Unsere Lieblingsplatten 2016

Was für den Rückblick auf das Jahr 2015 gegolten hat, ist leider auch 2016 aktuell. Daher nochmals letztjährige – nur hinsichtlich der Jahreszahlen aktualisierte – Betrachtungen…

Lorem ipsum dolor sit amet, consectetur, adipisci velit… Moment, der Platzhaltertext ist natürlich ein Scherz. Sogar zwischen den Feiertagen fällt mir ein Gedanke zum Musikjahr 2016 ein. Ich meine nämlich, dass Musik zwar nach wie vor eine große Rolle spielt, sie zugleich weniger wahrgenommen wird. Wir hören Musik, aber wie viele Lieder könnten wir zumindest im Refrain tatsächlich mitsingen? Wären wir tatsächlich noch in der Lage, die Intention unseres liebsten Albums des Jahres in wenigen Sätzen zusammenzufassen? Ist es nicht fast erschütternd, dass die Texte, die sich den meisten Menschen einprägen, ausgerechnet aus schlimmen Genres stammen oder problematische Weltanschauungen verfechten? Zeilen aus Schlagern gehören zum Allgemeingut, auch die Protagonisten des Deutschrap haben genug Hörer, die an ihren Lippen hängen, selbst die Texte der völlig unsäglichen Frei.Wild finden willige Abnehmer. Wie aber sieht es mit den Heroen des Indie-Genres und den Kritikerdarlingen aus? Wer könnte Thees Uhlmann, Sufjan Stevens oder Julia Holter aus dem Effeff zitieren? Wir erleben eine Wahrnehmungskrise jener Musik, die für sich in Anspruch nimmt, wertvoll zu sein. Woran liegt das? Ich will es kurz machen, die Schuld teilen sich Künstler, Musikkritik und Hörer zu gleichen Teilen. Wenn Bands und Musiker soziale Netzwerke mit jeder Menge Fotos bespaßen oder mit allerlei Veranstaltungshinweise vollpropfen, dabei aber komplett vergessen, ihre Lyrics und/oder Gitarrentabulaturen zu verbreiten, dann dürfen sie sich eigentlich nicht wundern, wenn Hörer vielleicht lustige Schnappschüsse eher in Erinnerung behalten als die Inhalte der letzten Platte. Die Musikkritik wiederum wird sich mit Klickstrecken und der Ausrichtung auf Tablet und Smartphone zu Tode layouten. Dazu kommt noch die Facebook-Hörigkeit, die eine Platte mit wenigen knackigen Worten teasert. Rezensionen geraten oberflächlich, weil der Transport der eigenen Meinung über dem Verständnis einer Platte steht. Und dann wäre da noch der Hörer, dem Musik oftmals so wichtig ist, dass er sie gar nicht mehr käuflich erwerben muss. Nichts spricht gegen Streaming als Ergänzung zur CD-Sammlung. Ein Stream kann jedoch nie den Besitz einer Platte ersetzen, ihm fehlt jedwedes haptische Erlebnis, ihm fehlt der zeitliche Aufwand – ja generell der zielgerichtet Akt des Kaufs. Wir sehen also, die Krise ist umfassend! Und wird bestenfalls dort überwunden, wo die Musik Botschaften und Lebensgefühl mittransportiert. Das tut der Schlager, das tut leider auch Bushido. Wo also bleibt das Indie-Lebensgefühl? 2016 hat es trotz vieler toller Alben gefehlt. Doch genug geredet, hier nun unsere liebsten Platten!

1. Tricky – Skilled Mechanics

Neukölln erwächst zum Sehnsuchtsort für die, die Konformität im großen, hippen Chaos anstreben. In solch Getümmel scheint Tricky tatsächlich nur die Rolle des Betrachters zu bleiben. Auf gewisse Weise ist ihm diese Position nicht fremd. Denn auch sein musikalisches Schaffen blickt von außen auf Business und Szene, freilich mit der Gelassenheit und Weisheit eines Typen, der sich und anderen nicht mehr viel beweisen muss oder sogar möchte. (Review) VÖ: 22.01.2016 (False Idols)

 Weiterlesen

Das Stigma der Flucht – Aziza Brahim

Im gegenwärtigen Diskurs wird Flucht als Fahrt nach Disneyland dargestellt. Oder als eine Art vergnügliche Reise mit ein wenig Camping-Flair und jeder Menge Action verharmlost. Das Verlassen der Heimat scheint nur noch Suche nach einem Schlaraffenland-Eldorado zu sein. All diese euphemistischen Darstellungen lassen jedoch außer Acht, dass Flucht überwiegend im Elend mündet. In irgendwelchen Flüchtlingscamps in einem vegetativen Niemandsland, aus dem Boden gestampft auf Wüstengrund oder Brachland. In solch einem Flüchtlingscamp in der algerischen Wüste wurde Aziza Brahim 1976 geboren, nachdem ihre Familie im Zuge des Westsaharakonflikts dorthin fliehen musste. In der algerischen Provinz Tindūf enstanden zu dieser Zeit Lager, in denen bis heute circa 180.000 Saharauis, Mitglieder eine maurische Ethnie in der Westsahara, leben. Der ganze Konflikt steht exemplarisch für die Nachwehen des Kolonialismus. Die Westsahara war in den Siebzigern von Spanien aufgegeben worden, Marokko nutzte diese Gelegenheit zur Annexion. Bis heute teilt der verminte marokkanische Wall den von Marokko verwalteten Teil von jenen unter Kontrolle der sahrauischen Befreiungsbewegung Frente Polisario befindlichen Gebieten. Ein in das Thema einführender Beitrag zu dem Konflikt findet sich übrigens auf der Webseite des Deutschlandradios. Aziza Brahim freilich hatte das Glück, ein Schülerstipendium zu bekommen und mit 11 Jahren nach Kuba gehen zu können. Als sie dort jedoch für ein Musikstudium nicht zugelassen wurde, kehrte sie jedoch 1995 in die algerischen Camps zurück, wo sie sich der National Sahrawi Music Group anschloss. Die Musik führte sie in den 2000er-Jahren nach Spanien, wo sie jetzt auch lebt.

 Weiterlesen