Bundesvision Song Contest 2013 – Eine Prognose

buvisoco2013

Wir haben dem Bundesvision Song Contest schon das eine oder andere Jahr Aufmerksamkeit gewidmet, weil wir es stets toll fanden, dass es dieser Wettbewerb auch unbekannten Bands erlaubt, im deutschen Fernsehen zur Primetime aufzutreten. Der BuViSoCo 2013 stellt freilich einen echten Tiefpunkt des Bewerbs dar. Selten war die musikalische Qualität so dürftig. Hier nun eine Einschätzung aller Teilnehmer, verbunden mit einer Erfolgsprognose. (Weitere Infos zu den einzelnen Acts findet ihr hier.)

Baden-WürttembergMax HerreFremde (feat. Sophie Hunger)

Max Herre ist natürlich die klare Nummer in diesem Jahr. Kein anderer Akteur kommt an die Reputation eines Max Herre heran. Sein Track Fremde ist weit davon entfernt, zu den Sahnestücken seines Schaffens zu zählen. Ohne Frage fällt er jedoch sehr solide aus und präsentiert sich fraglos als bester Titel des Abends. Das hört selbst ein Blinder ohne Krückstock. Platz 1 ist für Herre reserviert.

BayernCharly BravoDreckige Namen

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BuViSoCo 2011 – Unser Ranking, unsere Prognose

Der Bundesvision Song Contest scharrt in den Startlöchern. Die Clips der teilnehmenden Interpreten haben wir bereits hier aufgelistet. Am 29.09.2011 wird diese Leistungsschau deutschsprachiger Musik wieder auf Pro7 ausgestrahlt. Diesmal aus der Kölner Lanxess Arena. Natürlich kann man nicht wirklich von einer Leistungsschau sprechen, weil Labels manch Künstler ins Rampenlicht zerren, nach denen nun wirklich kein Hahn kräht. Oft sind auch Acts zugegen, denen man auch den winzigsten Funken Kreativität getrost absprechen darf. Meist – aber längst nicht immer – sind dies die Sieger dieses Bewerbs. Wie beispielsweise Unheilig, Sieger von 2010. Aber dem unseligen Griff in den Schmalztopf steht eben auch ein Peter Fox gegenüber, der 2009 völlig zurecht gewann. 2011 unterscheidet sich von den Jahren zuvor speziell dadurch, dass es wenig tolle Titel gibt. Haben im Vorjahr noch Selig und Silly intelligente Texte und eingängige Songs offeriert, mangelt es den diesjährigen Teilnehmern am goldenen Händchen. Sicher, gute Lieder findet man zur Genüge, aber gut ist keineswegs sehr gut. Die werte Co-Bloggerin und ich haben die Lieder einer kritischen Bewertung unterzogen und ich habe mich sogar an eine Prognose gewagt. Mal sehen…

Wertung & Prognose (SomeVapourTrails)

1.) Thüringen – Alin Coen Band – Ich war hier
Begründung: Ein intelligent getextes Lied samt kräftigem Refrain, der sich lieber eines Augenzwinkerns bedient, anstatt auf der Gefühlsklaviatur rauf und runter orgeln zu wollen. Alin Coen beherrscht sachte Zwischentöne, bietet aber auch einen satten Ausdruck. Wo Sängerinnen oft piepsig-fragil dahinträllern, gibt Coen starke Nachdenklichkeit. Solch Mischung wird von der Masse mangels Spektakel oder Sex-Appeal meist überhört, andererseits hat sich Alin Coen bereits ein gute Fanbase erspielt, daher prognostiziere ich Platz 10.

2.) Mecklenburg-Vorpommern – Jennifer Rostock – Ich kann nicht mehr
Begründung: Ich anerkenne die Meriten von Jennifer Rostock durchaus. Der druckvolle Song mit dramatischem Refrain ist handwerklich gut gemacht, verschließt sich nicht dem längst überfälligen Single-Chart-Erfolg. Platz 2 scheint realistisch.

3.) Rheinland-Pfalz – Jupiter Jones – ImmerFürImmer
Begründung: Gleich vornweg, ich schätze die markante, mit Ecken und Kanten versehene Stimme von Nicholas Müller. Dies Merkmal und die clevere Lyrics lassen mich einen Song von Jupiter Jones stets sofort als solchen erkennen. „Die Runde Schweigen geht auf mich“ heißt es in diesem rockigen Lied, vielleicht die beste textliche Anregung in diesem Jahr. Ungerechterweise wohl nur Platz 6.

4.) Niedersachsen – Bosse feat. Anna Loos – Frankfurt Oder
Begründung: Axel Bosse führt uns an einen tristen Ort namens Frankfurt (Oder). Ich komme mit diesem Song nicht wirklich klar. Ich sollte ihn wohl als launiges Liebesduett begreifen, dessen Harmonie selbst in der Spießigkeit elterlicher Gartenpavillons gedeiht. Das Album Wartesaal bietet weitaus bessere Tracks auf, allerdings möchte ich den angenehm herben und erwachsenen Charme, den Loos versprüht, durchaus wertschätzen. Platz 7 ist keine Überraschung.

5.) Sachsen-Anhalt – Flimmerfrühstück – Tu’s nicht ohne Liebe
Begründung: Ein kleines, feines Liedchen mit Saxofon-Einsatz, der an Baker Street erinnert. Gesanglich klingt es etwas ungelenk, aber der positive Eindruck überwiegt. Bedauerlicherweise werden dies die Zuseher anders sehen: Platz 14.

6.) Hamburg – Thees Uhlmann – Zum Laichen und Sterben ziehen die Lachse den Fluss hinauf
Begründung: Irgendwie Indie will Uhlmann sein, verdammt gefinkelte Texte fabrizieren und nicht zuletzt auch gefühlte tausend musikalische Schweißtropfen vergießen. Der Vorsatz ehrt den Herren. Der Umstand, dass er all das eben knapp nicht einzulösen vermag, liegt in Übermotivation begründet, keineswegs mangelt es an Talent. Vieles scheint originell und gelungen, freilich schiefreimt mir Uhlmann zu oft. Der Herr ist Kult, ergo Platz 5.

7.) Bayern – Andreas Bourani – Eisberg
Begründung: Oh Mensch, so gefühlvoll! Eisberg könnte sogar kettenhemdige BHs durchdringen und sich sogleich ins weibliche Herz schmiegen. Ich darf Bourani zugute halten, dass er dabei die Kitschgrenze nie überschreitet. Nicht zuletzt deshalb wird seine Teilnahme am BuViSoCo nicht zu einem Trip mit der Titanic. Platz 8.

8.) Hessen – Juli – Du lügst so schön
Begründung: Meine Sympathien gehören Juli, jedoch weniger dieser biederen, unterkühlten Ballade, die vor sich hin lahmt. Derartiges 08/15-Schema hat man schon in besserer Ausführung erlebt, auch von Juli selbst. Die Fangemeinde ist aber groß genug: Platz 4.

9.) Sachsen – Kraftklub – Ich will nicht nach Berlin
Begründung: Eine rotzige Attitüde, welche so cool ist, dass sie gar nicht hip oder chic sein möchte, trägt ein ordentliches Pfund auf der Schulter. Der griffige satirische Text mit reißerischer Aussage steht einem musikalischen Patchwork entgegen, das Hip-Hop mit Punk und Indie-Rock zusammenmurkst. Platz 11 dürfte eventuell sogar tief gegriffen sein.

10.) Berlin – Tim Bendzko – Wenn Worte meine Sprache wären
Begründung: Dampfplaudernd-schmachtender Hybrid aus Xavier Naidoo und Philipp Poisel. Doch wo genannte Herren substantielle Lyrics vorweisen können, gibt Bendzko eitle Zurückhaltung vor. Denn entgegen seiner Beteuerung keine geeigneten Worte zu finden, benutzt er leider viele. Die Vorzeichen allerdings stehen auf Sieg. Platz 1!

11.) Bremen – Flo Mega – Zurück
Begründung: Was kennzeichnet einen feinen Song, wenn nicht der Umstand, dass man ihn nicht schnell aus den Ohren bekommt. Flo Mega jedoch bietet vergessenswertes Mittelmaß an. Da hilft alles Engagement nichts, wenn die Komposition recht uninspiriert vor sich hin tönt. So winkt Platz 16.

12.) NRW – Frida Gold – Unsere Liebe ist aus Gold
Begründung: Nur damit wir uns richtig verstehen. Unsere Liebe ist aus Gold ist der mit Abstand beste Song des heurigen Jahres. Wer eine Unplugged-Version des Titels hört, spitzt sofort die Ohren. Aber diese Umsetzung in billigster Disco-Aufmachung wiegt schwer.  Aus diesem Lied eine Trash-Nummer zu machen, das will ich der Band nicht verzeihen. Solange Sängerin Alina Süggeler geradezu zwanghaft einen überflüssigen Sex-Appeal versprühen möchte, kann ich über Frida Gold nur voll Verdruss den Kopf schütteln, trotz Platz 3.

13.) Baden-Württemberg – Glasperlenspiel – Echt
Begründung: Das wäre vor 10 Jahren schon Ramschware von der Stange gewesen, die weder durch Lyrics, Musik oder Vortrag irgendwie ins Auge springt. Ein Song, der bestenfalls als Radioberieselung eine Existenzberechtigung erwirkt. Platz 12 ist das zu erreichende Optimum.

14.) Saarland – Pierre Ferdinand et les Charmeurs – Ganz Paris ist eine Disco
Begründung: Eine Kriegserklärung an Frankreich. Französischer Akzent klingt nur bei Franzosen gut. Nun, vielleicht noch, wenn meine werte Co-Bloggerin damit parliert. Welche Sorte Charme möchten diese angeblichen Charmeure verbreiten? Gewollte Witzigkeit ist keine Tugend. Wenn Damen mit Problemen mit dem Dispo sich vom Sänger nach Hause begleiten lassen, dann muss ich das nicht goutieren. Das Publikum wird den Song abstinken lassen: Platz 15.

15.) Brandenburg – Doreen – Wie konntest du nur?
Begründung: Markerschütternd-pathetische Anklage einer Verlassenen. Nicht nur vom Liebsten, sondern auch von allen guten musikalischen Geistern. Da Doreen in der Wahrheit die Klarheit sieht, will ich auch schonungslos ehrlich sein: Dieser Song ist so unnötig wie strunzlangweilig. Gute Voraussetzung für Platz 9 in der Endwertung.

16.) Schleswig-Holstein – Muttersöhnchen – Essen Geh’n
Begründung: Geht es primitiver? Was Essen geh’n, was Trinken geh’n, was Ficken geh’n, soll dieser mit Electro-Mist unterlegte Hedonismus der Raison d’être sein? Für geistige Tiefflieger vielleicht. Prolls aus ganz Deutschland werden Muttersöhnchen auf Platz 13 bescheren.

Wertung (DifferentStars)

Sie begründet die Liste nicht, will sie aber als Korrektiv zu meiner Einschätzung verstanden wissen.

1.) Berlin – Tim Bendzko – Wenn Worte meine Sprache wären
2.) Niedersachsen – Bosse feat. Anna Loos – Frankfurt Oder
3.) Bayern – Andreas Bourani – Eisberg
4.) NRW – Frida Gold – Unsere Liebe ist aus Gold
5.) Hessen – Juli – Du lügst so schön
6.) Hamburg – Thees Uhlmann – Zum Laichen und Sterben ziehen die Lachse den Fluss hinauf
7.) Rheinland-Pfalz – Jupiter Jones – ImmerFürImmer
8.) Sachsen – Kraftklub – Ich will nicht nach Berlin
9.) Thüringen – Alin Coen Band – Ich war hier
10.) Mecklenburg-Vorpommern – Jennifer Rostock – Ich kann nicht mehr
11.) Bremen – Flo Mega – Zurück
12.) Baden-Württemberg – Glasperlenspiel – Echt
13.) Saarland – Pierre Ferdinand et les Charmeurs – Ganz Paris ist eine Disco
14.) Sachsen-Anhalt – Flimmerfrühstück – Tu’s nicht ohne Liebe
15.) Schleswig-Holstein – Muttersöhnchen – Essen Geh’n
16.) Brandenburg – Doreen – Wie konntest du nur?

SomeVapourTrails

Bundesvision Song Contest 2011 – Die Teilnehmer

Update (24.09.): Habe nun allerlei Infos (offizielle Clips und Streams, Veröffentlichungstermine) zu den teilnehmenden Songs zusammengetragen. ->HIER<- gibt es zudem auch noch ein Ranking der Teilnehmer. Sogar an eine Prognose habe ich mich gewagt.

Das sieht man sich zur Abwechslung mal wieder abends TV total an und prompt erfährt man die Teilnehmer am Bundesvision Song Contest 2011. Mir ist die heimische Musikszene eigentlich nicht unvertraut, und sei es nur durch ungezählte Promo-Mails, die große Versprechungen abgeben und sie in der Regel selten einlösen. Die diesjährige Liste freilich lässt mich noch mit vielen Fragezeichen zurück, klingt nichtssagender als die der Teilnehmerjahrgang von 2010. Weder Glasperlenspiel, Muttersöhnchen noch Kraftklub habe ich zuvor gehört. Manche der bekannteren Acts wiederum würde ich liebend gerne aus dem Gedächtnis streichen. Frida Gold etwa zählen für mich zu den überschätzten deutschen Acts, Jennifer Rostock habe ich auch nicht wirklich ins Herz geschlossen, wenngleich das eine oder andere Lied der Formation durchaus akzeptabel ist. Die Alin Coen Band beispielsweise habe ich ja bereits in der Vergangenheit auf diesem Blog mehrfach gelobt und nur ganz wenig getadelt. An großen Namen mangelt es 2011 hingegen, sieht man von Juli ab. Auch wenn  noch keine Songs feststehen, mit denen um den Sieg gerittert werden soll, könnte ich mir unter anderem die stets ein bisschen unterbewerteten Jupiter Jones als Anwärter vorstellen. Wir jedenfalls möchten uns auch 2011 wieder ausgiebig dem dieses Jahr in Köln stattfindenden Bundesvision Song Contest widmen, bis zum 29.09. den einen oder anderen Indie-Act entdecken und bei entsprechender Güte hier näher vorstellen. Schaut also ab und an mal vorbei…

Baden-WürttembergGlasperlenspielEcht
aus dem Album: Beweg dich mit mir (VÖ 30.09.11)


Glasperlenspiel — Echt – MyVideo

Auftritt bei TV total: 08.09.2011

BayernAndreas BouraniEisberg
aus dem Album Staub und Fantasie (VÖ 10.06.11)


Andreas Bourani — Eisberg – MyVideo

Auftritt bei TV total: 19.09.11

BerlinTim BendzkoWenn Worte meine Sprache wären
aus dem Album Wenn Worte meine Sprache wären (VÖ 17.06.11)

Tim Bendzko – Wenn Worte meine Sprache wären from Columbia Deutschland on Vimeo.

Auftritt bei TV total: 05.09.2011

BrandenburgDoreenWie konntest du nur?
aus dem Album Vorsicht zerbrechlich (Vö 02.09.11)


Doreen – Wie konntest du nur von universalmusicdeutschland

Auftritt bei TV total: 14.09.2011

BremenFlo MegaZurück
aus dem Album Die wirklich wahren Dinge (VÖ 30.09.11)

Auftritt bei TV total: 06.09.2011

HamburgThees UhlmannZum Laichen und Sterben ziehen die Lachse den Fluss hinauf
aus dem Album Thees Uhlmann (VÖ 26.08.11)

HessenJuliDu lügst so schön (Stream auf Simfy)
aus dem Album In Love (VÖ 17.09.10)

Mecklenburg-VorpommernJennifer RostockIch kann nicht mehr
aus dem Album Mit Haut und Haar (VÖ 29.07.11)

NiedersachsenBosse feat. Anna Loos – Frankfurt Oder
aus dem Album Wartesaal (VÖ 25.02.11)

Auftritt bei TV total: 07.09.2011

NRWFrida GoldUnsere Liebe ist aus Gold (Auftritt bei tape.tv)
aus dem Album Juwel (VÖ 15.04.2011)

Frida Gold
Tags: <a href=“http://www.viva.tv“>Viva TV</a>

Rheinland-PfalzJupiter Jones  – ImmerFürImmer
aus dem Album Jupiter Jones (VÖ 25.02.2011)

Auftritt bei TV total: 13.09.2011

SaarlandPierre Ferdinand et les CharmeursGanz Paris ist eine Disco
aus dem Album Moulin Groove (VÖ 16.09.11)

Auftritt bei TV total: 20.09.11

SachsenKraftklubBerlin (nichts zu finden)
aus dem Album Mit K (VÖ 20.01.12)

Auftritt bei TV total: 21.09.11

Sachsen-AnhaltFlimmerfrühstückTu’s nicht ohne Liebe
aus dem Album In allen meinen Liedern (VÖ 23.09.11)

Auftritt bei TV total: 15.09.2011

Schleswig-HolsteinMuttersöhnchenEssen Geh’n
aus dem Album 1 (VÖ 30.09.2011)

Auftritt bei TV total: 22.09.11

ThüringenAlin Coen BandIch war hier
von der EP Einer will immer mehr (VÖ 16.09.11)


Alin Coen Band — Ich war hier – MyVideo

Auftritt bei TV total: 12.09.2011

Link:
Teilnehmerliste auf tvtotal.prosieben.de

SomeVapourTrails

Im Niemandsland zwischen aufgehübschten Trivialitäten und Momenten einer Tiefgründigkeit – Bosse

Der Alltagssprachlichkeit ein wenig Poesie heraus kitzelnd, so versucht das Gros der deutschen Liedermacher und Bands zu agieren. Nur wenigen gelingt die Gegenbewegung, die Lyrik des Lebens in schlichten Worten zu binden. Bosse verharrt mit dem neuen Album Wartesaal im Niemandsland zwischen aufgehübschten Trivialitäten und Momenten einer Tiefgründigkeit, die unter der eigenen Bedeutungsschwere ächzen. Einige Texte strahlen ungelenke Gedanken aus, wie Lieschen Müller sie auch nicht unbeholfener formulieren könnte. Wenn man die Qualität von Musik danach beurteilt, in welchem Maß sie den persönlichen Kosmos des Grübelns und Fühlens ausdehnt, schrammt Axel Bosse vereinzelt trotz Ambition an Plattheit kaum vorbei. Schade, meine ich, denn mancherorts tritt die Qualität seiner Schreibe deutlich hervor, ehe konventioneller deutscher Pop die Oberhand behält.

Das Kultivieren von Konventionen betrachte ich durchaus als zulässig, allein im vorliegenden Falle will mir dies als Triebfeder für Wartesaal nicht recht einleuchten. Mit dem Titellied Wartesaal beginnt das Album eigentlich überaus vielversprechend, schildert das altbekannte Warten auf ein besseres, schöneres Leben anschaulich und ohne Selbstmitleidsquark. Allerdings offenbart bereits die Single Weit weg das Dilemma der gesamten Platte. Bosse packt Indie-Rock-Attitüde in die Radiotauglichkeit von Ich + Ich. Heraus schält sich eine naive, weltflüchtige Nummer ohne Überzeugungskraft. Dem wirren, im Refrain allzu schmissig intendierten Metropole haften ebenso einige Makel an. Viel besser schon tönt das kräftige Die Nacht. Mit Zeilen wie „Deine Schatten sind an den Fassaden und peitschender Regen soll die Straßen fegen, auf denen wir mal getanzt und geliebt haben.“ wird ein handfestes Bild rau und ohne Schnörkel melancholisch visualisiert, was man sich öfter wünschen würde. Denn in den bestechenderen Passagen der Platte ähnelt Axel Bosse einem Jan Plewka, versteht sich auf kluges und dynamisches Songwriting. Zuweilen jedoch wird es mit der Cleverness übertrieben, die smart-vertrackte Textlichkeit von Du federst wandelt an der Grenze zu nervigem, allzu fröhlichem Nonsens. Irgendwo zwischen mäßigen Tracks ragt dann aber auch mal ein großartiges Roboterbeine hervor. „Der Tag ist ein Katapult, er zerschießt die Träume.“ sind Worte, die sich in das Gedächtnis einmassieren. Mit der sehnsüchtigen Ballade Nächster Sommer kratzt Bosse nochmals die Kurve, verdrängt die nichtssagende Pfiffigkeit von Frankfurt Oder, lässt einmal mehr eine Klasse aufblitzen.

Wartesaal will Bosse den absoluten Durchbruch bescheren. Gerade deshalb wird musikalische Gefälligkeit groß geschrieben. Den Texten merkt man an, dass Bosse mit viel Ehrgeiz zu Werke geht, sich freilich darin verzettelt oder banal-poetische Worthülsen deklamiert. Eine Handvoll Lieder können das Unglück abwenden, denjenigen Hörer mit dem Album versöhnen, der nicht gleich Lieschen Müller kleine Gedanken turmhoch aufbauscht. Unkonventionell konventionell zu tönen, solch Auftreten steht Bosse nicht gut zu Gesicht. Darüber täuschen auch einzelne starke Songs nicht hinweg.

Wartesaal ist am 25.02.11 auf Vertigo Berlin erschienen.

Konzerttermine:

24.03.11 Leipzig – Moritzbastei
25.03.11 Nürnberg – Hirsch
26.03.11 Kaiserslautern – Kammgarn
29.03.11 München – 59:1
30.03.11 Stuttgart – Röhre
31.03.11 Frankfurt/Main – Batschkapp
01.04.11 Erfurt – HsD
02.04.11 Dresden – Beatpol
06.04.11 Köln – Luxor
07.04.11 Bochum – Zeche
08.04.11 Osnabrück – Kleine Freiheit
09.04.11 Hamburg – Große Freiheit 36
13.04.11 Göttingen – Musa
14.04.11 Braunschweig – Meier Music Hall
15.04.11 Bremen – Schlachthof
16.04.11 Berlin – Postbahnhof
17.04.11 Berlin – Postbahnhof

Link:

Offizielle Webseite

SomeVapourTrails

Stippvisite 21/12/10 (jetzt mit 20% mehr Inhalt)

Noch wichtelt das Weihnachtsmännchen mit einem Sack voller Geschenke vor der Nase herum, aber 2011 nähert sich mit Riesenschritten. Zeit also 2010 noch mit Anstand zu verabschieden, die Bude ein wenig freizuräumen, Empfehlungen auf dem Präsentierteller zu servieren, mit Liebe dekoriert wohlgemerkt, damit gar nicht erst der Anschein aufkeimt, wir würden Reste verramschen.

Downloadtipp:

Allo Darlin‘ gehört zu meinen persönlichen Entdeckung 2010. Ihr auf Fortuna Pop erschienenes Debüt zählt zu den pfiffigen, kurzweiligen Indie-Pop-Scheiben des Jahres. Es ist mir ein Rätsel, warum ich dem gleichnamigen Album nicht wesentlich mehr Zeilen auf unserem Blog gewidmet habe. Das werde ich sicher noch nachholen, bis dahin kann der Leser meinem Urteil vertrauen oder aber sich selbst ein Bild machen. Der Track My Heart Is A Drummer ist gegen Hinterlassung einer E-Mail-Adresse auf der Label-Seite als kostenloser Download erhältlich.

Covertipp:

Anika – I Go To Sleep by stonesthrow

Manch Song entwickelt sich durch die verschiedenen Interpreten, die ihm die Stimme leihen, weiter. So zum Beispiel I Go To Sleep, im Original von The Kinks. Viele, dazu zählt sich auch die werte Co-Bloggerin, mögen wohl meinen, dass The Pretenders das Lied ersonnen haben. Nein, sie haben ihm nur ihren Stempel aufgedrückt. 2010 macht sich Anika I Go To Sleep zu eigen. Was es mit der werten Dame aus sich hat und welcher findige Kopf hinter dem Projekt steckt, erfährt man aus dem folgenden Video. Das Lied ist als kostenloser Download auf der amerikanischen Label-Seite verfügbar.

Liebhabertipp:

Mensch, was habe ich mir mir den Mund wund geredet, um das Album The Quiet Lamb von Her Name is Calla anzupreisen. Damit will ich weitermachen. Nun gibt es ein Video zu Moss Giant, dem Eröffnungstrack des Albums. Der Clip zeigt die konzentrierte Anspannung der Band vor einem Auftritt. Unter diesem Aspekt ist der ausgewählte Track durchaus passend, weil er meditativ tönt. Und doch verkörpert er die intensive Wucht der Band nur im Ansatz. Weitere Hörbeispiele empfehlen sich, hier habe ich bereits ein paar vorgestellt.

Vorfreutipp:

Axel Bosse, oder schlicht und einfach Bosse, veröffentlicht Ende Februar sein neues Album Wartesaal. Ich habe mir diesmal vorgenommen, dem Werk Gehör zu schenken. Bislang wurde Bosse auf unserem Blog doch links liegen gelassen. Zu Unrecht. Der erste Vorgeschmack, das akustische Yipi, gefällt. Gegen einen Tweet oder den Eintrag in den Newsletter ist das Lied gratis erhältlich.

Entdeckertipp:

Nochmals ein Cover. Die britische Band The Scholars bieten gerade ihre Version von Anyone’s Ghost an, im Original von den durchaus mit einem Gähnen behafteten The National. Ich gebe The Scholars gute Chancen, den Durchbruch zu schaffen, besonders wenn das Songwriting noch einen letzten Schliff erfährt, denn Vortrag und Sound tönen bereits erstsahnig, wie Anyone’s Ghost bezeugt.


Entwicklungstipp:

Illute, eine Berliner Singer-Songwriterin, deren Debüt ich sehr gelobt habe, verschenkt gerade den Song You Go. Dieser Track findet sich zwar bereits auf dem Album Immer kommt anders als du denkst, aber diese getragenere, ausgefeiltere Version zeigt mir, wie zügig ihre Entwicklung voranschreitet. Eine ganz tolle Künstlerin. Mehr zu You Go findet sich auf dem Blog des famosen Labels analogsoul.

ILLUTE – „you go“ by analogsoul

Samplertipp:

Coast Is Clear, eine der wenigen Institution der deutschen Musikblogszene, steht für eine geschmacksichere Spezialisierung auf alle Facetten des Indie-Pops, für eine Spürnasigkeit, die sich nicht auf Pressemeldungen oder Waschzettel von Promofirmen verlässt, und für eine Bescheidenheit, die diesen Blog nicht zu einem Magazin aufbläht. Ein Blog ist ein Blog und eben nicht der Rolling Stone, Gott sei Dank. Nun hat Peter von Coast Is Clear eine Compilation veröffentlicht, zusammen mit der Radioshow Some Velvet Morning. Dieser kostenlose Sampler namens Some Velvet Coast entlockt auch mir ein Staunen, kenne ich doch gerade einmal ein Fünftel der 34 Interpreten. Ein paar Tracks will ich besonders empfehlen. Sambassadeur mit Final Say, The Ballet mit In My Head, Push It Away von Seeräuber Jenny, natürlich auch Cloudbusting von Wild Nothing. Hier kann und soll man sich diese Compilation herunterladen. Coast Is Clear ist und bleibt eine Bereicherung für jeden Musikfetischisten.

Viel Vergnügen mit den Empfehlungen.

SomeVapourTrails