Ein inspiriertes Kuddelmuddel – Holler my Dear

Man kann sich Vielfalt auf verschiedene Weise annähern. Beispielsweise über die nicht vorhandene Ordnung lamentieren. Oder aber die Energie wahrnehmen, die sich im Chaos meist verbirgt. Der Berliner Formation Holler my Dear darf man getrost einen Hang zum Kuddelmuddel unterstellen. Das beginnt bei der Herkunft der Bandmitglieder, setzt sich im Wirrwarr der musikalischen Stile fort und schreckt auch vor den Lyrics nicht zurück. Das jüngst erschienene Album Steady As She Goes gerät so zu einem zeitgemäßen Abbild des urbanen Berlins. Und weil es ganz viel zu erwähnen gibt, stürzen wir uns am besten gleich kopfüber in dieses herrliche Tohuwabohu.

Photo Credit: Jim Kroft

Die Mitglieder der Band hat es aus Österreich, Russland, Großbritannien und dem Berliner Umland in die Metropole verschlagen. Die unterschiedliche Provenienz besitzt großes Potential, auch weil sich die Formation nicht krampfhaft um einen kleinsten gemeinsamen Nenner bemüht. Ja, natürlich ist die Platte unter dem Begriff Pop einzuordnen, in den Details ist die Musik aber ausgesprochen facettenreich. Mal wird jazzig angehauchten US-Singer-Songwriterinnen über die Schulter geschaut, dann wieder wird Ethno-Pop osteuropäischer Färbung gefrönt, hier lugt ein bisschen Cabaret hervor, auch ein chansonesquer Charakter ist dem Werk nicht fremd.  Weiterlesen

Unser Weihnachtswunsch

Liebe Leserinnen und Leser,
auf dem Foto seht ihr unseren lieben, tschadischen Freund Adam. Unser allergrößter Wunsch wäre, dass er zum Weihnachtsfest endlich einen vollständigen, sicheren Aufenthaltstitel bekommt. Unser zweitgrößter Wunsch ist, dass wir ihm weiterhin sein Soli-Zimmer in Berlin finanzieren können und seiner Mutter und Schwester ein bisschen Geld nach Darfur (Sudan) schicken können. Die NGOs des Lagers in Sudan haben nicht mehr genügend Mittel, um alle Flüchtlinge dort mit Essen und Wasser zu versorgen, daher ist ihr Überleben tatsächlich von Hilfe aus dem Ausland abhängig.

Wir haben auf Leetchi eine Extra-Spendenkampagne gestartet und freuen uns über jede noch so kleine Spende:

Hier klicken: Leetchi

Wir kennen Adam nun seit etwas mehr als einem Jahr und inzwischen ist er mehr Familie als Freund für uns. Kennengelernt haben wir uns an einem virtuellen Ort, dem es in erster Linie um First World-Problems geht, einer der Expat-Hipster-Facebook-Gruppen auf Facebook. Plötzlich postete da ein junger Mann seinen Abschiebebescheid, mit Datum, gebuchtem Flug und fragte nach Hilfe. Wir wären nicht wir, wenn wir in so einer Situation nicht sofort alle Hebel in Bewegung setzten würden, um einem Menschen in Not zu helfen.  Weiterlesen

Zu unaufgeregt für Berlin-Neukölln – Tricky

Die für die richtig coolen Klänge verantwortliche Co-Bloggerin hat mich dieser Tage auf die neue Scheibe von Tricky hingewiesen. Der werte Musiker weilt seit letztem Jahr in Berlin-Neukölln, das längst zu einem Mekka für Abenteuerlustige aus aller Welt geworden ist. Auch deshalb habe ich in das Album Skilled Mechanics reingehört, um zu sehen, was die Gegend aus Herrn Tricky gemacht hat. In einem lesenswerten Interview mit dem [030] Magazin, bei dem er auf seine Eindrücke von Berlin angesprochen wurde, outete er sich als Neuankömmling, der sich noch darüber wundert, dass an dem einen Tag ein alter Fernseher auf der Straße steht, am nächsten Tag an eben dieser Stelle eine Couch zu finden ist. Tricky scheint Nord-Neukölln mit großen Augen und Interesse zu bestaunen. Bereits abgebrühte Kiezbewohner erkennt man dagegen daran, dass Sperrmüll auf der Straße – sofern nicht monetär verwertbar – eher mit Desinteresse begegnet wird. Ob zerschlissene Matratze, desolates Regal oder defekte Waschmaschine, es existiert nichts, was nicht auf dem Gehweg entsorgt wird. Mitunter noch mit dem großmütigen Vermerk „zu verschenken“ ausgestattet. Doch ich schweife ab. Berlin mag sich in Skilled Mechanics (noch] nicht wiederfinden, es unterstreicht jedoch, dass Tricky nicht zum alten Eisen gehört, sein Umzug nach Neukölln keinen verzweifelten Schrei nach Hipness bedeutet.

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Berlin Festival 2014: Klein ist das neue Groß!

Berlin genießt den Ruf einer Partystadt. Und zu mehr taugt diese vermeintliche Metropole wohl auch nicht. Berlin ist letztlich nichts als ein Trugbild, dessen unzählige Puzzleteile sich partout nicht zu einem stimmigen Ganzen zusammenfügen wollen. Diese Stadt wäre gerne die große Nummer, doch dieser Wunsch wird von einer Kiezmentalität immer und immer kassiert. Auch die Nachwirkungen der Mauer sind noch immer nicht ausgestanden. Nach wie vor spiegeln sich Osten und Westen, ob Funkturm und Fernsehturm, Tierpark oder Zoo, vieles ist in doppelter Ausführung gewachsen und auch Jahrzehnte nach der Wiedervereinigung noch vorhanden. Im besten Falle ist Berlin eine Ansammlung kunterbunter Sehnsuchtsorte, deren Diversität keine gemeinsame Identität zulässt. Außer der, dass die Metropole unermessliches Chaospotential in sich birgt. Und so fügt es sich ins Bild, dass das seit 2009 auf dem Gelände des ehemaligen Tempelhofer Flughafens durchgeführte Berlin Festival dieses Jahr kurz vor knapp den Veranstaltungort wechselt.

Als Laie hat man natürlich nur marginale Einblicke in die Organisation eines Festivals. Wenn mir Veranstalter eine kurzfristige Verlegung eines Festivals jedoch als Entscheidung für ein perfektes Ambiente aufschwatzen wollen, kann ich freilich nur den Kopf schütteln. Nun also wird man die ehrwürdigen Hallen und Hangars Tempelhofs gegen eine an der Spree gelegene, kleinere Arena eintauschen. Es wäre der erste Neuanfang der Welt, der eine offensichtliche Schrumpfung innigst umarmt.  Weiterlesen

Die unendliche Bandbreitenbeeinträchtigungsgeschichte (Kabel Deutschland Remix)

Als Musikblog, der schon ein paar Jahre auf dem Buckel hat, sind wir in der glücklichen Lage tagtäglich mehr als 100 Mails mit allerlei Newslettern, Musiktipps und digitalen Albenbemusterungen zu erhalten. Vielfach wunderbare Musik, an der man sich einfach nur erfreuen möchte. Und da wir in Berlin im Jahre 2014 leben, ist so manch großartige Entdeckung nur einen Mausklick entfernt. Denn wo – wenn nicht in der trendigsten Hauptstadt der Welt – hat man sonst die nötige Bandbreite, um sich voll Frohlocken durch Streams und Clips zu wühlen? Sollte man annehmen.

Heute muss ich von einer Leidensgeschichte berichten, die kein musikalisches Happy End vorzuweisen hat. Sie ist im biblischen Milieu angesiedelt, handelt von David und Goliath. Der Part des Davids fällt meiner besseren Hälfte und mir zu, als knurriger Goliath stellt sich dankenswerterweise Kabel Deutschland zur Verfügung. In den vergangenen Jahren haben wir Kabel Deutschland in seiner Rolle als Internet-Provider unseres Vertrauens bereits das eine oder andere Geldstück in die Pranke gelegt, im Gegenzug dafür ein Internet-Paket mit 32 Mbit/s Download und 2 Mbit/s Upload versprochen bekommen. Vertrag nennt sich das, glaube ich. Als alter Lateinheini kann ich sogar ein schallendes Pacta sunt servanda aus voller Kehle anstimmen. Nun haben Verträge eine ganz kuriose Eigenschaft. Sie sind ganz schön relativ. Ihre Wirksamkeit richtet sich nach der Heerschar der Rechtsanwälte, die mit ihnen befasst sind.Wenn die Rechtsabteilungen großer Unternehmen AGBs ausformuliert, wird es immer Klauseln geben, die die Verpflichtungen eines Unternehmens mit einem schwammigen Pffft! zusammenfassen. Für den im Auftrag eines verärgerten Kunden agierenden Juristen scheinen die Pflicht seines Mandanten dagegen in Stein gemeißelt.

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Am Puls der Metropole – Seams

Metropolen sind stets Sehnsuchtsorte, an denen Träume auf Wirklichkeiten treffen. Es ist diese starke Spannungssituation, jene emotionale Fallhöhe, die eine Metropole von einer stinknormalen Stadt unterscheidet. Metropolen leben vom Zuzug, sind offen und feindselig zugleich. Denn wer sich hier einen Platz erobert hat, will diesen nicht von Dahergelaufenen angegriffen wissen. Metropolen sind daher Horte des Misstrauens, wo Zuwanderer und Eingeborene sowie die Durchsetzungfreudigsten vorangegangener Besiedlungswellen um die Vorherrschaft streiten. Aus diesen Gründen ist eine lederbehoste Auster wie München einfach nur Stadt, während Berlin eben Berlin ist. Metropolen können Hort der Kreativität und Jugendlichkeit sein oder aber vor geldlichen Verlockungen strotzen (Frankfurt!). Es gäbe genug über Reiz von Metropolen zu sagen. Und doch braucht es dazu nicht immer Worte. Auch elektronische Musik vermag den Puls der Weltstadt zu erfühlen. Das Album Quarters des in Berlin lebenden Briten James Welch schafft dies vorzüglich. Unter dem Namen Seams hat er einen feinen Berlin-Soundtrack vorgelegt.

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Berlin wählt – Zeit für ein Schmunzeln

Berlin wählt. Das klingt bedrohlich, spezielle wenn man einen ausgiebigeren Blick auf die zur Wahl stehenden Parteien riskiert. In all der Hülle und Fülle wird Wahnsinn zur vorherrschenden Methode. Wie gesichtslos muss man durchs Leben schreiten, um sich mit dem mangelnden Profil der SPD identifizieren zu können? Letztlich vermag dies Manko nämlich auch kein flauschig-sympathischer Wowereit kaschieren. Wowereit funktioniert bloß als Wohlfühlpolitiker, den eine Metropole mit weniger Schräglage gut gebrauchen könnte. Hat die Berliner SPD mehr zu bieten? Bezirkskaiser wie Heinz Buschkowsky möglicherweise, die den Finger auf die Wunde legen und Neuköllner Realitäten schonungslos offenbaren. Doch sollte die Vertreibung des Gesindels tatsächlich die Losung zur Problemlösung sein? So schärft die SPD ihr Profil zur unerträglichen Fratze. Zu solch Gesichtsverrenkungen ist die CDU schlichtweg zu bieder. In der Hauptstadt wählt CDU, wer wertkonservativ und wohlhabend durchs Leben schreitet. Diese fantasielose Kombination braucht es, da der moderne Besserverdiener immer öfter bei Bündnis 90/Die Grünen Unterschlupf findet. Die Grünen sind ja ohnehin eine seltsame Nummer. Selbst stramme Altlinke können es sich nicht verkneifen auf Renate Künast zu setzen. Das wirkt durchaus verquer, denn warum sollte jene Partei, der die Gentrifizierer samt und sonders vertrauen, eben diese Verdrängung stoppen? Warum sollte diese Partei, deren Rückrat längst nicht mehr Außenseitermilieus sondern Bildungsbürger bedeuten, gegen die stets steigende Anzahl an Parias (Niedriglöhner, im Sumpf von Hartz IV strauchelnde Zeitgenossen) ankämpfen? Die Hoffnung keimt aus der Verzweiflung. Nicht zuletzt da Die Linke als koalitionäres Anhängsel völlig versagt und der sozialen Kälte Berlins nie wirklich eingeheizt hat. Wenn Die Linke mit Spitzenkanditat Harald Wolf erschwinglichen Wohnraum als Parole ausgiebt, fragt man sich, warum sie es ohne Mucks und Piep zugelassen hat, dass die Mieten in vielen Kiezen exorbitant stiegen. Diese Partei wirkt zumindest auf Landesebene als Witzfigur, die sich im ehemaligen Osten noch genügend Idioten hält, denen noch immer niemand gesagt hat, dass die DDR längst über den Jordan gekrochen ist.

Kommen wir zu den fast vernachlässigbaren Randfiguren des Wahlkampfs. Als einigermaßen unterhaltsam erweisen sich die zur Realsatire tauglichen Plakate der Piraten. Letztlich sind die Piraten eine Partei der Paranoia, die überall eine Beschneidung der eigenen Freiheit sieht. Überall die blanke Überwachung und Zensur, ob nun im öffentlichen Raum oder im Internet. Und mitunter paktiert der Staat mit so bösen Organisationen wie der Kirche, um Bürger mit der Kirchensteuer zu drangsalieren. Der Piraten-Slogan „Fragt mal eure Kinder, warum sie Piraten wählen“ bringt meine Wertschätzung für diese Bewegung auf den Punkt: Kinderkram. Nicht minder entbehrlich und hoffentlich nicht im nächsten Senat vertreten, natürlich, die Rede ist von der FDP. Sie propagiert die neue Wahlfreiheit – mit solch einer gedroschenen Phrase lässt sich kein Blumentopf gewinnen.  Gut so, denn eine FDP ist dem vernunftbegabten Menschen ein Gräuel. Zum Thema Integration fällt der Berliner FDP „Wir meinen, dass es eine nette Geste wäre, in Paris nach ‚Croissants‘ statt nach ‚Schrippen‘ zu fragen.“ ein. Solch Wischiwaschi-Sprüche veranschaulichen einmal mehr das politische Gestaltungspotential dieser Partei.

Wenn man sich die Berliner Wahl auf der Zunge zergehen lässt, sickert nach und nach eine gewisse Bitterkeit über die Geschmacksknospen. Wenig deutet darauf hin, dass Berlin sein mit einem gequälten Lächeln gepflegtes Image (Arm, aber sexy) nach dem 18.09.2011 ablegen wird. Berlin wird weiterhin Friedhof der Kreativen bleiben, Hort von scheiternden Parallelgesellschaften. Und dennoch sollte man den Humor nicht verlieren und zumindest folgende musikalische Wahlempfehlung um jeden Preis befolgen. Die Blockflöte des Todes hat heute einen den Track „Ich hab nie FPD gewählt“ veröffentlicht. Nun erachte ich es als keine große Kunst, triftige Gründe gegen die FDP aus dem Ärmel zu schütteln. In Berlin hätten auch andere Parteien jede Menge Spott und Häme verdient. Dieses eine Statement in Liedform fällt in die Kategorie launiger Frotzelei, bringt ein Schmunzeln auf meine zunehmend herabhängenden Mundwinkel. Das nenne ich einen guten Anfang…

SomeVapourTrails

Die andere Stippvisite

…führt mal wieder durch unser schönes Nord-Neukölln, diesmal aber anders. Auch die Bilder kredenzen wir heute in hip oder genauer gesagt Hipstamatic, natürlich aber, so viel Ehre haben wir noch im Leib, ganz ohne iPhone – wir sind ja schließlich keine Kiezkiller. Und genau hier sind wir schon beim Thema: Der Hype, die Gentrifikation und was am Tage davon übrig bleibt. Neuhochdeutsch könnte man auch titeln: „Self-fulfilling Prophecy does the trick.“ Zumindest was die Mietsteigerungen betrifft… und sonst so?

Die Aussicht von meinem Neuköllner Balkon jetzt ganz hip-stamatic.

Läuft man tagsüber durch den Szenemittelpunkt Reuterkiez sucht man das Trendviertel noch ziemlich vergebens, zwar sind viele Ladengeschäfte von Jungdesigner-Läden aller Art bezogen worden, doch das Publikum weilt noch in Mitte, Prenzlauer Berg oder flaniert gerade über die Bergmannstraße. Manch Jungunternehmer hat die Zeichen der Zeit erkannt und gleich ein „Bitte klingeln, wir sind in Neukölln“-Schild an die Tür gehängt. Ob die Klingel gerade in der nächsten jüngst eröffneten Espresso-Bar ertönt, wo sich die hippen Geschäftleute gegenseitig zur Großartigkeit gratulieren oder man im feindlichen Umfeld Überfälle von streunernden Jugendbanden fürchtet und sich untern Lasdentresen versteckt hält,  ich weiß es nicht. Gefährlich ist es jedenfalls, sich zu lange vor solch einem Schaufenster aufzuhalten. An „good hair days“ droht einem die Besitzerin auf die Pelle zurücken und als langersehnten Kunden in die Designerbude zu verfrachten  – an „bad hair days“  hingegen, wird man eines „Deine Armut kotzt mich an… (sonst würdest du bei mir kaufen)“ Blickes gewürdigt. Zu erstehen gäbe es vieles, besonders ein paar Katzen-Emaille-Ohrringe für 35 Euro. Mir in Erinnerung geblieben, da ich a) eine ebensolche Katze schon mal als Anstecker hatte, als Kind mit Mama im Bastelkurs gefertigt, weilte sie meine Jugend über auf Rucksäcken und Taschen bis diese und sie selber das Zeitliche segneten. Weil b) ich vor meiner Großstadtzeit aufs Land flüchtete, wo jedes Dorf zu jeder Gelegenheit einen Bazar für irgendeinen Zweck hat und die Emailekatzen dort für 3 Euro zu haben sind. Weil c) 35 Euro für solch Hausfrauenbastelstundenschund auszugeben, nur weil die „Schmuckdesignerin“ ein entsprechendes Diplom dafür erstudierte, ziemlich dämlich ist. Gleich neben den Ohrringen prangte eine Sammlung mit Stickern. Am besten gefiel mir „Dieser Sticker wurde nicht mit Hartz 4 bezahlt“. Wovon die Besitzerin des Ladens lebt, möchte ich lieber nicht fragen. Genauer nachgefragt hat Ivo Bozic bei den Betreiberinnen Co-Founderinnen der Wärmestube für Yuppies, auch Wostel genannt, in der Hobrechtstraße. Sein Co-Working im Selbstversuch liest sich sehr amüsant und bringt klar auf den Punkt, womit und mit wem wir es hier zu tun haben. Die Nischen des Kiezes füllen sich mit Menschen, die auf der Suche sind, wer’s wirklich geschafft hat, wohnt woanders und hat auch sein Geschäft im etablierten Mitte oder Kreuzberg. Was Neukölln abhanden gekommen ist, ist die Entspanntheit und der verspielt-naive Charme der Pionierzeit. Jetzt geht’s darum zu beweisen, schon zu sein, was man mal werden will.

"Fuck off Yuppie" mit Sicherheit extra falsch geschrieben.

 

Der Damensalon lädt zum Chillen.

Wirklich gut im Geschäft sind ein paar Kneipen in der Weserstraße, dem Epizentrum des Trends. Manche mögen es gar nicht sein und verfilmen ihre Beschwerde. So geschehen von den Betreibern des Freien Neuköllns. Bis Samstagabend hielt ich das Machwerk für vollkommen übertrieben. Hatte ich doch über mehrere Jahre einen großen Teil meiner Wochenenden im Reuterkiez verbracht, sollte sich in knapp einem Jahr nächtlicher Abwesenheit meinerseits so viel getan haben? Die Antwortet: Punktuell ja. Wo früher ein-zwei Tische vor der Tür standen, ist der Bürgersteig nun unpassierbar und von feierwütigem Volk besetzt. Generell haben viele neue Bars und Kneipen eröffnet, und einige warten noch auf den Hype oder dass dieser sie bemerkt und mit Gästen befüllt. Meine Lieblingskneipe war auch nachts um zwölf nur zu einem Drittel gefüllt, das kannte ich schon mal anders und jubel ein bisschen darüber, dass sie offensichtlich schon wieder out ist. Das ist das schöne an den Trends und Hypes, sie sind schnell vergänglich.

Leider nicht nur ironisch, sondern auch ernst gemeint ist die Publikumsbeschimpfung des Senders Freies Neukölln Offending the clientele:


Offending the Clientele from Retsina Film on Vimeo.

Nach Sehens des Videos sollte man unbedingt die Erwiderung von KreativKiez samt Kommentaren lesen. Ein lustig zu lesender Rant, der beweist, dass Musikblogger nicht die Schlimmsten sind, wenn es um Daseins-Reflexion, Eierschaukeln und Cock Picking geht. Bedauerlicherweise ist es nicht allein die Grusel-Englisch-Performance, die uns Deutschen erneut Xenophobie bescheinigt. Eine besonders wehrhafte BI am Landwehrkanal auf Kreuzberger Seite beschickt zur Zeit die Massenmedien mit Hilferufen ob der feierwütigen Wilden, die da aus Italien, Spanien, England und Skandinavien bei uns wüten. Manche nennen sie auch einfach nur gehässig Erasmus-Studenten. Nicht nur, dass sie laut sind, sie nehmen uns auch die Wohnungen weg. Merkwürdigerweise beschwert sich niemand, sie nähmen uns die Frauen weg. Wahrscheinlich weil zu viele der Neukölllner Überlebens- und auch sonst so Künstler derweil mit den weiblichen Studentinnen die Betten teilen. Schlimm sind natürlich die Touristen, das ist immer so, zumindest solange man nicht selber irgendwo gerade einer ist. Aber dann wäre man ja auch im Urlaub und somit entspannt oder am Feiern oder beides zusammen.

Blätterte man bis vor kurzem in den großen Zeitungen oder informierte sich anspruchsvoll bei den Öffentlich-Rechtlichen, so wurde einem versichert, Neukölln, das ist Elendsgebiet, Depression, Arbeitslosigkeit, Gewalt. Ein Ort der Verlorenen und Vergessenen. Kurz nach meinem Eintreffen in dieser Welt am Rande Neuköllns, eine Straße von Kreuzberg entfernt, preschte die Zitty vor und rief das neue Trend und Szeneviertel aus bzw. man erklärte die Hobrechtstraße zur Now-Go-Area. Man versicherte den Kreuzbergern, dass es mit dem Mama und dem Raumfahrer nun zwei Kneipen  gäbe, in denen man hip und cool den Abend verbringen könne. Damit es nicht ganz so peinlich würde, ins Armen-und Elendsgebiet Neukölln zu schlendern, wurde das Gebiet in Kreuzkölln umbenannt. Echte Kiezbewohner achten natürlich peinlich genau darauf, niemals niemals Kreuzkölln zu sagen. Nach Berliner Art wird in Kieze unterteilt oder sachlich und politisch korrekt Nord-Neukölln als Ortsangabe verwendet. X-Kölln wurde plötzlich die Befreiung für viele, die es sich nicht mehr leisten konnten, in Kreuzberg, Mitte oder Prenzlauer Berg zu wohnen. Kein Naserümpfen mehr, sondern Stolz darauf, Trendsetter zu sein und irgendwie anders eben, nicht so etabliert. Mit viel Elan wurde Schönes und Neues geschafffen und der Kiez aufgewertet. Ganz im Ernst, dass ich mich um zu einer meiner Lieblingskneipen zu gelangen, nicht mehr durch Grüppchen von Freiern und Zuhältern zerschlagener Nutten schlängeln muss, die nachts an der Ecke Kottbusser Damm/Weserstraße auf Kundschaft warten – die Änderungen haben auch sehr viel Gutes. Interessant ist auch, wer im Moment am lautesten „Gentrifikation“ schreit. Es sind eben nicht die klassischen Vertreter der Unterschicht. Es sind die aus der Mittelschicht gefallenen Kinder des Bürgertums. Es sind diejenigen, die feststellen mussten, das gute Ausbildung nichts mehr wert ist, das viele Arbeitsstellen vernichtet wurden und nun ersetzt werden durch Praktikantenstellen oder noch schlimmer: Maßnahmen des Jobcenters. Seit der Agenda 2010 wurden vielen kulturellen und sozialen Einrichtungen die liquiden Mittel radikal gestrichen, stattdessen werden Kontingente und qualifizierte Maßnahmen-Teilnehmern und 1,50-Euro-Jobber zur Verfügung gestellt. Im Klartext heißt das, die Menschen arbeiten weiter auf den Stellen, die sie früher auf dem ersten Arbeitsmarkt besetzt hätten, nur sie werden nicht mehr dafür bezahlt. Neukölln war Rückzugsort und Oase für ebenjene, die lieber sterben würden, als sich öffentlich zu bekennen.

So wandern wir nun zu guter Ende raus aus Neukölln hin zur #GR11, ausgerufen vom Spreeblick, falls es klappt zumindest, sei versichert, die Deutsche Revolution wurde vom Alpha-Blog gestartet. Bisher haben vor allem die Piraten den Hashtag geentert und demonstriert wird unter Vermischtes für Weltfrieden, für echte Demokratie, gegen Atomkraft und diverse andere Sachen. Für echte soziale Markwirtschaft zu demonstrieren, wäre vielleicht keine so schlechte Idee gewesen.

Böse gesagt: Vom Aussterben bedrohte Bewohnerinnen. Paste-ups von Karl Addison

Vor der Änderung steht allerdings erstmal die (Selbst-)Erkenntnis, dann das Bekenntnis und somit solide und glaubhafte Argumente. Die Hose runterlassen, das will aber niemand. Man kennt nur jemanden, der betroffen ist und achja als der Nachbar zwangsgeräumt wurde, das war auch traurig. Alkoholiker er. Irgendwie kommt mir jetzt der Stern Artikel vom 6. Juni 1971 in den Sinn Wir haben abgetrieben!. Ich glaube, es fänden sich heute mehr Akademikerinnen, die öffentlich bekennen würden, sie hätten abgetrieben, als Akademiker, die öffentlich gestehen würden „Ich bin Hartz 4-Bezieher“. Es ist einfach leichter laut zu schimpfen: Die Yuppies, die da jetzt ne Designerbude aufgemacht haben, die leben doch von Mami und Papi. Böse Gentrifikation, trägst Katzenohrringe aus Emaille und doofe Buttons, schlürfst Bionade und verstellst den Bürgersteig mit Tischen und Bänken. „Gentrify This“ gibt’s jetzt für Touris als Postkarte zu kaufen…. Ich trink aus Protest nur noch Club Mate. Was? Das ist genauso schlimm!? Egal – wir sind uns auch noch nicht so sicher, wo genau wir stehen, auf der Seite der Verdränger oder der Verdrängten.

Wir sind Helden - Wir haben uns ein Denkmal gebaut ;-)

Indifferente Grüße von

DifferentStars

PS: Nette Hipstamatic Effekte bekommt ihr ganz ohne iPhone mit folgender Freeware hin:

Photoscape – Probiert einfach den Agfa und CrossProcess Filter + die Vignette

Gimp + Filter von elsamuko – Mein Favorit  ist der Photochrom Filter

PPS: Der Hipstamatic-Effekt war urspünglich rein als Metapher gedacht, gefällt mir jedoch so gut, dass ich künftig mehr damit zaubern werde.

PPPS: Hipster bleibt mein Lieblingsschimpfwort.

Spielplätze sind auch für doofe Yuppies, Streetart sowieso. Paste-up von Alias

Na denn mal Prost! Ein Spaziergang durch die Weserstraße in Neukölln.

"Warum" Human Bein von Dave the Chimp

Das obige Foto ist vor einigen Wochen entstanden und für mich eines der eindringlichsten Werke, die mir so auf den Straßen Berlins begegneten. Eben die Reduktion auf die Frage aller Fragen. „Warum“ – Generationen von Dreijährigen haben schon Eltern und Umwelt damit in den Wahnsinn getrieben. Jede noch so ausgetüfftelte Antwort birgt in sich die tiefergründende Erwiderung „Warum“. Frech gekontert entkommt man nur mit Darum – oder wie Mein lieber Prost mit spöttischem Gelächter und Schulterzucken. Hier hilft wohl kaum Mediation dachte sich Josef aka Streetyoga und versuchts mit Meditation einem grinsenden Buddha gleich. Drei neue Street-People, ließ er mich durch Flickr wissen, bevölkern die Welt. Zwei davon hab ich ausgemacht. Natürlich in der Weserstraße, der Freiluft-Galerie der Street Artists an sich. Seitdem auch die Hipster nicht mehr X-Kölln sagen, sondern stolz in Nord-Neukölln wohnen, oder dem Reuterkiez, seit Neukölln viel trendier ist als das spießig-bürgerliche Kreuzberg, will niemand mehr auf der Kreuzung der Welten wohnen. Apropos – Wohungen werden knapp und teuer hier, noch schlimmer scheint’s den Bewohnern der Häuserwände zu gehen. So wird manche WG gegründet, nicht immer aus Liebe und Freundschaft und so manches Bild wird übertüncht oder -trumpft. Als ich die neue 3er-Wg von Dave the Chimp, Mein lieber Prost und Street-People live und in Farbe vor mir sah, war ich mir nicht so sicher, ob mir die neue Dreifaltigkeit so gefällt.

Mein lieber Prost mit Lopsided Foe

Mein lieber ProstBe Honest To Yourself

Mein lieber Prost – Der Plakatierer

Mein lieber Prost war nicht als Einziger fleißig in den vergangenen Tagen, auch Alias hat neue Wandtapeten an die Mauern gezaubert.

Alias

Alias mit Onytwo

Lopsided Foe gesellt sich nicht nur gerne in Streetart-WGs, sondern ist hier als Mensch solo unterwegs:

Lopsided Foe – Mensch

 

Lopsided Foe – Kind mit Steinschleuder

 

Allerdings ist’s zu Dritt am schönsten, vorallem beim Genuß verbotener Vergnügen 😀

Dave the Chimp, Loopsided Foe und Street-People – Der Kiffer

Besonders reizend, weil echte Mädchenkunst, fand ich ich diese Gemälde von Nineta.

Nineta – Culture

Hier noch eine Kachel, von wem weiß ich (noch) nicht Kartoffeltierchen (Danke Josef für die Info).

Und weil Lie In the Sound ein Musikblog ist, gibt’s auch noch Musik: Das Radio mit Zuneigung.

Ich hab während des Verfassen dieses Artikel Mobys destroyed gehört, mache der Lieder passen verstörend schön zu Alias düsteren Werken. Wonach die Weserstraße insgesamt so klingt, hab ich noch nicht rausgefunden. Der Bilderrausch tönt bisweil in einer Farben und Message schreienden Kakophonie, deren Soundtrack noch ausgetüftelt werden muss.  Will man jedes Werk mit an- oder auch unangemessener Aufmerksamkeit bedenken, so dürfte ein Spaziergang durch die einstiger Geheimtipp, nun Party-Szene- und Kneipenmeile betitelte Straße, wohl einen ganzen Tag in Anspruch nehmen. Wir sind ein Stündchen unterwegs gewesen und in diesem Beitrag gibt’s nur die Funde des gestrigen Ausflugs,  mehr Bilder gab’s schon und folgen noch.

DifferentStars