100 Songs – Teil 14 (Handle with Care)

Die Summe der Egos und Ideen übersteigt allzu oft das, was im Rahmen einer sogenannten Supergroup möglich erscheint. Der Zusammenschluss renommierter Musiker führt daher nicht selten zu einem spröden Ergebnis. So sehr sich das gemeinsame Musizieren großer Künstler auch als konzertliche Augenweide für Musikfans entpuppt, so hapert es in der Regel meist am Songwriting. Herausgerissen aus dem üblichen Prozess des Ersinnens von Songs fällt die gegenseitige kreative Befruchtung oft längst nicht so schlüssig aus, wie man es vermuten möchte. Die Traveling Wilburys zählen zu den wenigen Ausnahmen. Diese Formation konnte einen in jeder Hinsicht großartigen Klassiker im Teamwork zu fabrizieren, nämlich Handle with Care.

Supergroups haben im Grunde einen unschätzbaren Startvorteil. Sie müssen niemandem mehr etwas beweisen. Aber vielleicht gereicht das einer Zusammenarbeit zum Nachteil, wenn gute Laune im Vordergrund steht und man sich weniger in Einfalle verbeißt und an Ideen herumknabbert. Am Anfang der Travelling Wilburys stand eine Session fünf großartiger Musiker: George Harrison, Bob Dylan, Roy Orbison, Tom Petty und Jeff Lynne – unterstützt vom Schlagzeuger Jim Keltner. Der daraus resultierende Song Handle with Care war ursprünglich lediglich als B-Seite für Harrisons Single This Is Love gedacht. Doch es kam anders, 1988 und 1990 wurden zwei Alben veröffentlicht, ehe die Herren wieder ihrer Wege gingen. Was neben einigen guten Tracks auf alle Fälle die Zeiten überdauert, ist der Initialfunke dieser Zusammenarbeit, das grandiose Handle with Care eben.


Traveling Wilburys – Handle With Care von TravelingWilburys-Official

Harrisons herzerwärmender Gesang durchwebt den Country-Rock-Song, ergänzt von inbrünstig wie vornehm schmachtenden Solo-Passagen Roy Orbisons („I’m so tired of being lonely/I still have some love to give/ Won’t you show me that you really care„) und einem knarzigen Chor der Herren Lynne, Petty und Dylan. Die Geschichte des vom Leben Gezeichneten, der sich jedoch nicht unterkriegen lässt und der die Hoffnung an Glück zu zweit nie aufgibt, spart jedwede Macho-Attitüden aus. Gewährt einen Blick auf den weichen Kern hinter einer rauen Schale. Handle with Care glänzt als einfach von A bis Z gelungener Hit, dessen entspannte Art des Zustandekommens sich im feinen Vortrag widerspiegelt. Das Lied schöpft die Qualitäten aus,  zu denen die daran werkenden Musiker befähigt sind. Es verbindet eine dank beatleskem Stallgeruch eingängige Melodie mit einzigartigen Emotionen, wie sie nur ein Roy Orbison zu befördern wusste, und gibt der Chose noch eine knautschige Exzentrik, für die man Dylan so verehrt.

Sechs Wochen nach Erscheinen dieser Single und der zugleich veröffentlichten Platte Traveling Wilburys Vol. 1 waren die Traveling Wilburys de facto auch schon wieder Geschichte. Roy Orbison erlag einem Herzinfarkt. Und sein Fehlen war wohl auch der Grund, warum jener Supergroup nur noch das zwei Jahre später herausgebrachte Traveling Wilburys Vol. 3 beschieden war. Doch sollte man diese Kollaboration bei all den eindrucksvollen Diskographien der Protagonisten keinesfalls vergessen. Dazu ist nicht nur aber vor allem Handle with Care zu gut!

SomeVapourTrails

Alter Wein in neuen Schläuchen – Quo vadis, Reclam?

Heute will ich offen bekennen, dass ich – noch ehe die Musik in den Vordergrund meines Lebens rückte – einer ebenfalls mächtigen Leidenschaft frönte, der Leserattenexistenz nämlich. Bereits während meiner Jahre als Teenager verschlung ich Bücher, griff tief in die Taschen, um auch den letzten Groschen meines Taschengeldes für Lesestoff aufzuwenden. Das allein wäre nun sogar heutzutage, Harry Potter sei Dank, kein absonderliches Verhalten, welches besorgte Eltern als Entwicklungsstörung klassifizieren könnten. Ich hingegen pflegte eine ausgepräge Vorliebe für die in der Regel gelben, dünnen Heftchen von Reclam. Ja, genau jene, mit denen Generationen von Deutschlehrern ihre Schüler drangsalierten! Ich las mich quer durch die Weltliteratur, mit Mut zur Lücke und Hang zum Obskurem. Scheute auch vor den orangefarbenen, zweisprachigen Ausgaben nie zurück. Bis heute gehört Der Ackermann und der Tod von Johannes von Tepl zu den eindringlichsten Stücken Literatur, die ich je gelesen habe.

Nicht zuletzt wegen meiner ausgeprägten Affinität zu Reclam wurde ich hellhörig, als mir im Februar per E-Mail verkündet wurde, dass nun auch eine Reclam Musik Edition ins Leben gerufen würde. Reclam bleibt für mich stets Synonym für erschwingliche Klassiker, welche man für sich entdecken darf – und nicht muss. Zugleich konterkariert Reclam das bildungsbürgerliche Streben nach Schein, indem der Verlag Meilensteine der Literatur in unscheinbaren wie unverkennbaren Büchlein kultiviert, allgemein erschwinglich macht und sich eben nicht auf edel aufgemachte Wälzer fokussiert, die vielfach vorzeigbares Kernstück einer jeden Büchersammlung vermeintlich belesener Kreises bilden. Zugleich bietet Reclam oft kurze Einführungen oder Nachworte, die Novelle wie Theaterstück nicht völlig nackt dastehen lassen. Und ähnlichen Mehrwert erwartete ich denn auch von besagter Musik Edition, deren ersten 3 Ausgaben nun vor mir auf dem Tisch liegen.

Als alter Jünger eines Johnny Cash, der ich mich nach wie vor rühme, den Mann in Schwarz zweimal live gesehen zu haben. Der ich schon mal von einem wildfremden Menschen einen Drink spendiert bekam, weil ich mit breiter Brust ein cooles T-Shirt mit der zerfurcht-beeindrucken Visage Cashs trug.  Kurz gesagt, als verzücktem Fan freut es mich natürlich, dass ausgerechnet eine Zusammenstellung des Cashschen Wirkens die neue Reclam-Reihe eröffnet. Das darf man Sony als Partner Reclams verdanken, die hierfür den Backkatalog geplündert haben. Doch hält die Prämisse der Reihe, All Time Best nämlich, einer nähren Überprüfung stand? Meine derartig plakativ geäußerte Frage provoziert zwangsläufig ein Nein. Die Mechanismen der Musikindustrie führen natürlich zu einer verkürzten Darreichung seines Werkes. Was Cash in den letzten 10 Jahren seines Lebens an Famositäten geleistet hat, diese überragenden American Recordings fehlen gänzlich, weil bei einem anderen Label erschienen. Im Falle von Kompilationen der größten Hits sind Erfolge bei anderen Plattenfirmen prinzipiell in ein Paralleluniversum verbannt. Vorliegende Edition präsentiert somit Cash über den Zeitraum vom Ende der 50er-Jahre an bis zu seinem Bruch mit Columbia in den Achtzigern. Selbstverständlich ergibt sich allein aus der Fülle von Material wahrlich kein Mangel an Liedern, die für eine Zusammenstellung in Betracht kommen.

Tatsächlich exisitieren bereits ein paar Versuche dem Werk Cashs gerecht zu werden und ungezählte, die nur auf kommerzielle Ausbeutung abzielen. Aus Wohlwollen möchte man Reclams Ausgabe mit Liner Notes und zeitlicher Einordnung des Schaffens durchaus eine lobenswerte Attitüde unterstellen. Freilich mit einem unverzeihlichen Schönheitsfehler behaftet. Eben diese Zusammenstellung mit dem identen Tracklisting existiert bereits unter dem Titel The Man in Black (The Definitive Collection), aktuell bei amazon um fast 3 Euro günstiger erhältlich. Vermutlich ohne Liner Notes und nicht in das distinktive Gelb Reclams gegossen, aber trotzdem hört man alten Wein in neuen Schläuchen rieseln. Obzwar die Zusammenstellung durchaus befriedigend gewählt scheint, Klassiker wie Ring Of Fire, Folsom Prison Blues, A Boy Named Sue oder I Walk The Line fehlen ebensowenig wie das wunderbare Cover von Springsteens Highway Patrolman, verabsäumt es Reclam, Sony mehr als nur ein kultiges Design zu bescheren.

Die zweite CD der Reclam Musik Edition widmet sich Miles Davis. Ich zähle mich keineswegs zu den ausgewiesen Jazz-Connaisseuren, komme aber nicht umhin, Davis für Tracks wie In A Silent Way und Jean Pierre zu vergöttern. Beide Titel fehlen auf der Ausgabe von All Time Best, deren Untertitel Cool & Collected wenigstens offenlegt, dass diese Auslese bereits vorher in der gleichen Form existierte (und bei amazon wiederum billiger zu haben ist). Ob eine Werksschau allerdings die Interpretationen von Time After Time und Human Nature auf diese Scheibe packen musste? Das wage ich als weiteres Minuspünktchen zu werten.

Die dritte Ausgabe schließlich heftet sich Bob Dylan auf die Fahnen, dieses Mal an dem 2007 erschienen Sampler Dylan orientiert. Auch hier wird dem ausgesprochenen Fan kein zwingender Mehrwert geboten, der einen Kauf uneingeschränkt rechtfertigen würde. Dem unbeleckten Laien freilich mag die geballte Kraft von Liedern wie Hurricane, Like A Rolling Stone, Blowin‘ In The Wind oder Tangled Up In Blue ein musikalisches Universum eröffnen, welches Musik von ihrer tiefgängigsten und eindringlichsten Seite präsentiert. Doch spätestens mit dieser CD drängt sich mir eine Grundsatzfrage auf.

Für welche Zielgruppe wurde die Reclam Musik Edition entworfen? Wohl kaum für gedankenlose Zeitgenossen, die ihre Albensammlung durch Greatest Hits vom Grabbeltisch komplettieren, oder Käuferinnen, die ab und an mal in der Stimmung für Jazz sind und sogleich ihre Wohnung mit CDs à la Jazz for Lovers beschallen. Der ernsthaftere, anspruchsgeprägte Musikliebhaber wird in aller Regel bereits eine hochwertige, in ein Box-Set gefasste Werksschau in seinem Besitz wissen. Ob dem heutigen Jungspund Reclam noch ausreichned als Inbegriff für günstige Meisterwerke der Literatur im Gedächtnis verhaftet ist, um auch hinsichtlich der Musik als gute Wahl erachtet zu werden?

So sehr ich mich prinzipiell mit dem Gedanken einer Reclam Musik Edition anfreunden kann, so verbesserungswürdig erscheint mir das Konzept. Wenn der Partner Sony alternative Versionen bekannter Klassiker, denkwürdige Live-Aufnahmen oder manch Rarität springen lassen würde, könnte sich diese Reihe durchaus zu einem Meilenstein mausern, den Namen Reclam über den Literaturbetrieb hinaus mit zusätzlichem Glanz erfüllen. So wie sich der Auftakt der Edition bis dato präsentiert, fehlt der typische Kaufanreiz, welcher Reclam generell adelt: Der Preis. Ich hoffe doch sehr, dass Reclam und Partner Sony über Sinn und Zweck dieses nicht uncharmanten Angebots nochmals brüten. Alter Wein in neuen Schläuchen kann nicht der Weisheit letzter Schluss sein. Sonst müsste ich mich wirklich zu einem „Quo vadis, Reclam?“ hinreißen lassen.

Link:

Reclam Musik Edition

SomeVapourTrails

100 Songs – Teil 11 (Hurricane)

Zu Bob Dylan hat jeder Knilch eine Meinung. Ob man sich nun darauf verlegt, einem Monument ans Bein zu pissen, oder aber in weihevoller Anbetung verharrt, Dylan ist eine sauertöpfische Instanz, ein lebendiger Mythos, dessen Makel im Leben besteht, eben weil die Mühen des Alterns den Lack zwangsläufig abblättern lassen. Dylan werkt als eigener Verwalter seines Nachlasses und beschädigt ihn kaum, was wohl seine größte Leistung der letzten 30 Jahre darstellt.  Viel wird über das Dylansche Mysterium geschrieben, oftmals Gewäsch, welches das Offensichtliche unter viel Tamtam zu enthüllen trachtet. Dylans Einfluss auf die Musikgeschichte liegt in der Wucht seiner narrativen Poetik begründet. Er ist kein Feingeist in abgehobenen Sphären, vielmehr ruppiger Geselle mit Krallen und knarzigem Organ.

Manche seiner aus dem kollektivem Gedächtnis gefallenen Songs überragen die Lieder, welche heute zum omnipräsenten kulturellen Erbe der Menschheit zählen. Talkin‘ John Birch Paranoid Blues ist auch fast 50 Jahre nach seiner Entstehung ein durchdringender Blick in die amerikanische Seele, deren republikanische Paranoia auch 2011 große Schatten wirft. Was früher die John Birch Society forcierte, befördern mittlerweile Tea-Party-Bewegung, die (w)irren Hassprediger und FOX. Die unverbrüchliche Aktualität Dylans fußt auch auf dem Umstand, dass sich die Sünden Amerikas – und der Welt – kaum ändern. Dazu zählt neben Kriegen und Radikalismen auch der Rassismus, den ein erzürnter, geradezu vor Wut brodelnder Dylan in dem Song Hurricane anprangert.

Mit Rage zerfleischt Dylan das amerikanische Justizsystem. Schildert den wahren Fall des Boxers Rubin „Hurricane“ Carter, dessen schwarze Hautfarbe seine fragwürdige Verurteilung wegen mehrfachen Mordes begünstigte. Fast 10 Jahre nach der Inhaftierung Carters veröffentlichte Dylan 1975 das Lied auf seinem Album Desire. Und doch sollte es noch bis ins Jahr 1985 dauern, ehe Carter Gerechtigkeit widerfuhr, ihm ein Bundesbezirksgericht die Freiheit schenkte und der Justizskandal als solches benannt wurde. Dylans Song ahnt noch nichts von dem späteren Happy End, wütet gegen eine Polizei und ein Gericht, deren Vorurteile sie nach den passenden Schurken suchen lassen – auf Kosten der Wahrheit. Dylans Zorn („Couldn’t help but make me feel ashamed to live in a land/Where justice is a game„) scheint – weiter gespannt – auch ein Protest gegen das Suchen von Sündenböcken.

Über 8 Minuten investiert der Prototyp von Singer-Songwriter in diese wortgewaltige Anpragerung von Zuständen, die auch im Hier und Jetzt nach wie vor nicht ausgemerzt sind – wie die nicht enden wollende Geschichte von Mumia Abu-Jamal zeigt. Solange das Wie eines Gerichtsverfahrens Fragwürdigkeiten aufweist, sät der Urteilsspruch zurecht Zweifel. Bob Dylans Hurricane darf als exemplarisches Meisterwerk angesehen werden, wie Musik den Finger in die Wunden gesellschaftlicher Missstände legt. Nicht in Abstraktheit versunken, sondern griffig der Realität verpflichtet. Dylan ist heute 70 Jahre alt, darf sich auf seinen Meriten ausruhen. Es ist längst an der Zeit, dass neue Generationen von Liedermachern ihre gerechtfertigte Wut in unsere Ohren jaulen. Es gibt genügend Hurricanes zu beklagen.

Links:

Songtext zu Hurricane

Stream von Hurricane auf simfy

SomeVapourTrails

Punk ist auch keine Lösung – Ein Essay über Musik und Gesellschaftskritik

Wohl bereits zu Zeiten des Urmenschen begann bei jeder neuen Höhlenmalerei eine rege in Grunzlauten geführte Diskussion untereinander, ob dies nun Kunst oder kitschvolles Geschmiere sei. Und dieser unversöhnlicher Gegensatz zwischen Unterhaltung und Niveau wurde bis in unsere Tage transportiert – wird nach wie vor im Brustton der Überzeugung grunzend mit Fallbeil anstelle einer feinen Klinge ausgekämpft. Aber spazieren wir einen kurzen Gedankengang lang der Vorstellung nach, dass jedweder Ausdruck in Wort, Bild und Ton ebenso Amüsement bescheren wie Sinne und Hirn anregend stimulieren darf. Wenn also Kunst einen höheren Anspruch an Betrachter, Leser und Hörer stellt, dann kann sie dies nur mit einem Mehrwert begründen. Zum Beispiel durch gesteigerte Komplexität, doppelbödige Chiffren, die eine näheren Untersuchung bedürfen, oder aber durch bis ins Detail ausformulierte Ästhetik. Ein weiteres Kennzeichen wäre auch eine Botschaft, die gesellschaftliche Relevanz generiert.

Nach der etwas trockenen Einführung will ich ohne Umschweife auf den Punkt kommen. Während der moderne Theaterbetrieb den künstlerischen Anspruch allzu gerne mit gesellschaftspolitischen Statements begründet, die Arthouse-Nische dies ebenso konsequent praktiziert, Schreiberlinge davor nie zurückschrecken, suche ich diese Haltung in der Musik meist vergebens. Wo nur sind die Komponisten und Texter, die raffinierte Melodien mit Inhalten versehen, die den Stachel ins Mark sozialer Lebenswirklichkeiten setzen? Sollte Musik wirklich nur auf der biedermeiernen Ebene tiefgründiger Erkundung des eigenen Gefühlskosmos funktionieren? Warum wirkt gegenwärtige Musik über weite Strecken so verdammt unpolitisch? War das nicht noch vor 20 Jahren besser?

Erinnern wir uns doch nur an Rap oder Hip-Hop, an eine Zeit von Public Enemy also, ehe Gangsta-Rap als prollig vorgeführte Attitüde den Mainstream erreichte und ein ganzes Genre mit fragwürdigen Klischees ausfüllte. Da war Anspruch sehr wohl an eine Haltung geknüpft. In hiesigen Breiten haben ein Sido oder Bushido mit dem Bekenntnis zu den Schattenseiten des Prekariats eine sozialromantische Vorstellung gepflanzt, dass der Weg aus der Gosse immer über Egomanie und Rücksichtslosigkeit funktioniert. Klare Feindbilder und der goldkettchenhaft zur Schau getragene Wille gar nicht erst zimperlich zu sein, die Verklärung des Aufstiegs um jeden Preis, prägen die fragwürdige Botschaft. Wo sind die Anliegen geblieben, welche nicht den Weg über Leichen sondern eine Solidarität predigen? Und warum kann von mir als minderwertig empfundene Musik so viel effizienter und eloquenter eine Wertehaltung und Anschauung vermitteln?

Setzen wir keinesfalls ein Statement mit künstlerischem Gehalt gleich. Sonst müssten wir die ungezählten Lieder mit dem Slogan Nazis raus als hohe Kunst postulieren. Doch Anhängern eines unmenschlichen Weltbildes mit puren Beschimpfungen zu begegnen, wie es zum Beispiel Nosliw tut, stellt einen auf die selbe Stufe dumpf artikulierter Intoleranz und behindert jede ernsthafte Auseinandersetzung. Nazis sind eben keine verfickten Wixer, vielmehr Gegner der Demokratie, denen man auf demokratische Weise begegnen muss. Verbindet etwa Samy Deluxe dank seinen Raps Anspruch mit Attitüde? Oder vergeht er sich nicht vielmehr in Vereinfachungen, wenn er die deutsche Befindlichkeit mit all ihren Problemen an den Nachwirkungen des Nationalsozialismus festmacht und den Schlussstrich unter die Vergangenheit fordert? Kann und darf das die gesellschaftspolitische Botschaft sein, die es braucht?

Freilich versagen auch andere, zum Beispiel die linke Liedermacherszene. Was bietet sie uns heute? Welche Texte entflammen einen Denkprozess, tragen zu einem Umdenken bei, stoßen gesellschaftliche Veränderungen an oder begleiten selbige? Es war schon in der Vergangenheit nicht einfach damit erledigt, die so lange instrumentalisierte Internationale zu intonieren – wie es etwa Hannes Wader tat. Wenn sich Kunst nur durch den althergebrachten Jargon einer Ideologie ausdrückt, fehlt die Glaubwürdigkeit und lacht das Phrasenschwein. Trotz aller Widersprüchlichkeiten, einen neuen Wolf Biermann sucht man derzeit vergebens.

Punk ist auch keine Lösung. War sie es denn jemals? Sich gegen Konformismus zu stemmen, strahlt unzweifelhaft einen gewissen Reiz aus. Die Rebellion gegen die Gesellschaft gerät indes zur Farce, wenn es an Konzepten und Visionen mangelt, die nicht nur den Gegenentwurf der Randgruppe mit Freiheit erfüllen. Hatte Punk irgendwann mehr im Köcher als das Postulat der Unangepasstheit? Überzeugt heute eine Botschaft, die irgendwann noch revolutionär als Weckruf agierte, um dann im Sumpf der eigenen Eindimensionalität zu versinken? Treten Die Ärzte mit ihrer humoresken Komponente nicht den schlagende Beweis an, dass Punk nur mit Augenzwinkern – aber ohne Inhaltsschwere – noch zu überleben vermag?

Punk ist auf eine vergessenswerte Attitüde zusammengeschrumpft...

Man konterkariere meine These bezüglich mangelnder musikalischer Botschaften bitte nicht mit irgendwelchen Friedensliedern, die während des Irak-Kriegs weltweit wie Primeln aus dem Boden sprossen. Gegen einen Krieg zu sein, dafür bedarf es keiner großen Worte. Die Lehren der Vergangenheit sind Grund genug. Wie man jedoch die Realitäten dahingehend verschiebt, dass er nicht zum zwingend notwendigen Übel wird, das wäre die eigentlich wertvolle Message, die es künstlerisch aufzubereiten gilt.

Wo also verstecken sich im neuen Jahrtausend sozialkritische Meisterwerke wie Animals von Pink Floyd? Wer verfrachtet Traditionen des britischen Folks mit seinem Fundus an Arbeiter- und Protestliedern in unsere Zeit? Es darf nicht länger Bob Dylan als Prototyp des inhaltsreichen Botschafter den Kopf hinhalten müssen. Warum fehlt es den von wirtschaftlichen Ängsten geprägten Zeiten an Sprachrohren? Wo sind die Künstler, welche den Terrorismus nicht als nebulöse Panik belassen? Und in Hinsicht auf die erbrachten Beispiele regt sich die Frage, wer in der deutschsprachigen Musikszene Haltungen präsentiert, die bei näherer Betrachtung nicht gleich wie ein Kartenhaus zusammenfallen.

Ich will zum Ausgangspunkt der Überlegung zurückschwenken. Wenn sich Kunst nicht nur, aber eben auch über den formvollendeten Ausdruck von Weltanschauungen und Überzeugungen definiert und damit eine Relevanz für die Gemeinschaft an den Tag legt, dann darf man auch darauf pochen, dass Musiker dieser Verpflichtung nachkommen. An Themen mangelt es nie und nimmer. Die Ausbeutung des Menschen erreicht eine neue Qualität deklamierten Tocotronic einst, ehe sie in Kapitulation verharrten. Doch solch ein Hochverrat führt zu L’art pour l’art. Und Weltflucht scheint mir auf Dauer und in der heutigen Fülle dann doch zu wenig.

SomeVapourTrails

Mal wieder Bauklötze staunen – Brett Dennen

Unlängst diagnostizierte ich, dass manche Platten bei oberflächlicher Betrachtung nach „mehr“ klingen und bei eingehender Prüfung das anfängliche Versprechen nicht einzulösen vermögen. Oftmals freilich entfacht auch ein zunächst unscheinbares Album eine ungeahnte Kraft und entwickelt Potential zur dauerhaften Erquickung. Dazu muss man sich jedoch Zeit nehmen, dem Werk eine Chance geben – und nicht gleich alles in eine bereits im Geiste geöffnete Schublade legen. Dieses Mal darf ich – schon wieder – eine fantastische CD präsentieren. In den vergangenen Wochen wurden mehrfach virtuose und grandiose Scheiben angepriesen, so dass der Eindruck entstehen mag, ich würde leicht entflammbar, mein Herz an nahezu jeden dahergelaufenen Songwriter verschenken. Doch eher das Gegenteil trifft zu, naserümpfend trotte ich an Dutzenden von CDs vorbei, bloß um die eine zu finden, die gekonnt Emotionen bündelt. Welch Segen dieser Tage derart oft fündig zu werden.

Nahezu die gesamte amerikanische Kritikerzunft sieht in dem 29-jährigen Kalifornier Brett Dennen ein vielversprechendes Talent – und mokiert sich dennoch über dies und das und jenes und generell fast alles, wenn sie zur Rezension des neuesten Werkes Hope For The Hopeless schreitet. Er sei kein Dylan, monieren allmusic und PopMatters. Das ist auch gut so, denn in Stein gehauene Monumente klettern nur selten vom Podest herab und betören mit neuen Schandtaten. Dennen wird nie ein Guru werden, wohl auch weil seine Musik nicht bedeutungsschwanger oder gar von Glamour verseucht in großen Gesten schwabbelt. Sein dieser Tage in Deutschland erscheinender Wurf stellt uns einen in hoher Stimmlage wohlklingenden Crooner dar, dessen Songwriting angenehme 70er-Jahre-Reminiszenzen an die Integrität eines Paul Simon oder Randy Newman aufweist und weitaus weniger glatt gebügelt als aufgebauschte Musiker vom Schlage eines John Mayer oder Jason Mraz erscheint. Wer immer Herrn Dennen mit selbigen vergleicht, plappert nach, hat jedoch keinesfalls die Ohren gespitzt.

Die Rezeption von Hope For The Hopeless, in den USA hat das Album bereits im Oktober die Plattenläden geküsst, spult das Mantra netter, ein wenig langweiliger Liebeslieder ab, die in der Studentenkneipe an der Ecke als Hintergrundmusik durchaus zu reüssieren vermögen. Ein deutschsprachiger Blog nahm den Faden auf und erklärte Dennen zum diesjährigen Starbucks-Filialen-Hero. Das ist so nett getönt, wie es auch falsch ist. Werte Musikfreunde, lasst euch nicht aufs Glatteis führen, nicht alles, was unbefleckt von jedwedem kopflastigen Getue kreucht und fleucht, muss zwangsläufig ein oberflächliches und uninteressantes Liedchen zwitschern. Im hier beschriebenen Falle bedarf es eines Geschicks für die Wahrnehmung leiser Töne und kleiner Gesten, um die Größe Dennens verorten zu mögen.

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Unter den 11 Songs finden sich drei Wundertaten. Beginnen wir zunächst mit der Ballade Ain’t Gonna Lose You. Schmerzverzerrter Optimismus wuchtet sich mit reimschmiederischer Finesse aus Zeilen wie „You can put a stick in my spokes, I can be the butt of your jokes, I can be the laughing stock, I can be the hoax, but I ain’t gonna lose you„, wird von fragil-leidenden Gesang wunderbar getragen. Heaven wurde von einem Kritiker als Versuch empfunden, ein Imagine für die iPod-Generation zu entwerfen. Doch während Lennon ein Konzept einer schöneren Diesseitigkeit verfolgt, huldigt Dennen einer Transzendenz, die ein Jenseits ohne Scheuklappen und Vorurteile ausmalt. Mit San Francisco und seinem funkigen Groove rasselt Wohlfühl-Mitwipp-Sound durch die Boxen, welcher vieles bis alles sein kann, allerdings niemals langweilig. Eher schon ziemt es sich, Bauklötze zu staunen. Auch bei Wrong About Me, welches clever countryesk stampfend überzeugt, oder bei When She’s Gone, das vor allem während des Refrains stilistisch an Soft-Rock-Erfolge eines Jon Bon Jovi erinnert – wenngleich Dennen weitaus mehr Qualität im Köcher hat.

Insgesamt schreit jede Faser der CD nach einem mündigen Hörer, der einem unauffälligen Werk Zeit und Beachtung schenkt, um bald schon zu erkennen, welch musikalische Wuchtbrumme er oder sie sich hier eingefangen hat. Und den Kritikern, die Ain’t Gonna Lose You nicht schätzen, sei ein anderer Beruf empfohlen. Werbetexter, Finanzbeamter, scheißegal – aber nie und nimmer Henker für ein überragendes Talent spielen.

Links:

MySpace-Auftritt

Hörproben auf Last.fm

SomeVapourTrails

Bob Dylan – Beyond Here Lies Nothin – Free Download

Kaum zu glauben, es gibt ihn immer noch. Dylan veröffentlicht am 28. April mit Together Through Life das 46. laut informierter Leserschaft 34te Studioalbum seiner nun schon ein halbes Jahrhundert dauernden Karriere. Trotzdem gibt sich der Altmeister ganz modern und schickt seinen jüngeren Kollegen gleich vorab einen gratis Download ins Rennen. Der klingt gar nicht mal so schlecht.

Via Spinner.com:

Download: ‚Beyond Here Lies Nothin“ (MP3)

bob dylan’s new bayou hit from forthcoming record (beyond here lies nothin‘)

Link: Offizielle Homepage

DifferentStars

Lobeshymne, wem Lobeshymne gebührt – Mike Bones

Unser Blog ist ein Blog des Lobes über die kleinen und großen Lieblinge, die unser Wohnzimmer mit wohligen Klängen verzieren. Aus dieser Einstellung heraus werden wir selten mit der Axt künstlerische Gehversuche beenden, vielmehr selbige bei einer Tasse Kaffee geflissentlich ignorieren. Freilich lassen sich jedoch in unseren Gedankengängen und Rezensionen mitunter Nuancen der Begeisterung ausmachen. Manch Album gefällt für kurze Zeit, ehe es sich schnell abnutzt und in den Untiefen des CD-Regals dahinvegetiert, um alle Jubeljahre ausgegraben und in Erinnerung gerufen zu werden. Andere Künstler jedoch hört man beim allerersten Male und schwört Stein und Bein, dass sie ein lebensbegleitendes Muss darstellen, da ihnen eine tiefe Weisheit und ausgiebige Darreichung von Gefühlen innewohnt. So ungefähr ist es mir ergangen, als ich vor wenigen Tagen Mike Bones aufspürte.

Mike Bones (Foto von Carla Brookoff)

Mike Bones (Foto von Carla Brookoff)

Der unter dem Pseudonym Mike Bones werkelnde Mike Strallow ist ein Songwriter Dylanscher Prägung und legt mit A Fool For Everyone ein tolles Album vor. Es atmet das Odeur klassischer Liedermacherei mit dem Geschick die Abgründe menschlichen Gefühlslebens auszuloten. Besonders der Titel What I Have Left ist von der Güte eines songwriterischen Gassenhauers. Anfangs eindringlich reduziert entfaltet sich selbstkritischer Zorn, mit wenigen Worten werden Emotionen ausgebreitet wie sie ein Leonard Cohen nicht besser aufzeigen könnte.

Dem geneigten Leser wird nun vermutlich bereits die eine oder andere Schuppe von den Augen gefallen sein. Ja, Mike Bones ist in den Kategorien der allergrößten Zampanos des Genres anzusiedeln. Selbst offensichtlichster Diebstahl der Manierismen Bob Dylans mutiert zum famosen Coup, wie das Lied Give Up On Guitars verdeutlicht. Man fragt sich, warum man auf die ultimative, eigenständige Epigone des Meisters derart lange warten musste. Songs wie Much More Than Love stellen einen nahtlosen Übergang des Genres in die gegenwärtige Musikkultur dar.

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Ich wage die unerschütterliche Prognose, dass diese CD zu den drei besten Songwriter-Alben des Jahres 2009 gehören wird. Leider ist sie in hiesigen Gefilden vorläufig lediglich als US-Import erhältlich. Ein gieriges Hinterherhetzen lohnt sich, wenn die Beute derart intensive, authentische Musik verspricht. Wiederholen wir nun gemeinsam im Mantra den Namen: Mike Bones, Mike Bones, Mike Bones, Mike Bones… Der Bursche wird uns mit seinem Werk noch viel Freude bereiten.

Via dem Label The Social Registry gibt’s dieses feine Lied:
What I Have Left – Mp3

Links:

MySpace-Seite mit vielen Hörproben, Amerikanische Labelseite

SomeVapourTrails

Wikipedia und die Musik – Ein Vandalenakt

Heute zimmern wir uns einen abscheulichen Bewohner des Internets. Dazu bedarf es lediglich eines simplen Bausatzes. Wichtige Voraussetzungen sind ein Mindestmaß an Schriftkenntnissen, Geltungsbewusstsein sowie ein Quäntchen Aggression. Fügen wir eine winzige Prise von Bildung hinzu und schmecken das Ganze mit Boshaftigkeit ab. Voilà, fertig ist der Albtraum des vernunftbegabten Menschen. Jetzt muss die Kreatur noch in den passenden Lebensraum verfrachtet werden. Die Menge an Biotopen erschwert die Entscheidung. Seien wir mutig, setzten wir den kleinen Racker in die Gefilde Wikipedias aus.

Die beste Überlebensstrategie auf Wikipedia ist Tarnung. Chamäleonesques Verhalten ist auf Dauer erfolgsversprechend, donnergrollendes Fletschen der Zähne jedoch nicht. Eine weitere Begabung liegt in der Flinkheit. Die leichtfüßig emsige Termite höhlt die Enzyklopädie besser aus, ein wildgewordener Godzilla wird leichter zur Strecke gebracht. Mit solch Taktiken vertraut kann man in der Wildbahn Wikipedias spielend Beute schlagen. Lassen wir nun unseren Satansbraten das Revier markieren. Hier wird ein Artikelchen mit einer Duftmarke versehen, dort mittels Hufschlag ein Beitrag ins Nirvana gekickt. Prima!

Wenn die Bestie nun das Terrain erkundet hat, dann beginnt der Spaß erst richtig. Leidenschaftlicher Vandalismus gepaart mit der oberflächlichen Einhaltung der Hackordnung führen zum gewünschten Resultat. Löschen, völliges Auslöschen von Wissen ist einfach.

Wie und wo kann man der Kreatur begegnen? Fokussieren wir unseren Blick auf die musikalische Abteilung der deutschen Wikipedia. Dort sind zum Beispiel die Artikel zu Musikern und deren Alben gerne von Löschungen bedroht. In den vergangenen 2 Wochen wurde der vom Olymp deutschen Songwritings herabgestiegene, von allen Fachmagazinen gepriesene Gisbert zu Knyphausen von einer Löschung wegen mangelnder Relevanz bedroht. Ebenso der Eintrag zum Album „Infidels“ des ehrenwerten Bob Dylan. Das zugegeben schlechte Debüt „Take Your Chance“ von Alexander Klaws war auch gefährdet, obwohl es durchaus beispielhaft für den Hype rund um diverse Casting-Shows steht. Anstatt Artikel zu verfeinern werden manche oft gelöscht, weil sie – nach Meinung der Vandalen – zuwenig Information transportieren.

Unter dem Aspekt, dass Wikipedia heute die Online-Enzyklopädie schlechthin ist, sollte sich jeder Nutzer durchaus kritisch mit den Inhalten des Angebots auseinandersetzen. Denn die Vor-Filterung der Relevanz definiert auch unsere Wahrnehmung. Während Experten und interessierte Laien im Bereich Musik ihr Internet-Dasein für das Schreiben von Blogs aufwenden, wird vor allem die deutsche Wikipedia Tummelplatz geschmacksfaschistischer Vandalen. Selbige zimmern sich Richtlinien zurecht, welche den Versuch sabotieren, musikalisches Wissen auf Wikipedia zu bündeln. Insofern sollten wir alle Kammerjäger spielen und helfen die Qualität der Artikel zum Thema Musik zu verbessern, damit die dort vagabundierenden Löschmonster nicht die Oberhand gewinnen.

Weiterführende Links:

Löschkandidaten

Richtlinien für Musikalische Werke

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