Schlagwort-Archive: Britpop

Schatzkästchen 94: Noel Gallagher’s High Flying Birds – Holy Mountain

„Sergio, ich weiß ja, dass ich der größte Songwriter aller Zeiten bin. Natürlich bist du auch fucking brilliant, aber du bist halt nicht ich! Weißt du eigentlich, dass ich gerade an meiner neuen Scheibe bastle. Da möchte ich all den Grünschnäbel-Pussys wieder mal zeigen, wo der Hammer hängt. Hättest du vielleicht einen Tipp für einen absoluten Megahit? So von angehender Legende zu Ikone?“ könnte ein sichtlich gut aufgelegter Noel Gallagher in kleinem Kreise einem ebenso heiteren Sergio Pizzorno, seines Zeichens Mastermind von Kasabian, zugeraunt haben. Und dem werten Herren könnte dabei tatsächlich ein Funkeln in die Augen gefahren sein. Womöglich hat er sich sofort zu Noel hinübergebeut und ihm eine Idee gleich einem Floh ins Ohr gesetzt. Man weiß es nicht! Vorstellen mag man sich diese Szene jedoch gern, wenn man Holy Mountain ein ums andere Mal anhört.

Schatzkästchen 94: Noel Gallagher’s High Flying Birds – Holy Mountain weiterlesen

Sein größter Feind – Richard Ashcroft

Man muss mit Kritik auch umgehen können! Ein Mesut Özil muss es sich gefallen lassen, dass seine Körpersprache auf dem Fußballplatz gerügt wird. Gerne und oft von „Fans“, die den Stinkefinger heben. Auch ein Musiker muss harte Worte aushalten. Von Hörern, deren einzige Befähigung in zwei intakten Ohren – Glückwunsch! – und einer mehr oder minder großen Plattensammlung besteht. Diese Voraussetzungen langen, um Melodien durch den Kakao zu ziehen oder Songtexte mangelnde Tiefe vorzuwerfen. Eine Kunst des Erfolgs besteht auf alle Fälle darin, Kritik nicht unter die Haut gehen zu lassen. Richard Ashcroft scheint damit so seine Probleme zu haben. Während kaum jemand bestreiten wird, dass er mit seiner Band The Verve den Britpop der Neunziger entscheidend mitgeprägt hat, sind seine seitdem veröffentlichen Solowerke nicht besonders gut angekommen. Nun kann man ja auf Feuilleton und Musikpresse unterschiedlich reagieren. Sie vielleicht nicht mal ignorieren, sie mit einem müden Lächeln abtun – oder aber meinen, es allen zeigen zu müssen. Das neue Album These People wird von letzterer Motivation angetrieben. Ein Fehler!

Ashcroft wurde United Nations of Sound von 2011 derart durch den Kakao gezogen, dass er sich wohl auf Beratungsresistenz versteift hat. Eigentlich hat der Bombast des letzten Albums nach gute Ergebnisse gezeitigt, wäre er nur konsequent weitergeführt worden. Stattdessen wartet Ashcroft stellenweise mit Dance-Beats auf, die vermutlich völlig hip gemeint sind, allerdings eher nach dem Beitrag Aserbaidschans beim Eurovision Song Contest 2017 anmuten. Der werte Herr macht den Fehler, den alle machen, die am Puls der Zeit sein wollen. Aufgedrehte Streicher für die Emotion und Eurodisco zum Abhotten sind leider das exakte Gegenteil, darüberhinaus ein gefundenes Fresser für Kritiker. Die guten Momente des Opener Out Of My Body finden genau dann statt, wenn der Song auf Gitarre und Gesang zurückfällt. Vier Personen sind in den Credits fürs Programming aufgeführt, darunter auch der bekannte Mirwais Ahmadzaï. So sehr diese Plastikekstase auch für eine auf Diva getrimmte Hochglanzhupfdohle aus Baku prädestiniert scheint, so unpassend und auch textlich oberflächlich lässt es sich für einen Mittvierziger an. Ashcroft kommt über eine starke Stimme, die in Balladen das imaginäre Gegenüber streichelt und bei Hymnen mit weltschmerzigem Schmelz punktet. Zu Tode produzierter Über-Pop steht ihm nicht zu Gesicht. Was er wirklich drauf hat, tritt beim zweiten Song zutage. This Is How It Feels zeigt Ashcroft in veritabler Bestform! Sein größter Feind – Richard Ashcroft weiterlesen

Am Zenit der Schaffenskraft – James

Vor einigen Wochen schon habe ich in einer kleinen Ankündigung des Albums Girl At The End Of The World darauf hingewiesen, dass die britische Formation James auf ihrem neuen Werk neben musikalischen auch eine thematische Frische an den Tag legt. Für eine Band in den Mittfünfzigern nun wirklich keine Selbstverständlichkeit! Nach mittlerweile einigen Hördurchläufen komme ich von dieser Platte gar nicht mehr los. Sie vereinigt erstaunlich knackige Lyrics mit einem dynamischen Sound. Solch moderner Britpop, dargeboten von ewig unterschätzten Veteranen, unterscheidet sich arg von den mitunter abgetakelten Klängen jüngerer Semester. Schauen wir uns nun die Lieder von Girl At The End Of The World doch kurz genauer an!

James_press_picture_2016

Am Zenit der Schaffenskraft – James weiterlesen

Schlaglicht 46: James

Urgesteine müssen noch lange nicht zum alten Eisen gehören, wortspielte ich vor 2 Jahren angesichts des Albums La Petite Mort der Neunziger-Formation James. Die Band aus Manchester hat zwar hierzulande nie wirklich Fuß gefasst, auf der Insel in den Neunzigern aber durchaus Erfolge gefeiert. Seit ein paar Jahren bringen James rund um den sehr charismatischen Frontmann Tim Booth wieder Platten heraus – und zeigen sich viel, viel besser gealtert als die meisten der wieder aktiven Bands von damals. Bei James ist die Luft lange noch nicht raus, wie auch die ersten Vorboten des neuen Werks Girl At The End Of The World belegen. To My Surprise verpasst dem eigentümlichen Britpop-Sound der Band einen durchaus modernen, knackigen Anstrich. Dem Track wurde sogar noch ein animiertes Video spendiert, das allem Hass mit rosa Wolken begegnet, den bepillten Drang nach Ruhm und Schönheit persifliert, sich gegen Waffen stark macht, die Rhetorik rechter Hetzer kritisiert, stattdessen Obama und Putin zu einem Kuss vereint. Der tolle Clip kämpft gegen alles Unbehagen der Gegenwart, träumt von Versöhnung. Musikalisch besser gelingt die Hymne Nothing But Love, bei der der Titel zugleich Programm ist. Auch in diesem Fall wurde ein sehenswertest Musikvideo produziert, das eine mit einem guten Twist aufwartende Außenseitergeschichte erzählt. Was die sehr unterschiedlichen, liebvevoll fabrizierten Clips übrigens eint, ist ein mehr oder weniger expliziter Bezug zu gleichgeschlechtlicher Liebe. Schlaglicht 46: James weiterlesen

Schatzkästchen 52: Richard Ashcroft – This Is How It Feels

Als um die Jahrtausendwende die ganz große Britpop-Welle abebbte, gingen deren Protagonisten unterschiedlicheste Wege. Radiohead mutierten zum Alternative-Act schlechthin und erfanden die Musik ein bisschen neu. Blurs Damon Albarn wagte mit den Gorillaz einen fantastischen Neustart. Ein Jarvis Cocker nutzte das Ende von Pulp, um nun solo den zeitlosen Kauz raushängen zu lassen. Richard Ashcroft wiederum verbrachte seine Zeit nach The Verve ebenfalls nicht untätig. Seine Soloplatten zählen für mich noch immer zum Allerbesten, was in den letzten 15 Jahren von der Insel erschallt ist. Ashcroft hatte – und hat – nämlich die schönste, wärmste, eleganteste Stimme seiner Generation. Er mag vielleicht weniger Type als die eingangs genannten Bands und Musiker sein, nie an den Starkult der Marke Oasis heranreichen, von der gesanglichen Brillanz her gedacht kann ihm jedoch absolut niemand das Wasser reichen. Dass Ashcrofts Aufnahmen in der Vergangenheit von einigen Musikgazetten gern durch den Kakao gezogen werden, lässt sich vielleicht damit erklären, dass ein Melancholiker mit einer mächtigen Stimme und teils hymnischen Balladen selten ins Beuteschema der Musikpresse passt. Die krankhafte Abscheu, mit der gewisse Magazine sein Schaffen begleitet haben, wird Herrn Ashcroft dennoch wenig jucken. Sie wird wohl auch die für Mai angekündigte Soloplatte These People begleiten. Die erste Single This Is How It Feels jedenfalls knüpft da an, wo United Nations of Sound (2010) aufgehört hat. Im Refrain mutet sie pompös und bombastisch an, in den Strophen wirkt die gefühlvolle Charakteristik des Vortrag edel wie immer. Schatzkästchen 52: Richard Ashcroft – This Is How It Feels weiterlesen

Schatzkästchen 40: Travis – Everything At Once

Die schottische Formation Travis zählt ohne Zweifel zu den unaufgeregten Vertretern der Britpop-Gerneration. Im Gegensatz zu vielen Bands, die in den Neunzigern ganz groß rausgekommen sind, haben sich Travis nie vorübergehend aufgelöst, sind über mehr als 2 Jahrzehnte unverändert zusammengeblieben. Frontmann Fran Healy und Konsorten sind der Gegenentwurf zu allem Drama, das man von anderen Gruppen dieses Kalibers oft gewohnt ist. Aus diesem Grund war ich gar nicht übermäßig besorgt, als Travis gestern auf Facebook ein Bandfoto aus frühen Tagen gepostet haben, welches Healys Gesicht mit einem großen roten Fragezeichen versehen sah. Eine Trennung hätte man schnörkellos, ohne kryptische Andeutungen verkündet! Stattdessen gibt es Erfreuliches zu berichten. Ein neuer Song samt neuem Video kündigt das bereits achte Studioalbum an. Das Lied Everything At Once fällt einmal mehr exzellent aus. Irgendwo zwischen Flüstern und Sprechgesang angesiedelte Passagen wechseln sich mit einer Indie-Rock-Hymne ab. Stark! Und auch der großartig selbstironische Clip hat es sich in sich. Ein mit grauem Vollbart mindestens 10 Jahre älter wirkender Fran Healy wagt zusammen mit seinen Bandkollegen einen halsbrecherischen Stunt, bei dem alle auf einer riesigen Schaukel Platz nehmen, die nur an mehreren quer über Busch und Baum befestigten Seilen angebracht ist. Während dem Schwung durch die Vegetation geht Healy jedoch verloren. Schatzkästchen 40: Travis – Everything At Once weiterlesen

Mit sich im Reinen – Noel Gallagher’s High Flying Birds

Lassen wir die Meriten aus der Vergangenheit einmal völlig außer Acht. Vergessen wir für einen Moment, dass Noel Gallagher mit Oasis eigentlich alles erreicht hat, was man als Musiker nur erträumen kann. Fokussieren wir uns ausschließlich auf das neue Album Chasing Yesterday, welches Gallagher nun mit seinem Projekt Noel Gallagher’s High Flying Birds aufgenommen hat. Ach, ich beliebe zu scherzen! Wie könnte man diese neue Scheibe ohne die glorreiche Vergangenheit auch nur denken. Trotzdem, der genialste Kopf des Britpop muss eigentlich nichts mehr unter Beweis stellen. Denn wer auch immer Zweifel hatte, ob Noel eine Platte ohne die Strahlkraft seines Bruders Liam schultern können würde, wurde bereits beim Debüt 2011 eines Besseren belehrt. Chasing Yesterday steht somit unter keinem besonderen Erfolgsdruck, das Werk muss eigentlich nur seinem härtesten Kritiker gefallen, nämlich Noel Gallagher höchstpersönlich. Denn wenngleich er sich für den größten Songwriter seiner Zeit hält, so ist er andererseits äußerst unerbittlich in der Reflexion des eigenen Schaffens. Im Grunde ist Chasing Yesterday sogar die unter den besten Voraussetzungen entstandene Platte der gesamten Karriere. Denn zu Beginn von Oasis strebte er in den Musikolymp, danach galt es den Platz auf dem Thron zu verteidigen. Und das war keinesfalls eine einfache Angelegenheit, wenn man das Aufnahmestudio mit einem hochgradig attitüdenhaften Bruder teilen muss. Als die Karriere dann vor knapp 15 Jahren eine leichte Delle erlitt, die Gallaghers längst zur Inkarnation von Beavis and Butt-Head zu verkommen schienen, war der Druck ebenfalls nicht gering. In den letzten Jahren vor der Auflösung von Oasis versuchte Noel dem immergrünen Britpop immer neue Relevanz einzuhauchen. Und als er dann die High Flying Birds aus der Taufe hob, wollte er sich – und ein bisschen auch der Welt – beweisen, dass er zum Frontmann taugte. Gerade deshalb hat er mit seinem jüngsten Wurf endlich nichts zu verlieren, solange er nur selbst damit im Reinen scheint.

Noel_Gallagher_1_2014_credit_Lawrence_Watson
Photo Credit: Lawrence Watson

Mit sich im Reinen – Noel Gallagher’s High Flying Birds weiterlesen

Musikvideo: Noel Gallagher’s High Flying Birds – Ballad Of The Mighty I

Fassen wir zusammen: Ein grummeliger Noel Gallagher wird vom vermeintlichen Regisseur des Videos noch kurz instruiert und mit einem Selfie malträtiert, ehe er durch eine abgerockte Vorstadtszenerie spaziert und von einer barfüßigen und auch sonst nicht eben dick eingemummten jungen Frau angerempelt wird. Er folgt ihr zum einem Fluss, an dessen Ufer die verhärmte Junkie-Braut doof in der Gegend rumsteht. Gallagher, ganz Gentlemen, reicht ihr seine Jacke und schlendert weiter, bis er in eine wohl ehemals von Handwerk und Industrie geprägte, ebenfalls heruntergekommene Straße kommt, wo ein paar Schuhe von Telefon- oder Stromleitungen baumeln. Vor einem Bekleidungsgeschäft stibitzt er sich im Vorbeigehen eine Jeansjacke. Nun sieht der Bursche in seiner roten Hose und der ebenso eng geschnitten Jacke endlich wie die coole Sau aus, die er nun mal immer war und heute noch ist. Musikvideo: Noel Gallagher’s High Flying Birds – Ballad Of The Mighty I weiterlesen

Der Triumph der Geschichte, das zweite Kapitel – Oasis

(What’s the Story) Morning Glory? verdeutlicht einen Triumph der Geschichte. Als Oasis ihren Zweitling im Oktober 1995 veröffentlichten, wurde das Werk von einigen Musikkritikern geschmäht. Zumindest aber in seiner Strahlkraft hoffnungslos unterschätzt. In der britischen Zeitung The Independent wurde Noel Gallagher gar als diebische Pop-Elster bezeichnet. Im reputablen Melody Maker wurde die Besprechung der Platte mit der Überschrift „Tale Ending?“ eingeleitet und mit den Zeilen „So what’s the story? Lots of moments, but too many quarters of an hour in between. Oasis are fallen, fallen short of the stars. They sound knackered.“ beendet. Doch natürlich klangen Oasis auf dem Album nie und nimmer geschafft oder erschöpft. (What’s the Story) Morning Glory? sollte gar zum Referenzwerk des Britpop geraten. Wo die Musikkritik damals also jämmerlich versagt hat, vermag die historische Einordnung dieser Platte mit der angemessenen Ehrfurcht zu begegnen. Was einst wie ein Strohfeuer wirkte, entpuppt sich in der Rückschau als großes Feuerwerk. Bis heute ist diese Scheibe unter den Top 5 der meistverkauften Alben in Großbritannien. Mit Recht!

Der Triumph der Geschichte, das zweite Kapitel – Oasis weiterlesen

Genie und Rowdytum, das erste Kapitel – Oasis

Es existiert diese Legende, wonach Oasis im Februar 1994 – noch vor Veröffentlichung ihres Debütalbums – eine Fähre nach Amsterdam bestiegen, um dort ein Konzert zu spielen. Während der Überfahrt dürfte es unter der Federführung Liam Gallaghers zu einem ordentlichen Alkoholexzess gekommen sein, was darin gipfelte, dass Liam und der Bassist Paul „Guigsy“ McGuigan wegen einer tätlichen Auseinandersetzung an der Bar noch an Bord eingesperrt und gleich zurück nach Großbritannien verfrachtet wurden. Lediglich Noel Gallagher soll Amsterdam erreicht haben. So zumindest will es die Anekdote, die immerhin auch von der BBC verbreitet wurde. Und tatsächlich versinnbildlicht diese Geschichte das Genie und das Rowdytum, welches Oasis Zeit ihres Wirkens begleitet haben. Diese Band hat Britpop in seiner schillerndsten und zugleich ungestümsten Form dargeboten. Bereits mit ihrem vor zwanzig Jahren erschienenen Erstlingswerk Definitely Maybe wurde der Grundstein für den Mythos Oasis gelegt. Und so sehr sich auch andere Bands um Kultstatus mühten, was Oasis Mitte der Neunziger entfachten, bleibt wohl unerreicht. Wo Pulp und Blur noch zur Fußnote in der Musikgeschichte taugen, gehört die Kapitelüberschrift dieser Zeit letztlich Oasis. Die Gebrüder Gallagher bescherten Großbritannien die deftige Renaissance des Rock. Nach all dem Synthie-Pop und dem durchgestylten New Wave legten Oasis wieder den Grundstein fürs Grobe und Dreckige. Doch wo der amerikanische Grunge etwa noch mit Leidensmiene in die Saiten griff, durchwob Definitely Maybe die Euphorie des Seins. Definitely Maybe und die folgenden Alben der Neunziger waren das triumphale letzte Kapitel europäischer Musikgeschichte, ehe durch Internet und Filesharing das Musikbusiness in seinem Fundament für immer erschüttert wurde. Der Songwriter Noel Gallagher schien von Anfang an von sich sehr überzeugt, betrachtete sich als die einzig existiernde Inkarnation der Beatles. All der Größenwahn war jedoch noch Untertreibung. Noel war das kompositorische Ausnahmetalent, wie es nur eines pro Generation geben kann. Zusammen mit der impulsiven Rampensau Liam hat Noel ein Zeitgefühl geprägt, die Musikhistorie nachhaltig beeinflusst. Definitely Maybe war dabei das erste Kapitel.

Oasis_Photo_credit_Jamie_Fry
Photo Credit: Jamie Fry

Genie und Rowdytum, das erste Kapitel – Oasis weiterlesen