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Release Gestöber 60 (Blockhead, Wanda, Gus By Heart)

Blockhead

Treue Leser dieses Blogs werden über die Jahre vielleicht schon bemerkt haben, dass ich ein großer Fan von Blockhead bin. Der US-Amerikaner ist ein Sample-Guru und Downtempo-Virtuose, dessen Platten stets einen uneingeschränkten Genuss darstellen. Anlässlich seines vorangegangenen Albums Interludes After Midnight schrieb ich dies: „Wie kaum ein anderer zimmert er Hip-Hop-Beats, gibt der Chose eine oft funkig austarierte Note, erweckt allerlei Vocal-Samples zum Leben. Wo Electronica oft in steriler Tüftelei vergeht, wirkt sein Tun überaus quirlig, hemdsärmelig gezimmert, mitunter aus der Zeit gefallen und dennoch keineswegs altbacken.“ Ich nannte die Platte damals einen Trip durch den urbanen Dschungel. Demnächst steht nun mit Bells and Whistles ein neues Werk zur Veröffentlichung an. Und doch ist nicht alles eitel Wonne. Denn diesmal wird Blockhead sein Album in Eigenregie veröffentlichen. Die Gründe für das keinesfalls bittere Ende der Zusammenarbeit mit dem renommierten Label Ninja Tune hat er auf seinem Blog dargelegt. Ninja Tune habe sich nach fünf Alben dagegen entschieden, Bells and Whistles herauszubringen, da ein mit Samples gespicktes Album viele Probleme berge. Auch andere Plattenfirmen hätten deshalb abgewunken. Blockhead erklärt dies so: „While I’d argue that the stuff I’m using is pretty obscure, I can’t blame labels for being hesitant. After all, the way they make money off music in 2014 is by licensing songs for tv, movies and commercials. When a song is chock full of samples (as mine tend to be) that severely limits what these labels can do with your music.“ Längst sind es nicht mehr Plattenverkäufe oder gar Streams, die ein wenig Kleingeld in die Kassen spülen. Die Lizenzierung eines Track für TV, Fernsehen oder Werbung ist eine der verlässlichsten Geldquellen. Wenn jedoch ein Musiker eine Menge Samples benutzt, wäre das rechtlich äußerst heikel. Release Gestöber 60 (Blockhead, Wanda, Gus By Heart) weiterlesen

50 Albumschmankerln 2012

Hier nun also der zweite Teil unserer Jahresbestenliste. 40 Alben und 10 EP haben wir als Empfehlungen ausgewählt. Wie schon für unsere 75 Lieblingstracks 2012 gilt auch in diesem Fall, dass diese Liste von Auslassungen lebt. Natürlich wären Get Well Soon oder auch Leonard Cohen heiße Anwärter auf einen Platz in dieser Aufzählung, wenn wir denn jenen Alben heuer mit der gebührenden Ausführlichkeit gelauscht hätten. Doch wenn uns der wöchentliche Veröffentlichungszirkus etwas anderes weismachen möchte, gute Alben werden nicht schnell ranzig. Können auch erst mit ein paar Jahren Verzögerung gefestschmaust werden. Ob ein Musikjahr also beweihräuchert werden darf, das entscheidet sich oft erst lange nach dessen Verstreichen. Das, was uns jedoch bereits jetzt nachdrücklich in Herz und Hirn haften geblieben ist, haben wir folglich hier zusammengetragen. Wir wünschen viel Vergnügen beim Durchstöbern!

Alben

Born To Die_ Lana Del Rey - CMS Source1. Lana Del ReyBorn To Die

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Trip durch den urbanen Dschungel – Blockhead

Lange war ich ein musikalisch unbeweglicher, geschmacklich eindimensionaler Zeitgenosse. Selten kam etwas anderes als Singer-Songwriter-Kost auf meinen Plattenteller. Erst ab Mitte Zwanzig drapierten sich allmählich neue Genres in meiner Musiksammlung, sickerte etwa Post-Rock ein, machten sich Steve Reich und besonders Philip Glass breit und breiter. Auch Electronica, speziell Downtempo, machte mich ganz wuschig. Als ich irgendwann 2004 auf den Track Sunday Seance von Blockhead stieß, war es einmal mehr um mich geschehen. Welch verträumter Wohlklang! Seit damals bin Fan des New Yorkers Tony Simon. Was er als Blockhead produziert, das erscheint mir längst pures Gold. So auch das Anfang Mai veröffentlichte famose fünfte Studioalbum Interludes After Midnight.

In puncto ausgefeilten Beats und unwiederstehlichen Samples ist Blockheads Genialität meiner Ansicht nach unübertroffen. Wo manche seiner Kollegen einer sehr säuberlich strukturierten Schlichtheit huldigen, wartet Blockhead bei seinem jüngsten Streich – wie auch bereits auf dem Album The Music Scene (2010) – mit stupender Fülle auf. Längst sind halbschläferne Fantasien wie Sunday Seance überwiegend einem mit farbiger Patina überzogenen, pulsierenden Sein gewichen. Wie kaum ein anderer zimmert er Hip-Hop-Beats, gibt der Chose eine oft funkig austarierte Note, erweckt allerlei Vocal-Samples zum Leben. Wo Electronica oft in steriler Tüftelei vergeht, wirkt sein Tun überaus quirlig, hemdsärmelig gezimmert, mitunter aus der Zeit gefallen und dennoch keineswegs altbacken. Bereits zur Eröffnung tänzelt mit Never Forget Your Token einer geschmeidigsten Tracks des Albums durch die Boxen. Allein schon das Aufblitzen eines jazzigen Bar-Piano begeistert! Und die Zeile „Buy yourself an underground ticket/ Take the subway to the end of your line“ ist wohl als Aufforderung zu verstehen, diesen im urbanen Chaos angesiedelten Trip mitzutapsen. Das macht man allzu gern. Denn bereits der beschwörerisch-rituelle Rhythmus von Creeps Crouchin‘ verstärkt die Magie, schwelgt ebenso wie das anschließende Panic In Funkytown in kräftig angedunkelter Exotik. Vor allem ersteres stolziert im Gänsemarsch durchs nächtliche Häusermeer, hin in Szenerien abseits mondscheinlicher Idylle. Meet You At Tower Records ist eine weitere Lichtung auf dem Pfad durch den großstädtischen Dschungel, und ein weiterer Beweis, wie gekonnt Blockhead instrumentale Spannungsbögen baut und sie mit Sangeschnipseln krönt. Er nimmt uns mit auf eine Reise durch vergangene wie gegenwärtige Subkulturen, die in der schummrige Beleuchtung kleiner Clubs hausen. Smoke Signals dringt noch tiefer ins Gehölz des Untergrunds vor. Hier treffen Schatten auf Licht, wie man beim Track Midnight Blue gänsehäutig verspürt. Es ist ein Zwielicht von reizvoller wie sinistrer Aura, das man in Schwaden vor sich flackern sieht. Mit dem abschließenden The Robin Byrd Era freilich besinnt sich die Platte auch dank flirrender Synthies auf ein entspanntes Happy-End, auf eine Art Tanz in den Sonnenaufgang. Alles scheint wieder easy, von den Irrungen einer aufregenden, schlaflosen Nacht befreit.

Blockhead hat mit dieser tollen Scheibe einmal mehr bewiesen, dass er ein Sampling-Guru ist, der aus der Fülle von Einzelteilen ein großes, stimmiges Ganzes formt. Interludes After Midnight ist ein mit Erinnerungen an die frühen Neunziger gespickter Reiseführer durch das nächtliche New York. Oft befremdlich faszinierend, vielfach unheimlich und elektrisierend, stets vom Herzschlag einer Metropole erfüllt. In der Blockhead auszeichnenden ideenreichen Manier erzählt dieses Werk eine fesselnde Geschichte, die auch der talentierste Singer-Songwriter nicht besser ersinnen hätte können. Fraglos ein Pflichtalbum.

Interludes After Midnight ist am 11.05.2012 auf Ninja Tune erschienen.

Link:

Facebook-Auftritt von Blockhead

Kostenloser Download von Never Forget Your Token auf Ninja Tune

SomeVapourTrails

Release Gestöber 22 (Blockhead, Etienne de Crécy, Emily Wells, billy woods)

Heute wollen wir mal Singer-Songwriter für einen Moment mal Singer-Songwriter sein lassen, die üblichen Folk-Pfade oder Indie-Rock-Wege mutig verlassen. Ich verspüre gerade sehr große wieder mehr elektronischen Klängen zu frönen. Da trifft es sich perfekt, dass derzeit starke Platten diese meine Vorliebe stillen. Oder sogar neue Begierden wecken! Vom Fachmann für Kenner, unser heutiges Veröffentlichungsgestöber bietet einmal mehr von Herzen kommende Tipps!

Blockhead

Aufmerksamen Bloglesern wird es vielleicht nicht entgangen sein, dass ich die neue Platte von Yppah uneingeschränkt famos finde. Ein zufälliger Blick auf die Label-Webseite von Ninja Tune offenbarte mir gestern die frohe Kunde, dass ein weiterer von mir verehrter Electronica-Zampano mit Hang zu Hip-Hop-Beats und starkem Sampling demnächst mit einem neuen Album vorstellig wird. Die Rede ist von Blockhead, den ich seit seinem Debüt Music By Cavelight (2004) überaus schätze. Das Ende des Monats erscheinende Interludes After Midnight wird deshalb von hohen Erwartungshaltungen meinerseits begleitet. Darum will ich mich mit einem schnellen Urteil vorläufig noch zurückhalten. Während ich mich in den nächsten Tagen in das Album hineinfuchse, möchte ich mit dem Track Never Forget Your Token auch den Appetit der Leser anfachen. Unbedingt empfohlen!

Etienne de Crécy

Wir verbleiben in elektronischen Gefilden. Mit My Contribution To The Global Warming legt der französische Produzent und DJ Etienne de Crécy am 27.04.2012 eine Werkschau der Superlative vor. 5 CDs umfasst diese, beinhaltet neben einem obligatorischen Best-Of gleich 2 CDs mit seinen besten Remixen sowie zwei Silberscheiben mit unveröffentlichten Tracks. Etienne de Crécy ist mir speziell durch sein Album Tempovision (200o) nachhaltig im Gedächtnis geblieben, er ist ein Meister des gediegenen, charmanten, über billiges Humptata erhabenen Club-Sounds. Ich jedenfalls plane, dieser Werkschau meine vollste Aufmerksamkeit zu gönnen. Clubbige und zugleich die Ohren nie drangsalierende Töne, es gibt sie!

My Contribution To The Global Warming erscheint am 27.04. auf Pixadelic.

Emily Wells

Ich schlage mich normalerweise ja nicht besonders gern mit der Machete durch den wuchernden Genre-Dschungel. Nicht jeder Künstler und jede Musikerin verdient es, dass man für ihn oder sie eine neue musikalische Unterkategorie erfindet. Von daher glaube ich mich zu erinnern,  den Begriff Folktronica bislang höchstens in einem Anfall geistiger Unausgeschlafenheit verwendet zu haben. Im Falle der Amerikanierin Emily Wells komme ich jedoch nicht umhin, Folktronica als überaus passende Beschreibung anzuerkennen. Als ich vor wenigen Tagen dem Track Passenger lauschte, hat sich mir dieser nachhaltig in die Gehörgänge geschlurft und den Hunger nach mehr geweckt. In den Staaten ist ihre Platte Mama am 10. April 2012 auf Partisan Records erschienen. Sollte man sich ins Notizblöckchen kritzeln, egal mit welchem Genre-Tag man Frau Wells auch versehen möchte. Den kostenlosen Download des Tracks Passenger gibt es hier.

billy woods

Dieser Blog wird Rap fast immer als hässliche Bitch in der ehrenwerten Hip-Hop-Familie verstehen. An einer Platte führt jedoch kein Weg vorbei: History Will Absolve Me von billy woods. Ich bin wahrlich kein Rap-Experte, aber das ist eine ideenreich gesampelte, nie Klischees propagierende Scheibe mit eindringlichem Flow. Wenn mich mein Gedächtnis nicht verlässt, habe ich mir schon mindestens 5 Jahre lang kein Rap-Album mehr gekauft, zuletzt Skilligan’s Island von Thirstin Howl III. History Will Absolve Me freilich steht auf meinem Wunschzettel ganz oben. Und so beknie ich auch jeden Rap skeptisch gegenüberstehenden Hörer, diesem keinesfalls hässlichen Werk eine Chance zu geben. Es ist auch auf Streaming-Plattformen wie Spotify oder simfy zum Erlauschen verfügbar. Den Track Body of Work gibt es hier als Gratis-Download.

History Will Absolve Me ist am 10.04.2012 auf Backwoodz Studioz erschienen.

Das sollen die heutigen Empfehlungen auch schon gewesen sein. Fortsetzung folgt!

SomeVapourTrails

Lie In The Sound präsentiert: Die besten Tracks 2010 (Platz 11-25)

Ich hänge irgendwie noch dem vergangenen Jahr nach, viele CDs liegen noch herum, einige Lieder schwirren noch im Ohr. Bevor die Veröffentlichungen des Januar endgültig den Blick auf vergangene Kostbarkeiten zu verstellen trachten, seinen die schönsten Tracks von 2010 nochmals kurz und eindringlich ins Gedächtnis gerückt – in das eigene und in das des Lesers. 2011 mag zwar bereits aus den Startlöchern geschossen sein, aber das Gute des letzten Jahres hat an Güte noch nichts verloren.  Feine Lieder besitzen ohnehin kein Ablaufdatum, darum lohnt die Entdeckung nach wie vor. Sofern vorhanden wurde deshalb eine Hörprobe verlinkt, um den nackten Namen und Titeln eine nachhaltige musikalische Erfahrung einzuverleiben.

11. Betty and the WerewolvesDavid Cassidy

12. Philipp Poisel – All die Jahre

13. Her Name is CallaPour More Oil

14. BlockheadTricky Turtle

15. RPA & The United Nations of SoundAre You Ready?

16. SambassadeurDays

17. Kyrie KristmansonOh, Montmartre

18. Nina KinertDown On Heaven

19. Massive AttackParadise Circus

20. Tired PonyNorthwestern Skies

21. And So I Watch You From AfarSet Guitars to Kill

22. SillyAlles Rot

23. Sun Kil MoonAustralian Winter

24. Get Well SoonWe Are Ghosts

25. The KabeediesJitterbug

SomeVapourTrails

Lie In The Sound präsentiert: 30 Alben, die 2010 bereicherten

Endjahresbestenlisten verkörpern neben dem Geschmack des Erstellers vor allem eine blogpolitische Message: Sie möchten triftige Gründe liefern, warum der Leser auch im kommenden Jahr das eine oder andere Mal dem Blog oder Magazin seine Aufwartung machen soll. Nun kann die Strategie dahinter in der Platzierung bekannter Namen und Alben liegen, welche ins Auge springen und dem Besucher das Gefühl geben, sich auf vertrautem Terrain zu bewegen. Eine andere Verfahrensweise besteht in der Nennung des Obskuren und Außenseiterhaften, was wiederum den Entdeckerdrang des Lesers besonders anregt, zugleich eine Underdog-Romantik bedient. Oder aber der Lister packt die Last der Musikwelt auf seine Schultern, filetiert einen allumfassenden Querschnitt, der sämtliche Genres und Stile berücksichtigt, die nicht ausschließlich von moldawischen Entenzüchterchören betrieben werden. Einfach um seinen Kunden zu suggerieren, dass man musikalisch alles, schlichtweg alles geboten bekommt, was nur irgendwie ein Instrument in den Händen zu halten vermag.

All die aufgezählten Zugänge winken verheißungsvoll. Und würden mir dennoch ein Gähnen entlocken, da der unter die Oberfläche tauchende Leser bereits ohnehin erkannt hat, wie es um die Grundausrichtung des Blogs bestellt ist. Warum also nicht eine Auflistung, welche auch dem, der handverliest, einen Spannungsmoment beschert? Aus besagtem Grunde will ich die 30 Lieblingsalben unseres Blogs, davon wurden ja bereits 10 vor 2 Wochen genannt, nach Provenienz sortieren. Welche Aussagekraft lässt sich aus der Herkunft unserer Favoriten ableiten? Einerseits könnte man ihr Hotspots entnehmen, an den von uns verehrte Musik entsteht. Ein weiterer Zugang würde die Weite unseres Horizont determinieren. Und eine dritte – allgemein gültigere – Betrachtung könnte skizzieren, dass auch in Zeiten des ach so globalen Internets gewisse kulturelle und sprachliche Barrieren dazu führen, dass dem neugierigsten Zeitgenossen – nämlich mir – Musik von ganzen Kontinenten de facto verschlossen bleibt. Doch seien nun ohne längere Umschweife die 30 Platten des Jahres präsentiert:

England

Her Name is CallaThe Quiet Lamb

ScannersSubmarine

RPA & The United Nations of SoundUnited Nations of Sound

Grasscut1 Inch / ½ Mile

BonoboBlack Sands

The Strange Death of Liberal EnglandDrown Your Heart Again

Betty and the WerewolvesTeatime Favorites

Exit CalmExit Calm

Allo Darlin‘Allo Darlin‘

Wales

Tom JonesPraise & Blame

USA

Clem SnideThe Meat of Life

Damien JuradoSaint Bartlett

The PostmarksMemoirs At The End Of The World

Sharon Van EttenEpic


EelsEnd Times

BlockheadThe Music Scene

InterpolBroken Bells

Broken BellsBroken Bells

Island

Pascal PinonPascal Pinon

Schweden

SambassadeurEuropean

Nina KinertRed Leader Dream

JunipFields

Norwegen

Jaga JazzistOne-Armed Bandit

Deutschland

Mardi Gras.bbVon Humboldt Picnic

Get Well SoonVexations

Philipp PoiselBis nach Toulouse

HundredsHundreds

Österreich

Francis International AirportIn The Woods

Kanada

Thee Silver Mt. Zion Memorial OrchestraKollaps Tradixionales

Mali

Ali Farka Touré & Toumani DiabatéAli and Toumani

Welche Blöße gibt sich diese Liste? Außer dem bereits erwähnten Umstand, dass sie ganze Kontinente zu weißen Flecken erklärt, Asien, Australien und Südamerika mangels Angeboten negiert. Weiters enthüllt sie, dass nur eine Handvoll Alben nicht die englische Sprache als Mittel des Ausdrucks wählen. Als zusätzliche Information sei erwähnt, dass uns 11 der 30 Platten aktiv von Promotoren angepriesen wurden, während wir bei 19 selbst schon lange mit dem Fernrohr Ausschau haltend harrten oder Breschen durch den Veröffentlichungsdschungel schlugen, um sie zu entdecken. Von den 30 Interpreten waren 13 darunter, von denen wir zum ersten Male ein Platte erlauschten, 8 davon können sich ihres Albumdebüts rühmen. Die Bandbreite der vertretenen Stile reicht von Post-Rock über Twee, Indie-Rock, Downtempo und ähnlichen elektronischen Spielereien hin zu Pop, Folk und gar World Music.

Natürlich kann man nicht jedes 2010 publizierte Werk in Augenschein nehmen. So lebt die Auflistung auch von schmerzhaften Auslassungen. Die aktuelle Scheibe der Manic Street Preachers fehlt ebenso wie Gisbert zu Knyphausens jüngster Release. Auch Sun Kil Moon blieb noch ungehört oder sogar Fran Healys  Alleingang. Daher bedeutet eine etwaige Absenz keinesfalls, dass wir ein Album verdammen. Xiu Xiu fabrizierte einen der besten Track des Jahres und glänzt doch durch Abwesenheit, ähnliches gilt für Johnny Cashs posthume Auferstehung. Vielen davon wird bei unserer Reihung der besten Songs Gerechtigkeit widerfahren. Für heute jedoch gilt, mögen unsere Lieblinge des Jahres beim Leser auf fruchtbaren Boden fallen.

SomeVapourTrails

Musikalischer Quartalsbericht 2010 (I)

Das erste Quartal war in jeglicher Hinsicht üppig und eigentlich voll von schlagenden Argumenten, dass es keine Krise der Kreativen gibt. Was Musiker so ersannen und in den letzten 3 Monaten in Deutschland veröffentlichten, wird man nicht schnell vergessen können und mögen.

Beginnen wir zunächst mit Electronica. Wenn Blockhead, Four Tet, Bonobo und Autechre allesamt innerhalb kürzester Zeit gewaltige Alben veröffentlichen, strahlt mein Herz zufrieden. Vier Platten feinster Qualität und großer Diversität, angeführt von Blockheads in jeder Hinsicht hervorragenden The Music Scene.  Doch auch pointiertes Songwriting konnte 2010 in all seinen Facetten genossen werden. Ob nun in Form einer existentiellen Wehklage von Eels, der Rückbesinnung der The Magnetic Fields auf ein durch und durch sophisticated und gleichsam eingängiges Songwriting oder auch im famosen Vexations, mit dem Konstantin Gropper alias Get Well Soon endgültig unter Beweis stellte, dass er zu den sehr wenigen deutschen Musikern mit internationalem Format gehört. Völlig unbeachtet lieferten Clem Snide mit The Meat of Life ein kleines, in den Details zündendes Stück gediegensten Songwritings ab.

2010 bot auch ein letztes Abschiednehmen von Johnny Cash, dessen Ain’t No Grave von der Kritik als Leichenfledderei zerpflückt wurde. Ein Schwachsinn und Frevel, denn diese Lieder in einem Archiv versauern zu lassen, das wäre ein Sakrileg der besonderen Sorte gewesen. Auch die letzten gemeinsamen Aufnahmen von Ali Farka Touré mit Toumani Diabaté sind ein gelungenes Vermächtnis, Ali and Toumani gehört fraglos zu den erlesensten Scheiben der World Music dieses Jahres.

Kommen wir zu poppigen Tönen, Sambassadeur aus Schweden konnte mit European eine frische Mischung aus Twee und Indie-Pop finden, welche Genre-Fans sicher durch den Frühling bringen wird. Auch The Postmarks verzauberten mit erquickenden Sounds, die man in hiesigen Breiten noch zu gering schätzt. Das weit zu fassende Feld des Post-Rocks wurde einerseits von Thee Silver Mt. Zion Memorial Orchestra in erwartbarer Finesse beackert, andererseits begeisterte The Album Leaf mit schlichte Besinnlichkeit von A Chorus of Storytellers.

Zwei Platten verdienen eine besondere Erwähnung. Jaga Jazzist vermochten mit One-Armed Bandit ein kompositorisch komplexes Werk zu erschaffen, dass dennoch pure Hörfreude atmet. Vor solch Können muss man den Hut ziehen. Und fast noch mehr beeindruckte eine unbekannte deutsche Formation namens The Blue Angel Lounge, deren gleichnamiges Debüt unglaublich starken psychedelischen Rock beschert. So gut, dass man die Band partout nicht in Deutschland verorten mag.

Einige Wortfetzen seien auch Enttäuschungen und vorhersehbaren Zumutungen gewidmet. Tocotronic ergaben sich einem Gaga-Dadaismus, der all die Tugenden dieser Band zu einer Fratze verzerrte. Eine Frustration sondergleichen! Dass Vampire Weekend eine richtig flüssiges, also überflüssiges Contra ablieferten, das hingegen war keinerlei Überraschung. Und Joanna Newsoms neuestes Attentat auf kultivierte Gehörgänge ebenso. Aber es wird wohl auch immer Platten geben, die vom Feuilleton in einem Akt von Gesinnungsterror angepriesen und letztlich doch Zumutungen bleiben.

Das Resümee könnte trotz Querschläger nicht besser ausfallen. Die Hoffnung, dass sich die Fülle an Wundertaten im nächsten Quartal wiederholen wird, scheint überzogen. Für den Moment jedoch sollte Zufriedenheit regieren.

Die 10 besten Tracks:

Johnny Cash – Ain’t No Grave
Broken Bells – Trap Doors
Clem Snide – I Got High
Get Well Soon – We Are Free
Sambassadeur – Stranded
Massive Attack – Paradise Circus
Scanners – A Girl Like You
The Postmarks – Thorn In Your Side
Xiu Xiu – Dear God, I Hate Myself
Blockhead – Tricky Turtle

Die besten 10 Alben:

Jaga Jazzist – One-Armed Bandit
Scanners – Submarine
The Blue Angel Lounge – The Blue Angel Lounge
Thee Silver Mt. Zion Memorial Orchestra – Kollaps Tradixionales
Get Well Soon – Vexations
The Postmarks – Memoirs At The End Of The World
THUS:OWLS – Cardiac Malformations
Bonobo – Black Sands
Blockhead – The Music Scene
Sambassadeur – European

Die 5 schlechtesten Alben:

Joanna Newsom – Have One On Me
Tocotronic – Schall & Wahn
Vampire Weekend – Contra
Owl City – Ocean Eyes
Delphic – Acolyte

SomeVapourTrails

Füllhörnerne Wundertüte – Blockhead

Waten wir in Klischees. So wie sich jeder Jüngling mit Bart oder wahlweise Koteletten und Klampfe in den Händen gerne als Reinkarnation Bob Dylans sieht, derart glaubt jedermann mit Computer und rudimentären Kenntnissen von Musiksoftware wie Ableton, dass das Zusammenwürfeln von Beats und Samples die hohe Schule der Electronica bedeutet. Doch lassen wir das Humptata in der Dorfdisco, wo DJ Möchtegern mit simpel gestrickter, elektronischer Tanzmusik auf degenerierte Komasäufer trifft.

Der unter dem Alter Ego Blockhead agierende New Yorker Produzent Tony Simon legt mit seinem aktuellen Album The Music Scene einen exzellenten Beweis vor, wie kunstvolle Loops, fassbare Melodien und nachgerade überwältigende Kreativität die Essenz und Faszination von Electronica beteuern. Gerne wird seine Musik als instrumentaler Hip-Hop etikettiert. Ich hingegen fange mit Begriffen wie Downtempo oder Breakbeat mehr an. Egal welche stilistischen Kategorien man erwähnt, sie greifen für diese CD zu kurz. Bereits Blockheads Debüt Music By Cavelight mit dem wundervollen Sunday Seance vermochte mich über weite Strecken zu beglücken. Mit seinem mittlerweile dritten Album gelingt es dem Herren nun endlich, ein durchgängig intensives Werk zu kredenzen, bei dem sämtliche Puzzleteilchen perfekt ineinander greifen und sich zum vollkommenen Ganzen fügen.

Bereits It’s Raining Clouds formuliert die Stoßrichtung. Was als stilvoller Downbeat anfängt, prescht nach der Hälfte in funkigen Drum ’n’ Bass. Und dermaßen abwechslungsreich – und dabei stets entspannt – gestaltet sich die gesamte Platte. All die Samples und Ideen in eine Scheibe zu quetschen, das könnte leicht in die Binsen gehen. Dazu jedoch agiert Blockhead zu souverän. Which One Of You Jerks Drank My Arnold Palmer? zum Beispiel verströmt fröhlich-jazzige Gradezza, hievt den ausladenden Entwurf dann in einer ironischen Brechung auf kindliche Stimmbandübungen zurück. Tricky Turtle wiederum beginnt mit funkigem 70er-Flair und erhält durch ein Vokal-Sample einen markerschütternden Ethno-Touch, ehe ein albernes, computerstimmlich piepsiges Everybody raise your hands up in the air die Reise vom tiefsten Afrika in den Orient führt. Nahezu jeder Track offeriert sich als Wundertüte, so auch Pity Party mit dem tiefsouligen Gesangsteil, Beats zum Niederknien und einer gegen Ende hin anbetungswürdigen, bläsernen Hookline mit Vokal-Loop.  All der Raffinesse hört man das hohe Maß an Tüftelei nicht an, sie tänzelt sich spielerisch in die Gehörwindungen. Attack The Doctor hämmert im zweiten Teil des Liedes mit geharnischtem Hip-Hop-Sound gegen Chorgeträller an, das ist großes Kino. Dass das epische The Daily Routine in Bälde als moderner Genre-Klassiker eingestuft werden darf, daran zweifle ich nicht. Der Kontrast zwischen einem streiterfüllten Stimmengemetzel und den melodischen Phantasien eines Herrn Blockhead machen das Lied zu einem Genuss.

The Music Scene darf guten Gewissens als überragende Platte bezeichnet werden, die den in Kürze anstehenden Veröffentlichungen von Four Tet und Bonobo ein fast nicht zu übertreffendes Exempel einzigartigster Electronica gegeben hat. Blockhead gelingt mit diesem Album der ganz große Wurf, eine füllhörnerne Wundertüte allerhöchster Sampling-Kunst. Gegen Blockheads musikalisches Können sind 99% der elektrisierten Musikschaffenden nur ein lauwarmer Furz in der Landschaft. Die nicht zur Spezies der Dorfdiscokomasäufer gehörigen Zeitgenossen werden mit nur beipflichten können.

Links:

MySpace-Auftritt

Album-Seite von Ninja Tune

Kostenloser Download von Which One Of You Jerks Drank My Arnold Palmer?

SomeVapourTrails

Eine supersexy Liste (Teil 1)

Will man als Blogger hohe Zugriffszahlen generieren, scheint ein deppensicherer Weg in der Verwendung der optimalen Buzzwords zu liegen. Die richtigen Tags sind ein guter Anfang, noch besser ist die wiederholte Benutzung von Google-freundlichen Begrifflichkeiten. Es empfiehlt sich Sex und Erotik in der unaufdringlichen Manier eines Tourette-Kranken immer wieder wahllos in den Text einzuflechten. Dies und die Erwähnung prominenter Namen sollte Suchende zu diesem kleinen, feinen Blog lotsen, oder etwa nicht? Natürlich bedarf es dann auch eines nach Aufmerksamkeit heischenden Themas, damit die Mikrosekunde der Entscheidungsfindung, ob der Blog lesenswert ist, auch zugunsten des Bloggers ausfällt.

Habe ich schon von Sex gesprochen? Playboy ist sicher auch ein nettes Buzzword, wobei die Fans von Pin-Ups selbigen wohl eher boykottieren. Den liest man doch mittlerweile nur noch. Mit wohligem Schauer zu bestaunende Bilder sind Mangelware, sagt jedenfalls meine Freundin. Essentiell scheint die maßvolle Verwendung sensationslüsterner Schlagworte. Wer wirklich nach Porno oder Hardcore sucht, der wird beim Anblick eines elendslangen Textes Hals über Kopf die Flucht ergreifen. Sex als Buzzword klingt gerade noch dezent genug. Besser freilich scheint Erotik, da der Begriff auch Feingeistern über die Lippen kommt. Und wer will nicht empfindsame Ästheten unter seinen Lesern wissen?

Die Namen der aus Hochglanz-Magazinen vertrauten Gesichter sollten auch sorgsam ausgewählt sein. Auch hier muss man den Geschmack der gewünschten Klientel ins Auge fassen. Fans von Paris Hilton oder Fetischisten mit Hang zur kultischen Verehrung Pamela Andersons sind wohl nicht die avisierte Zielgruppe. Da ist es schon sinnvoller aparte Schönheiten à la Carla Bruni im gleichen Atemzug wie Sex zu nennen. Oder auch gern Nelly Furtado.

Freilich entkommt man dennoch nicht der Pflicht dem Blogeintrag auch inhaltliches Gewicht zu verleihen. Eine in der Simplizität der Mittel geniale Idee ist die Erstellung von Listen. Viele Zeitgenossen lieben Listen, sie sind die perfekte Symbiose von Ordnung und Bewertung. Auch ich habe ein Faible für ein die Ganglien zermürbendes Grübeln nach der besten Kategorisierung und Reihung von Musiker, Alben, Liedern, whatever. Daher sei mir heute eine sehr nach persönlicher Befindlichkeit orientierte Liste der 10 schönsten Songs der Entrückung vergönnt.

Meine Top Ten der Verträumtheit:

10. múmSunday Night Just Keeps On Rolling

09. The Chemical BrothersAsleep From Day (featuring Hope Sandoval)

08. 1 Giant LeapThe Way You Dream (featuring Michael Stipe)

07. Dirty ThreeI Offered It Up To The Stars And The Night Sky

06. Sigur RósGlósóli

05. LowLullaby

04. Four TetMy Angel Rocks Back And Forth

03. A Silver Mt. Zion – 13 Angels Standing Guard ‚Round The Side Of Your Bed

02. Philip GlassFacades

01. BlockheadSunday Seance

Ich hoffe, dass der geneigte Leser den einen oder anderen Track bei Gelegenheit anhört. In dieser Auswahl fließt Herzblut…

SomeVapourTrails