine rohe, ungezügelte Nuance hinzu. Feuriger Pathos prescht ins Bild, mündet in reinster Sehnsucht („This is for the boy on the magic horse who owns my heart/ He has got golden hair and wears a robe of snow/ Riding over clouds his face a flame his tongue a sword/ I have given him a name it means Anna’s Lord„). Es sind diese Lieder, die Anna Aaron in all der ihr eigenen Komplexität zeigen. All ihr musikalisches Tun ist von einem Firnis umhüllt, quasi ein unsichtbares Schutzschild, das den Hörer auf Distanz hält, sein Staunen dadurch konserviert. Darum wird auch ein Track wie Fire Over The Forbidden Mountain zu einem Wow-Ereignis, das nach einigen Ausrufezeichen lechzt. Den ganzen Song durchwabbert ein rasselige Percussion, unterbrochen von einem geschmeidigen, spannungsreichen Piano, nicht zu vergessen die Fraktion der Bläser als dunkle Konstante. Über allem schwebt ein dramatisch geturnter Gesang, der zwischen sireneskem Refrain und ritueller Beschwörung Salti schlägt. Hier ersteht eine vielschichtige Atmosphäre, die sich nicht mit ein, zwei Kniffen aufdröseln lässt. Man steht der Scheibe mit großer Bewunderung gegenüber, fühlt die Aura. Eine Aura, die nicht bereits nach dem zweiten Hördurchlauf erste Dellen aufweist.

Anna Aaron ist von außergewöhnlichem Kaliber, als Schweizerin braucht sie sich keine Sekunde lang hinter dem Singer-Songwriter-Aushängeschild des Landes, Sophie Hunger nämlich, verstecken. Dogs In Spirit ist ein zur Faszination anstachelndes Werk, welches sogar in diesem musikalisch starken Jahr hervorsticht. Die Platte bleibt unergründlich, fährt dank sinistrer Fantasie ins Mark. Was uns das Album über die Künstlerin Cécile Meyer verrät? Wohl dass man nicht immer den Boden von Abgründen zu erspähen vermag, so sehr man sich dies auch wünscht. Wow!

Dogs In Spirit ist am 07.09.2012 auf Two Gentlemen erschienen.

Konzerttermine:

03.10.2012 Innsbruck (A)- Treibhaus
05.10.2012 Wien (A) – Waves Festival
09.10.2012 Dresden – Beatpol
11.10.2012 Berlin – Comet
12.10.2012 Hamburg – Kampnagel
13.10.2012 Bremen – MS Treue
14.10.2012 Köln – Studio 672
16.10.2012 Frankfurt am Main – Brotfabrik
17.10.2012 Ingolstadt – Ingolstädter Künstlerinnentage „Der Oktober ist eine Frau“
18.10.2012 München – 59:1
15.11.2012 Basel (CH) – AVO Session

Link:

Offizielle Homepage

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Release Gestöber 29 (Anna Aaron, The Raveonettes, Philipp Poisel, Azure Ray)

Heute mal ohne jegliches Tamtam ein paar ganz, ganz tolle Empfehlungen!

Anna Aaron

Wenn ich einer Sängerin zum ersten Mal lausche und dabei elektrisiert spüre, wie Inspiration auf eine Dynamik trifft, Finesse sich mit einer unverzärtelten Attitüde mischt, dann will ich darauf wetten, dass Anna Aaron mit ihrem Anfang September in Deutschland erscheinenden Album Dogs In Spirit nicht nur meinen Kopf verdrehen wird. Was da aus der Schweiz zu uns dringt, ist ein ausgereiftes Debüt, welches sich aus Kraft und Geheimnissen nährt. Ein Track wie Fire Over The Forbidden Mountain beispielsweise gibt sich janusköpfig, spielt mit Lieblichkeit, scheppert roh, erzeugt kunstvoll Spannung, steuert dem Höhepunkt entgegen. Wer eine Singer-Songwriterin nicht glockenklar oder verhuscht trällern hören will, kommt an dieser angedunkelten Stimme schlichtweg nicht vorbei. Ein solch charismatisches Debüt muss man einfach gehört haben! Weil es Klasse hat, weil es seine Stories gleich guten Krimis erzählt, sich immer ein kleines Rätsel in der Hinterhand bewahrt, damit gebannte Begeisterung erzeugt.

Dogs In Spirit erscheint am 07.09.2012 auf Two Gentlemen.

The Raveonettes

Das dänische Duo The Raveonettes hat sein diesjähriges Meisterstück bereits abgeliefert. Denn wie sonst sollte man die EP Into the Night einschätzen? Diese war so kurz wie knackig, herrlich shoegazig. Ein von Ohrwürmern durchsetztes Juwel, das einem auch den Glauben an das Format EP zurückzugeben vermag. The Raveonettes haben das goldene Händchen für liebliche Melodien, die Art der Darreichung ist von berückender Unschuld. Sie verhallen, verlärmen Tracks,  so als wären ihnen Kitsch und Kommerz unbekannt. Sie polieren nichts glatt, werken nicht für den schönen Schein. Für 07.09.2012 ist nun quasi als Nachschlag das neue Album Observator angekündigt. Die ersten Vorboten der Platte (Observations und She Owns The Streets) vermitteln den Eindruck, dass die beste Phase in der nun schon über eine Dekade währenden Bandgeschichte gerade erst begonnen hat. (Beide Tracks sind als kostenlose Downloads auf betterPropaganda verfügbar.)

Philipp Poisel

Mit die überflüssigsten Platten, die es im Veröffentlichungsdschungel gibt, sind Livealben. Sie versuchen eine Atmosphäre einzufangen, die so flüchtig wie der Augenblick der Aufnahme ist. Das allein erweist sich oft als Ding der Unmöglichkeit, setzt zudem voraus, dass der Künstler überhaupt zur Bühnenmagie befähigt ist. Liveaufnahmen sind für Hardcorefans, für hoffnungslose Fetischisten. Im Falle von Philipp Poisel bin ich zu einer Abkehr von Gewohnheiten bereit, die im August auf erscheinende CD Projekt Seerosenteich werde ich mir sicher zu Gemüte führen. Poisel ist kein Showman, keine Rampensau, seine Ernsthaftigkeit vermengt sich mit der ihm gegebenen Poesie zu fraglos intensiven Momenten. So jedenfalls habe ich ihn einmal bei einem Auftritt erlebt und dadurch schätzen gelernt. Unter diesen Vorzeichen glaube ich tatsächlich an den Sinn eines Livealbums. Wer all die altklugen wie hypersensitiven, weichgespült singenden Bubis aus den deutschen Charts nicht mehr erträgt, muss bei Herrn Poisel hellhörig werden. Seine fragilen, nachdenklichen Texte drücken Worte aus, die andere Musiker erfolglos zu finden trachten.

Projekt Seerosenteich erscheint am 17.08.2012 auf Grönland Records.

Azure Ray

So ganz wurde ich mit den Soloambitionen von Orenda Fink and Maria Taylor in der Vergangenheit nicht warm. Erstere hatte mit Ask The Night (2009) zwar eine ansprechende Platte vorgelegt, doch war ihr Nebenprojekt O+S doch weitaus bemerkenswerter. Die gleichnamige CD kann ich als echten Geheimtipp nur empfehlen. Orenda Fink funktioniert also tatsächlich am besten im Verbund. Maria Taylor wiederum überzeugt mich als Einzelkämpferin kaum. Was Fink und Taylor zusammen als Azure Ray fabrizieren, das hingegen wirkt stimmig. Ohne Einschränkung! Besonders angetan hat es mir der ätherische gehauchte, in elektronische Gefilde abtauchende Track Scattered Like Leaves, der ein Mini-Album namens As Above So Below ankündigt. Großartig, hypnotisch!

As Above So Below erscheint am 07.09.2012 auf Affairs Of The Heart.

Das soll es für heute auch schon gewesen sein. Demnächst mehr!

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